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"Vorsicht Fettnäpfchen!" – Struktur und Besonderheiten von Beratungsgesprächen im Fernsehen am Beispiel der Knigge-Beratung des MDR-Nachmittagmagazins "Hier ab Vier"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 52 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Terminologie
2.1 Experte und Laie
2.2 Beratungsgespräch und Beratungssendung

3 Benimm-Beratung im MDR-Magazin Hier ab vier

4 Analyse
4.1 Handlungskomponenten der Beratung
4.1.1 Herstellung der Beteiligungsrollen
4.1.2 Problempräsentation
4.1.3 Entwicklung einer Problemsicht
4.1.4 Lösungsentwicklung und Lösungsverarbeitung
4.1.5 Situationsauflösung
4.2 Rolle(n) und Aufgaben des Moderators

5 Zusammenfassung und Fazit

Literatur

Anhang
Basistranskripte

1 Einleitung

Einen Experten oder eine Expertin zu konsultieren, scheint für uns heute selbstverständlich. Ob es sich nun um eine medizinische Diagnose, die Wahl des günstigsten Stromanbieters, den abgestürzten Computer oder die gewinnträchtigste Geldanlage handelt: Schnell ist der Punkt erreicht, an dem man sich nicht mehr alleine zu helfen weiß. Die ständige Erweiterung und Ausdifferenzierung des Wissens[1] in pluralistischen Gesellschaften führt dazu, dass der ständige Informations- und Wissenszuwachs kaum noch zu überschauen und zu bewältigen ist. (Vgl. Antos/Pfänder 2001: 4) Anders gesagt: Jeder kann lediglich auf einen mehr oder weniger breiten „Ausschnitt des prinzipiell verfügbaren Wissens einer Gesellschaft“ (Palm 2001: 347) zurückgreifen. Im Bereich der Wissenschaften etwa, aber eben nicht nur da, ist die Spezialisierung auf bestimmte Wissensbereiche unumgänglich, aber auch problematisch, weil dadurch der Zugang zu diesem Wissen für Außenstehende zunehmend erschwert wird. Es fehlt schlichtweg der Überblick. „Um die Überfülle von Wissen ökonomisch, ziel- und adressatenspezifisch organisieren zu können, wird immer mehr Metawissen über Wissen erforderlich.“ (Antos/Pfänder 2001: 6)

Gerade für den „Laien im Alltag“ ist mit dem enormen Wissenszuwachs ein gewisses Unbehagen an fehlenden Verbindlichkeiten verbunden. Was ist wirklich wichtig, welchem Wissen kann ich vertrauen, welcher der unzähligen Experten hat denn nun Recht? Wenn es um die alltagsbezogene Anwendung von Wissen geht, sollte es aus Sicht der „Laien“ möglichst eindeutig, leicht verständlich und unkompliziert zu handhaben sein.

Hintergrund dieser Entwicklung ist eine Gesellschaft, in der Abweichungen von den sozialen Normen [...] als persönlich zu verantwortende und damit auch zu vermeidende Niederlagen verstanden werden. Wo früher tradierte Erfahrungen und Werte zur Krisenbewältigung weiterhelfen konnten, wo die Einbindung in einen soziokulturellen Rahmen Krisenbewältigung erleichterte, setzt heute die Beratungsdienstleistung ein [...]. (Neumann-Bechstein 1994: 273)

Dabei hängt es vor allem von der Kompetenz eines jeden Einzelnen ab, inwieweit er überhaupt dazu in der Lage ist, einen generellen Beratungsbedarf für sich zu erkennen, zu formulieren und die dafür zuständige beratende Institution zu finden.[2]

„Mit der Erosion verbindlicher Werte hat sich auch die Form des Ratgebers verändert.“ (Duttweiler 2004: 24) Damit ist vor allem die Abkehr vom normativen Anspruch früher „Formen zur Feinregulierung sozialer Ordnung“ (Ebd.) gemeint. In gegenwärtigen gesellschaftlichen Zusammenhängen hingegen könne und wolle Beratung nur noch „Verfahrensvorschläge zur Operationalisierung von Problemen“ (Ebd.) unterbreiten. Dass diese Idealvorstellung von Beratung in jedem Fall der Wirklichkeit entspricht, kann wohl bezweifelt werden.[3] Vielmehr existieren heute verschiedene Beratungsformen mit den unterschiedlichsten Interessen und Möglichkeiten – auch die der Verordnung von Lösungswegen – nebeneinander.

