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Populäre Kultur und Religion

Eine Analyse in didaktischer Absicht

Examensarbeit 2011 83 Seiten

Didaktik - Theologie, Religionspädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Begründung des Themas
1.2 Theoretische Annahmen
1.3 Gang der Arbeit
1.4 Methodisches Vorgehen

2 Begrifflichkeiten
2.1 Religion
2.2 Kultur und Populärkultur
2.3 Zusammenhang zwischen Kultur und Religion

3 Religiöse Tendenzen der Moderne
3.1 Situation der Kirche
3.2 Religiöser Ist-Zustand der Gesellschaft
3.3 Kulturwissenschaftlicher Erklärungsansatz zur Religion in der Moderne
3.4 Rückkehr oder Ende von Religion?
3.5 Haben die Kirchen überhaupt noch eine Chance?

4 Religiöse Phänomene in der Populärkultur
4.1 Forschungsstand und Vorüberlegungen
4.2 Religiöse Anspielungen und Zitate innerhalb populärkultureller Produkte
4.3 Objektive religiös-funktionale Äquivalente
4.4 Subjektiv religiös-funktionale Äquivalente

5 Religion in der populären Kultur - Ein Thema für den Unterricht?
5.1 Rahmenbedingungen von Religionsunterricht
5.2 Begründung von Religionsunterricht
5.3 Jugend und Kindheit heute
5.4 Medienkompetenz gleich Lebenskompetenz?
5.5 Praxiserfahrungen und Umsetzungsmöglichkeiten
5.6 Didaktische Konsequenzen

6 Zusammenfassung und Ausblick
6.1 Eine Chance für das Christentum?
6.2 Religionsdidaktisches Fazit

7 Verzeichnisse
7.1 Literatur
7.2 Abbildungen
7.3 Tabellen
7.4 Abkürzungen

8 Anhang
8.1 Abbildungen
8.2 Internetquellen

9 Erklärung

1 Einleitung

1.1 Begründung des Themas

Religion scheint sich in einem Widerspruch zu befinden. Auf der einen Seite sind Stagnation und ein Rückgang der Gläubigen innerhalb der Großkirchen zu beobachten und auf der anderen Seite scheint sich Religion in andere Bereiche zu verlagern, die im ersten Augenschein gar nichts mit ihr zu tun haben.

Der Religionssoziologe Thomas Luckmann stellte bereits 1967 unter dem Titel „The Invisible Religion“ („Die unsichtbare Religion“) die These auf, dass Religion in modernen Gesellschaf- ten nicht an Funktion verliert, sondern ins Private abwandert, die Institutionalisierung von Religion in Form von Kirchen an Bedeutung verliert und sich eine individuelle Religiosität entwickelt.1

Aber nicht nur individuelle Religiosität ist beobachtbar, sondern auch die massenhafte Verar- beitung religiöser Themen innerhalb der populären Kultur. Religiöse Themen prägen nicht nur die Inhalte der populären Kultur2, sondern sind auch Vorlagen für die wahrnehmbare Gestaltung kultureller Orte und Ereignisse3. Schließlich ist beobachtbar, dass kulturelle Hand- lungsmuster, wie Gesundheitsbestreben, Erlebnisorientierung, Markenkonsum etc. sich zu einer Art subjektiv religiös-funktionalen Äquivalents („Ersatzreligion“) entwickeln.

Vor ungefähr einem Jahr wurde ich durch den Radiobeitrag Ulrich Sonnenscheins mit dem Titel „Gott goes Pop - Ersatzreligionen der Gegenwart“4 in der Sendereihe „Religion und Gesellschaft“ des Hessischen Rundfunks angeregt, mich mit dem Thema Religion und Populärkultur nähern zu beschäftigen.

1.2 Theoretische Annahmen

Ausgehend von der theoretischen Annahme, dass Religion innerhalb der Populärkultur auf drei Ebenen präsent ist, sollen folgenden Thesen innerhalb der Arbeit untermauert werden:

(1) Populärkultur umgibt uns ständig und ist sehr weit gefasst. (Kapitel 2)
(2) Religion bringt Kultur hervor. Kultur bringt Religion hervor. (Kapitel 2)
(3) Populärkultur thematisiert Religion5. (Kapitel 4)
Einleitung
(4) Populärkultur bringt religiöse Äquivalente6 hervor. (Kapitel 4)
(5) Wenn Populärkultur „Religion“ aufgreift und „Religion“ hervorbringt und uns Popu- lärkultur ständig umgibt, besteht die Aufgabe des Religionsunterrichts diese zu reflek- tieren und religiöses Wissen zur Interpretation zu vermitteln. (Kapitel 5)
(6) Subjektiv religiös-funktionalen Äquivalenten fehlt eine Sinn- und Deutungskompo- nente.
(7) Wenn die Populärkultur eigene religiöse Äquivalente hervorbringt („Ersatzreligionen“) und diese bei existentiellen Fragen und Sinndeutungen an ihre Grenzen stoßen, ist es Aufgabe des Religionsunterrichts, aufzuzeigen welche Antworten das Christentum hat. (Kapitel 5)

1.3 Gang der Arbeit

Im ersten Teil werden grundlegende Begriffe, wie Religion, Kultur und Popkultur gefasst und in einen Zusammenhang gebracht. Im nächsten Schritt werden aktuelle Tendenzen der Insti- tution Kirche und der Religiosität der Gesellschaft zugespitzt dargestellt. Die in diesem Teil beschriebenen Phänomene resultieren aus tiefgreifenden Veränderungsprozessen innerhalb der Moderne, die im weiteren Verlauf des Kapitels als Zustandsbeschreibung der Kultur der Moderne gefasst werden sollen.

Im Kapitel fünf und sechs stehen religiöse Phänomene innerhalb der populären Kultur und die daraus abzuleitenden Konsequenzen für das religiöse Lernen im Fokus.

1.4 Methodisches Vorgehen

Bei der vorliegenden Arbeit soll es sich um eine Zustandsbeschreibung der Gegenwart aus kulturwissenschaftlicher und religionspädagogischer Perspektive handeln. Ziel der Arbeit ist es soziologische, kulturwissenschaftliche, philosophische und theologische Gedanken als Grund- lage für die Erarbeitung eine pädagogischen Ansatzes zum Umgang mit Religion innerhalb der Populärkultur zu liefen. Dabei geht es vorrangig um das Verstehen kultureller Phänomene. Der Begründer der Geisteswissenschaften Wilhelm Dilthey schrieb 1894: „Die Natur erklären wir, das Seelenleben verstehen wir.“7 Kulturelle Produkte sind Produkte des menschlichen Geistes. Sie lassen sich durch Deutung erschließen. Das heißt, eine Sache erhält Bedeutung und wird in einen Zusammenhang gestellt. Da aber ständig neue (Lebens)-Erfahrungen tag- täglich hinzu kommen, vollzieht sich das Verstehen in einer zirkulären Bewegung, dem „her meneutischen Zirkel“. Das Verstehen ist somit nie gänzlich abgeschlossen. Diese grundlegenden Gedanken der Geisteswissenschaft lassen sich auch auf Kultur übertragen. Da Menschen unterschiedliche Erfahrungshorizonte haben, gibt es auch unterschiedliche Deutungen kultureller Phänomene. Daher soll an dieser Stelle darauf verwiesen werden, dass es auch immer eine andere Verstehens- oder Lesart unserer Kultur geben kann.

