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Geschlechterkonstruktionen in Fouqués 'Undine' und Wedekinds 'Lulu' im Vergleich

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 19 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kurze Zusammenfassung der Werke
2.1. Fouqués Undine
2. 2. Wedekinds Lulu

3. Analyse von Undine in Hinblick auf die Darstellung des Geschlechterverhältnisses und die Opposition von Natur und Kultur
3.1. Thematisierung der Opposition Natur/Kultur in Undine
3.2. Undine zwischen Natur und Gesellschaft
3.3. Undine im Verhältnis zu den anderen Charakteren

4. Das Geschlechterverhältnis und die Bestimmung von Kultur und Natur in der Doppeltragödie Lulu
4.1. Bestimmung der Lulu
4.2. Natur/Kultur in Lulu

5. Zusammenfassung der untersuchten Beziehungen und Oppositionen

6. Fazit und Ausblick

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Eine jede Kunst- und Literaturepoche produziert ihre eigenen Bilder und Vorstellungen der von ihr behandelten Objekte und Themen. Da schon seit Beginn der Kultur sich Bilder von jeder Kategorie des menschlichen Denkens im kulturellen Gedächtnis festgesetzt haben, können in einer jeden Kunst- und Literaturepoche immer nur bestehende Vorstellungen und Images übernommen werden und in der Auseinandersetzung mit ihnen auf eine jeweils unterschiedliche Art und Weise weiterverarbeitet werden. So verändern sich die Vorstellungen von der Natur und von der Frau im Laufe der Zeit und sind von der Perspektive der jeweiligen Epoche abhängig. Dennoch werden bestimmte Bilder bis zu einem gewissen Teil übernommen. Natur und Frau als grundlegende Themen der Literatur unterliegen somit einer ständigen Änderung in der Darstellungsweise im Laufe der Literaturgeschichte bis heute, es bleiben aber auch alte Vorstellungen erhalten. Spätestens seit dem Strukturalismus und der Genderforschung werden beide Themen in Analogie gestellt und dabei in ihrem künstlichen Oppositionscharakter enthüllt. Demnach sei die Kultur eine männliche, da sie vom Mann geschaffen wurde und von seinen Vorstellungen geprägt wurde. Die Frau als ein vom Mann abweichendes Wesen kann in der Kultur keinen Platz finden und wird deshalb der Natur zugeordnet. Die Aufklärung bestätigt und festigt dieses Bild einer Opposition, indem sie von ihr als positiv verstandene Werte wie Logik und Vernunft und Geist der männlichen Begriffswelt zuordnet und deren Gegenteile, Irrationalität und Gefühlswelt dem Komplex von Frau und Natur zuteilt.

Wie die spätere Gender-Forschung zeigt, sind diese Oppositionen, die Opposition von Frau und Mann, die der Opposition von Natur und Kultur entspräche, männliche Erfindungen und stimmen nicht mit der empirischen Wirklichkeit überein. Aufgrund dieser Konstrukte, die sich in der Kultur fest etabliert haben, ist eine darüber hinausgehende geschichtliche Wahrheit jedoch nicht greifbar.

Mit diesen Oppositionen hat man sich auch in der Romantik auseinandergesetzt, einer Kunstepoche, die in ihrer Betonung von Emotion und Irrationalität die vorausgehenden starren Gegenüberstellungen von Mann als Vernunftwesen und Frau als irrationales Gefühlswesen nicht teilt. Auch später um die Jahrhundertwende, in der Zeit des Fin de siècle, wurde diese klassische Opposition auf vielfältige Weise in Literatur und Kunst verarbeitet. Zum einen wurde die Frau noch stärker als zuvor als Bedrohung angesehen, die die ohnehin brüchige patriarchalische Ordnung zu Fall bringen wolle. Zum anderen wurde in der Kritik an dieser degenerierten patriarchalischen Ordnung erkannt, dass diese starren Oppositionen so stark in der Kultur verwurzelt sind, dass eine davon abweichende Wirklichkeit nicht fassbar ist.

Anhand von Beispielen aus beiden Epochen soll untersucht werden, wie man sich konkret mit diesen kulturell konstruierten Oppositionen auseinandergesetzt hat. Das Kunstmärchen Undine von Friedrich de la Motte Fouqué legt einen Schwerpunkt auf den Gegensatz von Natur und Kultur und zeigt keine scharfe Geschlechteroppositon, im Gegenteil eine tendentielle Verbindung der Geschlechter. Die Doppeltragödie Lulu (Erdgeist, Die Büchse der Pandorra) von Frank Wedekind verarbeitet ebenso einen Natur/Kultur Gegensatz, wobei die Problematik gezeigt wird, Natur vor dem Hintergrund einer alle Lebensbereiche durchdringende Kultur zum Ausdruck zu bringen. Analog wird die Geschlechterdifferenz dargestellt. Innerhalb der Kultur als ein männliches Erzeugnis kann die Frau der Natur gleichgesetzt werden, da beide in ihrem Wesen nicht greifbar sind.