Massenmediale Realisierungen von Beratung sind aus der gegenwärtigen Rundfunk-, Fernseh- und Internetlandschaft mittlerweile nicht mehr wegzudenken. Allein das breite Angebot an Themen und Formaten, wobei der Blick in eine beliebige Programmzeitschrift genügt, bezeugt den offenbar kaum zu befriedigenden Beratungsbedarf der Rezipienten. (Vgl. ebd.: 27) Im Zentrum der vorliegenden Arbeit soll deshalb eine der zahlreichen Beratungssendungen im deutschen Fernsehen stehen. Ich halte die „Knigge-Beratung“Vorsicht Fettnäpfchen in der MDR-Fernsehsendung Hier ab vier dafür besonders geeignet, da sie doch dem eben beschriebenen Wunsch nach Orientierung in einer Welt des vermeintlichen „anything goes“ direkt begegnet, nämlich mit dem Angebot von Normen und Regeln im täglichen Miteinander.[4] Denn das Wissen, sich in einer bestimmten Situation korrekt oder angemessen zu verhalten, gibt Sicherheit für den Moment und darüber hinaus. Und nicht zuletzt haben Knigge-Ratgeber immer auch den Anspruch der Allgemeingültigkeit.

Nach Klärung der grundlegenden Begriffe[5] (2), sowie einer knappen Charakterisierung und Einordnung der Sendung Vorsicht Fettnäpfchen! vor dem Hintergrund des Formats „Beratungssendung“ (3), möchte ich mich im Hauptteil meiner Arbeit (4) damit beschäftigen, wie der komplexe Vorgang der Beratung im Fernsehen realisiert wird. Dabei wird zu klären sein, ob das klassische Handlungsschema für Beratungsgespräche (Vgl. Nothdurft/Reitemeier/Schröder 1994: 10ff.) auch die Abläufe während einer Fernsehberatung zutreffend beschreibt, welche Abweichungen es von diesem Schema gibt und wo die Ursachen dafür zu suchen sind. Das schließt eine nähere Untersuchung der Moderatorenrolle mit ein. Schlussendlich sollen die Ergebnisse zusammengefasst und eingeordnet werden (5).

Mit der Analyse soll im Wesentlichen gezeigt werden, dass 1. das Handlungsschema zwar die Grundlage der Beratungsgespräche im Fernsehen bildet, bestimmte Komponenten aber unter anderem aufgrund des engen Zeitrahmens kaum oder gar nicht aufgerufen werden; 2. ein Beratungsgespräch nicht zwingend in den äußeren Grenzen des Handlungsschemas ablaufen muss und 3. der Moderator einen nicht zu unterschätzenden Faktor für die Gesprächsdynamik darstellt.

Als Untersuchungsgrundlage dienen neun transkribierte Beratungsgespräche der Vorsicht Fettnäpfchen -Sendungen vom 12.11.2007 und 26.11.2007.[6] Da es mir in erster Linie um den Versuch geht, die Strukturen des Formats „Beratungssendung im Fernsehen“ näher zu charakterisieren, kann ­– schon aus Gründen des begrenzten Umfangs der Arbeit – nicht jedes Gespräch vollständig und erschöpfend analysiert werden. Vielmehr sollen einzelne Gesprächsteile herausgegriffen und miteinander verglichen werden, um die mir typisch erscheinenden Merkmale des Formats verdeutlichen zu können. Die Arbeit versteht sich somit als eine erste überblicksartige Annäherung an das Thema, der detaillierte Untersuchungen zu Einzelaspekten folgen könnten. Auf die Anfertigung von Feintranskripten, die mehr der Hervorhebung konkreter sprachlicher Einzelphänomene dienen und – im Zusammenspiel mit den Aufzeichnungen der Sendungen – die Grundlage einer Analyse bestimmter Aspekte aus multimodaler Perspektive[7] bilden, habe ich daher bewusst verzichtet.[8]