2 Begrifflichkeiten

2.1 Religion

Täglich beten überall tausende Menschen auf der Welt in verschiedenen Sprachen, verehren Götter, Geisterwesen oder andere höhere Mächte und leben nach den Vorgaben ihrer Religion.8 Religionen gibt es in allen Ländern und seit Beginn der Menschheit. Das beweisen archäologische Quellen, wie Grabbeigaben und Höhlenzeichnungen. Mit der Entwicklung der Schrift entstanden um 1500 bis 500 v. Chr. Religionen, die ein umfassendes System aus Lehren, Festen, Bräuchen und Symbolen entwickelt haben.9

Was aber sind Religionen? Eine Definition zu geben ist schwierig. Jeder weiß irgendwie, was damit gemeint ist, so als ob es eine Art vorwissenschaftliches Verständnis gebe.10 Dennoch soll an dieser Stelle der Versuch unternommen werden, den Begriff der Religion einzuengen und für die weitere Verwendung innerhalb dieser Arbeit abzugrenzen.

Religion kann als „… Oberbegriff für die verschiedenen Vorstellungen der Menschheit bezo- gen auf die letzten Fragen des Menschen nach Herkunft und Ziel des Menschen sowie der Welt“11 gesehen werden. Das Wort „Religion“ stammt aus dem Lateinischen. Der römische Schriftsteller Cicero verwendete „religere“, wenn es um Handlungen bzw. dem regelmäßigen Verrichten von Handlungen ging. Beim Schriftsteller Laktanz hingegen, bedeutete „religio“ („religare“) die Rückbindung an Gott. Religion ist aber mehr als eine Rückbindung an Gott. Denn nach dem gerade genannten Verständnis würde immer ein Gott notwendig für eine Re- ligion sein. Was ist aber mit Religionen, die keinen Gott haben? Der Urbuddhismus, eine Frühform des Buddhismus, würde demnach als eine „atheistische Religion“ gelten. Daher muss, das was unter Religion zu verstehen ist, noch weiter gefasst werden.12

Eine Lösung scheint Paul Tillich zu haben. Er hat Religion als „… Ergriffensein von dem, was uns unbedingt angeht“13 beschrieben, als „ultimate concern“14. Durch diese Vorstellung von Religion kann auch das, was Religion umfasst, weiter gefasst werden.

Wenn aber Religion das Ergriffen- oder Berührtsein von etwas ist, also das, was mich unbe- dingt etwas angeht, dann kann alles zu Religion werden, Sport, Musik, Film, Werbung, Politik, Kunst, Sekten, etc. Vielleicht hilft der Ansatz Ulrich Barths weiter. Für ihn ist Religion „…eine Grundform menschlicher Deutungskultur“15, die das elementare Bedürfnis des Men- schen nach Selbst- und Weltdeutung befriedigt. „Religion - ihrem allgemeinsten Wesen nach - ist Deutung der Welt im Horizont der Idee des Unbedingten.“16 Barth geht es also nicht nur um die Herstellung von Sinn, sondern um auch um die Unbedingtheit von Sinn. Das heißt, dass ich keine Leistung (Bedingung) erbringen muss, um Sinn zu erfahren. Religion ist also „…eine bestimmte Deutung und Auffassung des Lebens“17 und gehört zur „conditio huma- na“, also einer Bedingung des Menschseins. Über Religion lässt sich das menschliche Dasein deuten.18 Joachim Kunstmann spricht nicht von Religion, sondern von religiösen Erfahrun- gen, die „…Ausdruck einer Erfahrung des Heiligen“ sind und den Menschen so ergreifen können, dass die Welt und das Leben in eine neue Perspektive rückt.19

Religion ist eine bestimmte Einstellung bzw. Haltung gegenüber dem Leben, die nicht immer nur mit Gottesglaube gleichgesetzt werden kann, „… sondern zunächst ein Erschauern, in ihren reiferen Formen ein Erfasstwerden von der Heiligkeit und Unantastbarkeit des plötzlich gewahrten Lebens“20. Aus diesem Blickwinkel hat Religion immer mit Lebenssteigerung und - bewahrung, ja sogar gesteigerte Bejahung des Lebens zu tun. Religion kann auf zwei Ebenen eingeteilt werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2-1: Einteilung von Religion nach Kunstmann21

Religion als „objektives kulturell sichtbares Phänomen“ gibt es eigentlich nicht, sondern es handelt sich eigentlich nur um sichtbare Phänomene der jeweiligen Religion, wie z.B. Symbole, Handlungen, Riten, Bauten oder auch Schriften.

Der deutsche Philosoph Friedrich Schleiermacher hat darauf verwiesen, dass jede heilige Schrift „… nur ein Mausoleum der Religion“ oder ein „Denkmal“ ist und, dass nicht derjenige, der an die heilige Schrift glaubt, „Religion“ hat, „…sondern der, welcher keiner bedarf, und wohl selbst eine machen könnte.“22

Begrifflichkeiten

Weiterhin kann Religion in „kluge“ und „neurotische“ Religion sowie „lebens-steigernde“ und „lebens-einschränkende“ Religion differenziert werden. Kluge Religion ist selbstkritisch, d.h. sie stellt sich auch selbst in Frage und weiß „… zwischen den Trägern und Medien des Heili- gen und dem Heiligen selbst“23 zu unterscheiden. Sie betrachtet Erscheinungen, die wir aus unserer Weltsicht als Wunder24 oder übernatürliche Ereignisse einstufen würden, nicht als et- was besonders Religiöses, denn auch die Realität, wie wir sie kennen, ist göttlich. Darüber hin- aus ist kluge Religion anti-totalitär, anti-autoritär und das Gegenteil von Ideologie. Sie ist ge- genüber religiösen Wunschbildern, Verfestigungen sowie absoluten Werten kritisch. Auf unse- re heutige Zeit übertragen, würde das zum Beispiel bedeuten, dass sie Werte, wie Macht- und Kapitalanhäufung, Erfolgsstreben oder Schönheitsidealen der Werbung und Industrie nicht einfach folgt, sondern sie hinterfragt.