Nach einer kurzen Zusammenfassung beider Werke wird mit Hilfe der Beispiele Lulu und Undine genauer darauf eingegangen, wie die Frau in den Werken dargestellt wird im Zusammenhang des Geschlechterverhältnisses. Ebenso wird die Darstellung des Natur/Kultur[1] Gegensatzes in beiden Werken analysiert und anschließend werden in einer Synthese diese Aspekte zusammengeführt und verglichen.

2. Kurze Zusammenfassung der Werke

2.1. Fouqués Undine

Um einen generellen Überblick zu verschaffen, werden zunächst die beiden Werke kurz zusammengefasst.

Die 1811 von Friedrich de la Motte Fouqué veröffentlichte romantische Erzählung Undine, die auch als Kunstmärchen bezeichnet wurde, behandelt den alten mythologischen Stoff der Wasserfrau oder auch Nixe, in der sich Natur, genauer das Element Wasser, in menschlicher Gestalt ausdrückt. Das Elementarwesen Undine lebt in der Gestalt einer kindlichen Frau innerhalb einer von der Außenwelt abgeschiedenen idyllischen Natur zusammen mit ihren Pflegeeltern, die arme Fischersleute sind. Durch das aktive Handeln der Natur, die konkretisiert wird und zeitweise menschliche Gestalt annimmt, wird der Ritter Huldbrandt in diesen abgeschiedenen Bereich der harmonischen Natur getrieben und nicht eher wieder daraus entlassen, bis er das Mädchen Undine aus Liebe geheiratet hat. Durch diese Heirat erhält Undine eine menschliche Seele, nach der sie sich gesehnt hat und um deren Erwerb sie an Land gezogen ist. Im Anschluss tritt das Paar aus dem Bereich der isolierten Naturidylle in den Bereich der Kultur und Zivilisation ein, in dem es denn auch, unter Einfluss der höfischen Dame Bertalda, zur Entfremdung der Eheleute kommt. Trotz seines Treueschwurs wird Huldbrandt seiner Frau untreu und verwünscht sie schließlich, indem er sie auffordert, die Menschen in Frieden zu lassen. Das wird ihm selbst zum Verhängnis: Aufgrund der Gesetzte des Elementes muss der Ritter seine Untreue mit dem Leben bezahlen und ertrinkt am Ende im Kuss des Wassergeistes Undine.

2.2. Wedekinds Lulu

Auch in der 90 Jahre später entstandenen Doppeltragödie Erdgeist und Die Büchse der Pandorra von Frank Wedekind steht eine Frau im Mittelpunkt der Handlung, die möglicherweise auf die Natur selbst zurückgeführt werden kann. Bereits der Prolog des ersten Stücks Erdgeist führen Lulu nicht als ein Mensch sondern als Tier, als eine Schlange vor, die als Verkörperung für den Menschen bedrohlicher Natur von diesem gebändigt und gezähmt werden muss. Bereits der Prolog zeigt, was welche Problematik beide Stücke thematisieren. Als Paradox wird dem gezähmten Naturwesen auf Befehl hin Natürlichkeit abverlangt. Entsprechend kann auch im Erdgeist die Natur der Lulu nicht ausgemacht werden, da der Leser und Betrachter sie immer nur aus der Perspektive der agierenden Männer vorgeführt bekommt. Sie ist Tänzerin, weil ihr Ehemann Dr. Goll es so will und ihr gerne beim Tanz zuschaut, sie ist künstlerische Muse für den Maler Schwarz, sie trägt zahlreiche Namen wie Nelli, Mignon oder Eva, die ihr von verschiedenen Männern, die damit ihre jeweiligen Vorstellungen der Frau ausdrücken, gegeben wurde. Das sich ständig wiederholende Annehmen und Ablegen von bestimmten Rollen gipfelt am Ende von Erdgeist darin, dass es zum tödlichen Konflikt zwischen Lulu und ihrem dritten Ehemann Schön kommt. Im zweiten Stück Die Büchse der Pandorra kann sie ihr Rollenspiel nur noch bedingt ausüben und wird durch Drohungen und Erpressungen, dass man sie an die Polizei ausliefert, immer mehr dazu gedrängt, sich zu prostituieren. Als solche endet sie in London als Opfer des Mörders Jack, der Kapital aus ihrem Tod schlagen kann.