2 Terminologie

2.1 Experte und Laie

Aus gesprächslinguistischer Perspektive versteht man „Experten“ und „Laien“ als Rollen oder Rollenmuster, die von Teilnehmern eines Gesprächs – was nicht zwingend ein Beratungsgespräch sein muss[9] – übernommen werden. (Vgl. Palm 2001: 350) Die Verteilung der Rollen erfolgt immer auf Basis von (Fremd-)Zuschreibung und Selbstwahrnehmung; sie ist demnach eine soziale Konstruktion meist von begrenzter Dauer, die sich auch umkehren kann (Vgl. ebd.). Der Laien- und Expertenstatus muss also kontextbezogen immer wieder neu ausgehandelt werden: So kann ein Experte für Umweltschutz in Fragen der Audio- und Videoproduktion ein Laie sein. (Vgl. dazu auch Wichter 1994: 50f.) Die Bezeichnungen „Experte“ und „Laie“ können besonders im Alltagsgebrauch eine wertende Qualität besitzen, (Vgl. ebd.: 56ff.) sollen in dieser Arbeit aber wertfrei und synonym – da es sich ja um die Analyse von Beratungssituationen handelt – mit „Ratgeber“ und „Ratsuchender“ (Nothdurft/Reitemeier/Schröder 1994: 7) verwendet werden.

Nach Palm hat ein Laie im beratungsrelevanten Bereich meist ein „pragmatisch motiviertes Allgemeinwissen“ (Palm 2001: 350) oder Alltagswissen, im Speziellen aber besteht aufgrund defizitären Wissens (Vgl. Schubert 2003: 51) ein Beratungsbedarf. Qualität und Quantität des Alltagswissens eines Laien über einen bestimmten Sachverhalt hängen dabei sicher wesentlich vom (fachlichen) Bereich ab, dem ein konkretes Problem zugeordnet werden kann. In medizinischen Fragen wird ein „informierte[r] Laie“ (Wichter 1994: 55) typischerweise ein stärker begrenztes Wissen und weniger Fähigkeiten besitzen (aufgrund der Komplexität des Faches), als etwa in Fragen einer für ihn vorteilhaften Kleidungswahl. Das sollte in Gesprächen zwischen Experten und Laien – soweit überhaupt messbar – zumindest berücksichtigt werden.[10]

In jedem Fall fehlt dem Laien, der das Beratungsgespräch sucht, die umfassende Kompetenz, ein aktuelles Problem zu seiner Zufriedenheit zu lösen. (Vgl. Palm 2001: 350) Im besten Fall verfügt er aber über ein „Verweisungswissen“ (Ebd.): Er weiß, an wen er sich zur Lösung seines Problems wenden muss.

Der Experte hingegen besitzt „fachspezifisches Sonderwissen“ (Ebd.), das dem ratsuchenden Laien im Idealfall ausschnittartig, d.h. also problembezogen, mitgeteilt wird und eventuell bestehendes Vorwissen ergänzt oder modifiziert. (Vgl. ebd.: 352) In der Regel vermag der Experte Probleme und Fragen besser einzuordnen als der Laie, ist aber nicht uneingeschränkt zu „guten Ratschlägen“ befähigt.[11]

2.2 Beratungsgespräch und Beratungssendung

Beratung kann als „sozial […] produktive[s] Kommunikationsereignis“ (Nothdurft/Reitemeier/Schröder 1994: 7) verstanden werden, dass dem Laien oder Ratsuchenden dabei unterstützt,

fremdes und gegebenenfalls überlegenes Fachwissen zu verwerten, eine andere, professionell geschulte Sichtweise zu übernehmen sowie die Distanz des nicht unmittelbar Betroffenen für die Lösung eines Problems zu nutzen. (Ebd.)

In erster Linie handelt es sich bei dem Beratungsgespräch um einen „asymmetrischen Interaktionstyp“ (Ebd.), der durch Differenzen hinsichtlich des Wissens, des Blickwinkels, der Distanz, der Betroffenheit und der Handlungs- und Lösungsoptionen der Gesprächspartner charakterisiert ist. (Vgl. ebd.)