Religion ist auch ein Bestandteil von Kultur. Kultur meint auch Pflege und Bewusstseinserwei- terung des Geistes. Da kluge Religion Lebendigkeit des Lebens (Erfahrung des Heiligen, Wandlung, Heilung, Nächstenliebe, Mitleid, Liebe und Schöpfungsbewusstsein als Formen grundlegender Lebensbejahung) mit sich bringt, kann es bei einem Kulturverlust (und damit einhergehenden Religionsverlust) zu härteren Bedingungen innerhalb der Gesellschaft kom- men.25

Es gibt aber auch Fehlformen von Religion, die als „neurotische“ Religion, bzw. „lebenseinschränkende“ Religion bezeichnet werden können. Dazu zählen beispielsweise Fanatismus, Gewalt, Zwang, Verwechslung oder Identifikation der Medien des Heiligen mit dem Heiligen selbst. „Christlich glaubt man dann nicht an Gott, sondern an die Bibel, das Bekenntnis, die Kirche oder das Dogma.“26

Was im inneren eines Menschen vorgeht, können wir nicht beobachten, nur durch Kommunikation mit ihm erfahren. Der Kern der Religion ist eigentlich der innere Zustand, was man auch als Religiosität bezeichnen kann.

Die vorangegangenen Überlegungen zum Religionsbegriff haben gezeigt, dass eine Abgren- zung und genaue Definition von Religion schwierig ist. Dennoch sollen die genannten Über- legungen von Tillichs, Barths und Kunstmanns für die weitere Arbeit aufgegriffen werden.

Begrifflichkeiten

Religionsbegriff dieser Arbeit:

Religion soll daher also etwas verstanden werden, von dem man ergriffen ist, das einen unbedingt etwas angeht. Religion soll als eine Grundform menschlicher Deutungskultur im Horizont der Idee des Unbedingten verstanden werden. Es geht um Sinnstiftung und dem Heil des menschlichen Lebens und der Welt. Religion sollte letztendlich auch zu einer lebensbejahenden und lebenssteigernden Einstellung führen.

2.2 Kultur und Populärkultur

Im folgenden Abschnitt soll aufgezeigt werden, dass Populärkultur uns ständig umgibt und weit gefasst werden kann. Zunächst soll aber ein grundlegendes Verständnis des Kulturbegriffs dargestellt werden.

Im Unterschied zum Tier hat der Mensch die Fähigkeit, seinem Verhalten und den Dingen seiner Lebenswelt, Bedeutung und Sinn beizumessen. Für ihn ist „… die Wirklichkeit statt einer Ansammlung von Sinnesdaten eine Welt von Objekten mit Sinn und Bedeutung.“27 Da- durch, dass der Mensch sich eine Welt über die Sinneseindrücke hinaus durch Zuweisung von Bedeutung, schaffen kann, ist das Handeln des Menschen kulturell bedingt. Wenn der Mensch dazu nicht in der Lage wäre, würde die Wirklichkeit für ihn ein Chaos von Sinneseindrücken bleiben. „Auf dieser unerklärlichen Fähigkeit beruht die Eigenart des Menschen als Kulturwe- sen.“28

Das Wort „Kultur“ ist dem lateinischen Wort „cultura“ entlehnt und geht auf das Verb „colore“ zurück. Damit wird einerseits „drehen, wenden, bebauen“ und andererseits „anbeten“ verstanden. Bei beiden Wortbedeutungen geht es im Grund um die Pflege. Sowohl Ackerbau, als auch Götterverehrung waren Tätigkeiten, die Mensch und Tier voneinander unterschieden und somit von der Natur abgrenzten.29

Die Übertragung vom Agrarischen auf das Geistige geht auf den römischen Philosophen Ci- cero zurück. Bei ihm wurde Kultur erstmals parallel zur Pflege des Geistes gesetzt („cultura animi“). Zwei Aspekte sind bei dieser Übertragung für unser heutiges Kulturverständnis von Bedeutung. Auf der einen Seite ist die Kultur das Ergebnis harter menschlicher Arbeit, die ohne Pflege auch wieder verfallen kann. Auf der anderen Seite sorgt die Kultur für Sittlichkeit. Nach Ciceros Auffassung scheint eine lasterhafte Kultur nicht vorstellbar. Kultur ist weisheitliche, stoisch-moralische Bildung, die kein Selbstzweck ist.30 Sie führt „… zur Verfeinerung des Menschenlebens und zur Gewinnung der Menschenwürde.“31 Der Aspekt der Selbstbe- stimmung wurde in der frühchristlichen Tradition und im Mittelalter in eine Gottbestimmung umgedeutet. „Unter ›cultura‹ wurde immer auch ›cultura Christi‹ bzw. ›cultura Christianae reli- gionis‹ verstanden: Gott pflegt wie ein Ackermann den Menschen und seine Kultur.“32 Eine autonome Persönlichkeitsstruktur passte nicht in diese Epoche, in der nur die Verbesserung der sittlich-religiösen Persönlichkeit entscheidend war. Die Veredelung des Menschen und seiner Persönlichkeit durch Kultur war zweitrangig.33 Erst mit dem Humanismus und der Re- naissance wurden die Ideale der römisch-griechischen Antike wieder aufgegriffen. Der Kul- turbegriff erhielt schließlich während der Aufklärung seine ursprünglich lateinische Doppelbe- deutung zurück. Mitte des 18. Jahrhunderts bezeichnet das deutsche Wort „Kultur“ nun auch den Fachwirt der Land- und Forstwirtschaft und galt als grundsätzliches Unterscheidungskri- terium zwischen Mensch und Tier.34

„Einem - hypothetisch angenommenen - Naturzustand wird ein erstrebter Kulturzustand gegenübergestellt, wobei Kultur das menschliche Leben durch den Beistand, der Rührigkeit und die Erfindung der anderen Menschen über den bloßen Naturzustand hinaushebt.“35

Der Kulturbegriff ist heute der Allgemeinste innerhalb der Geisteswissenschaften. Da Kultur alles umfasst, was durch menschlichen Handel entsteht, ist es auch so schwierig, ja fast unmöglich, Kultur zu fassen.36

Der deutsche Philosoph Johann Gottfried Herder schrieb vor über 200 Jahren in seiner Abhandlung über die „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“37, dass Kultur unbestimmt und trügerisch sei. 1952 zählten Kroeber und Kluckhohn allein in der Kulturanthropologie und Kultursoziologie 164 verschiedene Definitionen.38

„Kultur ist heute zu einem geradezu gnadenlos inflationär gebrauchten Begriff geworden: Alles ist oder hat Kultur (...) Man kann sich am Ende des 20. Jahrhunderts des Eindruckes nicht erwehren, dass von der Unternehmung bis zum Pop, vom Essen bis zur Bürokratie, von der Politik bis zur Religion alles Kultur hat.“39

