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Lexical Bias und Wortlängeneffekte im Deutschen

Eine Korpusanalyse

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 29 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Lexical Bias in der Literatur
2.1. Modellbezogene Grundlagen
2.2. Korpusbasierte Untersuchungen zum Lexical Bias
2.3. Experimentelles Vorgehen

3. Die Analyse des Seminar Korpus
3.1. Die Vorbereitung des Korpus
3.2. Die Berechnungen zum Korpus
3.3. Diskussion

Literaturverzeichnis

Abstract

Die Planung sprachlicher Äußerungen verläuft nicht immer fehlerfrei, sondern kann zu Versprechern führen. Dabei tendieren Planungsfehler auf der Phonemebene dazu bei der Äußerung in einem realen Wort zu resultieren. Das Phänomen dieser Versprecher wird Lexical Bias genannt. Studien zum Lexical Bias, bei denen Versprecherkorpora analysiert oder SLIP-Task Experimente durchgeführt wurden, erklären den Effekt auf zwei unterschiedliche Weisen. In einem interaktiven Sprachproduktionsmodell wird die Entstehung des Effektes einem automatischen Feedback zwischen Wort- und Phonemebene zugeschrieben. Aus der Perspektive eines modular-seriellen Sprachproduktionsmodells wird der Lexical Bias Effekt auf das Self-Monitoring Modul zurückgeführt, das nur nicht-lexikalische Fehlplanungen herausfiltert. Im Kontext des Seminars „Störungen der Sprachproduktion“ wurde der Lexical Bias in einer korpusbasierten Analysemethode für das Deutsche nachgewiesen und zusätzlich eine Minderung des Effektes mit zunehmender Wortlänge festgestellt. Rückschlüsse auf die Entstehung des Effektes sind mit den gewonnen Daten auf Grund des Fehlens von Metadaten nicht möglich.

1. Einleitung

Das Hauptziel auf dem Gebiet der Sprachproduktionsforschung ist die Modellierung mentaler Prozesse, die beim Produzieren von menschlicher Sprache stattfinden. Hierzu wird im Einzelnen versucht den Weg von einer Idee eines Sprechers bis hin zur artikulierten Äußerung zu rekonstruieren. Von Bedeutung sind in diesem Zusammenhang Fragen danach, welche linguistischen Ebenen in diesen Prozess involviert sind, wie die Prozesse auf den Ebenen zeitlich koordiniert sind und in welchem Abhängigkeitsverhältnis die Prozessebenen zueinander stehen. Ein Weg um diese Unklarheiten zu klären ist es, Sprecher gezielt vor sprachliche Aufgaben zu stellen und die produzierten Äußerungen an Hand vorher festgelegter Parameter, wie der Reaktionszeit, zu analysieren. Dabei besteht die Möglichkeit Aufgabenstellungen und Äußerungsbedingungen systematisch zu manipulieren und die Auswirkungen auf das Sprechverhalten der Versuchsteilnehmer zu untersuchen. Auf diesem Wege wird versucht, den menschlichen Sprachproduktions-apparat mit Hilfe sprachlich korrekt produzierter Äußerungen zu modellieren.

Ein anderer Weg, um Rückschlüsse auf die oben genannten Fragstellungen zu gewinnen, ist eine Analyse misslungener sprachlicher Äußerungen. Da Versprecher meist nicht willkürlich produziert werden, sondern einem systematischen Muster folgen (Baars et al. 1975), erlauben sie einen Einblick in den Sprachplanungsprozess gesunder Menschen. Versprecher sind insofern systematisch, als das sie auf allen linguistischen Ebenen auftreten, und dabei klar definierten Typen zugeordnet werden können. Eine Antizipation beispielsweise wie die Phonemantizipation müse Mäuse statt müde Mäuse ist in anderer Form auch auf Idiom-, Wort, Morphem- oder Silbenebene möglich. Zusätzlich gehören die interagierenden Einheiten der Versprecher stets der gleichen Kategorie an. Auf der Morphemebene ist es daher wahrscheinlich, dass die Stämme zweier interagierenden Wörter miteinander vertauscht werden. Unwahrscheinlich hingegen ist, dass der Stamm eines Wortes mit dem Affix eines am Versprecher beteiligten Wortes vertauscht wird.