In der jüngeren Forschung werden Beratungsgespräche als eine Form des Wissenstransfers zwischen Experten und Laien betrachtet (Vgl dazu u.a. Palm 2001 und Schubert 2003). Schubert definiert den Prozess des „lokalen Wissenstransfer[s]“ (Schubert 2003: 55) in einem Beratungsgespräch wie folgt:

Um das Wissensdefizit eines ratsuchenden Laien zu beheben, selektiert der ratgebende Experte auf der Basis seiner aktuell generierten Wissensrepräsentation bestimmte Informationen und versprachlicht diese. Der Ratsuchende integriert diese sprachlich codierten Informationen in seine aktuell generierte Wissensrepräsentation, wobei sowohl die Informationen selbst als auch seine Wissensrepräsentation modifiziert werden. (Ebd.)

Das Beratungsgespräch dient folglich der Vermittlung und Verarbeitung von Informationen, sowie der Reduktion von Komplexität. (Vgl. ebd.: 55f.) Dabei kann dem zunächst noch unsicheren Laien im Idealfall etwas sehr Wichtiges vermittelt werden, nämlich „die zum Handeln notwendige Sicherheit.“ (Ebd.) Im Rahmen einer Analyse lässt sich jedoch nur der Prozess der Informationsvermittlung beobachten, nicht aber die Verarbeitung der Informationen durch den Laien, die meist erst nach der eigentlichen Beratung stattfindet. (Vgl. ebd.: 56)

Beratungsgespräche finden in verschiedenen öffentlichen und nicht-öffentlichen Modi statt.[12] Wodurch unterscheidet sich das hier untersuchte Format der Beratungssendung im Fernsehen von anderen Formen der Beratung, etwa dem telefonischen Beratungsservice einer regionalen Tageszeitung (Vgl. Palm 2001: 353)? Zwei Faktoren sind dabei besonders entscheidend: Der Grad der Öffentlichkeit sowie die Zeit, die für das angestrebte Gelingen des Beratungsvorgangs (theoretisch) zur Verfügung steht. Im Gegensatz zu nicht-öffentlich realisierten Beratungen, soll die Beratungssendung im Fernsehen nicht nur den Ratsuchenden selbst erreichen, sondern auch potentiell interessierte Zuschauer.[13] Es wird davon ausgegangen, dass der mehr oder weniger spezielle Einzelfall auch für andere Menschen von Belang sein könnte. Die individuelle Beratung wird somit über den ratsuchenden Anrufer hinaus „verlängert“ und erreicht so auch diejenigen, die sich – bei gleicher Problemlage – zu einem Anruf in der Sendung nicht durchringen konnten, beim Wählen nicht „durchgekommen“ sind oder erst während der Beratung die Relevanz des Themas für sich erkennen. Darüber hinaus werden auch solche erreicht, die ein generelles, nicht vom konkreten Problem motiviertes Interesse an lebenspraktischen Fragen haben. Hier lässt sich vielleicht auch ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zwischen Beratung und Ratgeber ausmachen. Beratung reagiert auf konkrete Anfragen und entwickelt Lösungswege diskursiv, der Ratgeber hingegen gibt (ungefragt) Ratschläge und Lösungsangebote auf zuvor von ihm selbst formulierte Probleme. Es handelt sich bei der Beratungssendung im Fernsehen somit um eine Form, die aus einer zunächst individuellen telefonischen Beratung einen „Mehrwert“ erzeugt, der an die zuschauenden Rezipienten[14] – nun in Ratgebermanier – weitergeleitet wird.