Neue Ansätze der Kulturwissenschaft gehen nicht mehr davon aus, dass Kultur eine integrati- ve und stabilisierende Größe ist, sondern als ein umfassendes komplexes Konstruktions-, Erinnerungs- und Aneignungsgeschehen sowie als Handlungsfeld zu begreifen sei. Daher wird der Begriff auch eher in den Plural gesetzt und es wird von Kulturen gesprochen.40 Dass diese Denkweise mit einer definitorischen Unschärfe einhergeht, wird akzeptiert.41 Dies spiegelt sich auch in Begriffen, wie „… ‚Multikulturalität’, ‚Interkulturalität’, ‚Transkulturalität’, ‚Hybridität’, ‚Melange’, ‚Synkretismus’, ‚Kreolisierung’ und ‚mestizaje’“42 wieder. Kultur muss demnach als dynamischer Prozess verstanden werden, der auf der einen Seite zu immer „neuen“ Formen führt, auf der anderen Seite aber auch Angleichungstendenzen43 zur Folge hat. Fest steht aber, dass es sich bei Kultur um kein geschlossenes oder erstarrtes bzw. verfestigtes System han- delt.44

Auf der Weltkulturkonferenz 1982 in Mexiko City wurde eine Erklärung verabschiedet, in der Kultur zum einen als die Gesamtheit der geistigen und materiellen Errungenschaften des menschlichen Verstandes zu verstehen sind und zum anderen als die gefühlsmäßig unter- schiedlichen Merkmale einer Gruppe bzw. Gesellschaft gefasst werden können. Dazu gehören Lebensweisen, Grundrechte, Wertsysteme und Überzeugungen. Kultur verleiht dem Mensch die Fähigkeit, über sich selbst nachzudenken (Individualentwicklung), Werte zu unterscheiden und Entscheidungen zu treffen.45

Was ist nun Populärkultur (kurz Popkultur46 )? Der Begriff leitet sich vom lateinischen Wort „populus“ (Volk) ab, was soviel bedeutet wie „allgemein verständlich“, oder „beliebt“.47 Seit Mitte der 1950er Jahre hat sich die populäre Kultur als eigener Kulturzweig, v.a. in den USA innerhalb der Popmusik entwickelt. Im Gegensatz zur Hochkultur48 sind die Zugangs schwellen geringer. Für das Verständnis von Hochkultur brauchte man ein bestimmtes Hin- tergrundwissen, so dass sie vorrangig für ein gebildetes Publikum interessant war. Populärkulturelle Erzeugnisse hingegen weisen eine allgemeinverständliche und ansprechende Ästhetik, klare Rollen- und Identifikationsmuster und einfache Thematiken auf.49 Allerdings ist die Differenzierung in Hoch- und Popkultur mittlerweile umstritten, da sich erstens die Grenzen zur Alltags- und Populärkultur immer mehr auflösen und zweitens der Begriff der „Hochkultur“ eine Wertung impliziert. Die Qualitätskriterien für Hochkultur sind lediglich der Geschmack einer gesellschaftlichen Elite, die denkt, beurteilen zu können, was „gute“ und damit wertvolle Kultur ist.50

Der amerikanische Geschichtswissenschaftler Paul R. Gorman grenzt Populärkultur von der Massenkultur ab. Für ihn hat Massenkultur eine technische Ebene, die v.a. aus der Verbreitung durch die Massenmedien resultiert:

„As for definitions, I use the terms ‘popular arts’ and ‘popular culture’ in their literal sense, to refer to forms of expression that attract the largest audiences. ‘Mass culture’ is used as a more technical description, referring specifically to expression created for transmission through the mass media. These ‘mass’ forms may or may not prove to be ‘popular’.“51

Auch wird der Begriff der Massenkultur häufig verwendet, um auf Gefahren hinzuweisen, die mit „Massen“ einhergehen. Durch die Individualisierung und damit auch einhergehende Ver- einsamung des Menschen weisen Theoretiker wie Wilhelm Röpke auf die Angreifbar-, Ver- führbarkeit und Manipulation des Menschen durch „Massenphänomene“ hin.52 Im Gegensatz zur Massenkultur meint der Begriff „Breitenkultur“ künstlerisch-kreative Akti- vitäten, die hauptsächlich der Freizeitbeschäftigung dienen und von vielen, also der Breite ge- pflegt werden. In Deutschland wird Breitenkultur häufig in Vereinen oder gemeinnützigen Einrichtungen betrieben.53

Durch die technische Entwicklung im 20. Jh. sowie der politisch-ökonomische Ausgestaltung ist die populäre Kultur zum prägenden Bestandteil des modernen Lebens geworden. Träger dieser Kultur sind häufig Massenmedien (wie Publikationen, Radio, TV, Computer), alltägliche Gebrauchsgegenstände (wie Autos, Textilien) und sogar der Mensch selbst (z.B. durch Piercings, Tattoos oder Frisuren). Rund um die Popkultur hat sich eine regelrechte Industrie entwickelt, wie Medienunternehmen, Marketing- und Werbefirmen, Konsumkonzerne, Versandhäuser oder Softwareunternehmen.54

Sie „…bringen einen unablässigen Strom von Produkten hervor, die den Inhalt der Populärkultur ausmachen: Romane, Filme, Nachrichten, digitale Bilder, Anzeigen, Sportarten, Musikgenres, Mei- nungen, Stars, Umfrageergebnisse, Kleidungsstücke, Ferienziele, Innenstädte, Unterhaltungsparks, Designobjekte usf.“55

Populärkultur weist durch ihre internationale Prägung und ständige Veränderung (Mode) kei- ne Beständigkeit auf und ist daher auch so schwer zu fassen (vgl. auch Abbildung 2-1, S. 11).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2-1: Dimensionen der Populärkultur56

Frühere Versuche der Begriffs- und Merkmalsbestimmung haben einen negativen Grundte- nor. Sie schreiben der Populärkultur Oberflächlichkeit und Künstlichkeit zu und verurteilen bzw. werten sie ab: „Populärkultur als Gegensatz, Abfall oder Widersacher der hohen Kultur, als Inbegriff gefährlichen Schunds oder, im etwas besseren Fall, herabgesunkenen, trivialisier- ten Kulturguts.“57

Erst seit den 1960er Jahren kam es zu einer stetigen Umwertung, da das Künstliche und Oberflächliche für eine ganze Reihe von Feuilletonisten, Akademikern und Rezipienten als positiv empfunden wurde.

Populärkultur wertneutral beschrieben, kann als eine Kultur alltäglicher Handlungen58, in der sich in der sich „high and low forms“59 miteinander kreuzen und darüber hinaus in eine Viel- zahl „of forms, genres, audiences, tones, styles and purposes“60 aufgegliedert sind, verstanden werden. Die Populäre Kultur umfasst Werke, die als „cultural artifacts which reach and are recognized by a significant percentage of the population”61 betrachtet werden können und in fast allen Bereichen des Lebens präsent sein.62 Nach dieser Definition ist Populärkultur eine durchmischte Kultur, die in alle Lebensbereiche hineinwirkt und von einer großen Zahl von Menschen wahrgenommen wird. Daher ist sie auch eine demokratische Kultur, mit geringen, wenn nicht sogar ohne Zugangsschranken63, die für alle verständlich ist.64, als klassenübergrei- fende, herrschende Kultur der „Massendemokratie“65 und als „the whole swirl of a nation's various mixes of attitudes and actions“66 sowie als »the voice of the people«.67 Sie ist unterhal- tend im Sinne „ästhetischer Zweideutigkeit“, einem beständigen „Sowohl-als-Auch von Ernst und Unernst im Angebot, das das Artefakt macht und die Rezeption realisiert“.68

Populäre Kultur kann als

„Prozess der kulturellen Regulierung und Veränderung des Alltags, der jederzeit von sozialen Subjekten und Gruppen angestoßen wird, indem sie sich die von der Kulturindustrie vorgegebenen Ressourcen im Horizont ihrer Interessen und Phantasien aneignen.“69

Auch ist die populäre Kultur zunehmend Objekt wissenschaftlicher Betrachtungen und wird mit Hilfe empirischer und hermeneutischer Methoden analysiert und interpretiert.

