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50 Jahre Fernsehen: Der Gesellschaftswandel durch das Fernsehen

Seminararbeit 2003 29 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS:

1. EINLEITUNG

2. WICHTIGE HINWEISE UND DATEN

3. INTERVIEW MIT MARIA & GERHARD W. INKL. SEQUENZEN - ANALYSE

4. FOKUS: GESELLSCHAFTSWANDEL I
ANALYSE ANHAND DES INTERVIEWS MIT MARIA & GERHARD W

5. INTERVIEW MIT HELGA S

6. FOKUS: GESELLSCHAFTSWANDEL II
ERWEITERUNG DER VORANGEGANGEN ANALYSE ANHAND DES INTERVIEWS MIT HELGA S

7. RESÜMEE

1. EINLEITUNG

Im Jahre 2005 feiert der Österreichische Rundfunk, kurz ORF, 50 Jahre Fernsehen, und das mit einem riesigen Aufgebot an Fernsehprogrammen, welches bereits jetzt in Planung steht. Doch hinter all dem - 50 Jahre Fernsehen - steht mehr als nur Planung, System und ein perfekter Ablauf an jenem Tag, 50 Jahre nachdem das Fernsehen zum ersten Mal in Aktion war. Dahinter steht Geschichte, Geschichte, die von jedem einzelnen geschrieben wurde, der je auch nur im entferntesten Sinne mit dieser Erfindung - Fernsehen - zu tun hatte, oder eben nicht zu tun hatte. So habe ich mich mit zwei Menschen zusammengesetzt, die von Anfang an mit dieser Revolution „mitgezogen“ sind und ich habe mich mit ihnen über ein wertvolles Stück Geschichte unterhalten. Nicht zuletzt habe ich auch mit ihrer Tochter darüber gesprochen; ganz einfach, um von einer Durchschnittsfamilie der damaligen Zeit die Erinnerungen an das Fernsehen festhalten zu können. Denn bei Oral History, wie sich das heute nennt, geht es nicht darum, Fakten und Zahlen und Daten zu bringen; es geht darum, zu schildern, wie ganz „normale“ Menschen ein Ereignis erlebt haben, empfunden haben und nun erinnern...

2. WICHTIGE HINWEISE UND DATEN

Das Interview mit Maria (1935) und Gerhard (1931) W. wurde am 19. April 2003 in Weigelsdorf geführt und begann um 12:57.

Das Interview mit ihrer Tochter Helga S. (1959) wurde am Tag darauf um 10:32 ebenfalls in Weigelsdorf geführt und stellt grundsätzlich nur eine Ergänzung respektive eine Erweiterung zum Interview des Vortages dar, um den Fokus noch mehr auf die Gesellschaft zu richten.

3. INTERVIEW MIT MARIA & GERHARD W.

Wie hat für Euch das Fernsehen begonnen?

GERHARD W.:

Man hat irgendwo in der Zeitung gelesen oder im Radio gehört, in Amerika gibt’s ein Fernseh’n, das wos man si net hat vorstell’n können, dass ma in irgendeinen Apparat reinschaut und siecht a Bild und es bewegt sich und so weiter und so fort, net. Und do is’ am Anfang dann hoilt nur geredet word’n und später is’ hoilt dann kumman des Fernseh’n in irgendwelche groß’n...ahm...Radiogeschäfte, wo irgenda Fernseh’r drin g’lauf’n is’ und da san dann zwanzig, dreißig Leit g’stand’n und ham do reing’schaut, aber selbst kaufen woar eine Utopie, net, zu dieser Zeit.

MARIA W.:

Die san aber auf da Stroß’n g’stond’n...am Gehsteig und ham in die Auslage reing’schaut, net. Und des woar ja schon Werbung für die Radiogeschäfte „Schaut’s, wir ham einen Fernseh’r, kauft’s euch den!“ und des woar jo unerschwinglich am Anfang zu kauf’n, net. Und des woar nur schwoarzweiß und a kleines Kasterl und hat geflimmert als wie; aiso, es woar net wos Tolles, aber für uns zum Anschau’n woar’s natürlich was Tolles und was Neues, net.

Und wie ist es dann weitergegangen mit dieser neuen Erfindung?

GERHARD W.:

Jedes zweite Gosthaus hot an riesen Saal g’hab’t von zwei-, dreihundert Leit a manch’smal oder siebz’g, achtz’g Leit und da san die Leit ins Gosthaus gangen, weil der hat si an Fernseh’n kauf’n können und da ham die Leit durt g’schaut, die ham an Fernseh’r, so a Oart Kino. Do ham die Wirten an Fernseh’r g’hab’t. Erst dann is’ es zu uns kumman!

Wann habt Ihr Euch dann einen Fernseher genommen?

