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Über ''Was sich liebt, das nervt sich'' von Jean-Claude Kaufmann

Rezension / Literaturbericht 2011 9 Seiten

Soziologie - Sonstiges

Leseprobe

Nancy Grützbach

Verliebt sich ein Mensch, scheint der Anzubetende makellos zu sein. Doch früher oder später gehen die rosaroten Brillen verloren und die Partner müssen der meist weniger schönen Realität ins Auge blicken. Über das Verliebt sein, die Liebe und Partnerschaft ist schon viel geschrieben worden. Da innerhalb einer Paarbeziehung stets zwei Individuen mit unterschiedlichen Prinzipien und Werten aufeinandertreffen, werden immer auch Ei- genschaften aneinander entdeckt, die weniger gefallen. Jean-Claude Kaufmann widmet sich in seinem Buch „ Was sich liebt, das nervt sich “ genau diesen Differenzen und dem daraus resultierenden Ärger. Bezüglich dieses Themas generiert er mithilfe qualitativer Interviewtechniken Hypothesen. Anhand von Einzelfällen verfolgt er die Entdeckung von Zusammenhängen und Wechselwirkungen innerhalb von Zweierbeziehungen. Diese sind als auf Dauer angelegte Beziehungen zweier Personen des gleichen oder unterschiedlichen Geschlechts zu betrachten und zeichnen sich durch besondere Zuwendungen und Sexuali- tät aus (Vgl. Lenz 2008: 692f). Er stellt dabei fest, dass die Gefahr eben für diesen Ärger umso größer ist, je näher sich zwei Menschen stehen (26). Für das vorliegende Buch, wel- ches im Original 2007 mit dem Titel „ Agacements. Les petites guerres du couple “ in Frankreich erstmals veröffentlicht worden ist, hat sich Kaufmann selbst zum ersten Mal nicht der auditiven Interviewmethode der Tonbandaufnahme bedient. Stattdessen ist die Informationsbeschaffung für seine Analyse über Teilnahmeaufrufe in französischen, belgi- schen und schweizerischen Tageszeitungen sowie illustrierten Zeitschriften zu Stande ge- kommen. Der Autor, der sich bereits in anderen Werken mit unterschiedlichen Fragen rund um die Paarbeziehungen beschäftigt hat, führte mit den Interessenten per E-Mailkontakt narrative Interviews durch. Die Befragten sollten in einem Bericht frei über ihre Erfahrun- gen mit dem Ärger innerhalb ihrer Paarbeziehungen berichten. Für die Generierung der Hypothesen richtete Kaufmann im Anschluss daran weiterführende Fragen an die Proban- den (245f).

Auf 279 Seiten und in drei Hauptteile aufgegliedert, will der Autor den Lesern anhand von Erfahrungen und Verhaltensmustern der Befragten näher bringen, was Ärger genau ist, wie er zu Stande kommt und sich ausweitet. Schlussendlich geht er darauf ein, wie ein Paar oftmals mit diesem Ärger umgeht. In der Tradition der soziologischen Analyse richtet Kaufmann bei seinen Analysen nicht den Fokus auf die Individuen an sich, sondern auf deren Miteinander und auf die sich wiederholenden Handlungsmuster. Vergleicht man seine Darstellungen mit den Ebenen einer soziologischen Analyse, lassen sich vor allem Rückschlüsse auf den Beziehungsalltag, also auf die Handlungsebene der Paare ziehen. Dabei zitiert er in seinen Abhandlungen häufig ganze Passagen aus den Erzählungen seiner Probanden über den Umgang miteinander, wodurch dem Leser die Möglichkeit eröffnet wird, sich mühelos in diese Situationen und Paare hineinzuversetzen. Die drei angespro- chenen Hauptteile gliedern sich in insgesamt sieben Kapitel auf, welche wiederum aus sechs bis neun kurze Unterkapitel bestehen. Inhaltlich folgen diese Abschnitte stets einem wiederkehrenden Muster. Zunächst folgt eine These, die der Autor bezüglich des Themas generiert hat. Mithilfe von alltagspraktischen Beispielen, die er aus seinen gewonnenen Informationen in wörtlicher Rede oder paraphrasierend wiedergibt, werden auf den zwei bis neun Seiten umfassenden Unterkapiteln die Zusammenhänge erklärt, welche das Zu- standekommen seiner Annahmen verdeutlichen.

