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Die phonologischen Entwicklungen des jamaikanischen Kreols von 1494 bis heute

Seminararbeit 2011 40 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Linguistische Einführung

3 Entstehung und Entwicklung des jamaikanischen Kreols
3.1 Besiedlung Jamaikas durch die Spanier (1494 - 1655)
3.2 Besiedlung Jamaikas durch die Briten (1655-1962)

4 Phonologische und phonetische Besonderheiten des jamaikanischen Kreols
4.1 Die Silbenstruktur
4.2 Das Vokalinventar
4.3 Das Konsonanteninventar
4.4 Phonologische Prozesse

5 Phonologische und phonetische Songtextanalyse
5.1 Analyse der Vokale
5.2 Analyse der Konsonanten
5.3 Diskussion

6 Fazit

Anhang

Literaturverzeichnis

Verwendete Texte und Transkriptionen

Abstract

Das Patois ist eine englischbasierte Kreolsprache, die im Zuge der britischen Besiedlungs- phase auf Jamaika entstand. Die kreolisierte Form entwickelte sich durch den Sprachkon- takt zwischen Kolonialherren und importierten afrikanischen Sklaven. Besonders stark von dem Kreolisierungsprozess betroffen, waren die Syntax, das Lexikon und die Pho- nologie. Heute existiert parallel zu der Kreolsprache das jamaikanische Englisch auf der Karibikinsel, eine Varietät des Standardenglischen. Die als sozial niedrig assoziierte Kreolsprache tendiert aktuell dazu, mit dem angeseheneren jamaikanischen Englisch zu verschmelzen (DeCamp, 1971; Fleischmann, 2005). Als Konsequenz dieses Verschmel- zungsprozesses entstehen eine Reihe von Zwischenstufen an Varietäten. Dieses Spektrum an Varietäten ist mittels des Post-Kreol-Kontinuums (DeCamp, 1971) darstellbar. Ein aus phonologischer Perspektive charakteristisches Beispiel für den Wandel zu einer dieser Zwischenstufen des Kontinuums, ist der Song „Old War Chant“ des Interpreten Dami- an Marley. Die Analyse des Songs zeigt, dass sich darin sowohl Elemente des Patois, als auch des jamaikanischen Englisch finden lassen. Das gemeinsame Auftreten der Elemente liefert einen Hinweis für die Theorie, dass in der jamaikanischen Sprachgemeinschaft ein Dekreolisierungsprozesses stattfindet.

1 Einleitung

Im Jahre 1655 wurde Jamaika durch britische Besatzer erobert und anschließend mit afri- kanischen Sklaven besiedelt, die die anfallenden Plantagenarbeiten verrichten sollten. Mit dem Aufeinandertreffen englischsprachiger Kolonialherren und den Sprechern verschie- dener afrikanischer Sprachen als Sklaven, wurde die Basis für die englische Kreolsprache Patois gelegt. Die Pidgin-Sprache diente der grundlegenden Kommunikation im Arbeits- verhältnis zwischen britischen und afrikanischen Bewohnern. Mit der Zeit beeinflusste diese Mischsprache das Sprachverhalten der Kolonialherren, als auch der Sklaven, da sich beide Parteien aneinander anpassen mussten. Für die nachfolgenden Generationen, die mit der Pidgin-Sprache aufwuchsen, wurde das Patois zur Muttersprache und damit zum Kreol (Cassidy, 1961).

Auf Grund seiner Entstehungsgeschichte, lassen sich im Patois vorwiegend englische und afrikanische Elemente wiederfinden. Das Englische bildet, begründet durch das damals herrschende Dominanzverhältnis zwischen Herren und Sklaven, die Ausgangsprache für das jamaikanische Kreol. Die von der Kreolisierung betroffenen Elemente umfassen von der Syntax über die Lexik, der Morphologie und der Phonologie, nahezu alle linguistischen Ebenen. Im Fokus dieser Arbeit steht die phonologische Ebene.