MARIA W.:

Wir hom uns erst fünf, sechs Joahr später an Fernseh’r kauft, schon aus Gründen...ah...weil wir unser Kind nicht so gleich mit dem Fernseh’r belasten wollt’n, weil die Kinder woll’n fernschau’n, wenn’s natürlich do is’ und das wollten wir nicht und somit haben wir das eigentlich erst später g’macht.

Und des Fernseh’n hot ja erst um achtzehn Uhr ang’fangen mit Kinderprogramm und dann hat sie hoilt a Stund’, anderthalb schau’n dürfen und dann woar Schluss für die Kinder; wir wollten nicht, dass sie nur den Fernseh’r im Kopf ham, sie soll’n sich auch spiel’n...sie soll’n sich noch spiel’n auch und Aufgabe mach’n und nicht nur in Fernseh’r reinschau’n, net.

Habt Ihr nach dem Kinderprogramm noch weitergeschaut?

MARIA W.:

Wir ham uns dann das Haupt-Abendprogramm ang’schaut und um vierundzwanzig Uhr woar Schluss mit da Hymne. (schmunzelt)

War untertags denn kein Programm?

MARIA W.:

Nur des Testprogramm, net. 1

DER ANFANG

In dieser ersten Sequenz ist eigentlich deutlich erkennbar, dass den Menschen schon zu Beginn an klar war, dass es zwar das Fernsehen an sich gibt, dass jedoch eine eigene Anschaffung wortwörtlich an eine Utopie grenzt.

Die Begeisterung ließ sich dennoch scheinbar nicht bremsen, denn wie namentlich erwähnt, gab es auch in Gasthäusern den einen oder anderen Fernsehapparat, wie sie sich auch in Radiogeschäften fanden und so standen und saßen und standen die Leute eben nicht zu Hause, sondern in Gasthäusern und auf der Straße.

Denn das neue Phänomen „Fernseher“ wollte sich niemand entgehen lassen und somit war es auch keine ungewöhnliche Sache, sich einer für die heutige Zeit womöglich unannehmliche Blamage auszuliefern und einfach bewusst in ein Gasthaus zu gehen, um dort fernzusehen und auch stundenlang vor einem Schaufenster zu stehen, um dort das neue Phänomen zu betrachten und auszunutzen.

Schließlich ließ das Fernsehgerät auch in Privathaushalten nicht lange auf sich warten und schön langsam bürgerten sich „Fernseh-Sitten“ zu Hause ein Wie haben denn die Menschen allgemein auf das Fernsehen reagiert?

GERHARD W.:

Schrecklich...schrecklich ham’s reagiert! Des woar a Fanatikum, des woar olles nur da reinschau’n. Ob’s wos woar oder nicht!

Am Anfang hat’s ja geb’n im Umkreis’ von zwanzig Minuten Fußmarsch zwanzig Kino in unsrer Umgebung, die natürlich mit dem Fernseh’n kaputt gangen sind, weil wer geht schon ins Kino, obwohl’s billig woar, wenn er zaus an Fernseh’n hot, net!

MARIA W.:

Die Kino ham dann auch die Programme nicht mehr bieten können, die wos wir gern g’schaut ham und somit hot sich das Ganze aufgelöst, net, mit Kino. Aber wir ham uns da nicht mit’n Programm tyrannisier’n lassen, dass ma von achtzehn Uhr bis’ vierundzwanzig Uhr fernschaut, net, des ham wir nicht g’macht.

Ich merke schon, da ist ein ganz schöner Gesellschaftswandel vor sich gegangen. Wie war das denn?

MARIA W.:

Do hat’s ja die Zeiten gegeben wo, sag’ ma, die Bekannten amal an Fernseh’r g’hab’t ham und jetzt is’ ma dann zu denen gangen und hat dort ferng’schaut, des woar a scho die Sache, da hat’s natürlich dann a verschiedenen Ärger geben, weil kaum dass du sogst „Ich will ma das anschau’n“...ah...kommt dann da Besuch und sogt „Ich will ma das auch anschau’n“, net! Aiso, nicht dass ich ihn besucht hätte, ich wollte dort fernschau’n geh’n, weil ich noch keinen Fernseh’r hab’, net. Aiso, des woar dann auch teilweise unangenehm; da hat’s auch gewisse Ärger geben, weil eben der hot si dann ausg’nutzt g’fühlt: Weil ich jetzt an Fernseh’r hab’, kummt der dauernd, net! GERHARD W.:

Es woar scho so, dass der und der am Abend kummt Fernsehschau’n, bis’ hoilt dann ajeder an Fernseh’r g’hobt hot, woar des auch vorbei.

Heißt das, dass die Leute regelrecht zu Besuch gekommen sind, um Fernzuschau’n?

GERHARD W.:

Genau...