Eine Beobachtung die in der Versprecherforschung häufig gemacht wird, ist, dass misslungene Äußerungen unfreiwillig in real existierenden Wörtern resultieren. Auf das Phänomen, dass ein Versprecher in einem anderen Wort resultiert, referiert der Begriff Lexical Bias. Viele Studien zum Lexical Bias zeigen, dass die Frequenz dieser Versprecher über einem Zufallsniveau liegt (vgl. u.a. Baars et al. 1957; Costa et al., 2006; Hartsuiker et al, 2006). Um den Lexical Bias wissenschaftlich fundiert analysieren zu können, müssen genügend Daten mit Versprechern, respektive dem Lexical Bias vorliegen. In der Versprecherforschung gibt es zwei Methoden eine solche Datengrundlage zu schaffen. Die erste Methode besteht darin, natürliche Versprecher aus dem Alltag in einen Korpus zusammenzutragen und dieses auszuwerten. Eine zweite Methode ist es, Versprecher mit Hilfe von Experimenten künstlich herbeizuführen und die Resultate auszuwerten. Einen Überblick über das methodische Vorgehen bei korpusbasierten Studien und deren Resultate liefert Kapitel 2. Außerdem wird in dem Kapitel gezeigt, wie mit Hilfe des sogenannten SLIP-Task Paradigmas künstlich Versprecher erzeugt werden und zu welchen Ergebnissen diese Methode führt.

Über die Entstehung des Lexical Bias herrscht in der Forschungsliteratur eine zweigeteilte Meinung. Je nachdem, ob ein modular-serielles (Baars et al. 1975; Levelt et al. 1999) oder ein interaktives (Dell & Reich, 1981; Dell, 1986, Costa et al. 2006) Sprachproduktionsmodell zugrundegelegt wird, ergeben sich unterschiedliche Szenarien durch die der Lexical Bias ausgelöst wird. Umgekehrt können unter der Zuhilfenahme des Lexical Bias Aussagen über die Plausibilität eines modularen bzw. interaktiven Ansatzes getroffen werden. Die Behandlung des Lexical Bias in der Forschung und die modelltheoretische Einordnung ist ebenfalls Gegenstand von Kapitel 2.

Im Kontext des Seminars „Störungen der Sprachproduktion“ wurde die Methode der korpusbasierten Untersuchung gewählt. Ein Korpus mit etwa 2200 Versprechern, von denen etwa 700 in einem Wort resultieren, wurde zu diesem Zweck zusammengetragen. Das Ziel der empirischen Untersuchungen war es, das Auftreten eines Lexical Bias mit überzufälliger Wahrscheinlichkeit für den deutschen Versprecherkorpus nachzuweisen. Außerdem wurde untersucht, ob der Effekt mit zunehmender Wortlänge abnimmt. Die Untersuchungen orientierten sich stark an dem Vorgehen der Korpusanalysen aus Hartsuiker et al. (2006). Eine Rekapitulation zur Aufbereitung des Korpus und die dazugehörige Analyse ist Gegenstand von Kapitel 3.

Das Ziel dieser Arbeit ist es, die empirischen Herangehensweisen zur Erstellung, Kodierung und Analyse des Seminarkorpus zu rekapitulieren und eine modellbezogene Einordnung des Lexical Bias zu geben. Dazu wird zunächst auf Grundlage bestehender Literatur methodische Vorgehensweisen, sowohl korpusbasierter, als auch experimenteller Art, zur Analyse des Effektes vorgestellt. In diesem Zusammenhang wird ebenfalls beschrieben, wie die Entstehung des Effektes in der vorherrschenden Literatur erklärt wird.