Das Patois ist nicht die einzige existierende Sprachform auf Jamaika. Neben der Kreol- sprache wird auf Jamaika vor allem das jamaikanische Englisch gesprochen. Das jamaika- nische Englisch ähnelt stark dem Standardenglischen und dient als offizielle Amtssprache auf der Insel. Anders als die Kreolsprache, genießt das jamaikanische Englisch ein sozial hohes Prestige und ist das Zeichen der gebildeten und urbanen Gesellschaftsschicht. Spre- cher des Patois werden hingegen als weniger gebildet, ländlich und konservativ betrachtet. Das jamaikanische Englisch und das jamaikanische Kreol bilden gegenüberliegende Pole in einem Kontinuum der sozialen Anerkennung. Dabei nimmt das Patois den Platz am unteren Pol und das jamaikanisch Englisch den Platz am oberen Pol des Kontinuums ein. Zwischen den Extremen befinden sich eine Reihe von zwischenliegenden Varietäten, die zu einem der beiden Pole tendieren (Devonish & Harry, 2008; Fleischmann, 2005).

Das Ziel der Arbeit ist es, die jamaikanische Sprachgemeinschaft innerhalb des PostKreol-Kontinuums zu verorten und den Verschmelzungsprozess der parallel existierenden Sprachen sichtbar zu machen. Damit wird die These untersucht, nach der ein weiterer phonologischer Wandel stattfindet, in dem das Patois und das jamaikanische Englisch in einer Art Dekreolisierungsprozess miteinander verschmelzen.

Die Untersuchung geschieht an Hand der phonologischen Merkmalsanalyse eines ausgewählten, für das Patois charakteristischen, zeitgenössischen Musikstückes. Die Auswahl des Interpreten in der typisch jamaikanischen Musikstilrichtung Reggae, steht dabei stellvertretend für die aktuell auf Jamaika lebende Sprachgemeinschaft.

Die Arbeit zum phonologischen Wandel des Englischen hin zu der Kreolsprache Patois ist folgendermaßen aufgebaut. In einem soziolinguistischen Teil wird das erwähnte Konzept des kreolischen Kontinuums im Detail vorgestellt (Kapitel 2). Da die Besiedlungspha- sen eng mit der Ausbildung der Kreolsprache verbunden sind, werden in dem anschlie- ßenden historischen Teil relevante Daten zur Eroberung und Kolonialisierung Jamaikas vorgestellt (Kapitel 3). Im analytischen Teil werden phonologische Besonderheiten der jamaikanischen Kreolsprache beschrieben (Kapitel 4). Die gewonnen Ergebnisse zu den phonologischen Besonderheiten des Patois werden in einem praktischen Teil an Hand ei- nes zeitgenössischen Musikstückes (Damian Marley - Old War Chant) sichtbar gemacht und diskutiert (Kapitel 5). Die Gesamtergebnisse der Arbeit werden in einem Diskussi- onsteil abschließend zusammengefasst und innerhalb des Kontinuums verortet (Kapitel 6).

2 Linguistische Einführung

Das jamaikanische Kreol befindet sich in einem stetigen Entwicklungsprozess. Ursprüng- lich war es eine Pidgin-Sprache, die als rudimentäres Verständigungswerkzeug zwischen den Herrschenden und den Sklaven auf den Plantagen diente. Es entwickelte sich zu einer stark systematisierten Sprache, die zur Muttersprache für viele Menschen der Insel wurde.

Neben dem Patois existiert auf der Insel das jamaikanische Englisch, eine Sprachform, die sich nur geringfügig vom Standardenglischen unterscheidet. Devonisch & Harry (2008) bezeichnen diese Sprachgemeinschaft mit zwei parallel zueinander existierende Varietäten als diglossisch. Die Diglossie beschreibt „eine stabile Form von gesellschaftlicher Zweisprachigkeit [. . . ], in der eine klare funktionale Differenzierung zwischen einer sozial „niedrigen“ Sprachvarietät (engl. L[ow]-variety) und einer „hohen“ Standardvarietät (engl. H[igh]-variety) besteht “ (Bußmann, 2002, S. 167).

