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Kunst ist tot. Es lebe die Kunst!

Eine kursorische Analyse heutiger Kunst mit Hilfe Luhmanns Systemtheorie und Horkheimer & Adornos „Dialektik der Aufklärung“

Essay 2011 22 Seiten

Soziologie - Medien, Kunst, Musik

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Kunst und Künstler
2.1 Kunst als intrinsische Konstruktion
2.2 Kunst als extrinsische Konstruktion
2.3 Das Selbstbild des Künstlers
2.4 Der Künstler auf dem freien Markt
2.5 Resümee

3 Kunst als System
3.1 Systemtheorie nach Luhmann
3.1.1 Kunst als symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium
3.1.2 Kunst als System

4 Kunst als Massenbetrug

5 Ausblick

6 Abbildungsverzeichnis

7 Literatur

1 EINLEITUNG

Wir leben in einer Äkünstlichen“ Welt, eine Welt, die wir kultivieren und unseren Vorstellungen und Ansprüchen anpassen. Es ist eine Welt, die wir uns erschaffen, erdenken und konstruieren. Die Wissenschaft versucht diese zu erklären, ihre Komplexität zu reduzieren, Dinge und Vorgänge zu systematisieren und diese allgemein verständlich zu machen. Ein anderes System, nämlich das der Kunst, wagt diesen Schritt ebenfalls. Es versucht anhand von Darstellungen, Texten, Abbildungen, Skulpturen usw. - sprich Kunstwerken - die Welt zu veranschaulichen bzw. widerzuspiegeln.

Seit der Säkularisierung, der ÄVerwissenschaftlichung“ und der Entdeckung des Individuums in der Renaissance; seitdem die Welt durch profane Beobachtung, anstatt durch religiös-transzendente ÄEingebungen“ erklärt wird, hat sich das Wesen und der Zweck der Kunst drastisch gewandelt. »Kunstwerke [waren] lange Zeit ausschließlich dazu bestimmt, religiöse Bedeutungen herauszustellen und so die bestehende Ordnung zu untermauern, so verlor die Kunst in der Renaissance ihren sakralen Symbolcharakter und besann sich nun wieder auf die Nachahmung der Wirklichkeit, mithin auf das aristotelische Mimesis-Konzept.« (Zahner 2006: 19f, Hervorhebung im Original) Kunst nahm die Rolle eines Meta-Betrachters ein, der versuchte die Welt bzw. die Wirklichkeit deskriptiv zu beschreiben.

Es drängt sich nun die Frage auf, was Kunst heute ausmacht? Und: Was ist überhaupt ÄKunst“? Diese Frage wird ganz unterschiedlich behandelt, »Kunstliebhaber, Kunstkritiker oder Kunsthistoriker haben eine andere Sichtweise als Kunstsoziologen, Kunstökonomen oder etwa Politiker, welche konkrete kulturpolitische Maßnahmen durchführen sollen« (Frey/Busenhart 1997: 41).

Der provokante Titel der Arbeit, Kunst ist tot - es lebe die Kunst, weist darauf hin, dass Kunst anscheinend einen Wandel vollzogen hat und sie nicht mehr so ist, wie sie einmal war. In dieser Ausarbeitung soll sich mit einer weitestgehend soziologischen bzw. philosophischen Betrachtung der Kunst sowie deren Produzenten und Ideologie befasst werden, die am Ende in einer Kopplung von Niklas Luhmanns Systemtheorie und Horkheimer & Adornos Beitrag zur »Kulturindustrie« münden.

2 KUNST UND KÜNSTLER

Mit dem Begriff Kunst1 verbinden die meisten Menschen bestimmte Tätigkeiten oder gewisse Dinge, wie etwa Romane, Gemälde, Skulpturen, ein Theaterstück, eine Sinfonie; oder denken an Persönlichkeiten wie Goethe, Shakespeare, Mozart oder auch Beethoven. Für die einen ist Kunst ein essentieller Bestandteil ihres Lebens, für andere nur ein notwendiges Übel, dass gefördert werden muss, weil es andere so bestimmt haben.2 »Kunst ist alltäglich präsent; zugleich soll sie etwas Besonderes repräsentieren, denn sie wurde seit Jahrhunderten als ein privilegierter Bereich der Kultur betrachtet. Kunstwerke sind der Inbegriff menschlicher Kreativität, sagen die einen. Kunstwerke enthalten Spuren des Seins, behaupten ehrfurchtsvoll die anderen.« (Zembylas 2004: 117) Kunst, wenn überhaupt von der Kunst gesprochen werden kann, findet sich aber nicht nur in Äverstaubten“ Museen wieder, sondern kann auch etwas ganz Alltägliches sein:

