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Zur Problematik der Adressatenfrage und der Satirezuordnung von Heinrich v. Wittenwilers "Ring"

Ein Forschungsüberblick

Seminararbeit 2010 25 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

2. FORSCHUNGSÜBERBLICK

3. ANALYSE UND INTERPRETATION ZWEIER ZENTRALER SZENEN AUS DEM RING
3.1. Die Turnierszene
3.1.1. Darstellung der idealen Turniersitten
3.1.2. Anaylse und Interpretation der Turnierszene
3.1.3. Fazit
3.2. Das Hochzeitsmahl
3.2.1. Darstellung der idealen Tischsitten
3.2.2. Analyse und Interpretation der Hochzeitsszene
3.2.3. Fazit

4. Fazit

Literatur

Primärliteratur

Sekundärliteratur

1. Einleitung

In der vorliegenden Hausarbeit über Heinrich von Wittenwilers Werk Der Ring wird die Zuordnung des Textes zu einer Satireform an Hand zweier exemplarischen Szenen untersucht. Gleichzeitig wird mittels dieser Szenen die Frage nach dem Adressaten beantwortet, an den, die im Buch aufgezeigten Lehren, gerichtet sind. In der aktuellen Ringforschung herrscht Uneinigkeit über die Zuweisung des Buches zu einer speziellen satirischen Gattung. Studien zu diesem Thema klassifizieren den Ring entweder als Ständesatire oder als allgemeine Menschensatire.

Die Befürworter der standessatirischen Auffassung des Rings betrachten den Bauern als Vertreter seines eigenen Standes, der sich stereotypisch verhalte.1 Dem gegenüber kann der Bauer aber auch als eine groteske Verkörperung des Adels interpretiert werden.2 Die Vertreter der Menschensatire weichen hingegen von der Theorie ab und sehen die Gestalt des Bauern als Repräsentanten des Menschentypus Narr, der über alle Standesgrenzen hinaus Einzug in die Gesellschaft hält.3 In meiner Hausarbeit komme ich zu dem Schluss, dass es sich nicht um Standes-, sondern um Menschensatire handelt.

Analog dazu, konnte die Adressatenfrage der Lehren in Wittenwilers Ring bis heute nicht eindeutig beantwortet werden. Die Meinungen dazu gehen auseinander, sodass kein eindeutiger Adressat bestimmt werden konnte. Das Spektrum des potentiellen Publikums reicht hierbei vom Bauernstand, über das Bürgertum, bis hin zum Adel.4 Ich komme zu dem Schluss, dass die Lehren nicht auf eine ständisch gebundene Öffentlichkeit abzielen, sondern dass sich durchweg jeder Mensch darin wiederfindet.

Anfangs soll eine Zusammenfassung über den bisherigen Forschungsstand in der Frage nach der Satirezuordnung und Adressatenfrage gegeben werden. Dazu definiere ich zunächst den Begriff der Satire, von dem ausgehend, die Szenen des Turniers und des Hochzeitsmahles, auf ihre satirischen Mittel hin untersucht werden. Vor der Analyse der Szenen skizziere ich, wie in der höfischen Kultur die Idealvorstellungen zu den Veranstaltungen aussahen, die für beide Szenen relevant sind. Durch die Beschreibung der Ideale, ist das normabweichende Verhalten der Bauern besser nachzuvollziehen. Zudem wird in diesem Teil die oben aufgeworfene Frage, nach der satirischen Richtung und dem Adressaten, mit Hilfe von Textbelegen erörtert. Der Schlussteil meiner Arbeit enthält noch mal die wichtigsten Ergebnisse des Hauptteiles in zusammengefasster Form.

2. Forschungsüberblick

Die Ringforschung geht der Frage nach, wer in Wittenwilers Werk satirisch kritisiert wird. Die Beantwortung dieser, hängt entscheidend mit der Frage nach dem Adressaten zusammen. Denn nur wenn bekannt ist, wer karikiert wird, kann auch bestimmt werden, an wen sich die komische Kritik richtet. Diesen Fragen soll nach einer Definition des Satirebegriffes im Folgenden nachgegangen werden.