Fernsehsendungen laufen in aller Regel nach einem festgelegten Zeitplan ab und bieten daher nur wenig Raum für Unvorhergesehenes. Jede regelmäßige Rubrik eines zweistündigen täglichen Nachmittagsmagazins – um nur ein Beispiel zu nennen – hat ihren bestimmten Sendezeitpunkt, der dem Rezipienten ein interessengeleitetes Einschalten ermöglicht. Der Zuschauer kann sich sicher sein, dass um eine ganz bestimmte Uhrzeit „seine Sendung“ kommt. Für Beratungssendungen kann der konsequent einzuhaltende Ablauf- und Zeitplan unter Umständen zum Problem werden,[15] nämlich dann, wenn sich eine Frage nicht mit wenigen Worten beantworten lässt, der Ratsuchende nachhakt oder sein Problem noch nicht hinreichend gelöst[16] sieht. Hier wäre sicher interessant zu fragen, wie die Beteiligten einer Beratungssendung solchen Schwierigkeiten begegnen, ohne den Anrufer zu verärgern. Denkbare Handlungsoptionen könnten in solchen Fällen die sogenannte „Verweisberatung“ (Vgl. Palm 2001: 351) sein, sowie das Versprechen, die Experten stünden auch nach der Sendung für weitere Anfragen zur Verfügung. Die effektiv jeweils zur Verfügung stehende Beratungszeit ist daher bei Sendungen des hier untersuchten Typus als gering einzustufen.

Weiterhin kann man davon ausgehen, dass die Aufregung und Befangenheit vieler Ratsuchender während eines live ausgestrahlten Beratungsgesprächs ungleich größer ist, als bei einer nicht-öffentlichen Beratung. Es ist durchaus vorstellbar, dass fehlende (Verhaltens-)Kompetenz im direkten Umgang mit öffentlichen Medien Verlauf und Ergebnis solcher Beratungen zumindest mitbestimmen.

3 Benimm-Beratung im MDR-Magazin Hier ab vier

Bei der Sendung Hier ab vier handelt es sich um ein täglich von Montag bis Freitag ausgestrahltes, zweistündiges Fernsehmagazin des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR).[17] Der Sendeplatz am späten Nachmittag („ab vier“) wurde vermutlich darum gewählt, einen möglichsten großen Rezipientenkreis zum Feierabend um den Kaffeetisch zu versammeln, auch wenn einzelne Programmbeiträge auf ein eher älteres Publikum schließen lassen. Der Charakter der Sendung wird dabei durch die wöchentlich wechselnde Moderation wesentlich mitbestimmt, was – wie noch zu sehen sein wird – auch in der Beratungsphase zum Ausdruck kommt.

Das Beratungsangebot bei Hier ab vier umfasst insgesamt neun Rubriken[18] mit jeweils eigenen Experten, so dass innerhalb einer Woche ein breites Spektrum an Problembereichen angesprochen werden kann – es ist also „für jeden etwas dabei“. Die Dauer dieses Sendeteils liegt bei etwa 15 Minuten. Expertin für die in diesem Kontext interessierende „Knigge-“ oder „Benimm-Beratung“ ist die vielseitig studierte Kommunikations- und Managementtrainerin Nandine Meyden.[19]

Die folgende Tabelle zeigt den schematisierten Sendeablauf von Vorsicht Fettnäpfchen!, der sich in dieser oder ähnlicher Form auch bei anderen Hier ab vier -Beratungsangeboten beobachten lässt. Charakteristisch ist vor allem die Kombination von telefonischen Beratungsgesprächen mit ratgeberartigen Sequenzen.[20]

Die Abfolge von typischen Zweifelsfällen[21] und Zuschauerberatungen ist dabei ebenso variabel wie deren Anzahl und orientiert sich wohl nicht zuletzt an der – je nach Beratungsdauer – noch zur Verfügung stehenden Sendezeit. Im folgenden Gesprächsausschnitt (09_05) fragt der Moderator (M) die Regie nach der verbleibenden Zeit, worauf ihm eine Stimme aus dem Off (hier kursiv gekennzeichnet) mitteilt, er habe noch eine Minute.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Gespräch dauert tatsächlich etwa eine Minute. Keines der für diese Untersuchung transkribierten Gespräche überschreitet eine Länge von zwei Minuten, zum Teil sind sie wesentlich kürzer. Beraterin (B) und Moderation müssen daher in der Lage sein, die Gespräche mehr oder weniger intuitiv in einem bestimmten zeitlichen Rahmen zu halten.