2. Lexical Bias in der Literatur

In diesem Kapitel werden die möglichen Ursachen des Lexical Bias vorgestellt. Dazu werden relevante Studien vorgestellt, in denen der Effekt auf unterschiedliche Weise untersucht und interpretiert wurde. Die Forschung zum Lexical Bias stützt sich auf zwei Untersuchungsmethoden. Zum Einen werden Korpora bestehend aus Versprechern dahingehend ausgewertet, ob das Auftreten des Lexical Bias über einem Zufallsniveau liegt. Zum Anderen gibt es die Methode, Versprecher mit Hilfe eines experimentellen Designs kontrolliert herbeizuführen. An die Experimente anschließend werden die Fehler, die in einem Wort resultieren, mit den Fehlern verglichen, die in einem Nicht-Wort resultierten. Übertreffen die Wortfehler die Nicht-Wortfehler, liegt ein Lexical Bias Effekt vor. Bei der Suche nach der Ursache des Lexical Bias stehen zwei Ansätze zur Disposition, die zwei konkurrierende Architekturen der Sprachproduktion wiederspiegeln und die nachstehend kurz erläutert werden.

2.1. Modellbezogene Grundlagen

Auf der einen Seite wird der Lexical Bias auf das Monitoring -Modul in einem modular-seriellen Sprachproduktionmodell zurückgeführt (Baars et al. 1975; Levelt et al. 1999). Dieses Modul überwacht sowohl die innere als auch die overte Sprache eines Sprechers auf Wohlgeformtheit. Das Monitoring ist zu einem bestimmten Grade ein bewusster Prozess der die Aufmerksamkeit des Sprechers erfordert und damit Kapazitäten des Arbeitsgedächtnisses beansprucht (Levelt, 1989). Eine Konsequenz daraus ist, dass die Kapazitäten des Monitoring limitiert sind. Andererseits verleiht die Bewusstheit des Monitors dem Modul eine Flexibilität (Baars et al. 1975; Ferreira & Pashler 2002; Nozari & Dell, 2009). Demnach operiert der Monitor nicht bei jeder Äußerung zwangsläufig nach dem gleichen Muster, sondern kann die Kriterien der Überwachung flexibel an den Äußerungskontext (Wort/ Nicht-Wort) oder an Sprechbedingungen (z.B. Zeitdruck) anpassen.

Das Monitoring-Modul tritt im Zusammenhang mit einem modular-seriellen Sprachproduktionssystem auf (Levelt, 1989). Eine Grundannahme dieser Modellarchitektur ist, dass alle Prozessschritte nacheinander ablaufen und der Informationsfluss unidirektional ist (feed-forward). Damit ist ausgeschlossen, dass die Ebenen des Systems sich gegenseitig beeinflussen können. Das Monitoring-Modul ist die letzte Kontrollinstanz des Systems, bevor eine Äußerung produziert wird. Bereits zuvor wurde die Äußerung semantisch, syntaktisch und phonologisch spezifiziert. Bei der Überwachung wendet das Modul ein „lexikalisches Kriterium“ an, sodass nur real existierende Wörter artikuliert werden, Nicht-Wörter aber als solche identifiziert und herausgefiltert werden (Noteboom & Quené, 2008).

Das Argument für die Entstehung des Lexical Bias im Zusammenhang mit dem Monitor ist, dass ein falsch selektiertes, dennoch real existierendes Wort, das Kriterium der Lexikalität erfüllt und somit nicht vom Monitoring-Modul herausgefiltert wird. Auf diese Weise gelangt der Versprecher in die overte Äußerung und bildet einen Lexical Bias.

Auf der anderen Seite wird der Lexical Bias durch das gegenseitige Feedback zwischen Wortform- und Phonemebene aus einem interaktiven Sprachproduktionsmodell heraus erklärt (Dell & Reich, 1981; Costa et al. 2006). Die Knoten auf den genannten Ebenen stehen über bidirektionale Verbindungen in unmittelbarem Kontakt zueinander und können sich gegenseitig beeinflussen (feedback und feed - forward). Durch das Prinzip der Spreading-Activation werden nicht nur intendierte, sondern auch artverwandte Knoten mit aktiviert. Der Knoten mit der höchsten Aktivierung wird selektiert und aktiviert entweder Knoten benachbarter Ebenen oder gelangt in die Artikulation. Auf diese Aktivierungsprozesse hat der Sprecher keinerlei Einfluss, sie geschehen automatisch. Das bedeutet, die Prozesse können auf der einen Seite reflexartig schnell geschehen, auf der anderen Seite sind sie unflexibel (Ferreira & Pashler 2002; Nozari & Dell, 2009).

