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Performance Grammar - Zur Erfassung des Scramblings im deutschen Mittelfeld durch psycholinguistische Prinzipien

Seminararbeit 2010 34 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Scrambling als allgemeines Wortstellungsphänomen
2.1. Was ist Scrambling?
2.2. Scrambling in Ansätzen und Theorien
2.3. Zwischenfazit

3. Wortstellungsvariationen im deutschen Mittelfeld
3.1. Definition des Scrambling im Deutschen
3.2. Abfolgen im deutschen Mittelfeld
3.2.1. Syntaktische Kriterien
3.2.2. Nicht-Syntaktische Kriterien
3.3. Zwischenfazit

4. Performance Grammar
4.1. Grundlagen der Performance Grammar
4.1.1. Hierarchie
4.1.2. Linearisierung
4.2. Performance Grammar und Scrambling
4.3. Zwischenfazit

5. Implementierung von psycholinguistischen Prinzipien in der Performance Grammar
5.1. Prinzip der Inkrementalität
5.2. Prinzip der Late Linearisierung

6. Diskussion

Literatur

Anhang I

Anhang II

Abstract

Das Mittelfeld im Deutschen hat einen hohen Grad an Variation in der Konstituentenabfolge. Die Erfassung dieses Phänomens stellt für viele Grammatiken eine Schwierigkeit dar. Grammatiken sind gefordert, sowohl die Flexibilität der Konstituentenabfolge zu erfassen, als auch ungrammatische Abfolgen auszuschließen. Diesen Anforderungen versucht die Performance Grammar aus einer psycholinguistischen Perspektive zu entsprechen. Durch die Implementierung der Prinzipien der Inkrementalität und der Late Linearisierung kann die Performance Grammar das Phänomen des Scramblings adäquat erfassen.

1. Einleitung

Die vorliegende Seminararbeit beschäftigt sich mit dem Phänomen des Scramblings. Unter Scrambling wird verstanden, dass Sprachen mit freier Wortstellung in der Lage sind ihre Konstituenten zu permutieren, ohne dass die Konstruktionen ungrammatisch werden. Im Deutschen beschränkt sich diese Fähigkeit, Konstituenten zu variieren, auf das Mittelfeld. Das deutsche Mittelfeld gilt hinsichtlich der Stellungsmöglichkeiten von Subjekt, direkten und indirektem Objekt als frei. Gleichzeitig lassen sich jedoch für diese Konstruktionsvarianten Abfolgetendenzen feststellen, welche je nach Grammatik-formalismus lediglich als Tendenzen oder auch als Präzedenzregeln aufgefasst werden können.

Eine einheitliche Behandlung des Scramblings stellt für Syntaxtheorien bisher ein Problem dar, da eine freie oder relativ freie Wortstellung, wie im Deutschen, für Grammatikgeneralisierungen schwer zu fassen ist. Die Anforderungen an einen Grammatikformalismus sind dementsprechend hoch. Ein Grammatikformalismus muss Aussagen über die Existenz oder Nicht-Existenz einer Basisabfolge machen. Wenn von einer Basisabfolge ausgegangen wird, muss die Frage nach dem Mechanismus beantwortet werden, der aus einer Grundabfolge A eine Variante B generiert. Wenn die Gleichberechtigung der Konstruktionen vorausgesetzt wird, muss festgestellt werden, wodurch welche Variante ausgelöst wird. Weiterhin muss ein Formalismus alle grammatisch möglichen Konstruktionen erfassen und alle unakzeptablen und ungrammatischen Varianten ausschließen können.

Eine Syntaxtheorie, die den Anspruch erhebt, die Wortstellungsflexibilität des Deutschen erfassen zu können, ist die von Kempen & Harbusch (2002) entwickelte Performance Grammar. Damit entwickelten sie einen psycholinguistisch motivierten Grammatikformalismus, der auf den Annahmen der inkrementellen Verarbeitung und der Late Linearization basiert. Durch die von Kempen & Harbusch eingenommene psycholinguistische Perspektive, kann die Performance Grammar zum Einen das Phänomen des deutschen Scramblings adäquat erfassen und liefert zum Anderen Evidenz für eine serielle inkrementelle Verarbeitung von Konstituenten im deutschen Mittelfeld.