Die Definition der Diglossie ist durch die Situation der jamaikanischen Sprachgemeinschaft erfüllt. Das Patois gilt als die sozial niedere L-Varietät gegenüber dem jamaikanischen Englisch. Das jamaikanische Englisch bildet die H-Varietät, es ist grammatisch, lexikalisch und stilistisch komplexer als die L-Varietät und bewegt sich nahe am Standardenglischen (Devonisch & Harry, 2008).

Der Begriff der Diglossie reicht allerdings nicht aus, um die Situation der jamaikanischen Sprachgemeinschaft adäquat zu beschreiben. Neben der L- und der H-Varietät existieren auf Jamaika viele Sprachformen, die sich zwischen den beiden Extremen bewegen (Cassi- dy, 1971; DeCamp, 1971; Fleischmann, 2005). Die sprachlichen Zwischenstufen entstehen, da das jamaikanische Kreol die Tendenz zeigt, graduell mit dem jamaikanischen Engli- schen zu verschmelzen bzw. allmählich durch das jamaikanisch Englisch verdrängt zu werden.

Die Gründe für diese Entwicklung sind die wachsende Zahl Englisch lernender Schul- kinder, die Verbesserung der Infrastruktur mit Anbindung an ländliche Gebiete und der demagogische Wandel, der die Leute weg vom Land und hin zum urbanen Leben treibt (Fleischmann, 2005). Die genannten Gründe begünstigen die Ausbreitung des jamaika- nischen Englisch auf der Insel und die damit verbundene Verdrängung der Kreolsprache. Anstatt von einer Diglossie zu sprechen, bei der nur die L- und H-Varietät darstellbar sind, ist ein Konzept nötig, das das gesamte Spektrum der Varietäten, mit all seinen Zwischenstufen erfassen kann.

Dieses Spektrum an sprachlichen Varietäten wird als Post-Kreol-Kontinuum bezeichnet, an dessen Enden sich jeweils das Patois und das jamaikanische Englisch befinden. Kenn- zeichenend für ein derartiges Kontinuum sind „Sprachgemeinschaften mit gleichzeitigem Vorhandensein von Kreolsprache und Ausgangssprache des Kreols“ (Bußmann, 2002, S. 58). Dieses Kennzeichen trifft zu, da mit dem Englischen als Ausganssprache und dem Pa- tois als Kreolsprache beide Sprachformen in der Sprachgemeinschaft Jamaikas vorhanden sind.

DeCamp (1971) formuliert zwei Bedingungen, die erfüllt sein müssen, um als Post- Kreolische Sprachgemeinschaft zu gelten. Zum Einen muss die korrespondierende Stan- dardsprache des Kreols, die offizielle und dominante Sprache der Gemeinschaft sein. Zum Anderen muss die vormals strikte soziale Differenzierung zwischen den Sprechern (teil- weise) abgeschafft sein. Beide Bedingungen sind auf Jamaika erfüllt, da das nahe am Standardenglisch liegende jamaikanische Englisch die Amtssprache darstellt und die so- ziale Ungleichheit mit dem Ende der Sklaverei 1834 aufgehoben wurde (vgl. nachfolgendes Kapitel 3).

Das Englische ist die Ausgangssprache des Kreols und bildet heute in leicht abgewandelter Form als jamaikanisches Englisch die offizielle Schriftsprache auf Jamaika. Es ist der Standard in Schulen, Universitäten, Behörden und wird in allen formalen Kontexten gebraucht. Die Sprecher des jamaikanischen Englisch sind assoziiert mit urbanisierten, gebildeten Menschen, die der Oberschicht angehören (DeCamp, 1971). Das jamaikanische Englisch ist die Sprache mit dem sozial höchsten Prestige, bildet das obere Ende der Skala und wird als Akrolekt bezeichnet (Bußmann, 2002, S. 58). Das Konzept des Akrolektes ist mit dem der H-Varietät vergleichbar. Das Erwerben des Akrolektes gilt innerhalb der Sprachgemeinschaft auf Grund seines sozialen Stellenwertes als erstrebenswert.

Das Patois befindet sich auf dem gegenüberliegenden, unteren Ende des Kontinuums und bildet den Basilekt, da es die von der Hochsprache entfernteste Varietät ist (Fleischmann, 2005), vergleichbar mit der L-Varietät. Sprecher des Basilekts werden als sozial tiefstehend, konservativ und ländlich angesehen.

