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Die Vulgärsprache in der Krimireihe „Tatort“

Seminararbeit 2011 15 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Wissenschaftlicher Hintergrund

3. Hypothese(n) und Methodik

4. Ergebnisse und Auswertung

5. Zusammenfassung und Forschungsausblick

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang

1. Einleitung

"Unsere Jugendsprache ist obszön, unschön und amerikanisiert - sie zeigt, wie versaut und unappetitlich unsere Kultur geworden ist! Die Jugend hat sich völlig verändert. Vulgäre, obszöne Ausdrücke sind an der Tagesordnung. Das fördern die Medien, die offen mit der Fäkalsprache umgehen. In TV-Shows werden Jugendliche von Leuten wie Dieter Bohlen fertig gemacht. Gleichzeitig kupfern diese 'alten Herren' ihre Sprache von den Jugendlichen ab, weil sie cool sein wollen. Bei mir ist das Wort 'geil' verboten - das Wort ist aufdringlich."

(Powelz 2010)

So lautet die Aussage Götz Georges, der als Kommissar Schimanski vor allem aufgrund seiner rohen Sprachverwendungsweise, bekannt geworden ist. Ein paradoxer Umstand, wenn man die von Fäkal- und Schimpfworten geprägte, Sprache der Figur in den 80er-Jahren bedenkt. Tatsächlich ist seitdem fast ein Viertel Jahrhundert vergangen und „Vulgäre und obszöne Ausdrücke“ sind aus unserer heutigen Medienlandschaft nicht mehr weg zu denken und erst recht keine Randerscheinung mehr, meint der Ex-Tatort-Kommissar.

Wurde Schimanskis Sprache damals noch aufgrund seiner Exzentrik als markiert und durch diesen Umstand gerechtfertigt als Sonderfall gesehen, spricht die deutsche Schauspielerin Mimin Anneke Kim Sarnau auf Nachfrage innerhalb einer Pressekonferenz, bezüglich ihrer von Fluchworten durchzogenen Sprache, davon, dass sie sich als Prolet auf hohem Niveau verstehe (Rösch, 2010). Die britische Aufsichtsbehörde Ofcom berichtet währenddessen von einer wachsenden Akzeptanz des Fernsehpublikums gegenüber der Vulgärsprache. Ausdrücke dieser, wie Scheiße und Schwuchtel, seien mittlerweile gängig (Zettel, 2010). Innerhalb dieser Kontexte von einer allmählichen Legitimierung der Vulgärsprache zu sprechen erscheint angemessen. Die gestiegene Toleranz der Fernsehrezipienten gegenüber dieser, aber auch die vielfältigeren Verwendungskontexte, speziell die sozialen Milieus betreffend, deuten jedenfalls darauf hin. Inwieweit sich diese Annahme auch durch eine Weiterentwicklung der Vulgärsprache innerhalb des deutschen Fernsehens stützen lässt, soll innerhalb der anzufertigenden Arbeit untersucht werden.

Zentral wird dabei in diesem Forschungsbericht, der im Wintersemester 2010/11 an der Universität Leipzig im Tatort-Seminar bei Prof. Dr. Siebenhaar entstand, die Rolle der Vulgärsprache und ihrer Verwendungssituation innerhalb von vier ausgewählten Episoden betrachtet werden. Welche Methodik dabei angewandt wurde, welche Theorie zugrunde liegt und welche Ergebnisse erzielt wurden, wird auf den nächsten Seiten gezeigt. Am Ende der Arbeit wird eine kurze Zusammenfassung sowie ein Fazit und Ausblick für die weitere Forschung gegeben.

2. Wissenschaftlicher Hintergrund

In diesem Abschnitt wird vorab eine kurze Darstellung des wissenschaftlichen Hintergrunds folgen. Dabei sollen Grundlagen für die weitere Arbeit gelegt und Definitionen gegeben werden. Ein Problem, welches sich ergibt, wenn man den Bereich der Vulgärsprache untersuchen möchte, ist, dass man vorab eine Definition finden muss, die zum einen die Voraussetzung zum Verständnis dieses Phänomens gibt, als auch das Pänomen als solches beschreibt, da dieser Bereich weit gefasst werden kann. Daher muss vorab der Begriff Tabu geklärt werden. Caroline Mayer beschäftigt sich in ihrer Arbeit über Öffentlichen Sprachgebrauch und Political Correctness unter anderem mit dem Begriff und kommt zur Erkenntniss, dass

„in jeder Kultur [...] zu unterschiedlichen Zeiten verschiedene Umgangsformen gepflegt [werden Ch.L.]. Die jeweiligen Verhaltenskodizes schreiben vor, wie sich die Mitglieder der Gemeinschaft in bestimmten Situationen benehmen sollen bzw. legen fest, was verboten ist. „Unkorrekte“ Handlungen [...] werden mit gesellschaftlichen Sanktionen belegt. [...] Der soziale Verhaltenscode wird inhaltlich vor allem durch Tabus definiert. Eine besondere Rolle kommt den Wortverboten und Sprachtabus zu, da diese nicht nur Teil der gesellschaftlichen Normen sind, sondern gleichzeitig einen Spiegel der gesellschaftlichen Verhältnisse darstellen“

(Mayer 2002: 198)