Das Ziel der Arbeit ist zu zeigen, dass das Scrambling für das Deutsche ein durchaus zu erfassendes Phänomen ist. Zunächst wird in Kapitel 2 eine allgemeine Definition des Scramblings geliefert, gefolgt von einem Forschungsüberblick, der die aktuellen Forschungsrichtungen zum Thema Scrambling aufzeigt. Für das Deutsche wird in Kapitel 3 eine sprachspezifische Definition des Scramblings vorgenommen. Dabei lassen sich bestimmte Tendenzen in der Abfolge von Konstituenten feststellen, die an Hand von Beispielen erläutert werden. Gegenstand von Kapitel 4 ist die Performance Grammar, ein Grammatikformalismus, der die Phänomene der Variationen erfassen soll. Dabei wird gezeigt, wie das Modell, mittels zweier Prozessebenen, Dominanzabfolgen und lineare Abfolgen realisiert. Die Erfassung des Scramblings durch die Performance Grammar wird in Kapitel 4.2 aufgezeigt. In Kapitel 5 wird die Einbettung der psycholinguistischen Prinzipen der Inkrementalität und der Late Linearisierung diskutiert. Eine kritische Betrachtung des Modells wird abschließend in Kapitel 6 vorgenommen.

2. Scrambling als allgemeines Wortstellungsphänomen

Das nachfolgende Kapitel liefert zunächst eine Definition Scramblings und beschreibt es als allgemeines Wortstellungsphänomen, das in Sprachen mit freier Wortstellung auftritt. Anschließend wird die Problematik des Scramblings in verschiedenen Ansätzen und Theorien erörtert.

2.1. Was ist Scrambling?

Sprachen lassen sich hinsichtlich ihrer Wortstellung dahingehend klassifizieren, dass sie eine freie oder eine feste Wortstellung aufweisen. Sprachen mit fester Wortstellung können nicht von einer festen Abfolge abweichen, ohne dass die Konstruktion ungrammatisch wird. In Sprachen mit einer freien Abfolge hingegen, sind unterschiedliche Konstruktionen möglich. Dabei weist die „Mehrheit der Sprachen mit mehr als einer Abfolgemöglichkeit eine dominante Wortstellung auf“ (Greenberg, 1966, S.76)). Scrambling umfasst also zunächst das Phänomen, dass Sprachen hinsichtlich ihrer Wortstellung frei sind (Corver & Riemsdijk, 1994, S.1). Es werden weiterhin zwei Arten des Scramblings differenziert. Scrambling kann demnach satzintern auftreten, wie es im Niederländischen der Fall ist oder, satzübergreifend, als Long-Distance-Scrambling, wie es in japanischen Satzkonstruktionen möglich ist. In Sprachen, wie beispielsweise dem Koreanischen (vgl. Lee, 1994) oder Japanischen (vgl. Ueyama, 1994) ist es möglich, dass sowohl die eine, als auch die andere Art des Scramblings auftritt.

2.2. Scrambling in Ansätzen und Theorien

Der Begriff des Scramblings wurde von Ross (1968) eingeführt und beschreibt Transformationsprozesse, bei denen aus einer festen zugrundeliegenden Struktur verschiedene Oberflächenstrukturen mit unterschiedlicher Konstituentenabfolge generiert werden (Bussmann, 2002, S.588). Während Ross (1968, S.70) im Scrambling eine „stilistische Umordnung“ sieht, bei der zwei adjazente Konstituenten permutiert werden, betrachten zwei weitere Ansatzrichtungen das Scrambling als syntaktisches Phänomen. Eine Möglichkeit der Erfassung des syntaktischen Scramblings ist der Bewegungsansatz. In diesem kann Scrambling entweder als A- Bewegung, A‘- Bewegung oder eigenständiger Typ von Bewegung definiert werden. Eine andere Möglichkeit ist die Analyse innerhalb eines basisgenerierten Ansatzes (Corver & Riemsdijk, 1994, S.1;