Die Bezeichnung der dazwischen liegenden Varietäten ist Mesolekt. Es ist unklar, wie viele Mesolekte auf der Insel gesprochen werden. DeCamp (1971) vermutet, dass nahezu alle Jamaikaner Sprecher eines Mesolektes sind und weder den Akro- noch den Basilekt in seiner Reinform sprechen.

3 Entstehung und Entwicklung des jamaikanischen Kreols

Die Entwicklung des jamaikanischen Kreols ist eng verknüpft mit verschiedenen Besied- lungsphasen der Insel seit der Entdeckung 1494. Nach der Entdeckung durch Christopher Kolumbus stand Jamaika bis 1655 unter spanischer Besatzung. In dieser Zeit fand auf Grund eines Arbeitskräftemangels die erste Einfuhr von Afrikanern als Sklaven nach Jamaika statt. Eine zweite Besiedlungsphase fand von 1655 bis 1962 unter britischer Vorherrschaft statt. In dieser Zeit wuchs der Anteil afrikanischstämmmiger Menschen von anfangs 1.400 auf weit über 80.000 Menschen, was mit erheblichen Konsequenzen für die Sprache dort verbunden war. Die Besatzung durch die Spanier und, vor allem, durch die Briten, sowie die massenhafte Einführung von afrikanischstämmigen Menschen als Sklaven nach Jamaika bildeten die Grundlage für die Entwicklung des jamaikanischen Kreols (Cassidy, 1961; Cassidy & LePage, 1967).

3.1 Besiedlung Jamaikas durch die Spanier (1494 - 1655)

Vor der Entdeckung Jamaikas und der Kolonisierung durch die Spanier war Jamaika besiedelt von den Taino, einem indianisches Volk, das zu der ethnischen Gruppe der Arawaken gehörte (Blume, 1968). Die friedliebenden Taino nannten ihre Insel Xaymaca „Land der Quellen“ (Cassidy, 1961). Im Jahre 1494 traf die spanische Besatzung rund um den Seefahrer Christopher Kolumbus auf der Insel ein. Angelehnt an die arawakische Namensgebung, gab Kolumbus der Insel den Namen Jamaika (Cassidy, 1961).

Die Eingeborenen standen den spanischen Besatzern bei deren Ankunft freundlich ge- genüber und waren bereit, ihre Erzeugnisse mit den Spaniern zu teilen (Gewecke, 1984). Die Spanier nutzten die Ureinwohner allerdings als Arbeitskräfte indem sie diese für die Suche nach Gold einsetzten und zu Feldarbeiten zwangen. Auf Grund der harten Ar- beit und eingeschleppter Krankheiten, waren die Taino bereits knapp 50 Jahre nach der Übernahme der Insel durch die Spanier vollständig ausgerottet (Cassidy, 1961; Gleaner, 1967).

Da die Ausrottung weit vor dem Erreichen der Briten auf Jamaika geschah, gibt es kaum arwakischen Einfluss auf das jamaikanische Kreol. Das Taino gilt heute als ausgestorben. Einzig ein paar Bezeichnungen für Orte, Pflanzen und Tiere zeugen von ihrer Existenz (Cassidy, 1961). Zum Beispiel gibt es im jamaikanischen Englisch das Wort macca, es be- zeichnet Stacheln von Pflanzen oder Tieren. Die Bezeichnung stammt ursprünglich von der arawakischen Bezeichnung für die Palme macoya. Charakteristisch für die Palme sind ihre langen, schwarzen und spitzen Stacheln. Das Wort wurde ins Spanische übernommen und gelang von dort ins jamaikanische Kreol (Cassidy, 1961; Cassidy & Le Page, 1967).

Im Jahre 1509, 15 Jahre nach Kolumbus’ Ankunft, wurde Jamaika zur spanischen Kolonie (Gleaner, 1967). Da bereits zu diesem Zeitpunkt nur noch wenige Taino als Arbeiter zur Verfügung standen, wurden um 1515 afrikanische Arbeitskräfte auf die Insel importiert (Cassidy, 1961; Gleaner, 1967). Bis Mitte des 16. Jahrhunderts aber zogen viele Spanier aus dem gesamten karibischen Raum in Richtung des amerikanischen Festlandes ab, um an größere Mengen Gold und Silber zu gelangen. Damit war der Niedergang der spanischen Kolonie auf Jamaika eingeleitet (Gleaner, 1967; Gewecke, 1984).