2.3 Zusammenhang zwischen Kultur und Religion

Im Folgenden soll auf den Zusammenhang zwischen Religion und Kultur eingegangen werden. Um darzustellen, dass Religion zum einen Kultur hervorbringt und umgekehrt Kultur auch Religion hervorbringt, soll der Ansatz des deutschen Soziologen und Philosophen Friedrich Tenbruck70 zur Rate gezogen werden. Es liegt in der Natur des Menschen, Dingen Bedeutung beizumessen. Erschafft der Mensch etwas, tritt er in Interaktion mit anderen Menschen, dann weist er seinem Handeln Bedeutung bei.71

Indem der Mensch über sich hinaus gehen kann, ist er zu schöpferischen Akten fähig. Aus diesen Kräften des Menschen erwächst Kultur. Auch Kultur umfasst alles, was durch menschliches Handeln hervorgebracht wird und enthält aus diesem Grund Bedeutung.72 Da der Mensch alles Erklären und ihm Bedeutung beimessen muss, macht er es auch mit Phänomenen des Unerklärlichen. Dies kann zum Beispiel das Warum unseres Daseins, der Sinn des Lebens oder die Frage nach dem Ursprung aller Dinge sein.

Bis heute können beispielsweise die Naturwissenschaften das Geheimnis des Urknalls nicht vollständig lösen. Die Wissenschaftler konnten bisher nachweisen, dass der Ausgangspunkt des Urknalls eine Art von Licht in Form kleinster Teilchen gewesen ist. Daher ist erstaunlich, dass antike Kulturen schon vor mehreren tausend Jahren ähnliches in ihren Heiligen Schriften vermerkt haben.73 Beispielsweise steht im Buch Genesis im Kapitel 1 „Es werde Licht. Und es wurde Licht.“74 Dieses Beispiel soll verdeutlichen, dass der Mensch zur Erklärung des Uner- klärlichen Religionen und religiöse Sinnsysteme hervorgebracht hat. „Kulturen [sind] Ideen von Ordnungen der Natur und der Gesellschaft, vom Wesen des Menschen und der Götter“75 Diese Vorstellungen werden in kulturellen Produkten sichtbar. Prägen also die sichtbare (ma- terielle) Kultur. Sie manifestieren sich beispielsweise in Abbildungen, wie sie auf Gemälden zu finden sind.

Dadurch, dass der Mensch seine Handlungen und die Phänomene um ihn herum mit Sinn füllen muss, bringt er Religion hervor. Religionen bringen diverse Symbole, Rituale, Architek- turen, Handlungen etc. hervor.76 Gesellschaften können immaterielle Kultur gar nicht beste- hen und wenn auch Religion zur immateriellen Kultur gehört, ist sie fundamental für Gesell- schaften.77

3 Religiöse Tendenzen der Moderne

3.1 Situation der Kirche

Sowohl die evangelische als auch die katholische Kirche in Deutschland hat mit Krisenphä- nomenen zu kämpfen.78 79 80 Die Großkirchen befinden sich in „… epochalen Umbauprozessen, sie [spüren] das auch zunehmend, [wissen] aber nicht so recht, wie sie damit umgehen [sol- len].“81 Gemeinden werden aufgrund ständig schwindender Mitglieder und sonntäglicher Kirchgänger zusammengelegt, pastorale Großräume entstehen (vgl. Abbildung 3-1, S. 15).82

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3-1: Kirchenbesucher unter Katholiken und Protestanten 1953-1998 in Westdeutschland83

Übrig bleiben „leere“ Gebäude, die umgenutzt oder verkauft werden. Eine Statistik84 der EKD zwischen 1990 und 2005 verweist auf bundesweit 41 evangelische Kirchen und Kapellen, die umgewidmet, an Dritte vermietet (26 Gebäude), verkauft (97 Gebäude), abgerissen (46 Gebäude) und nicht mehr genutzt (130) wurden. Das sind insgesamt 340 Kirchen bei den Protestanten, die ihren eigentlichen Zweck verloren haben. Im Vergleich zu den insgesamt 21.000 Kirchen erscheint diese Zahl zwar gering, aber wenn man

„Kirche als Kathedrale des Sinns, der Ästhetik, spezifischer Praktiken und Orientierungen in der Nachfolge des Jesus von Nazareth [begreift], dann ist diese Kathedrale immer noch eine sehr respektable Sache, aber wie viele Kathedralen sind seit einiger Zeit dabei, zu einem Museum zu werden: besucht und bewundert, bestaunt und analysiert, aber doch ein Zeichen aus fremder Welt“85, so der katholische Pastoraltheologe Rainer Bucher von der Universität Graz.

Paul Michael Zulehner86 bringt es auf den Punkt, die Kirche ist geprägt durch Geldmangel, Gläubigenmangel und Priestermangel, obwohl letzteres eher ein Problem der katholischen Kirche darstellt.87

Der Weltanschauungsbeauftragte der Württembergischen Landeskirche Hansjörg Hemminger bezeichnet die Krisenphänomene der Kirche als eine doppelte Krise. Die äußeren, sichtbaren Phänomene sind durch Mitgliederschwund gekennzeichnet. Statistisch gesehen verliert die EKD allein aufgrund demographischer Entwicklungen 1 - 1,5 Prozent ihrer Mitglieder pro Jahr. Bis zum Jahr 2030 sind dies ein Drittel oder rund acht Millionen der derzeit 24 Millionen Protestanten. Hinzu kommen Kirchenaustrittsbewegungen. Beispielsweise kam es im Jahr 2008 zu 120.000 Kirchenaustritten bei der katholischen Kirche und 160.000 bei der evangeli- schen Kirche.88 Kirchenaustritte und demographischer Wandel haben nicht nur den Verlust finanzieller Mittel, sondern auch den Verlust an ehrenamtlichen Mitgliedern, die einen großen Teil der Gemeindearbeit tragen, zur Folge.89

Viel gravierender als die äußere Krise wird die innere Krise von Seiten der Kirche eingeschätzt. Der Verlust an institutioneller Macht, Bindungskraft und Vertrauen (vgl. Abbildung 3-2, S. 17) sind für die Kirchen ein erstzunehmendes Problem.