Tabus sind also, durch soziokulturelle Eigenheiten einer Gesellschaft bestimmte und als zu vermeidend definierte Situationen. Im hier behandelten Fall werden diese als sprachliche Äußerungen aufgefasst, die an bestimmte Normvorstellungen, wie zum Beispiel die Vermeidung von Aufsehen und Peinlichkeit, gekoppelt sind (Vgl. Allan 2006: 1). Tabuisierte Sprache zeichnet sich demnach dadurch aus, dass sie gegen bestimmte Wertevorstellungen verstößt. Sie kann als logische Konsequenz dessen nicht zur Standardsprache gezählt werden, da Begriffe, die hier verwendet werden, als besonders markiert empfunden werden und deren Gebrauch eine Verletzung der kulturellen Normen auf sprachlicher Basis darstellt. Solch einer Substandardvarietät entspricht die Vulgärsprache. Ebenso wie Werte ist sie ein dynamisches Gebilde, das weder geschlossen, noch abgeschlossem im Bestand funktioniert – sie ist stetig im Wandel begriffen, da sich Werte ändern. Dies wird im folgenden Teil, der sich mit der Methodik des Vorgehens beschäftigt noch thematisiert werden, da dieses Verständnis die Basis für die Methode und das weitere Vorgehen bildet. Bisher ist jedoch schuldig geblieben, was in dieser Arbeit als Vulgärsprache betrachtet wird. Diese besteht aus ihren Ausdrücken, welche als Vulgarismen bezeichnet werden. Zu diesen „gehören [obszöne und ordinäre Ch.L.] Begriffe aus der Fäkalsprache wie Scheiße oder kacken, aber auch viele Wörter aus dem Sexualwortschatz, die jedoch meistens ihre ursprüngliche Bedeutung zum Teil oder ganz eingebüßt haben, wie zum Beispiel Lexeme wie geil, abgefuckt [...]“ (Brinkop 2008: 45)

3. Hypothese(n) und Methodik

Eine Hypothese dieser Arbeit besagt, dass „die Tatortkommissare nach 2005 Vulgärsprache in wesentlich selbstverständlicher Art und Weise als ihre Serienvorgänger verwenden und diese Sprachverwendung von der Markiertheit zur Akzeptabilität übergeht.“

Dies entspricht weitgehend der These von Mayer, dass „in jüngerer Zeit noch schockierende Vulgärausdrücke für Sexualität, bestimmte Körperteile und Körperfunktionen [...] heutzutage kaum noch Anstoß [erregen Ch.L.].“ (Mayer 2002: 200)

Das heißt, man muss davon ausgehen, dass sich ein inflationärer und teilweise unreflektierter Gebrauch von Vulgärsprache auch in Szenen, in denen es früher nicht gerechtfertigt gewesen wäre diese zu verwenden, vollzieht. Da in der Hypothese mit eingeschlossen ist, dass es sich um einen Vergleich von Tatortkommissaren handelt und diese aus jeweils unterschiedlichen Episoden und auseinanderliegenden Jahrzehnten stammen, trifft dies auch auf einen Altersunterschied in der Zuschauerschicht. Dadurch kommt es auch zu einer Verschiebung in der Bedeutung fäkalsprachlicher Ausdrücke in der Kommunikation, wie Eva Neuland feststellt:

„Der Vorwurf der „unanständigen“ Ausdrücke [...] lässt sich bis in die Sprachgeschichte zurückverfolgen. [...] Die aktuelle Verwendung von Ausdrücken, die der Standardsprache und dem guten Stil widersprechen [...] zieht heute die öffentliche Missbilligung auf sich. [...] „du Wichser“ wird im Sinne von „du Blödmann“ verwendet, „na du Penner“ gilt inzwischen als eher kameradschaftliche Anredeform. Jugendlichen ist aber zumeist bewusst, dass solche Ausdrucksweisen in anderen Sprachgebrauchssituationen von nicht jugendlichen Adressaten als Beleidigung, Diffamierung oder Provokation verstanden werden können.“

(Neuland 2008: 37)

Dabei muss bedacht werden, dass es sich bei der Fernsehkrimi-Reihe Tatort um konstruierte Sprachsituationen handelt. Neuland geht soweit den Medien zu unterstellen, dass diese Jugendsprache nutzen um eine „medial konstruierte Jugendsprache“ zu erzeugen. (Neuland 2008: 38) Da bekannt ist, dass Sprache ein dynamischer Prozess ist, wird deutlich, dass es sich bei der betrachteten Vulgärsprache nicht ausschließlich um ein jugendsprachliches Phänomen handelt, sondern dieser Prozess global die gesamte Sprachbenutzerschaft umfasst und nicht nur auf die Jugend reduziert werden kann. Daher wird diese Betrachtung nicht weiter thematisiert, sondern auf bestimmte Situationen eingegangen in denen Vulgärsprache zum Einsatz kommt um die Frage nach der Markiertheit und Akzeptabiliät zu beantworten.

[...]

Details

Seiten
15
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656120230
ISBN (Buch)
9783656120094
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v188262
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Germanistik
Note
2,0
Schlagworte
Siebenhaar Tatort Luther Vulgär Vulgärsprache Fluchen Schimpfwort Schimpfwörter Schimanski Sprachverfall Rohe Sprache Jugendsprache

Autor

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Titel: Die Vulgärsprache in der Krimireihe „Tatort“