Wir befinden uns in einer Werbeagentur. Es ist neun Uhr morgens, der Kunde, der den neusten Entwurf für seine Werbekampagne erwartet, hat sich für zehn Uhr im Büro angekündigt. Der Illustrator sitzt an seinem PC und überlegt sich, wie er das Corporate Design des Kunden in seine Grafik integrieren kann. Er arrangiert, schneidet aus, färbt ein - alles digital - und am Ende steht das Produkt: ein Werbeplakat der Größe A0. Der Illustrator ist zufrieden. Jetzt heißt es warten und hoffen, dass der Auftraggeber das auch sein wird. Als der Kunde das Plakat sieht, braucht es nicht lange bis er den Entwurf zerreißt und in Eile die Agentur verlässt.3

Hier trafen zwei (ästhetische) Vorstellungen, von dem was Kunst ist, aufeinander und kollidierten. An diesem simplen, provokativ dargestellten Beispiel wurde gezeigt, dass Kunst abhängig ist. Sie ist abhängig vom Künstler selbst,4 von den Rahmenbedingungen in denen sich jener befindet und letztlich vom Betrachter. Kunst wird demnach intrinsisch und extrinsisch konstruiert. Das Wort konstruieren5 deutet darauf hin, dass etwas nicht natürlich, also von Natur aus gegeben ist, sondern sich erdacht wurde. Eine Konstruktion ist demnach ein Erzeugnis, das sich auf bestimmte Art und Weise generiert. Es handelt sich folglich um eine subjektive Perspektive, anhand derer Kunst definiert wird.6 Schon aus diesem Punkt heraus ergeben sich machtpolitische Fragen, die sich auf die Legitimation von Kunst beziehen, jedoch hier nicht ausgeführt werden können.

Diese kursorischen Überlegungen liefern zwei Perspektiven, die nun nachfolgend erläutert werden sollen. Eine Grundfrage wird dabei sein, welche Bedeutung die Kunst bzw. das Kunstwerk für das jeweilige Subjekt hat. Warum wird Kunst geschaffen: Kunst der Kunst willen, oder Kunst als Mittel zum Zweck?

2.1 Kunst als intrinsische Konstruktion

»Kunst ist nicht gleich Kunst.« (Jussen 1999: 46) Diese Aussage impliziert, dass derselbe Begriff unterschiedlich Verwendung findet. Damit Kunst als solche überhaupt bezeichnet werden kann, muss zunächst etwas geschaffen werden: das Kunstobjekt. Dieses wird von einem Produzenten7 erdacht und erbaut. Am Anfang dieses Prozesses steht eine Idee, die wiederum mit einer gezielten Intention ausgeführt und das Objekt dementsprechend ausgearbeitet wird. Diese Intention des Ausführenden ist es, die jenes Objekt in subjektiver Weise einfärbt, die nun folglich als intrinsisch konstruiert begriffen werden soll (Vgl. Zahner 2006: 52f). Der Erzeuger gibt seinem Produkt die Form, Farbe, Größe bzw. Gestalt. Er sieht etwas in ihm und externalisiert dadurch seine Vorstellungen und Gedanken. Das Kunstobjekt wird dadurch zum Kunstsubjekt.