4 Analyse

4.1 Handlungskomponenten der Beratung

Wie läuft ein typisches Beratungsgespräch ab? Als wesentlich für den Handlungsablauf einer Beratung können fünf Komponenten bestimmt werden: Herstellung der Beteiligungsrollen, Problempräsentation, Entwickeln einer Problemsicht, Lösungsentwicklung und -verarbeitung und Situationsauflösung. (Vgl. Nothdurft/Reitemeier/Schröder 1994: 10–15; Habscheid 2003: 127–130, 137f.) Dieses Handlungsschema basiert auf empirischen Untersuchungen, kann jedoch kontextbedingt auch in abweichender Form verlaufen. Bei den einzelnen Komponenten des Handlungsschemas[22] „Beratungsgespräch“ handelt es sich lediglich um so etwas wie Strukturierungshilfen, die von Sprechern während der Beratung eher unbewusst „abgearbeitet“ werden. Das geschieht häufig nicht im linearen Sinne „erst a, dann b, dann c“, sondern – idealerweise – als gemeinsamer Prozess der Aushandlung von Möglichkeiten der Problemlösung, in welchem einzelne Komponenten immer wieder aufgerufen werden oder gänzlich entfallen können und damit in gewisser Weise variabel sind (Vgl. Habscheid 2003: 127).

Inwieweit der Grad der Abweichung vom Handlungsschema durch den institutionellen Rahmen bestimmt wird, soll an dieser Stelle nicht näher untersucht werden. Man kann aber davon ausgehen, dass hier zumindest ein Zusammenhang besteht. Denn der Rahmen, in dem das Beratungsgespräch stattfindet und das Wissen der Beteiligten um eben diesen Rahmen ruft sowohl bewusstes, als auch unbewusstes situationsbedingtes Sprechen bzw. Handeln hervor. Es macht einen Unterschied, ob ein Beratungsgespräch unter vier Augen geführt wird, Teil einer landesweit ausgestrahlten Fernsehsendung ist oder informellen Charakter – etwa unter Freunden – besitzt. Die Gesprächspartner passen ihr Verhalten in der Regel der gegeben Beratungssituation und den damit einhergehenden Konventionen an, was wiederum Auswirkungen auf das Handlungsschema hat. In den wenigsten Situationen werden die Begrüßung der Gesprächspartner – die der sogenannten „Instanzeinsetzung“ vorausgeht (Vgl. Nothdurft/Reitemeier/Schröder 1994: 11) – und die Situationsauflösung mehrfach wiederholt oder entgegen aller gebotenen Höflichkeit entfallen. Ebenfalls notwendig für das erfolgreiche Zustandekommen einer Beratung (womit noch nicht deren „Glücken“ gemeint ist) dürfte die Problempräsentation seitens des Ratsuchenden sein, die die Voraussetzung für den Prozess der Lösungsentwicklung und die daran anschließende Lösungsverarbeitung bildet.

Die meisten der neun transkribierten Beratungsgespräche der beiden Vorsicht Fettnäpfchen- Sendungen scheinen auf den ersten flüchtigen Blick nahezu mustergültig dem Handlungsschema entsprechend abzulaufen. Das ist nicht selbstverständlich und noch dazu problematisch: Wie Nothdurft, Reitemeier und Schröder betonen, ist es gar nicht so einfach möglich, bestimmte Teile eines Beratungsdialoges konkreten Handlungskomponenten eindeutig zuzuordnen. Grenzziehungen seien aufgrund von Verschiebungen, Überlappungen oder außerschematischen Redebeiträgen problematisch und bedürften eines differenzierten und vorsichtigen Verfahrens. (Vgl. ebd.: 10) Dem ist prinzipiell zuzustimmen, da man bei bereits entwickelten Schemata stets Gefahr läuft, diese dem Untersuchungsgegenstand einfach „überzustülpen“ und voreilig Parallelen zu konstruieren. Das gilt es bei der Untersuchung zu berücksichtigen.