„Das heißt, daß die Kirche selbstverständlicher Teil des Gemeinschaftswesens ist, daß sie für Religion für Grenzfragen der Existenz und ähnliches zuständig ist.90 Diese institutionelle Stellung hatte die Kirche noch bis in die 60er und 70er Jahre, seither hat sie sich massiv abgebaut.“91

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3-2: Gottesglaube und Vertrauen in die Institution Kirche92

Nach einer Studie des Religionssoziologen und evangelischen Theologen Klaus-Peter Jörns glauben nur 13 Prozent der Christen, dass sie im Gottesdienst in Verbindung zu Gott treten können. Jörns vertritt die These, dass es zwar eine Akzeptanz traditioneller christlicher Glau- benssätze, jedoch ein Verlust an Gottgläubigkeit sowie eine Verschiebung zur Transzendenz- gläubigkeit gibt.93 Dieser Prozess der „Entkirchlichung“ wie ihn Karl Gabriel nennt beobach- tet man in Deutschland seit ca. vier Jahrzehnten. Religionsforscher sehen auch im 21. Jh. keine Trendwende, sondern prognostizieren einen weiteren Rückgang der institutionalisierten Reli- gion.94

3.2 Religiöser Ist-Zustand der Gesellschaft

Die im Jahr 2006 von der Düsseldorfer Identity Foundation in Zusammenarbeit mit der Uni- versität Hohenheim durchgeführte Studie95 zur religiösen Situation der bundesdeutschen Ge- sellschaft beschreibt, dass zwar rund 67 Prozent aller Deutschen einer christlichen Konfession angehören (11,3 Prozent sind konfessionslos, 10,1 Prozent aus der Kirche ausgetreten), dass sich aber die „… Bezüge zur christlichen Lehrmeinung (…) in einem Prozess der Aufwei- chung“96 befinden.

Nur noch 45 Prozent der Bevölkerung fühlen sich demnach von den christlichen Religionen angesprochen, 10,3 Prozent haben in ihrem Elternhaus oder in der Familie eine starke religiö- se Prägung erfahren (bei den 14-29-Jährigen sogar nur sechs Prozent) und 42,2 Prozent haben gar keinen religiösen Bezug innerhalb der Familie erlebt (bei den 20- bis 29-Jährigen sogar 55 Prozent).

Die Autoren der Studie identifizieren vier Gruppen (vgl. Abbildung 3-3, S. 18)97 mit unterschiedlicher religiöser Bindung, bzw. Beziehung. Demnach gehören nur noch rund 10 Prozent der Menschen zu den „Traditionschristen“.

„Sie finden Antworten auf die Frage nach dem Sinn des Lebens und der Beschaffenheit des Seins in Religion und Glauben in enger Anbindung an die Kirchen. Religiöse Rituale geben ihrem Alltag Struktur, sie haben im Laufe ihres Lebens ihren Glauben vertieft und intensiviert und wünschen sich einen stärkeren Gottesbezug im öffentlichen Leben. Charakteristisches Statement: Ich glaube an einen persönlichen Gott, zu dem ich z.B. über das Gebet in Kontakt treten kann.“98

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3-3: Typologie der religiösen Verfassung der deutschen Gesamtbevölkerung99

Eine weitere Gruppe wird als „Spirituelle Sinnsucher“ bezeichnet und macht rund 10-15 Prozent der Bevölkerung aus. Sie „… forschen weitgehend ohne konkrete religiöse Rückbezüge nach neuen Formen der Selbstvergewisserung und beziehen dabei sowohl asiatische Praktiken ein, die vor einigen Jahren hierzulande noch so gut wie unbekannt waren, als auch neue esoterische Disziplinen.“100

Außerdem speisen sie „… ihren Sinnbezug aus Fragmenten des Humanismus, der Anthroposophie, Mystik und Esoterik. Ihre Suche ist getrieben von dem Wunsch, die eigene Berufung und innere Mitte zu finden. Sie inte- ressieren sich für spirituelle Praktiken wie Yoga, Chi Gong und Meditation, aber auch für ausgefallene Disziplinen wie Trancereisen, Schamanismus oder Karten legen. Charakteristische Statements:

[...]


1 vgl. Luckmann, Thomas (1993): Die unsichtbare Religion.

2 Die Begriffe populäre Kultur, Populärkultur und Popkultur werden im Rahmen dieser Arbeit synonym verwen- det.

3 Orte hier im Sinne von Erlebnissen und begehbaren Orten.

4 vgl. Sonnenschein, Ulrich (2010): Gott goes Pop - Ersatzreligionen der Gegenwart. Sendung am 17.04.2010, 9:25 Uhr: HR2.

5 Innerhalb dieser Arbeit als „religiöse Anspielungen und Zitate“ sowie „objektive religiös-funktionale Äquivalente“ bezeichnet.

6 Innerhalb dieser Arbeit als „subjektiv religiös-funktionale Äquivalente“ bezeichnet.

7 Dilthey, Wilhelm (1990): Ideenüber eine beschreibende und zergliedernde Psychologie, S. 144.

8 vgl. Preißler, Holger (1992): Religionen unserer Welt. Ihre Bedeutung in Geschiche, Kultur und Alltag. Leipzig: Militzke,

S. 10.

9 vgl. Baumann, Ulrike Wermke Michael (2006): Religionsbuch. 9/10. Berlin: Cornelsen, S. 112-113.; vgl. auch Preißler (1992), S. 15.

10 Antes, Peter (2007): Religionen im Brennpunkt. Religionswissenschaftliche Beiträge 1976 - 2007. Stuttgart: Kohlham- mer, S. 193f.

11 ebd., S. 190.

12 ebd., S. 190-192.

13 Tillich, Paul (1987): Systematische Theologie III. Berlin, New York: de Gruyter, S. 126.

14 Clayton, John (1987): Introducing Paul Tillich's Writing in the Philosophy of Religion, S. 10-28.

15 Barth, Ulrich (2002): Dimensionen des Religionsbegriffs, S. 39.

16 ebd., S. 77., vgl. dazu auch Kunstmann, Joachim (2010): Rückkehr der Religion. Glaube, Gott und Kirche neu verstehen. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, S. 24f.

17 ebd., S. 25.

18 vgl. Barth, Ulrich (1996): Was ist Religion?, S. 557.

19 vgl. Kunstmann (2010), S. 24.

20 ebd., S. 25.

21 vgl. ebd., S. 24.

22 Schleiermacher, Friedrich (1958): Ü ber die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern. Hamburg: Meiner, S. 283.

23 Kunstmann (2010), S. 30.

24 „Das Wunder ist nicht Durchbrechung der Realität, sondern spiegelt eine Grunderfahrung, die aller Realität gilt.“ ebd., S. 31. Friedrich Schleiermacher sieht Wunder nur als den religiösen Namen für Begebenheiten an, denn „… auch die allernatürlichste und gewöhnlichste, sobald sie sich dazu eignet, daß die religiöse Ansicht von ihr die herrschende sein kann, ist ein Wunder.“ Schleiermacher (1958), S. 65f.