Die Kunst wird zum Zeichen und Repräsentant von Sinn. »Bei aller Verschiedenheit haben Zeichen gemeinsam, daß sie stets zweckbestimmt sind (Pragmatik), Informationen enthalten (Semantik) [und] ablesbar an ihrem jeweiligen Aussehen (Syntaktik) [sind].« (Duroy/ Kerner 1988: 260) Das Kunstsubjekt wird auf Grund von Distinktionen und auch als solche generiert; als »Produktion von Unterscheidungen« (Luhmann 1997: 59), wie es Luhmann bezeichnet. Es entsteht durch die Absicht des Künstlers bzw. Produzenten, die mit in das Werk einfließt und es dadurch von anderen abgrenzt. Er gibt ihm seine Form, diese ist »ein Einschnitt, eine Verletzung eines unbestimmten Bereichs von Möglichkeiten durch eine Unterscheidung, eine Transformation unbestimmbarer in bestimmbare Komplexität« (Ebd.: 60).

Mit seinem Werk kann der Künstler zum einen auf seine besondere Stellung in der Gesellschaft hinweisen, einen Ätieferen“ Sinn mit Hilfe seiner Arbeit proklamieren und schließlich präsentieren; zum anderen kann es aber auch sein, dass er den (Kunst-)Markt bestens kennt und seine Werke rein als Produkte definiert. Bei Letzterem produziert er eine Ware, die möglicherweise pseudo-semantisch aufgeladen wird, weil sich das Werk dadurch besser verkauft.

2.2 Kunst als extrinsische Konstruktion

Auch bei dieser Form, muss zunächst etwas existent sein, dem eine Bedeutung zuge- schrieben werden kann. Die direkte Einflussnahme auf den Entstehungsprozess kann in einigen Fällen zwar erheblich mit der Schaffung verbunden sein, gerade bei Auftragsar- beiten, aber sie ist dennoch nicht so immens, wie bei der intrinsisch motivierten Herstel- lung. Trotzdem kann es sein, dass Kunst erst von außen als solche definiert wird. Ist dies sogar obligatorisch?

Auf der Internetseite www.affenbrut.de findet der Betrachter Bilder, die von Affen, genauer den Orang-Utans Barito und Sita, gemalt wurden. In Kooperation mit dem Krefelder Zoo wird jedes dieser Gemälde als zertifiziertes Unikat auch zum Verkauf angeboten. Je nach Größe und Aufwand werden so die Anfertigungen zu einem Preis von 100€ bis 420€ verkauft.

Betrachtet man die Gemälde fällt auf, dass sie stilistisch dem abstrakten Expressionismus, bzw. der Aktionsmalerei (Action Painting) zugeordnet werden könnten. Es stellt sich hier jedoch die Frage, inwiefern ein Affe mit den gängigen Stilausprägungen vertraut ist oder diese verstehen kann. Ergo zeigt sich deutlich, dass Kunst als solche eben auch extrinsisch definiert wird. In Abbildung 1 ist ein Bild vom Affen Barito zu sehen, es wird auf der Internetseite für 390 Euro verkauft. Doch wie entsteht dieser Wert? Subtrahiert man die Ausgaben für Fingerfarbe und Leinwand, so bleibt ein Restwert bestehen, der sich - subtrahiert man großzügig - auf möglicherweise 300 Euro beläuft. Da es sich um eine gemeinnützige Aktion des Krefelder Zoos handelt, sollen sicherlich die 300 Euro dazu dienen, die Kosten des Betriebes zu decken. Zusätzlich haben sie insofern einen symbolischen Wert, als dass sie eben Gemeinnützigkeit und Unterstützung suggerieren. Schlussendlich entscheidet aber der Geschmack des Käufers, seine ästhetischen Vorstellungen/ Distinktionen/ Konventionen darüber, was Kunst ist und was nicht. Aber gerade an diesem Beispiel wird ein marktwirtschaftliches Ausnutzen der Kunst ersichtlich.

Zieht man nun Abbildung 2 hinzu, stellt man fest, dass es Gemeinsamkeiten gibt, die im konfusen Aufbau, in der Nonlinearität und in der Abstraktion münden. Der gravierende Unterschied ist jedoch der Preis: Jackson Pollocks Werk ÄNo. 5“ wurde für 140 Mio. Dollar verkauft (Vgl. Blomberg 2008: S. 10). Auch hier stellen sich Fragen wie: Was stellt das Bild dar? Was hat es für eine Intention bzw. hat es überhaupt eine? Und woraus resultiert der Preis?8 Letzteres, so könnte man vermuten, ergibt sich daraus, dass Pollock einen großen Einfluss auf die Kunstszene hatte: Er hat den Stil des Action Painting geprägt, wodurch die Gemälde von Barito und Sari erst als Kunst legitim werden. Pollock hat vergleichsweise wenige Werke geschaffen und nach dem Marktprinzip bedeutet dies: Besteht eine hohe Nachfrage nach einem Produkt und ist dieses Produkt nur in knappen/ geringen Mengen vorhanden, so steigt der Preis. Der symbolische Wert seiner Werke, ist demnach größer als der materielle, der sich ausschließlich durch die Produktionskosten ergibt.