Nach dem Brockhaus definiert sich Satire allgemein als Literaturgattung, Ädie durch Spott, Ironie, Übertreibung bestimmte Personen, Anschauungen, Ereignisse oder Zustände kritisieren oder verächtlich machen will.“5

Spezifischer definiert Gaier die Satire, deren Kernpunkt der Äständige Bezug zur Wirklichkeit“ ist. Die Satire entferne sich zwar von der Realität, doch verliere sie diese nie ganz aus den Augen, sodass sie stets in einem ‚Spannungsverhältnis’ zueinander stehen. Bedingung für den Satiriker sei es, dass die Wirklichkeit als Äbedrohlich“ empfunden wird, damit der Anreiz gegeben ist, diese zu Äbekämpfen“. Da die Realität meist nicht als substantieller Gegner auftritt, sondern sich als Zustand, unlogischer Schluss oder widersprechendes Verhältnisse präsentiert, sei es zu aller erst wichtig, den substanzlosen Gegner, zu einem Ädefinitiven“ Widersacher zu formen. Dies geschehe durch die sprachliche Auseinandersetzung mit der Materie. Erst dann könne die Äbedrohlich-widerwärtige Seite des Unbekannten“ bekämpft werden.6

Die Interpretationen zur Einordnung des Rings gehen grob in zwei Richtungen. Die Parteien lassen sich differenzieren in Vertreter von Ständesatire und Menschensatire.7

Die Ständesatire greift einen bestimmten gesellschaftlichen Stand an, indem sie standestypische Merkmale parodistisch aufgreift, um sie bloßzustellen und zu verspotten.8 Gleiches Ziel verfolgt die Menschensatire, mit dem Unterschied, dass sie nicht auf eine Schicht abzielt, sondern alle Menschen nach einem bestimmten Typus klassifiziert. Der Typus setzt sich aus dem Verhalten, der Lebensweise und Einstellung eines Individuums zusammen.

Gaier versteht den Ring als Satire auf den Menschen. Demnach haben die von Wittenwiler verwendeten Bezeichnungen ‚gpauer’ und ‚hofman’ keinen ständischen Hintergrund. Sie beschreiben menschliche Verhaltensformen, die über alle Standesgrenzen hinweg, jeden betreffen können.9 Gaier führt die Erkenntnis auf folgende Verse Wittenwilers zurück:

ÄEr ist ein gpauer in meinem muot, der unrecht lept und läppisch tuot, nicht einer, der weisem gfert sich mit trewer arbait nert; wan der ist mir in den augen sälich vil, daz schült ir glauben.“10

An dieser Stelle werde deutlich, dass die Bezeichnung ‚gpauer’ nur ein Etikett für ‚unrechte’ und ‚läppische’ Lebens- und Verhaltensweise sei.11 Besitzt jemand aber die Einsicht zur Weisheit und verdient sein Essen mit redlicher Arbeit, so sei er ‚sälich vil’ und kann dem Status des ‚gpauren’ ablegen.12 Der ‚gpaur’ verkörpere die Eigenschaften der Böswilligkeit und Falschheit, sowie die Abstinenz von Frömmigkeit, Weisheit, Tugend und Zucht.13

Die Wirklichkeit wird, wie in seiner Definition beschrieben, zu Ungunsten des Bauernstandes, verzerrt und der Narr unter der Bauernmaske versteckt.14 Ein weiterer Beweis dafür sei, so Gaier, dass die Charaktere der Bauern im Ring nicht einheitlich unrecht leben, sondern Äfein differenziert“ sind. So erlange Bertschi beispielsweise am Ende der Geschichte die Weisheit.15 Für den Adressaten gilt das Selbige wie für den Verspotteten. Die Lehren wenden sich an jeden, dem es Äan gutem Willen, Weisheit und Zucht mangelt“. So sei das Publikum Wittenwilers quasi unbegrenzt, aber ganz besonders ziele die Satire auf das junge und gebildete Städtebürgertum ab, weil diese Schicht Wittenwilers Lehren, auf Grund ihres Bildungsstandes, interpretieren kann und, wegen ihres Alters, noch charakterlich formbar sei.16

Auch Ehlert sieht in dem Bauernstand nicht den Bauern an sich, sondern nur einen Menschen mit der Maske eines Bauern. Hinter der Maske stecke ein narrenhafter Mensch, der keine sittlichen Normen kenne oder nicht in der Lage sei, diese zu Erfüllen.17 Er werde damit lächerlich gemacht und als Äunkultiviert bloßgestellt“.18 Zugleich habe das sittenwidrige Verhalten der Bauern für tugendhaft lebende Gruppen eine Änormbestätigende Funktion ex negativo“.19