Die Argumentation für das Entstehen des Lexical Bias innerhalb des interaktiven Ansatzes lautet, dass fälschlich selektierte Phoneme zunächst Aktivierung an die Wortebene zurücksenden. Ergibt das fälschlich ausgewählte Phonem ein Nicht-Wort, steht auf Wortebene keine Repräsentation bereit, um Aktivierung an die Phonemebene zurücksenden zu können. Auf Grund des geringen Grads an Aktivierung werden Nicht-Wörter hierbei nie bzw. nur selten selektiert und artikuliert. Wahrscheinlicher ist es deshalb, dass Fehler artikuliert werden, die real existierende Wörter sind. Fälschlich ausgewählte Phoneme, die auf Wortebene dennoch auf ein reales Wort ergeben, erhalten Feedback von der Wortformebene zurück und besitzen deshalb einen hohen Grad an Aktivierung. Als Resultat entsteht bei der Artikulation ein Versprecher, der einen Lexical Bias ergibt.

2.2. Korpusbasierte Untersuchungen zum Lexical Bias

Merrill Garrett hat sich früh mit der Untersuchung von Versprechern zur Modellierung von Sprachplanung auseinandergesetzt. Garrett (1975) wählte die Methode ein Korpus das aus Sprechfehlern besteht zu analysieren. Die Daten aus seinem Korpus lieferten Evidenz, dass zum Produzieren von Äußerungen zwei Ebenen durchlaufen werden müssen, die funktionale und die positionale Ebene. Auf funktionaler Ebene wird das grammatische Gerüst des Satzes aufgebaut, sodass am Ende dieses Prozessschrittes abstrakt repräsentierte Wörter stehen, die hinsichtlich ihrer Bedeutung und ihrer grammatischen Beziehung zueinander spezifiziert sind. Auf positionaler Ebene werden phonologisch spezifizierte Morpheme in der zu artikulierenden Reihenfolge aktiviert, sodass zum Abschluss der Planung eine phonologische Repräsentation der Äußerung vorliegt (Dell & Reich, 1981; Pechmann, 1994).

Garrett nahm an, dass die beiden Ebenen sowohl strikt nacheinander, als auch unabhängig voneinander arbeiten. Dies schlussfolgerte er aus seinen Beobachtungen zu Sprechfehlern. Nach Garrett (1975) sind Versprecher wie in Beispiel (1) (entnommen aus Dell & Reich, 1981) der funktionalen Ebene zuzuordnen, da die Stämme zwar vertauscht, aber korrekt flektiert wurden.

(1) I would hear one if i knew it (intendiert: I would know one if i heard it)
(2) I haven’t satten down and writ it (intendiert: I haven’t sat down and written it)

In (1) fand eine morphosyntaktische Anpassung (accomodation) statt, was ausschließlich der funktionalen Ebene vorbehalten ist, da nur sie Zugang zum mentalen Lexikon hat. Im Gegensatz dazu sind Versprecher wie in Beispiel (2) (entnommen aus Dell & Reich, 1981) der positionalen Ebene zuzuordnen. In (2) sind die Stämme der interagierenden Morpheme vertauscht worden, die Flexionsaffixe allerdings haben ihre Position beibehalten. Es hat keine flexionsmorphologische Anpassung stattgefunden, was Garrett damit begründet, dass der Zugang zum Lexikon bereits auf der Ebene zuvor stattgefunden hat. Die positionale Ebene hat keinen Zugang zum Lexikon und kann deshalb nicht von diesem beeinflusst werden. Demnach können Versprecher der positionalen Ebene nur durch Zufall zu neuen Wörtern führen (Garett, 1975).

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Details

Seiten
29
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656114772
ISBN (Buch)
9783656115373
Dateigröße
652 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v188044
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,3
Schlagworte
Lexical Bias Wortlängeneffekt Versprecher Psycholinguistik Korpusanalyse Deutsch Sprachproduktion Self-Monitoring Feedback mentales Lexikon Levelt Dell

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Titel: Lexical Bias  und  Wortlängeneffekte  im Deutschen