MARIA W.:

Jo, und dann is’ die Zeit kumman, wo ajeder an Fernseh’r zu Haus’ g’hobt hot und dann hob i g’sogt „Kommst mich besuchen?“ „Tu ma a bissl Koart’n spiel’n?“ „Tu ma a bissl tratsch’n?“ oder „Kummst auf an Kaffee?“ oder sonst wie und dann kommt der bei der Tür rein und sogt „Ich möcht’ mir gern die Sendung anschau’n, weil die läuft heute“ und ich will mich aber mit demjenigen unterhalten und nicht fernschau’n, weil der si einbild’, er will die Sendung seh’n. (gewisse Rage zeigt sich)

Ich merke, Du warst da schon enttäuscht von den Leuten...

MARIA W.:

Jo, und dann hat’s auch Ärger geben, weil man hat sich dann vielleicht ein bissl gröber unterhalten und dann hat’s Debatten geben, weil der eine sagt „Ich will’s seh’n“, der andre sagt „Na, du kommst mich ja besuchen; wieso willst du das seh’n?“ und so is’ die Stimmung schon allan g’stört, net! (leicht wütend)

Das heißt, die Sozialkontakte sind teilweise schon „draufgegangen“?

GERHARD W.:

Jo, olles! Aber jetzt is’ ja a so gewesen, dass Leite Jahrzehnte lang zam’kumman san am Abend, net...auf an Trotsch. Dann hot ajeder an Fernseh’n g’hobt und der sogt...ah...er kann’s erm net sog’n „Bleib’ zaus“, sondern „Du bist ma ungelegen, i wü ma den Film anschau’n“, net. Der hot den Besuch goar net mehr woll’n, grod heit; morgen vielleicht schon, aber des kann da andre ja net wiss’n, weil heit will i ma des anschau’n und dann kommst du daher und der red und red und red, net, und i kann ma des net anschau’n. (lacht)

Aber des Fernseh’n hat natürlich alles zamg’haut, alles kaputt g’macht. (wirkt enttäuscht) Des Fernseh’n hat die Menschheit vergewaltigt.

Wie meinst Du das?

GERHARD W.:

Die gesamte, die gesamte Gesellschaft is’, wie ma sog’t, zerstört word’n! (wirkt entrüstet)

Durch’s Fernsehen allein?

GERHARD W.:

Nur durch’s Fernseh’n. Die Leite hom si früher am Gang troff’n und hom am Gang bei der Bassinen trotscht, beim Wasserhol’n, net, weil des Wosser jo meistens am Gang war, net in der Wohnung. Und do hom’s hoilt trotscht, was i, und do san hoilt monche a Stund’ a steh’nblieb’n oder in Hof runtergangen im Summer, ham si irgend auf a Bank’l g’setzt und ham plaudert; du host di in Park g’setzt und es hat si ana dazug’setzt.

Und heute, wann sieb’n Uhr Abend is’, is’ Schluss; is’ ja niemand mehr auf da Stroß’n und niemand mehr irgendwo, net. (klingt enttäuscht)

Du klingst da ziemlich enttäuscht über die Gesellschaft...

GERHARD W.:

Ja. Wenns’d auf a Unterhaltung gangen bist zum Beispiel, auf Urlaub woarst, net, wo die Leite...die steh’n auf...a G’sellschaft von zwölfe, vierzehn Leit und da steh’n fünf, sechse auf und „Jetzt muass i ma die“...Dings...

MARIA W.:

„Dallas“, zum Beispiel! GERHARD W.:

...“Irgenda Sendung anschau’n, weil die lauft heite“, am Dienstag und am Freitag oder i waß goar nimma mehr so genau, aber dann is’ die gonze Gesellschaft...dann sogt der „I geh’ a“ und „I geh’ a“ und der gonze Abend is’ kaputt, net! (klingt erneut sehr enttäuscht)

Warst Du da genauso enttäuscht von den Menschen oder hat Dich das weniger gestört?

MARIA W.:

Des is’ schon richtig, weil es woar Live-Musik und es woar a richtig nette Unterhaltung zum Beispiel, bis’ eben da Zeitpunkt kumman is’, wo eben des Abendprogramm ang’fangen hat und die Leite woarn ja damals - des is’ jetzt eh scho Jahre her - auf des „Dallas“ total...ah...süchtig. Aiso, man hat scho ka Sendung...ah...nicht anschau’n dürf’n, weil da is’ einem was abgangen; aiso, des...es woar die Gesellschaft nicht mehr so wichtig wie „Dallas“, zum Beispiel.

[...]

Details

Seiten
29
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783656118268
ISBN (Buch)
9783656118763
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v188156
Institution / Hochschule
Universität Wien – Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft
Note
1
Schlagworte
jahre fernsehen gesellschaftswandel

Autor

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Titel: 50 Jahre Fernsehen: Der Gesellschaftswandel durch das Fernsehen