Bismark argumentiert dagegen, den Ring als allgemeine Menschensatire zu verstehen und sieht den Ring als konkreten Angriff auf den bäuerlichen Stand und den Adel.20 Bismark weist darauf hin, dass Wittenwiler bestimmte Seiten des bäuerlichen Lebens ins lächerliche ziehe.21 Die Lächerlichkeit werde durch den Kontrast zu den ritterlichen Normen, welche durch das Agieren Neidharts erkennbar sind, noch gesteigert.22 Belege für die direkte Kritik am bäuerlichen Stand, findet Bismark in der Turnierszene, in der er Indizien der bäuerlichen Lebensweise identifiziert. Der erste Anhaltspunkt sei die Verwendung der Wappen beim Turnier, die Symbole Narrensymbolik darstellen. Zur Ausrüstung der Bauern gehörten Gäule, Futterwannen und Saumsättel. Des Weiteren zieht Bismark drei Äußerungen von Lappenhausern heran, an denen der bäuerliche Bezug sichtbar werde. Bei der ersten geht es um eine Lieferung Heu und Stroh, die entstandenen Schaden wiedergutmachen soll. Die zweite betrifft eine Äußerung über Eisengrein bezüglich der Ausmistung seines Stalles. Die dritte Äußerung betrifft den Morgen danach, als es den Bauern unmöglich erscheint, nach der schweren Arbeit vom Vortag aufzuwachen.23

Der dritte und eindringlichste Beweggrund, die Bauern als Stand kritisiert zu verstehen, sei der Kontrast zu Neidhart. Vom Erzähler wird dieser mehrmals als ‚her’, ‚edeln herren’ oder ‚ritter’ benannt und von den Lappenhausern zu Anfang nur als ‚herverlauffner buob’ und ‚hüerrensun’ beleidigt. Neidhart spricht die Bauern dagegen mit ‚juncherr’ oder ‚herr’ an. Die Vertauschung der Rollen und der tiefe Fall der Bauern am Ende, rücke den bäuerlichen Stand Äam schärfsten ins satirische Licht“, da es an dieser Stelle keinen ritterlichen Kontext zur Bauernkritik brauche.24

Als weiteren Anhaltspunkt, dass der Bauernstand selbst im Fokus der satirischen Verspottung steht, führt Bismark ein Äzeitgenössisches Faktum“ an, wonach die bäuerliche Ritternachahmung solche Ausmaße annahm, das es zu Ähohnvoller Parodierung reize“.25 Gleiches Verhalten schreibt er in noch größerem Umfang dem Adel zu. Hinzu kommt, dass der ritterliche Adel teilweise in bäuerlichen Verhältnissen lebte und bäuerliche Arbeit verrichten musste.26 Wittenwiler bringe somit typische Kennzeichen beider Schichten in verzerrter und übertriebener Weise mit in die Geschichte hinein. Dies ist nach der Definition indes möglich, solange der reale Anreiz nicht verloren gehe, welcher mit der Nachahmlust beider Stände nach wie vor gegeben ist.27

[...]


1 Vgl. Bismark 1976, S. 56f.

2 Vgl. Bismark 1976, S. 75 Plate 1974, S. 52

3 Vgl. Gaier 1967, S. 183, 209

4 Vgl. Puchta-Mähl 1986, S. 274ff.

5 Brockhaus 1973, S. 484f.

6 Vgl. Gaier 1967, S. 329ff.

7 bzw. auch ‚Moral- oder ‚Narrensatire’ genannt

8 Vgl. Bismark 1976, S. 109ff.

9 Vgl. Gaier 1967, S. 191

10 Vgl.Wittenwiler 1991, S.10 (V. 43-48)

11 Vgl. Gaier 1967, S. 209 Puchta-Mähl 1986,S . 274f.

12 Vgl. Gaier 1967, S. 191

13 Ebd. S. 195

14 Ebd. S. 201

15 Ebd. S. 191

16 Ebd. S. 209

17 Vgl. Ehlert 1990, S. 85

18 Ebd. S. 76

19 Ebd. S. 78

20 Vgl. Bismark 1976, S. 56, 73, 75

21 Vgl. Bismark 1976, S.56

22 Ebd. S. 59 und Lebensweise, aber kaum

23 Ebd. S. 57f.

24 Ebd. S. 56ff.

25 Ebd. S. 73

26 Vgl. Bismark 1976, S. 83ff.

27 Ebd. S. 64

Details

Seiten
25
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656114796
ISBN (Buch)
9783656115441
Dateigröße
786 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v188035
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Germanistik
Note
3,0
Schlagworte
Der Ring Turniersitten Hochzeitssitten Mittelalter Wittenwiler Satire Ständesatire Menschensatire Ringforschung Mediävistik Höfische Kultur

Autor

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