Rosengren, 1994, S.179). Einen Überblick über die Ansätze zur Erfassung des Phänomens der freien Wortstellung gibt Abbildung 1.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Scrambling in Ansätzen und Theorien (nach Corver & Riemsdijk, 1994)

Im basisgenerierten Ansatz wird, entgegen der Annahme der Transformations-grammatiken, nicht von einer zugrundeliegenden Abfolge der Konstituenten ausgegangen. Es wird vielmehr eine willkürliche Anordnung der Konstituenten auf der D-Struktur angenommen in der die Konstituenten keine festgelegte syntaktische Position haben (Corver & Riemsdijk, 1994, S.2; Neeleman, 1994, S.387). Eine notwendige Annahme ist, dass es Verben möglich ist über Adjunkte hinweg Theta-Rollen und Kasus zu vergeben (Neeleman, 1994, S.387). Die basisgenerierende Richtung wird weiter in den konfigurationalen und den nicht-konfigurationalen Ansatz unterschieden (Corver & Riemsdijk, 1994, S.2). Beide Ansätze gehen von einer variablen D-Struktur aus. Sie unterscheiden sich jedoch darin, dass unter dem konfigurationalen Aspekt die D-Struktur hierarchisch organisiert ist und die Argumente und Adjunkte frei verteilbar sind, während es sich bei dem nicht-konfigurationalen Ansatz um eine flache Phrasenstruktur handelt (Corver & Riemsdijk, 1994, S.2).

Innerhalb eines Bewegungsansatzes wird Scrambling definiert als eine „durch Bewegung von der zugrunde liegenden Wortstellung entstandene Variation“ (Corver & Riemsdijk, 1994, S.1). Eine Bewegungstheorie muss zunächst die Frage beantworten, welche der möglichen Variationen einer Satzkonstruktion, als zugrundeliegende Struktur angenommen werden soll.

Anschließend ergibt sich die Frage, um welche Art der Bewegung es sich handelt. Zunächst lässt sich grundsätzlich zwischen A- und A‘- Bewegung unterscheiden. Typischerweise werden unter A-Bewegung Bewegungsarten wie z.B. Anhebung in Subjektposition, Anhebung in Objektposition, Passivierung usw. gefasst. Als A’- Bewegung werden Bewegungen wie z.B. Relativierung, Quantifier-Raising, Topikalisierung und WH-Bewegung klassifiziert.

Unter einer A-Bewegung wird eine Bewegung verstanden, die in einer A-Position endet. Analog dazu wird unter einer A’-Bewegung eine Bewegung erfasst, die in einer A’-Position endet. Eine A-Position hat im Gegensatz zur A‘-Position die Eigenschaften, dass ihr eine Theta-Rolle zugewiesen wird, dass sie als Antezedens für einen Binder dienen und generell nicht Rekonstruktion und parasitäre Lücken lizensieren kann (Lee & Santorini, 1994, S.257).

Die Zuordnung von Scrambling zu einer der beiden Bewegungsarten ist problematisch, weil gescrambelte Strukturen sowohl Eigenschaften einer A-Bewegung, als auch einer A‘-Bewegung aufweisen können (Bayer & Kornfilt 1994, S.17; Corver & Riemsdijk, 1994, S.9f.). Für das Scrambling im Deutschen beispielsweise lassen sich A-Positions-Eigenschaften, wie der anti-weak crossover effect (Corver & Riemsdijk, 1994, S.9; Lee & Santorini, 1994, S.259) und die Fähigkeit zur Anaphernbindung (Corver & Riemsdijk, 1994, S.9) bestimmen. Allerdings lizensieren gescrambelte Strukturen des Deutschen gleichzeitig auch parasitäre Lücken (Corver Corver & Riemsdijk, 1994, S.9; Lee & Santorini, 1994, S.264.) und Rekonstruktion (Lee & Santorini, 1994, S.263). Eine genaue Zuordnung zu einer der beiden Bewegungen ist daher problematisch, ebenso wie die Bereitstellung eines dritten Bewegungstypen, der das Scrambling erfasst. Für einen solchen dritten Typ sollte gelten, dass er sprachübergreifend einheitlich charakterisierbar ist, was aber bei der Menge von unterschiedlichen Scrambling-Phänomenen mit unterschiedlichen Charaktereigenschaften in unterschiedlichen Sprachen schwer realisierbar scheint.