25 vgl. Kunstmann (2010), S. 32.

26 ebd., S. 35.

27 Tenbruck, Friedrich H. (1990): Repräsentative Kultur, S. 26.

28 ebd., S. 27.

29 Mit „wenden“ ist hier das Wenden der Ackerscholle gemeint.

30 vgl. Klein, Armin (2009): Kulturpolitik. Eine Einführung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 36.; vgl. auch Schneider, Hans Julius ): 1 Einleitung: Ethisches Argumentieren, S. 26.

31 Klein (2009), S. 36.

32 ebd.

33 vgl. Pflaum, Michael (1967): Die Kultur-Zivilisations-Antithese im Deutschen, S. 288.

34 vgl. Klein (2009), S. 37.

35 ebd.

36 vgl. Tenbruck (1990), S. 27.

37 Herder, Johann Gottfried von, et al. (1965): Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. Berlin: Aufbau- Verlag, S. 4.

38 vgl. Kroeber, Alfred Louis, et al. (1952): Culture. A critical review of concepts and definitions. Cambridge, Mass: Peabody Museums of American Archaeology and ethnology, S. 43-45.

39 Karmasin, Helene (1997): Cultural theory. Ein neuer Ansatz für Kommunikation Marketing und Management. Wien: Linde, S. 21.

40 vgl. Nehring, Andreas (2008): Einleitung, S. 7.

41 vgl. ebd.

42 ebd.

43 Mit dem Angleichen von Kultur hat sich beispielsweise der amerikanische Soziologe George Ritzer in seinem Buch The Mc Donaldization of Society (Die Mc Donaldisierung der Gesellschaft) beschäftigt. vgl. Ritzer, George (2003): The McDonaldization of society. Thousand Oaks, Calif: Pine Forge Press.

44 vgl. Nehring (2008), S. 7.

45 vgl. Ministerium für Kultur der DDR (1983): Mondiacult Weltkonferenz der UNESCOüber Kulturpolitik. Mexiko 1982. Berlin: Staatsverlag der DDR, S. 53.

46 Im Unterschied zur Langform „populäre Kultur“ wird Popkultur zumeist nur auf Phänomene seit den 1950ern angewendet. vgl. Schneider, Wolfgang, et al. (2009): Pocket Kultur. Kunst und Gesellschaft von A-Z. Bonn: BpB, S. 43.

47 vgl. ebd.

48 Wenn von Hochkultur die Rede ist, werden damit in der Regel besonders wertvoll Leistungen innerhalb der klassischen Künste bezeichnet. In der Regel bezieht sich der Begriff auf die Musik, bildende und darstellende Kunst sowie auf die Literatur.

49 vgl. Kunstmann, Joachim (2004): Religionspädagogik. Eine Einführung. Tübingen: Francke, S. 256.

50 vgl. Schneider et al. (2009), S. 20.

51 Gorman, Paul R (1996): Left intellectuals & popular culture in twentieth century America. Chapel Hill, NC: The Univ. of North Carolina Press, S. 7.

52 Röpke schreibt, dass Massenphänomen, wie „Radio, Zeitung, Kino, Massenausflüge, Massensport“ wirken „wie Rauschgifte“ und integrieren in eine neue Gemeinschaft. Es entstehen nach Röpke kulturell wertlose For- men oder im noch schlimmeren Fall, fanatische „Sozialreligionen“, die Zusammenhalt durch „Völkerhaß, Klas- senhaß und Rassenhaß“ erzeugen. Röpke, Wilhelm (1958): Jenseits von Angebot und Nachfrage. Erlenbach-Zürich: Rentsch zit. n. Hecken, Thomas (2007): Theorien der Populärkultur. Drei ß ig Positionen von Schiller bis zu den Cultural Studies. Bielefeld: transcript, S. 182.

53 vgl. Schneider et al. (2009), S. 9.; vgl. auch Hornung, Dieter (2006): Breitenkultur statt Laienkultur.

54 vgl. Hecken (2007), S. 7.

55 ebd.

56 Browne, Ray B., et al. (1988): Symbiosis popular culture and other fields. Bowling Green, Ohio: Bowling Green State Univ. Popular Press, S. Cover.

57 Hecken (2007), S. 7.; vgl. auch Löwenthal, Leo (1950): Historical Perspectives of Popular Culture; vgl. auch Habermas, Jürgen (1987): Theorie des kommunikativen Handelns. Frankfurt a. M: Suhrkamp, S. 574.

58 vgl. Miller, Toby, et al. (1998): Popular culture and everyday life. London: Sage.

59 During, Simon (2005): Cultural studies. A critical introduction. London: Routledge, S. 199.

60 ebd.

61 Lohof, Bruce A. (1973): Popular Culture: The Journal and the State of the Study, S. 458.

62 vgl. Browne, Ray B. (1988): Preface, S. VII.

63 Eigene Anmerkung: Auch Populärkultur hat Zugangsschranken in Form von Geld, aber diese sind im Ver- gleich zur elitären Kultur geringer, bzw. nicht durch den Staat subventioniert. Würde der Staat beispielsweise nicht die Hochkultur fördern, würde der Sitzplatz in der ersten Reihe eines städtischen Theaters um die 500 € kosten.

64 vgl. Nutz, Walter (1999): Trivialliteratur und Popularkultur. Vom Heftromanleser zum Fernsehzuschauer; eine literatursoziologische Analyse unter Einschlu ß der Trivialliteratur der DDR. Opladen: Westdt. Verlag, S. 322-324.; Im Rahmen der Arbeit ist allerdings zu prüfen, ob religiöse Inhalte wirklich von allen verstanden werden.

65 vgl. Maase, Kaspar (1997): Grenzenloses Vergnügen. Der Aufstieg der Massenkultur; 1850 - 1970. Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verlag.

66 Browne, Ray B., et al. (1992): Non-Work Time and the Humanities.

67 Browne, Ray B. (1988): Popular Culture as the New Humanities, S. 1.

68 Hügel, Hans-Otto (2003): Handbuch Populäre Kultur. Begriffe Theorien und Diskussionen. Stuttgart, Weimar: Metz- ler, S. 17.

69 Göttlich, Udo (2002): Wie repräsentativ kann populäre Kultur sein? Die Bedeutung der Cultural Studies für die Populärkulturanalyse, S. 46.

70 Tenbruck (1990).

71 An dieser Stelle sei auch auf dem symbolischen Interaktionismus nach George Herbert Mead und dessen Weiterentwicklung durch Herbert Blumer verwiesen werden. Der Symbolische Interaktionismus ist eine Handlungstheorie, die sich mit zwischenmenschlicher Interaktion beschäftigt. Kommunikation bzw. Interaktion erfolgt auf symbolischer Ebene. Sie ist notwendig, um sozialen Objekten, Situationen und Beziehungen Bedeutung beizumessen. (vgl. Goffmann, Erving (2010): Der Hintergrund: Symbolischer Interaktionismus, S. 20.