4.1.1 Herstellung der Beteiligungsrollen

Neben der Begrüßung und gegenseitigen Identifizierung der Gesprächspartner, wird mit der so genannten Instanzeinsetzung die Beratung gewissermaßen in Gang gesetzt. Hierbei werden die Gesprächsrollen des Ratgebenden und des Ratsuchenden durch Zuschreibung von Zuständigkeit einerseits, sowie durch Etablierung von Beratungsbedarf andererseits, festgelegt. (Vgl. ebd.: 11) „Eine ‚Anbahnung’ der Beratung im Gespräch kann fehlen, wenn die Beteiligten erkennbar auf vorgängige […] ‚Offerten’ […] rekurrieren.“ (Habscheid 2003: 128) Das Fernsehmagazin Hier ab vier bietet mit seinem Beratungsangebot eine solche Offerte. Zu Beginn jeder Sendung wird in einer Vorschau der zu erwartende Beratungsservice – meist zu einem bestimmten Thema – angekündigt bzw. angeboten und an entsprechender Stelle arrangiert. Den Zuschauern steht es nun frei, einen diesbezüglichen Beratungsbedarf für sich zu erkennen und zu formulieren, anschließend zum richtigen Zeitpunkt anzurufen und sich beraten zu lassen. Der Reaktion auf ein vorangegangenes Angebot folgt das institutionell arrangierte Beratungsgespräch. Mit anderen Worten: Die Zuschauer rufen nicht einfach an, um auf Basis eines Gesprächs mit etwas Glück eine Beratung zu einem beliebigen Thema zu erwirken, sondern werden dazu ermuntert, auf ein möglicherweise nur latent vorhandenes „Wissensdefizit“ zu reagieren.

[...]


[1] Der nicht unproblematische Begriff wird hier der Einfachheit halber im Sinne des Alltagsverständnisses verwendet.

[2] Die aktuelle (inflationäre) Relevanz von Beratung in all ihren Ausprägungen zeigt sich besonders im Internet. Eine Google-Suche zum Begriff „Beratung“ ergab am 08.06.2010 einen „ungefähren Wert“ von 28.700.000 Verweisen; bei der Suche nach dem Verb waren es immerhin noch 7.690.000 Treffer.

[3] So ist es nur schwer vorstellbar, dass etwa die Bürgerberatung der rechtsextremen NPD lediglich unverbindliche Vorschläge machen möchte. Zwar kann sie niemanden zu bestimmten Handlungen zwingen, wohl aber ein regulatives soziales Interesse fernab jeglichen Wertepluralismus verfolgen. Hier wäre also immer nach der Intention des Beratenden bzw. der beratenden Institution zu fragen.

[4] Wobei hier ein eingeschränktes Knigge-Verständnis („Benimm-Regeln“) angenommen werden kann.

[5] Begriffe wie „Experte/Berater“, „Laie/Ratsuchender“ und „Moderator“ etc. werden, wenn es sich nicht um konkrete Beispiele handelt, der Einfachheit halber in ihrer männlichen Form verwendet, was jedoch nicht ausschließen soll, dass es selbstverständlich auch „Expertinnen/Beraterinnen“, „Ratsuchende“ und „Moderatorinnen“ gibt.

[6] Die Aufzeichnungen der Sendungen sind Teil eines Gesprächskorpus „Beratungsgespräche im MDR-Fernsehen“, mit dessen Erstellung im Rahmen des Hauptseminars „Erstellung eines Gesprächskorpus“ im WS 2007/2008 begonnen wurde. So erklärt sich die Nummerierung der Aufzeichnungen mit „01“ und „09“.

[7] Vgl. hierzu Reinhold Schmitt (2007): Theoretische und methodische Implikationen einer multimodalen Perspektive auf Interaktion. In: Werner Holly/Ingwer Paul (Hg.): Medialität und Sprache. Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes 54 (2007), H. 1, S. 26–52.

[8] Die Basistranskripte folgen den GAT-Transkriptionskonventionen nach Selting et. al. 1998. Vgl. dazu http://www.mediensprache.net/de/medienanalyse/transcription/gat/gat.pdf (02.06.2010).

[9] Experten- und Laienrollen lassen sich beispielsweise auch in informativen Fernsehinterviews beobachten, die nicht der Beratung dienen, sondern einen Gegenstand oder Sachverhalt näher erläutern sollen. Eine eigene Untersuchung wert währen hier sicher auch die seit einiger Zeit immer häufiger befragten „Promi-Experten“.