2.3. Zwischenfazit

Generell gibt es keinen Konsens darüber, wie mit dem Phänomen des Scramblings übergeordnet verfahren werden soll. Es stellt sich zum Einen die Frage, ob es möglich ist eine Theorie zu wählen, die alle Varianten des Scramblings verschiedener Sprachen und unterschiedlichen Typs erfassen kann und soll. Zum Anderen stellt sich die Frage, ob sprachintern einheitlich verfahren werden sollte, d.h. alle Scramblingphänomene einer Sprache in einen Ansatz eingepasst werden sollten oder nicht (Riemsdijk, 1994, S.13f.).

3. Wortstellungsvariationen im deutschen Mittelfeld

Im vorangegangenen Kapitel wurde Scrambling relativ allgemein als freie Wortstellung definiert und die Behandlung aus Sicht verschiedener Theorien und Ansätze dargestellt. Im Folgenden wird Scrambling speziell für das Deutsche definiert und typische Abfolgevariationen wiedergegeben, die sich für das Deutsche aufzeichnen lassen.

3.1. Definition des Scrambling im Deutschen

Das Scrambling im Deutschen findet ausschließlich im Mittelfeld statt. Darin kann eine beliebige Anzahl von Konstituenten auftreten. Nach der traditionellen topologischen Einteilung befindet sich das Mittelfeld zwischen der linken und der rechten Satzklammer (Altmann & Hahnemann, 2007, S.55), bzw. zwischen Complementizer und satzfinalem Verb (Büring, 1994, S.80). Die Konstituenten im deutschen Mittelfeld zeigen hinsichtlich ihrer Abfolge eine starke Varianz. Anders herum heißt das, dass ihre Abfolge relativ frei ist. Diese Variabilität der Konstituenten im Mittelfeld wird als Scrambling bezeichnet (Rosengren, 1994, S.176).

3.2. Abfolgen im deutschen Mittelfeld

Das deutsche Mittelfeld gilt hinsichtlich seiner Stellungsmöglichkeiten von Konstituenten als „grundsätzlich frei“ (Altmann & Hahnemann, 2007, S.58). Dennoch lassen sich für das Deutsche Abfolgetendenzen oder Wortstellungsregularitäten feststellen. Diese Abfolgen lassen sich in syntaktische und nicht-syntaktische Kriterien unterteilen.

3.2.1. Syntaktische Kriterien

Zunächst wird von einer Grundabfolge oder unmarkierten Abfolge ausgegangen. Bei dieser Abfolge handelt es sich um die dominante Wortstellung, die gegenüber den anderen Abfolgen bevorzugt wird, und die am wenigsten Kontext-beschränkt ist. Als Basisabfolge wird die Abfolge angenommen, bei der das Subjekt Vorrang vor allen anderen Satzgliedern hat (Altmann & Hahnemann, 2007, S.58; Philippi &Tewes, 2010, S.239; Wöllenstein-Leisten, Heilmann, Stephan & Vikner, 2005, S.57). Dieser Basisabfolge entspricht Beispiel (1), in der das nominale Subjekt des subordinierten Satzes dem indirekten und dem direkten Objekt vorangeht.

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Details

Seiten
34
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656114871
ISBN (Buch)
9783656115632
Dateigröße
748 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v188025
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Sprachwissenschaftliches Institut
Note
1,7
Schlagworte
Mittelfeld Deutsch Inkrementalität Performance Grammar Scrambling Variation Konstituentenabfolge Late Linearisierung Psycholinguistik Syntax Sprachproduktion Levelt Kempen Harbusch Formulierung

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