Bereits in seiner Einleitung widmet sich Kaufmann einer Begriffserklärung des Wortes Ärger. Er unterscheidet hierbei zum einen den gleichförmigen und impulsiven Ärger, der sich wiederum von Gewalt und Entrüstung abgrenzt. Im ersten Teil des Buches heißt es, dass der Ärger entsteht, weil das „implizite Gedächtnis“ nicht mit dem geheimen Plan des Einzelnen übereinstimmt. In diesem Zusammenhang bezieht sich der Autor auf die Er- kenntnisse der Kognitionswissenschaften. Demnach entstehen unbewusste Reflexhandlun- gen durch sogenannte Schemata im menschlichen Gehirn, welche jenen geheimen Plan eines jeden Menschen entstehen lassen. Vertraute Dinge unterliegen somit einer visuellen und taktilen Ordnung. Treten Konflikte zwischen diesen Speichermodalitäten auf, ist das Individuum um die Aufhebung dieser Dissonanzen und die Wiederherstellung der Kohä- renz der beiden Gedächtnishälften bemüht (18f.). Im Anschluss an diese wissenschaftliche Erklärung macht Kaufmann deutlich, dass der Ärger innerhalb einer Paarbeziehung nicht ausschließlich etwas Negatives sein muss, sondern auch ein Zeichen für das Zusammen- wachsen der beiden Partner und eine Antriebsenergie für die Beziehung ist (25). Die durch ihr bisheriges Umfeld geprägten Individuen haben sich einen eigenen Automatismus an- geeignet, der sich von dem Automatismus der jetzt nahestehenden Person unterscheidet (21). Demnach ist die Paarbeziehung nach Auffassung des Autors besonders in der ersten Phase des Anpassungsprozesses anfällig für Ärger (26). Kaufmann stellt die Gesellschaft als aggressiv und destabilisierend dar, in der „[…]die Paarbeziehung heute immer mehr als Instrument des Trostes und der Selbstvergewisserung[…]“ wirkt (34). Der Partner will sich in der Gegenwart des Anderen wohlfühlen. Doch diese Ungezwungenheit führt sowohl zum Einschleichen der Routine in den Alltag als auch zum Verlust der Schamgrenzen, wo- durch wiederum neue Quellen des Ärgers hervorgebracht werden (35). Der Ärger kann die Beziehung somit stärken, den Partnern aber auch verdeutlichen, dass die Verhaltensweisen des Gegenübers von den eigenen Idealen abweichen (38). Je mehr Zusammenhalt nötig ist, beispielsweise bei der Erziehung von Kindern, desto größer ist die Gefahr für Ärger (42). Allerdings distanziert sich Kaufmann von der Ansicht des italienischen Soziologen und Journalisten Francesco Alberonis, für den die Festigung einer Paarbeziehung gleichzeitig den Verlust von Leidenschaft bedeutet (45).

Die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen beiden Geschlechtern beleuchtet der Autor im zweiten großen Abschnitt des ersten Hauptteils. Demnach übernimmt eine Person aus der Paarbeziehung die Rolle des Hauptdarstellers, welcher als Leiter für die Herstel- lung eines gemeinsamen Modells Entscheidungen trifft sowie nach Lösungen für aufkom- mende Probleme sucht. Der Nebendarsteller muss dagegen die Dominanz des Anderen akzeptieren und darf seine eigene Meinung nicht kund tun (59f). Da der männliche Partner laut Kaufmann die Dinge meist nicht zur Zufriedenheit der Frau erledigt, nimmt sie diese lieber eigens in die Hand und übernimmt somit die Rolle des Hauptdarstellers. Der männli- che Nebendarsteller versteckt sich sodann „[...] unter dem Deckmantel der Inkompetenz […]“ (62). Die Vorstellung über die Rollenübernahme, welcher sich ein Subjekt unter- zieht, ist schon bei dem Soziologen Erving Goffman ein Thema. Diese Rollen sind folg- lich als ganz bestimmte Handlungsmuster zu sehen, die sich innerhalb von gewissen Situa- tionen entwickeln (Vgl. Goffman 1969: 18).

