Lade Inhalt...

Christoph Hein: "Der fremde Freund – Über den Wunsch, zu leben"

von Theresa Kirsten (Autor)

Seminararbeit 2012 18 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt:

1.) Einleitung

2.) Christoph Hein – Dokumentarist seiner Zeit
2.1.) Hein der Chronist?
2.2.) Die Literatur Heins in der DDR

3.) „Der fremde Freund“ – Eine Novelle?

4.) Konzept der Novelle

5.) Vergangenheit und Gegenwart – Traum versus Trauma?

6.) Hinter der Fassade – Claudia, die Verschlossene
6.1.) Warum wählt Hein Claudia, eine Frau als Protagonistin?
6.2.) Zwischen Rückzug und Nähe

7.) Ein Fazit

1.) Einleitung

Noch immer gilt Christoph Heins Novelle „Der fremde Freund“ als brandaktuell. Schon zu DDR-Zeiten wurde sie auch über die Systemgrenzen hinaus gelesen und rezipiert.

Die folgende Arbeit soll nun wesentliche Inhalte und Themen dieser Novelle untersuchen. Sie setzt sich mit dem Wirken des Autors auseinander und versucht zu erklären, unter welchen Aspekten dieser die Novelle verfasste. Dabei soll auch auf das Selbstverständnis Heins ein Blick geworfen werden. Was hat dieser mit einem Chronisten gemein und welche Rolle spielte seine Literatur in der DDR?

Im Folgenden soll versucht werden, zu beantworten, weswegen der Text als Novelle deklariert wurde und welche Fragen hierbei auftreten.

Da im Text weniger die Handlung, sonder vor allem der Inhalt relevant sind, ist es wichtig, sich mit dem Aufbau des Textes zu beschäftigen. Diese Arbeit soll versuchen die Struktur des Textes zu erfassen und zu untersuchen, was hinter diesem Konzept steht.

Eine wichtige Rolle in Heins Texten spielt die Vergangenheit. Darauf soll ein weiteres Hauptmerk gelegt werden. Es wird versucht, die Bedeutung der Vergangenheit aufzudecken. Mittels Aussagen des Autors zur Rolle der Vergangenheit in seinen Texten wird nach und nach ein Bild der Vergangenheit gegeben und gezeigt, wie sich diese in die Gegenwart einbindet, bzw. zu dieser verhält.

Im Mittelpunkt des Buches steht die Heldin Claudia. Sie steht zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Um sie baut Hein das Gerüst der Novelle. Aber Claudia birgt mehr als nur eine Person mit diversen Charaktereigenschaften. Damit soll sich der letzte Teil dieser Arbeit auseinandersetzen. Warum schreibt Hein aus der Sicht einer Frau? Was macht Claudia zu dem, was sie ist? Und warum scheint das Ende der Geschichte so ausweglos?

Mit diesen und weitere Fragen wird sich die folgende Arbeit nun beschäftigen.

2.) Christoph Hein – Dokumentarist seiner Zeit

2.1.) Hein der Chronist?

In der Literatur oft als „Chronist“ bezeichnet, versteht sich der 1944 in Schlesien geborene Autor auch selbst als Solchen. Er hält Zustände seiner Zeit fest und dokumentiert diese. Dabei spiegelt er seine ganz persönliche Weltanschauung wieder, die nicht selten eine Opposition zu den Vorstellungen der Gesellschaft bildet.

„Ich benutze das Wort weniger im Sinne des Buchhalters als des wirklichen Chronikschreibers, etwas des 14. und 15. Jahrhunderts, wo die kleinen Fürsten einen Schreiber hatten, der wirklich tagtäglich aufzeichnete, was da passierte, und dies auch mit ein bisschen Rückrat mache. Er berichtete also auch über Dinge, die nicht berichtet werden sollten.“[1]

Hein geht es darum, die gesellschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit, in einer verantwortungsvollen Weise, zu protokollieren.[2]

