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Andalusien – ein Modell für den interreligiösen Dialog?

Essay 2011 14 Seiten

Theologie - Sonstiges

Leseprobe

1. Die Ambivalenz der Heiligen Schriften

Ohne die Ambivalenz der Heiligen Schriften vor Augen zu haben, ist die Frage nicht zu beantworten, wie tolerant oder militant das Zeitalter von Andalusien wirklich war. Das konkrete Miteinander von Juden, Christen und Muslimen war nicht weniger ambivalent wie ihre Heiligen Schriften es sind. Es gab in Andalusien sowohl Kooperation und Dialog als auch Intoleranz und Heilige Kriege im Namen Gottes.

Fakt ist: Sie können jederzeit in der Hebräischen Bibel, im Neuen Testament sowie im Koran Belegstellen finden, die sowohl den Krieg als auch den Frieden befürworten. Verse, welche den Dialog nahelegen wie auch Verse, die den Fanatismus schüren. Je nach dem, welche Gruppierung welche Interessen verfolgte, bediente man sich zu allen Zeiten derjenigen Verse, welche die eigenen Auffassungen und Zielsetzungen legitimierte. Dass alle drei Religionen zur Nächstenliebe und zum Frieden aufrufen, ist bekannt. Aber sie reden auch vom Krieg. Keine Heiligen Kriege ohne die Heiligen Schriften, die diese Kriege legitimieren! Jeweils ein exemplarisches Zitat soll genügen.

Mose, die wichtigste Gestalt im Judentum, singt beim Auszug aus Ägypten ein regelrechtes Kriegslied (Exodus 15,1-18): „Der Herr ist ein Krieger, Jahwe ist sein Name. (...) Deine Rechte, Herr, ist herrlich an Stärke; / deine Rechte, Herr, zerschmettert den Feind.“ Im Islam hat vor allen Dingen der berüchtigte sog. „Schwertvers des Korans“ (arabisch: ayat as-sayf) von sich reden gemacht (Sure 9,5): „Wenn jedoch die heiligen Monate verstrichen sind, sollt ihr die Götzendiener (die das Bündnis gebrochen haben) wo immer ihr sie findet bekämpfen, sie ergreifen, belagern und sie überall im Auge behalten. Wenn sie reuig ihren Unglauben aufgeben, das Gebet verrichten und die Sozialabgaben (zakat) entrichten, lasst sie ihres Weges ziehen! Gottes Vergebung und Barmherzigkeit sind unermesslich.“ Dieser Schwertvers wurde und wird in der Scharia, dem islamischen Recht, als religiöse Begründung des Jihad herangezogen. Der Schwertvers ersetzt nach Auffassung der meisten Gelehrten alle anderen Koranverse über den Umgang mit Nichtmuslimen.

Wovon man seltener hört: auch das Christentum hat seinen Schwertvers, der direkt aus dem Munde Jesu zu hören ist (Matthäus 10,34ff): „Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter; und die Hausgenossen eines Menschen werden seine Feinde sein.“

2. Das Stereotyp „Islam contra Abendland“

Allzuoft werden von Kulturkampftheoretikern „der Islam“ und „die westliche Welt“ bzw. „das Abendland“ einander feindlich gegenübergestellt: zwei unversöhnliche Kontrahenten, die man auch räumlich gut voneinander absondern könne. Dabei wird gerne übersehen, dass Muslime schon sehr lange mitten im Abendland und als ein Teil des Westens gelebt haben. Geflissentlich wird ignoriert, dass lange vor der Welle der Migration von Muslimen seit den 60er Jahren an den Rändern Europas – von den Tataren im Osten und Norden über die Bosniaken (seit 1389) bis hin nach Sizilien (9.-13. Jhdt.) und schließlich zur iberischen Halbinsel – jahrhundertelang Muslime gelebt haben und noch heute leben. Gerade Andalusien ist auch ein Inbegriff dafür, dass Muslime keine Fremdkörper, sondern ein Teil Europas sind. Europäer sein und Muslimsein ist kein Widerspruch.

Hauptteil

3. Andalusien – der Mythos vom „Goldenen Zeitalter“

Vor genau 150 Jahren starb Washington Irving (1859). Die Bücher des amerikanischen Autors sind heute Kultbücher. Sie markieren – nach einigen Vorläufern zur Zeit der Aufklärung und Romantik (in Deutschland: Herder) – die Geburtsstunde des modernen Mythos vom toleranten Miteinander der abrahamischen Religionen. 1829 veröffentlichte Irving, der selber abenteuerliche Reisen in Andalusien unternahm, eine Chronik der Eroberung Granadas 1492 („A Chronicle of the Conquest of Granada“). Auch gab er eine Sammlung von Kurzgeschichten rund um al-hambra = „die Rötliche“ heraus („Tales of the Alhambra“), die man noch heute kaufen kann. In diesen Werken verurteilte Irving die Barbarei der christlichen Eroberer gegenüber der Hochkultur der Mauren.