3. Analyse von Undine in Hinblick auf die Darstellung des Geschlechterverhältnisses und die Opposition von Natur und Kultur

3.1. Thematisierung der Opposition Natur/Kultur in Undine

Die Umgebung der Fischerhütte wird als idyllische, harmonische Naturlandschaft beschrieben. Eine Landzunge, auf der sich die Hütte befindet, streckt sich in einen großen Landsee hinaus, dabei scheinen die beiden Elemente Wasser und Land sich in liebender Zuneigung zu begegnen: „und es schien ebenso wohl, die Erdzunge habe sich aus Liebe zu der bläulich klaren, wunderhellen Flut, in diese hineingedrängt, als auch, das Wasser habe mit verliebten Armen nach der schönen Aue gegriffen“.[2] Das romantische Motiv der Verbindung der Elemente[3] wird hier aufgegriffen, um die Harmonie des Ortes zu betonen, der außerdem an das biblische Paradies oder an den griechischen Mythos erinnert, nach dem der Ursprung der Menschheit im Goldenen Zeitalter liegt. Die Gegend um die Fischerhütte ist weiterhin ein einsame, fast menschenleere. Der Fischer, seine Frau und Undine leben abseits der Zivilisation und Gesellschaft. Der wilde Wald, der sich zwischen der Landzunge und der Stadt befindet, wirkt wie eine Mauer, der diesen paradiesischen Naturraum von der Zivilisation trennt. Die Harmonie der Natur ist analog zur Eintracht, in der die Personen ihr Leben in der Fischerhütte verbringen. Zwar ruft das launische Wesen Undines kleinere Konflikte hervor, die jedoch die Harmonie zwischen den Bewohnern der Hütte nicht grundlegend stören können.

Der von Außen kommende Huldbrandt fügt sich in diese Eintracht und akzeptiert „mit innigem Wohlbehagen“ (U, S. 30) sein natürliches Gefängnis, das durch den wilden Waldstrom, der die Hütte von allen Seiten umschlossen hat, entstanden ist (Vgl. U, ebd.).Es kommt ihm vor, als gäbe es jenseits des Stromes und des Waldes keine Welt mehr (Vgl. U, S. 31). Das harmonische Zusammenleben kann auch durch Vorkommnisse wie das Ausgehen des Weinvorrats nicht betrübt werden, da die Natur selbst den Nachschub bereitsstellt. Wenn es auch im Text nicht konkret genannt wird, so ist doch davon auszugehen, dass der Onkel Undines, der Wassergeist Kühleborn, das Weinfass ans Ufer spült (Vgl. U, S. 32) . Auch diese Szene erinnert an das Leben des Goldenen Zeitalters, in dem die Natur alles aus eigenen Kräften zur Verfügung stellte und die Bebauung und Bearbeitung und somit Manipulierung derselben nicht notwendig war.[4] Die vier Protagonisten sind doppelt von der Zivilisation abgeschlossen, sowohl durch den Wald als auch durch den Strom, wodurch die Harmonie nicht durch von außen kommende Faktoren gestört werden kann.

[...]


[1] Es soll an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass in der Arbeit die Begriffe Kultur und Zivilisation weitestgehend synonym verwendet werden, da sie beide zu einem Themenkomplex gehören, der menschliche Bearbeitung und Manipulierung von Natur beinhaltet. In diesem Sinne wird der Begriff von seiner ursprünglichen Bedeutung ausgehend verwendet. Bei der Analyse von Lulu war es jedoch notwendig den Begriff zu differenzieren, da hier ein Unterschied zwischen gesellschaftlicher Realität und Kultur vorliegt. Der Begriff Kultur wird demnach in einer weiteren Bedeutungskomponente erfasst als geistige Tätigkeit des Menschen. Darunter fällt der Komplex der Bilder und Imaginationen im Unterschied zur praktischen und technischen Handeln, was mehr in den Bereich Zivilisation fällt. Trotzdem können beide Begriffe als Gegensätze zum Themenkomplex der Natur verstanden werden, die als etwas nicht vom Menschen Geschaffenes oder Verändertes bestimmt wird.

[2] De La Motte Fouqué, Friedrich: Undine. Stuttgart, Reclam 2001, S. 7. Im Folgenden wird die Seitenangabe der Primärliteratur in Klammern hinter den Text geschrieben. Zur besseren Orientierung werden außerdem die Zitatangaben von Undine mit „U“ markiert und die Angaben von Lulu mit „L“.

[3] Vgl. etwa Eichendorff, Joseph von: Mondnacht (1837), „Es war als hätt der Himmel die Erde still geküsst“. Zitiert nach: http://www.gedichte.vu/?mondnacht. Zuletzt aufgerufen am 13. 6. 2011.

[4] Vgl. Der Mythos von den Weltaltern bei Hesiod (Έ ργα και Ήμεραι zu deutsch: Werke und Tage, übersetzt von H. Gebhardt und bearbeitet von E. Gottwein ): καρπὸν δ' ἔφερε ζείδωρος ἄρουρα/αὐτομάτη πολλόν τε καὶ ἄφθονον (Übersetzung: „Frucht gab ihnen das nahrungsspendende Saatland/Gern von selbst und in Hülle und Fülle“ (Zeile 117ff.). Zitiert nach: http://www.gottwein.de/Grie/hes/erg.php. Zuletzt aufgerufen am: 13. 06. 2011.

Details

Seiten
19
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656114949
ISBN (Buch)
9783656114741
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v187968
Institution / Hochschule
National & Kapodistrian University of Athens – Germanistik
Note
1,0
Schlagworte
geschlechterkonstruktionen fouqués undine wedekinds lulu

Autor

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