Der spanische Einfluss auf das jamaikanische Kreol beschränkt sich deshalb auf wenige Wörter, von denen einige bereits wieder aus der Sprache verschwunden sind. Beispiele hierfür sind hato, eine Bezeichnung für eine Rinderfarm oder palenque, ein Zaun, der eine Siedlung umgibt (Cassidy, 1961; Cassidy & Le Page, 1967).

3.2 Besiedlung Jamaikas durch die Briten (1655-1962)

Nach der 146-jährigen Ära der spanischen Kolonie, begann die Zeit der Kolonialisierung Jamaikas durch die Briten. Diese trafen im Jahre 1655 auf Jamaika ein und attackierten das dort lebende spanische Volk. Durch die zahlenmäßige Überlegenheit der englischen Truppen, kapitulierten die Spanier und überließen den Briten wehrlos das Territorium. Bereits wenige Tage nach der Ankunft der Briten, waren die Spanier von der Insel verschwunden. Die Spanier ließen die afrikanischen Sklaven vor der Übernahme der Insel durch die Briten frei. Einige von ihnen flüchteten ins Landesinnere und setzten sich in den Berggegenden nieder. Nachfahren dieser Gruppe, den Maroons, leben noch heute isoliert vom Rest der Insel im Landesinneren. Ihre Sprache ist noch stark geprägt von afrikanischen und spanischen Einflüssen (Cassidy, 1961).

Einige der Sklaven flohen jedoch nicht und gingen in den Besitz der britischen Kolonialisten über (Cassidy, 1961). Da die Zahl dieser Sklaven für die Arbeit auf der Insel bei Weitem nicht ausreichte, wurde schnell damit begonnen, weitere Menschen als Sklaven nach Jamaika zu importieren.

Ab dem Jahre 1662 wurden etwa 3000 Sklaven pro Jahr von Afrika nach Jamaika ge- bracht. Voraus ging der Abschluss eines Vertrages mit der Handelskompanie der Königlich Afrikanischen Gesellschaft, bei dem diese Zahl in etwa verabredet worden war. Seitdem stieg die Zahl importierter afrikanischer Sklaven stetig. Folgende Zahlen verdeutlichen den enormen Zuwachs der importierten Sklaven. 1658, drei Jahre nach der Ankunft der Briten auf Jamaika, lebten 4.500 Weiße und 1.400 Schwarze auf Jamaika. Bis zum Jah- re 1734 stieg die Zahl der Sklaven drastisch auf 86.546 Personen. Die Zahl der weißen Bevölkerung wuchs nur gering an, auf 7644 Menschen. Um 1740 lebten Schwarze und Weiße im Verhältnis von 15 zu 1 auf der Insel (Cassidy, 1961). An den Daten wird die zahlenmäßige Überlegenheit der schwarzen Bevölkerung deutlich. Die Dominanz der afri- kanischen Bevölkerungsgruppe hatte Auswirkungen auf die gesamte Sprachgemeinschaft auf Jamaika (Cassidy, 1961; Cassidy & LePage, 1967).

Im Jahre 1655 kam es zu den ersten sprachlichen Übernahmen der englischen Sprache durch die Sklaven. Cassidy (1961) beschreibt die englische Sprache von damals mit de- nen die Sklaven in direkten Kontakt kamen als „kolonial“ (S. 15), ein Englisch aus der Mittelklasse, das Merkmale von unteren und oberen Klassen aufweist. Die Sprache, die die Sklaven erwarben, beschränkte sich auf das Nötigste und war, auf das was für die Ar- beit auf den Feldern erforderlich war, begrenzt. Der Zeitraum vom ersten Sprachkontakt zwischen Briten und Afrikanern 1655 bis etwa 1700 war maßgeblich für die Genese der „dominanten Merkmale“ des jamaikanischen Kreols (Cassidy & Le Page, 1967, xli) (vgl. Kapitel 4).