72 Tenbruck (1990), S. 27.

73 Arick, Katharina, et al. (2011): Als Gott geboren wurde. Die Suche nach der Weltformel. Quarks & Co. WDR 10.05.2011. Regie: Ciril Vider. Abrufbar unter: http://www.wdr.de/tv/quarks

74 Einheitsübersetzung (1998): Die Bibel. Altes und Neues Testament. Freiburg: Herder.

75 Tenbruck (1990), S. 27.

76 Aber nicht alles, was in kulturellen Erzeugnissen als „Gott“ oder Religion thematisiert wird, meint auch wirklich etwas Religiöses. Zum hat der Dichter Rainer Maria Rilke in seinen „Stundenbüchern“ über Gott geschrieben. Aber bei näherer Betrachtung ist „Rilkes Gott“ ein heterodox, also ein Gott aus einer anderen Lehre. (vgl. Engel, Manfred, et al. (2003): Rilke, Rainer Maria. Werke. Kommentierte Ausgabe in vier banden mit einem Supplementband. Frankfurt a. M: Insel, S. 735-737.

77 vgl. Tenbruck (1990), S. 31.

78 Innerhalb der Literaturwissenschaft wird bereits mit dem Begriff der Postmoderne gearbeitet und als Kennzeichen literarischer Einordnungen verwendet. (vgl. hierzu z.B. Ewers, Hans-Heino (1997): Jugendkultur im Adoleszenzroman. Jugendliteratur der 80er und 90er Jahre zwischen Moderne und Postmoderne. Weinheim: Juventa-Verlag; vgl. auch Gansel, Carsten (2005): Der Adoleszenzroman Zwischen Moderne und Postmoderne) Der Begriff wird allerdings kontrovers diskutiert, weil er „missverständlich“ und „unpräzise“ ist. Wir leben noch nicht in der „Postmoderne“ und dies wird auch von den wichtigen postmodernen Philosophen so gesehen. (vgl. Kunstmann, Joachim (2007): Postmoderne, S. 112.) Demnach leben wir „…nach wie vor in der Moderne, in ihren technischen Errun- genschaften u. ihren drängender werdenden Problemlasten.“ (ebd.) Eine Postmoderne wäre dadurch gekenn- zeichnet, dass sie die Ideen der Neuzeit hinter sich lässt, z.B. „die Vorstellung eines ungebrochenen u. linear verlaufenden Fortschritts, od. überhaupt die Idee von umfassender Einheit als letztem Regulationsprinzip. An deren Stelle tritt das Recht der modernen, nicht reduzierbaren Pluralität.“ (ebd.) Genaugenommen müsste man dann von der „Reflexivmoderne“ sprechen, „…da sie sich nachdenklich u. kri- tisch mit Ideen der eigenen Epoche auseinandersetzt u. diese oft überhaupt erst bewusst macht.“ ebd.) So gese- hen ist die Postmoderne nur ein philosophisches Konstrukt, wie z.B. in Jean-François Lyotards Buch „Das postmoderne Wissen“ vgl. Lyotard, Jean-François (2005): Das postmoderne Wissen. Ein Bericht. Wien: Passagen- Verlag.

79 An dieser Stelle sei darauf verwiesen, dass mit religiösen Institutionen die evangelische und katholische Kirche in Deutschland gemeint ist. Klar ist auch, dass es andere religiöse Entwicklungen außerhalb Deutschlands gibt, auf die aber innerhalb dieser Arbeit nicht weiter eingegangen werden kann. vgl. auch Drobinski, Matthias (2011): Glaubenssachen. Glaubensrepublik Deutschland Besuche bei Christen, Muslimen, Juden, Zweiflern.

80 Wieh, Hermann, et al. (2006): Gemeinde.

81 Bucher, Rainer (2004): Vorwort, S. 7.; ebd.

82 vgl. ebd., S. 7; 13.

83 vgl. Pollack, Detlef (2003): Säkularisierung - ein moderner Mythos? Studien zum religi ö sen Wandel in Deutschland. Tübingen: Mohr Siebeck, S. 163. zit. n. Gabriel, Karl (2010): Gesundheit als Ersatzreligion. Empirische Beobachtungen und theoretische Reflexionen, S. 29.

84 vgl. Bauerochse, Lothar (2010): Abriss oder Umbau? Die Krise der Grosskirchen, S. 208f.

85 Bucher, Rainer (2005): Kirche ohne Geld und Vertrauen. Die heilsame Provokation der Krise, S. 44.

86 Zulehner zit. n . vgl. Bauerochse (2010), S. 209.

87 vgl. ebd.

88 Sicherlich hatten diese massiven Zahlen auch mit der im Jahr 2009 eingeführten Abgeltungssteuer und Wirt- schaftskrise zu tun, denn Ende 2008 erhielten viele Menschen von der Bank eine Information, ob die Kirchen- steuer auf Kapitalerträge direkt an das Finanzamt abgeführt werden solle. Dies ermutigte wohl viele auch gleich aus der Kirche auszutreten und sich die Kirchensteuer ganz zu sparen. So stieg die Zahl der Kirchenaustritte im 4. Quartal 2008 in die Höhe. vgl. ebd., S. 211-213.; vgl. auch Bucher, Rainer (2004): Entmonopolisierung und Machtverlust. Wie kam die Kirche in die Krise?, S. 12.

89 vgl. Hemminger, Wolfgang, et al. (2006): Wachsen mit weniger. Konzepte für die Evangelische Kirche von morgen. Gießen: Brunnen-Verlag; Bauerochse (2010), S. 210.

90 vgl. ebd., S. 210f.; vgl. auch Bucher (2004), S. 13.

91 Hansjörg Hemminger zit. n. Bauerochse (2010), S. 210f.; vgl. auch Gabriel (2010), S. 29.

92 vgl. Pollack (2003), S. 190. zit. n. Gabriel (2010), S. 29.

93 vgl. Jörns, Klaus-Peter (1999): Die neuen Gesichter Gottes. Was die Menschen heute wirklich glauben. München: Beck

94 vgl. Gabriel (2010), S. 27.

95 Repräsentative Studie, 1000 persönliche Interviews, durchgeführt im März 2006 vom Markforschungsinstitut GfK, Thema: „Spiritualität in Deutschland“ .

96 Identity Foundation (2006): Jeder siebte Deutsche ein „ Spiritueller Sinnsucher “ , S. 2.

97 vgl. ebd.

98 ebd., S. 3.

99 vgl. ebd., S. 2f.

100 ebd., S. 2.

Details

Seiten
83
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656117278
ISBN (Buch)
9783656131854
Dateigröße
1.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v188090
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Weingarten
Note
1,5
Schlagworte
populäre kultur religion eine analyse absicht

Autor

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Titel: Populäre Kultur und Religion