Fast 800 Jahre lang, so der Mythos, gab es in Spanien unter islamischer Oberherrschaft eine relativ friedliche, tolerante und vor allem kulturschöpferische convivencia von Juden, Christen und Muslimen. Sie nahm ihren Anfang im Jahre 710, als die ersten Araber von Nordafrika aus südspanischen Boden betraten und bald darauf in Córdoba ein Kalifat etablierten, das 300 Jahre dauerte und eine der schönsten Moscheen der Welt hervorbrachte, die man noch heute besichtigen kann. Der Lebensstandard, die Bildung, die Kunst, die Musik, die städtische Infrastruktur, die Wissenschaft, die Philosophie, Medizin und Astronomie waren in dieser Zeit nirgendwo in ganz Europa so hoch entwickelt wie in Andalusien.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist dieses Andalusien zu einer Art Gegenmythos zu Jerusalem geworden. Gilt die Heilige Stadt und der Nahe Osten insgesamt als ein Ort, als eine Region permanenter Streitigkeiten und Kriege zwischen Juden, Christen und Muslime, so avancierte Andalusien zum Hort einer einmaligen und vorbildlichen Symbiose dieser drei Glaubensrichtungen. Verehrer und Verfechter dieses Mythos finden sich bei Musikern (Musikgruppe VOX, Daniel Barenboim und sein West-Östliches Divan Orchester), Dichtern (Heine, Rilke, Federico García Lorca, der 1936 in Córdoba geb. Antonio Gala: Die Handschrift von Granada) und Wissenschaftlern: vom Islamkundler und Theologen William Montgomery Watt (gest. 2006) über den Politologen Claus Leggewie (Alhambra – Der Islam im Westen 1993) bis zu den Romanisten María Rosa Menocal (Die Palme im Westen 2003) und Georg Bossong (2005, 2007).[1] Oder denken Sie an, nein hören Sie das 1983 produzierte Hörspiel des Süddeutschen Rundfunks „Cordoba oder Die Kunst des Badens“ – ein genial vertontes Plädoyer für Toleranz. Es wurde 1984 ausgezeichnet als das „Hörspiel des Jahrzehnts“. „Andalusien“ oder „Alhambra“ ist heute ein Symbol, eine Marke, ein Inbegriff für Kulturverständigung, die Harmonie zwischen den Religionen. 1492, mit dem Fall Granadas, fand die Ära von Andalusien ihr Ende. Doch „Tote leben länger“. Andalusien lebt und ist lebendiger als je zuvor, wie ich am Schluss zeigen möchte.

4. Entmythologisierung des „Goldenen Zeitalters“

Die Frage ist: taugt Andalusien als Modell für die Begegnung der Religionen heute? Historisch und theologisch bin ich der Meinung: Andalusien war zwar ein Schmelztiegel der Kulturen, Völker, Sprachen, Sitten und Religionen. Doch taugt diese Ära nur sehr beschränkt als Vorbild für den interreligiösen Dialog heute. Eine gewisse Berechtigung dafür, dass an diesem Mythos historisch etwas dran ist, mögen die rund 150 Jahre sein von 929 (als das Kalifat von Córdoba unter 'Abd ar-Rahman III., gest. 961, beginnt) bis 1085, als Toledo an die Christen fällt. In dieser Zeit mag es durchaus goldene Zustände gegeben haben. Doch die letzten 15 Jahre des 11. Jahrhunderts markieren eine entscheidende Zäsur in der Geschichte der Beziehungen zwischen Christen und Muslimen: sowohl global als auch regional in Spanien. Denn nun beginnt die Ära der Fanatiker und Heiligen Krieger auf beiden Seiten: „Kreuzzug gegen Djihad, dies ist in der Tat die kurze Formel, auf die sich die Europäisierung des (sc. spanischen) Christentums und die Afrikanisierung des (sc. andalusischen) Islam bringen läßt. Von gegenseitiger Duldung ist nicht mehr die Rede; die Religionen stehen sich in einem Kamüf auf Leben und Tod gegenüber.“[2]

Von dieser 150jährigen relativ goldenen Phase abgesehen, waren die drei Religionen die weit überwiegende Zeit der 800 Jahre gesellschaftlich, sozial und politisch nicht gleichberechtigt. Immer gab eine Religion den Ton an und die beiden anderen wurden mehr oder weniger geduldet und eben auch unterdrückt und verfolgt. Der dem Mythos vom Goldenen Zeitalter dienende Ausdruck convivencia wird von heutigen Historikern m.W. überwiegend vermieden; sie sprechen sachlicher von der coexistencia von Juden, Christen und Muslimen. Toleranz im Sinne der Akzeptanz der Vielfalt und der Gleichberechtigung der Religionen ist eine Errungenschaft der Moderne und war im Mittelalter kein gesellschaftlich anerkannter Wert, allenfalls eine individuelle Tugend weitherziger Menschen mit philosophischer oder mystischer Prägung. Das sog. „Goldene Zeitalter von Andalusien“ war zwar in mancher Hinsicht vorübergehend golden, aber es war zugleich und vor allem ein sehr blutiges Zeitalter.

5. Toleranz und Intoleranz im muslimischen Herrschaftsgebiet

María Rosa Menocal spricht in ihrem Lobgesang auf Andalusien von „einer komplexen Kultur der Toleranz“, die eine „Kultur der Widersprüche“ gewesen sei.[3] Ich stimme ihr zu, nur würde ich es anders formulieren. Die skizzierte Ambivalenz der Heiligen Schriften konkretisierte sich in der faktischen Ambivalenz von Toleranz und Intoleranz sowohl unter muslimischer als auch unter christlicher Herrschaft. In diesem Sinne kann man etwas drastisch sagen: Andalusien war ein „Land, wo Blut und Honig floss“ (Eugen Sorg).

[...]


[1] Vgl. auch Blas Infante, der „Vater Andalusiens“, mit dem 1919 von ihm initiierten Manifiesto Andalucista de Córdoba (im Internet: http://es.wikisource.org/wiki/Manifiesto_Andalucista_de_C%C3%B3rdoba_de_1919:_01).

[2] Georg Bossong, Das maurische Spanien. Geschichte und Kultur, München 2007, S. 44.

[3] Die Palme im Westen. Muslime, Juden und Christen im alten Andalusien, Berlin 2003, S. 24.

Details

Seiten
14
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656120353
ISBN (Buch)
9783656132264
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v187991
Note
Schlagworte
andalusien modell dialog

Autor

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