Daraus ableitend stellt sich für Kaufmann die Frage, ob sich ein Mann zudem weniger als seine Partnerin ärgert. Er räumt eigens ein, dass die vollständige Beantwortung dieser Fra- ge einer statistischen Datenerhebung von schwer zu formulierenden Gefühlen bedürfe. Allerdings gibt er in diesem Zusammenhang zu bedenken, dass mehr Frauen seiner Auf- forderung, sich über den Partner zu beschweren, nachgekommen sind. Jedoch liegt es laut Kaufmann auch in der Natur der Männer, weniger gern über Vertrauliches zu sprechen. Sodann ergibt sich hier für ihn erneut eine typische Rollenverteilung. Die Frau sucht nach Kommunikation, der Mann nach Sexualität (66f). Die männliche Taktik des Rückzugs ver- ärgert eine Frau sodann in doppelter Hinsicht (71). Letzten Endes bleibt ungeklärt, ob sich eines der beiden Geschlechter generell mehr ärgert. Dennoch kann die Frage ein Anknüpf- punkt für weitere mögliche Auseinandersetzungen bezüglich der geschlechterspezifischen Unterschiede sein.

Das kindliche Verhalten der Männer war ein weiteres, oft von den Frauen kritisiertes Phä- nomen. Kaufmann geht hier auf das von Dan Kiley verfasste Buch „ Das Peter-Pan- Syndrom “ ein. In Folge der emanzipatorischen Bewegung sind die Männer theoretisch dazu angehalten, im Haushalt mitzuhelfen. Da sie trotzdessen versuchen die alten Hierar- chien in gewisser Weise fortzuführen und ihre „biologische Uhr“ langsamer als die der Frauen tickt, verfallen sie in die Rolle des sorglosen Kindes (76). Ob der Nebendarsteller diese Rolle nicht ablegen kann oder will, bleibt für den Leser allerdings ebenfalls unklar. Im zweiten Hauptteil des Buches beginnt Kaufmann die Ursachen für den Ärger in Paarbe- ziehungen aufzuzeigen und bedient sich dafür erneut der alltagspraktischen Beispiele sei- ner Interviewten. Allerdings weist er schon im Voraus darauf hin, dass eine vollständige Klärung der Ursachen einer statistischen Arbeit bedürfe (88). Die Zahnpastatube, welche auch auf dem Buchcover zu sehen ist, deklariert er als einen von vielen alltagstypischen Gegenständen, welche großen Ärger auslösen können. Entscheidend für ihn ist in diesem Zusammenhang, dass dieser Ärger durch die unterschiedlichen Verhaltensweisen im Um- gang mit diesem Objekt entsteht (89). Jedes Paar hat demnach gemeinsame allgemeingül- tige Prinzipien, die die Grundlage für die tägliche Arbeit zur Entstehung einer Einheit sind (102). Auch Goffman spricht von ähnlichen Ordnungsprinzipen, den sogenannten „Rah- men“, beziehungsweise „frames“ (Vgl. Goffman 1977: 19). Durch diese „Rahmen“ wird den Subjekten einerseits die Möglichkeit gegeben, bestimmte Situationen zu entschlüsseln und sich andererseits angemessen in diesem „social occasion“ zu verhalten (Vgl. Ebd., 274). Für Kaufmann ist ausschlaggebend, dass es in einer Paarbeziehung trotz oder eher aufgrund der emotionalen Verbundenheit immer auch bestimmte gegensätzliche subjektive Vorstellungen gibt. Es finden Kristallisationen statt, in denen das Subjekt seinen Ärger nicht länger für sich behält, sondern dieser sich explosionsartig entlädt (102). Neben den Ausbrüchen dieser unangenehmen Seiten sind Paarbeziehungen zudem durch ein hohes Maß an Zuwendung und Liebe zueinander geprägt. Das Vertrauen und die emotionale Verbindung lassen eine „besonders ausgeprägte Interdependenz“ entstehen (Vgl. Lenz 2008: 689). Gleichzeitig gibt es zeitweise kaum Rückzugsmöglichkeiten für die Partner. So sind sie teilweise unvermeidbaren Situationen ausgesetzt, in denen sie sich nahe sind, diese Nähe allerdings schlecht ertragen können.

[...]

Details

Seiten
9
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656120339
ISBN (Buch)
9783656120117
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v188184
Note
1,0
Schlagworte
über jean-claude kaufmann

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