[10] „Die Niveauspanne zwischen höchstem Laienniveau und Nullniveau kann dabei je nach Bedarf verschieden fein untergliedert werden.“ (Wichter 1994: 55)

[11] Ein wichtiger Aspekt hierbei ist nicht zuletzt die gesellschaftliche Wahrnehmung des jeweiligen Experten. Wissenschaftlern etwa, die in der (medialen) Öffentlichkeit bekannt sind und große Anerkennung genießen, werden häufig weitreichende Kompetenzen zugetraut, die über deren „fachspezifisches Sonderwissen“ hinausreichen. Die „Genialität“ des Betreffenden – man denke an Albert Einstein oder Stephen Hawking – wird dann nicht selten als universell betrachtet.

[12] Zum Beispiel: Face-to-Face, telefonisch (nicht-öffentlich), schriftlich in einem Online-Forum (öffentlich, z.T. nicht öffentlich in separaten Bereichen bzw. „Rooms“), telefonisch (nicht-öffentlich), telefonisch in einer Radio-Beratungssendung („Call In“), telefonisch als auch Face-to-Face in einer Fernsehsendung etc.

[13] Das Format der Ratgebersendung ohne telefonische Zuschauerbeteiligung kann an dieser Stelle vernachlässigt werden, da es in der vorliegenden Untersuchung auf das Zustandekommen einer telefonisch realisierten, dialogischen Beratungssituation zwischen Experten und zuschauenden Laien ankommt.

[14] „Rezipienten“ schließt neben den Zuschauern im Prinzip auch den Moderator, das Produktionsteam des Senders und den Experten mit ein.

[15] Je nachdem, wie viel Sendezeit dem Beratungsangebot zur Verfügung steht. Eine Sendung wie Domian – deren Status einer Beratungsendung im hier dargelegten Sinne zu überprüfen wäre – kann mit ausgedehnten Gesprächen vermutlich flexibler umgehen, da sie Teil des Sendekonzepts sind. Die zeitliche Begrenzung von Einzelgesprächen dürfte da also weniger restriktiv sein, solange sie die vorgesehene Sendezeit nicht überschreiten.

[16] Wobei berücksichtigt werden muss, dass der Experte nur Lösungsvorschläge bzw. Verhaltensempfehlungen unterbreiten kann. Das Problem selbst muss vom Ratsuchenden unter Anwendung des durch Beratung erworbenen Wissens gelöst werden. (Vgl. Nothdurft/Reitemeier/Schröder 1994: 13f.)

[17] Vgl. hierzu auch die Informationen unter http://www.mdr.de/hier-ab-vier (Stand: 28.07.2008).

[18] Das sind: „fit & fesch“, „Vorsicht Fettnäpfchen!“, „natürlich gesund“, „Fiffy & Co“, „iss was?!“, „alles rechtens?“, „Guter Rat!“, „Tipps gegen Tricks“, „Auto-Zeit“.

[19] Sie studierte u.a. Ethnologie, Politik und Linguistik und ist nebenbei als Dozentin für DaF tätig. Vgl. http://www.mdr.de/hier-ab-vier/experten/1784162.html (Stand: 29.07.2008).

[20] Zum Teil werden auch Zuschauerfragen aus Faxen oder E-Mails beantwortet. Sie sollen an dieser Stelle aber keine Rolle spielen.

[21] Ob diese auf einfachen Annahmen oder der Sendung vorausgehenden Zuschaueranfragen beruhen, konnte leider nicht ermittelt werden. Denkbare wäre aber, dass es sich um besonders prominente „Fettnäpfchen“ handelt, in die sehr häufig getappt wird.

[22] Für die Analyse der Handlungskomponenten orientiere ich mich hauptsächlich an der überblicksartigen Darstellung bei Habscheid 2003: 137f., der sich seinerseits im Wesentlichen auf die Ausführungen bei Nothdurft/Reitemeier/Schröder 1994 beruft.

Details

Seiten
52
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656117612
ISBN (Buch)
9783656118145
Dateigröße
736 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v188141
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Germanistisches Institut
Note
1,3
Schlagworte
Beratung Beratungsgespräch Korpuslinguistik Pragmatik Gesprächsanalyse Experte Laie Wissenstransfer

Autor

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Titel: "Vorsicht Fettnäpfchen!" – Struktur und Besonderheiten von Beratungsgesprächen im Fernsehen am Beispiel der Knigge-Beratung des MDR-Nachmittagmagazins "Hier ab Vier"