Er geht analytisch vor, wobei immer auch etwas seiner eigenen Betroffenheit durchscheint. Sein Bemühen in „Der fremde Freund“ besteht nicht darin, den Leser eines Besseren zu belehren, sondern mittels der Sprache etwas zu beschreiben und damit letztlich auf Veränderung zu trimmen.[3]

2.2.) Die Literatur Heins in der DDR

Hein war aktives Mitglied in der Bürgerrechtsbewegung der DDR. Seine Kritik galt unter anderem der Zensur. Dabei forderte er z.B. das Einstellen, der staatlichen Beaufsichtigung beim Verfahren der Genehmigung.[4]

„Das Genehmigungsverfahren, die staatliche Aufsicht, kürzer und nicht weniger klar gesagt: die Zensur der Verlage und Bücher, der Verleger und Autoren ist überlebt, nutzlos, paradox, menschenfeindlich, volksfeindlich, ungesetzlich und strafbar.“[5]

Seine Novelle „Der fremde Freund“ ist ein ausgezeichnetes Exempel für den Trend, damaliger Literatur. Hein wirft einen Blick auf das Innere des Menschen. Er zeigt Entwicklungen auf und hinterfragt diese.[6]

Im Buch kritisiert er aber auch die schier bedingungslose Anpassung der Bürger seiner Zeit. Dahinter verbirgt sich zu guter Letzt auch ein Verweis auf die Verantwortung des Staates.

Am Beispiel der Protagonistin Claudia dokumentiert Hein das ambivalente Verhältnis von Resignation und vermeintlicher Zufriedenheit.[7] Claudias Geschichte ist ein Paradebeispiel für Heins Zivilisationskritik. Eine Schuldfrage wird nicht explizit gestellt, drängt sich dem Leser dennoch auf. Hein lenkt dabei den Blick auf das politische System. Es ist eine Warnung dahin gehend, dass diese Ideologie die Menschen zu stark einnimmt und überlastet.[8]

„Die gewaltsame Durchsetzung der „Volksherrschaft“ gegen das eigene Volk am 17.Juni 1953 und die ängstlich-unterwürfige Reaktion der meisten Erzieher wird zum Schlüsseltrauma Claudias. In der Folge hat sie verlernt, Fragen zu stellen und Veränderungswünsche zu artikulieren.“[9]

Noch heute gibt die Novelle ein aussagekräftiges Bild des Scheiterns einer Utopie. Der Sozialismus hat es nicht geschafft, dem Menschen eine gesicherte Identität zu verschaffen.

Die im Buch beschriebenen Befindlichkeiten der DDR – Bürgerin Claudia können es ermöglichen, den Leser für solche Verletzungen zu sensibilisieren.[10]

Zu guter Letzt ist dennoch festzustellen, dass Claudias Geschichte keineswegs ausschließlich die DDR problematisiert. Die Novelle ist eher eine Art Fallstudie. Am Beispiel Claudias wird gezeigt, wie die Entwicklung eines Menschen verlaufen kann, wenn diesem nicht der nötige Freiraum zum Leben gegeben ist.[11]

3.) „Der fremde Freund“ – Eine Novelle?

Als Novelle im traditionellen Sinne kann diese Geschichte keineswegs bezeichnet werden. Da die Anforderungen an diese Gattung nicht erfüllt werden. Hierfür gibt es diverse Hinweise. Da die Geschichte nämlich von einer Abfolge diverser, für den Anfang eher unbedeutend wirkender, Ereignisse, eingeleitet wird, kann man nicht von der, nach Goethe deklarierten, klassischen „unerhörten Begebenheit“ sprechen.

Hein selbst sagt über seine Geschichte und darüber was eine Novelle im klassischen Sinn erfüllen müsse:

„Etwa die Geschlossenheit in Zeit und Raum…; das zweite: mit größter Distanz erzählt…; Ich fand das Leben dieser Ärztin ist schrecklicher als das, was Henry passiert, und insofern meine ich, es kann kein unerhörteres Ereignis geben, als die Mitteilung über ein Leben, das gar kein Leben mehr ist.“[12]

Gegensätzlich zum traditionellen Konzept der Novelle ist auch, dass Claudia ihren Albtraum, ohne jeglichen Zusammenhang, allem anderen voransetzt.[13]

Das Ganze scheint mehr oder minder eine Provokation des Lesers, der nach der, im Titel ausgewiesenen „Novelle“, vergeblich suchen wird.