Es entstand eine Pidgin-Sprache, die auf englischer Seite durch westlich, nördlich und irisch dialektale Sprecher geprägt war, gesprochen von Buchhaltern und Aufsehern, mit denen die Sklaven in direkten Kontakt kamen. Auf afrikanischer Seite, stammten die meisten importierten Schwarzen aus verschieden Gebieten Westafrikas, die vor allem Sprecher verscheidener Kwa-Sprachen waren. Die Mehrzahl der Afrikaner waren Spre- cher des Twi, Fante, Ga oder Eve. An einer gemeinsamen Sprache fehlte es den Sklaven jedoch. Deshalb benutzten sie das Englische nicht nur im Kontakt mit den britischen Muttersprachlern, sondern auch untereinander als Kommunikationssprache. Dies erklärt die Dominanz englischer Elemente in der jamaikanischen Kreolsprache. Der anschließende Zeitraum, angefangen von 1700 bis zum Jahre 1808, war ebenfalls prägend für die jamaikanische Kreolsprache. Zum Einen gab es von da an eine „etablierte Kreol-sprechende Sklavengesellschaft“ (Cassidy & Le Page, 1967, S.15), die sich in den vorhergegangenen 45 Jahren herausgebildet hat. Dies hatte den Grund, dass das Pidgin für die auf der Insel geborenen Sklaven zur Muttersprache wurde. Zum Anderen kam es zum Kontakt zwischen den kreolisierten Sklaven und den neu ankommenden afrikanisch sprechenden Sklaven.

Der Kontakt der Sklaven zu nativen Sprechern des Englischen wurde immer geringer, sodass sich die kreolisierte englische Sprache immer mehr als Vermittlungssprache durchsetzte. Es wurde nicht nur unter den Sklaven zur Lingua Franca, sondern auch zwischen kreolisierten Weißen und den Sklaven, zwischen der wachsenden Anzahl an freien Farbigen und sogar bei den kreolisierten Weißen untereinander. Sprecher des Englischen gerieten zunehmend in die Minderheit und waren beschränkt auf die ursprünglischen britischen Auswanderer. Doch selbst entlang dieser Gruppe eigneten sich Handwerker und Buchhalter die kreolische Sprache an (Cassidy & Le Page, 1967).

Weiter beschleunigt wurde die Adaption der englischen Sprache durch die Sklaven um 1808, als die Immigration der Arbeitskräfte durch das Britische Parlament gestoppt wurde und keine Afrikaner mehr auf die Insel dazukamen. Bis zu diesem Zeitpunkt kamen insgesamt etwa eine Million Menschen aus Afrika als Sklaven auf die Insel (Cassidy & Le Page 1967; Gleaner, 1967).

Zusammengefasst ergab sich aus dem Englischen und den verschiedenen afrikanischen Sprachen das jamaikanische Kreol. Die englischen Elemente überwiegen gegenüber den afrikanischen Elementen und anderen Einflüssen eindeutig. Die Dominanz des Englischen kann insbesondere an dem überwiegend englischen Wortschatz festgemacht werden. Bezeichnend für die Zeit unter britischer Besatzung und konstituierend für die Sprache auf der Insel, war der schnelle Import großer Zahlen afrikanischer Arbeitskräfte aus ver- schiedenen Gebieten des Kontinents. Ebenfalls wichtig für die Herausbildung des Patois war die Etablierung der Kreolsprache unter den Sklaven und den Herren gleicherma- ßen. Diese beiden Punkte sind nach Cassidy (1971) die beiden Hauptfaktoren, die für die Ausbildung eines sprachlichen Spektrums (vgl. Kapitel 2) verantwortlich sind.

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Details

Seiten
40
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656114918
ISBN (Buch)
9783656115656
Dateigröße
627 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v188019
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,0
Schlagworte
Phonologie Phonologischer Wandel Kreol Jamaica Patois Kreolisierung Kreolsprache Sprachwandel

Autor

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Titel: Die phonologischen Entwicklungen des jamaikanischen Kreols von 1494 bis heute