Auch Luhmann geht davon aus, dass die Kunst nicht vom Künstler selbst, sondern von Anderen ihre Bedeutung erhält. Er sieht den Künstler (den er als Beobachter 1. Ordnung bezeichnet) als jemanden, der die Komplexität der Welt reduziert. Dies geschieht zufällig, in dem er die unendlich vielen losen Kopplungen, also alle nebenher existierenden Elemente eines Systems, in feste Kopplungen transformiert, ergo in »Form« bringt (Vgl. Luhmann 1997: S. 57 u. 79; sowie Luhmann 1997a: 92ff u. 165ff).

2.3 Das Selbstbild des Künstlers

Das Selbstbild des Künstlers, seine Ideologie, bildete sich wechselseitig aus: Auf der einen Seite konnte er etwas, das andere nicht konnten, nämlich etwas in Form bringen bzw. abzubilden (Vgl. Grimminger 1990: 115ff); er sättigte das Verlangen nach Kunstgütern. Auf der anderen Seite gab es eben jene, die ihm ein bestimmtes Geschick zuschrieben, etwas Besonderes konstatierten, ein Talent; die ÄGenialität“, die sich der Künstler dann als Disposition zuschrieb. »Das kreative Potential der Maler wurde im ‚Unbewußten‘ des künstlerischen Individuums lokalisiert.

[...]


1 Der Begriff Kunst ist im wesentlichen schwer abzugrenzen. Verschiedene Positionen proklamieren, dass der Kunstbegriff aus wissenschaftlicher Sicht nicht sehr rentabel sei, es also nicht viel darüber zu sagen gäbe, weil die Geschmäcker zu verschieden seien. Oder es wird vorgeschlagen, den Künstlern die Definition dessen, was Kunst sei, zu überlassen (Vgl. Zembylas 2004: 118). Eine methodologische Abgrenzung aus kunstphilosophischer Sicht lässt sich durch normative, analytische, phänomenologische/interpretative und systematische Konzeptionen vornehmen (Ebd.: 121).

2 Zur Thematik Kulturpolitik, vgl. Klein 2009: 60ff.

3 Das Plakat wird hier als Kunstwerk verstanden, genauer als Ädigital art“, da hier zumeist auch kompositorische und kunsttheoretische/ ästhetische Aspekte in die Arbeit mit einfließen.

4 Ein Kunstprodukt entsteht aus einer Verkettung von Prozessen, so, zumindest in den meisten Fällen, in Zusammenarbeit mit anderen. Ein Buch zum Beispiel entsteht durch den, der es schreibt, aber eben auch durch den, der es letztlich druckt, vertreibt usw. Dieser Gedanke wird im Production-of-Culture-Ansatz postuliert.

5 Das Wort leitet sich ab aus dem lateinischen con = »zusammen« und struere = »bauen«.

6 Eine Frage die daraus folgen könnte wäre, ob es so etwas wie eine Äobjektive Kunst“ gibt bzw. überhaupt geben kann. Folgt man dem konstruktivistischen Ansatz, dass es keine Objektivität gibt, so ergibt sich, dass es maximal eine intersubjektive Kunst geben kann.

7 Anstatt den Begriff Produzent zu verwenden, könnte synonym dazu auch Erfinder, Erbauer o.ä. angebracht werden, eben immer dann, wenn etwas originär erschaffen wird.

8 Zur Undurchsichtigkeit der Preissetzung auf dem Kunstmarkt, vgl. Bloomberg 2008: 12ff.

Details

Seiten
22
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656118299
ISBN (Buch)
9783656132714
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v188042
Note
Schlagworte
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