Trotzdem könnte man, sei es auch für Claudia nicht als Solche zu erkennen, den Tod Henrys als unerhörte Begebenheit verstehen. Auch in ihrem Rückzug könnte man etwas Unerhörtes erkennen. Claudia selbst ist dazu jedoch nicht im Stande.[14]

Letztlich ist es aber nicht von Bedeutung, ob der Text formal die Eigenschaften einer Novelle erfüllt, da sich die eigentliche Aussage Heins hinter der Tatsache verbirgt, dass das Magische einer unerhörten Begebenheit auf ein Niveau des Alltäglichen abgeflacht ist.[15]

[...]


[1] Hein, Christoph: Chronist ohne Botschaft – Ein Arbeitsbuch, Berlin und Weimar, 1992, S.12 f.

[2] Haberfelner, Bernhard: Zwischen Opposition und Anpassung - Die Literatur der DDR in ausgewählten Texten, Books on Demand, S.330 f.

[3] Hein, Christoph: Chronist ohne Botschaft – Ein Arbeitsbuch, Berlin und Weimar, 1992, S. 21.

[4] Rüther, Günther: Zwischen Anpassung und Kritik - Literatur im real existierenden Sozialismus der DDR. Deutschland Report, Band 7, S.61.

[5] Hein, Christoph: Die Zensur ist überlebt, nutzlos, paradox menschen- und volksfeindlichungesetzlich und strafbar, in: Die Zeit vom 04.12.1987.

[6] Groth, Joachim – Rüdiger: Widersprüche, Literatur und Politik in der DDR 1949 – 1989, Zusammenhänge. Werke. Dokumente, 2. Auflage, Frankfurt am Main, Peter Lang, S.173.

[7] Köhler, Astrid: Brückenschläge: DDR-Autoren vor und nach der Wiedervereinigung, Göttingen, Vandenhoeck und Rupprecht, S.9.

[8] Groth, Joachim – Rüdiger: Widersprüche, Literatur und Politik in der DDR 1949 – 1989. Zusammenhänge. Werke. Dokumente, 2. Auflage, Frankfurt am Main, Peter Lang, S.175.

[9] Krauss, Hannes: Mit geliehenen Worten das Schweigen brechen. Christoph Heins Novelle „Drachenblut“, in: Text + Kritik, S.23.

[10] Groth, Joachim – Rüdiger: Widersprüche, Literatur und Politik in der DDR 1949 – 1989, Zusammenhänge. Werke. Dokumente, 2. Auflage, Frankfurt am Main, Peter Lang, S.177 f..

[11] Ebd., S.178.

[12] Hein, Christoph: Die Intelligenz hat angefangen zu verwalten und aufgehört zu arbeiten. Ein Gespräch, in: C.H.: Öffentlich Arbeiten. Essays und Gespräche, 3. Aufl., Berlin und Weimar 1991, S.116.

[13] Fuhrmann, Helmut: Vorrausgeworfene Schatten. Literatur in der DDR – DDR in der Literatur, Würzburg, Königshausen und Neumann, S. 162.

[14] Bernhardt, Rüdiger; Königs Erläuterungen und Materialien: Hein – Der fremde Freund/ Drachenblut, Hollfeld, C.Bange Verlag, S. 47.

[15] Ebd.

Details

Seiten
18
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656117636
ISBN (Buch)
9783656118169
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v188136
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
Schlagworte
Christoph Hein Der fremde Freund DDR Literatur

Autor

  • Theresa Kirsten (Autor)

    3 Titel veröffentlicht

Teilen

Zurück

Titel: Christoph Hein: "Der fremde Freund – Über den Wunsch, zu leben"