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Selbstverletzendes Verhalten als psychische Konfliktbewältigung

Bachelorarbeit 2010 59 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Allgemeine Begriffsdefinition „Selbstverletzendes Verhalten“

3. Verschiedene Formen der Selbstverletzung
3.1. Religiöse und rituelle Selbstverletzung
3.2. Akzeptierte Formen der Selbstverletzung
3.3. Selbstverletzendes Verhalten als Krankheit
3.3.1. Die offene Selbstverletzung
3.3.2. Die heimliche Selbstverletzung

4. Erscheinungsbild und diagnostische Zuordnung
4.1. Statistische Daten
4.2. Erscheinungsformen der Selbstverletzung
4.3. Lokalisation
4.4. Diagnostische Zuordnung

5. Ursachen von selbstverletzendem Verhalten
5.1. Familiäre und umweltbedingte Faktoren
5.2 Traumatisierungen durch Misshandlungen, Missbrauch und Deprivation
5.2.1. Begriffsbestimmung „Trauma“
5.3. Die posttraumatische Belastungsstörung
5.4. Die Borderline- Persönlichkeitsstörung

6. Erklärungsansätze zur Entstehung von selbstverletzendem Verhalten
6.1. Der biologische Ansatz
6.2. Der lerntheoretische Ansatz
6.3. Der psychoanalytische Ansatz

7. Psychodynamik und Funktionen der Selbstverletzungen für Betroffene
7.1. Intrapersonelle Funktionen
7.1.1. Selbstverletzung als Spannungsregulator
7.1.2. Selbstverletzung als „Anti-Dissoziativum“
7.1.3. Selbstverletzung als „Antidepressivum“ und „Neuroleptikum“
7.1.4. Selbstverletzung als Selbstbestrafung
7.1.5. Selbstverletzung als Suizidprophylaxe
7.1.6. Selbstverletzung gegen Impulskontrollverlust und Hyperarousal
7.1.7. Selbstverletzung und Identität
7.2. Interpersonelle Funktionen
7.2.1. Selbstverletzung als präverbaler Appell
7.2.2. Selbstverletzung gegen soziale Überforderung
7.2.3. Selbstverletzung im Bezug auf Nähe und Distanz
7.3. Zusammenfassung

8. Selbstverletzendes Verhalten als Handlungsfeld der Sozialen Arbeit
8.1. Handlungsorte
8.2. Handlungsansätze im Umgang mit Betroffenen
8.2.1. Therapeutische Ansätze
8.2.2. Die Lebensweltorientierung
8.2.3. Aufbau von tragfähigen Beziehungen und Begleitung der Betroffenen
8.2.4. Ressourcenorientierung

9. Fazit

10. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Mit der Klinge fahr ich langsam
meinen Unterarm hinauf.
Dann ein Schnitt, klein und flach,
und die Welt um mich blüht auf.

Schmerz schärft alle meine Sinne,
jede Faser ist gestimmt.
Und ich hör den Körper singen,
wenn der Schmerz die Last mir nimmt.

Tiefer noch ein bisschen tiefer
schneid ich in den weißen Arm.
Aus der Wunde sickert lautlos
dunkles Blut und mir wird warm.

Das Blut so rot, das Blut so rein.
Die Zeit heilt meine Wunden nicht.
Mein Blut zu sehn, ist wunderschön,
mein Blut zu sehen, tröstet mich.

Glück durchströmt den ganzen Körper.
Schmerz treibt jeden Schmerz heraus.
Um auf diese Art zu fühlen,
nehm ich all das Leid in Kauf. […][1]

(Subway to Sally- Narben)

Den Gegenstand meiner Bachelorarbeit wird das „selbstverletzende Verhalten als psychische Konfliktbewältigung“ darstellen. Dieses Thema wird selbst in Kunst und Literatur immer wieder aufgegriffen. Das oben genannte Zitat aus dem Song ,,Narben" von der Band ,,Subway to Sally" steht stellvertretend für eine Vielzahl künstlerischer Darstellungen über selbstverletzendes Verhalten. Es zeigt sehr anschaulich, welche Funktionen die Selbstverletzungen haben, und in welcher ausweglosen Situation sich viele Betroffene befinden. Mit dem zitierten Liedtext lassen sich bereits wesentliche Aspekte des selbstverletzenden Verhaltens visualisieren. Es zeigt sich, dass es vor allem der Kompensation enormer psychischer Spannungen dient und die Betroffenen ihren Körper, mithilfe von Selbstverletzungen und dem daraus resultierenden Schmerz und dem Fließen des Blutes, wieder spüren können. Der zentrale Fokus im Bezug auf die Ursachen des selbstverletzenden Verhaltens liegt vor allem auf traumatischen Erlebnissen, die häufig auf die Kindheit zurückgeführt werden können, zum Beispiel Vernachlässigungen, sexueller Missbrauch oder psychische und physische Misshandlungen. Diese Erfahrungen können viele Betroffene jedoch nicht kommunizieren, sodass der tiefsitzende Schmerz erst durch selbst zugefügte Verletzungen, beispielsweise in Form von Ritzen, Schneiden, Verbrennen oder Ähnlichem, sichtbar wird.

Es wird sehr schnell deutlich, dass das selbstverletzende Verhalten im Allgemeinen sehr viele verschiedene Erscheinungsformen aufweist und bei vielen unterschiedlichen psychischen Störungen, wie zum Beispiel der Borderline- Persönlichkeitsstörung oder der posttraumatischen Belastungsstörung auftreten kann. Aus diesem Grund werde ich mein Thema eingrenzen und mich vor allem mit den Hintergründen und Ursachen des selbstverletzenden Verhaltens befassen, wobei mein Schwerpunkt auf Selbstverletzungen im Rahmen von Traumatisierungen liegen wird.

Generell muss bezüglich des Forschungsstandes gesagt werden, dass das Selbstverletzende Verhalten noch ein relativ unerforschtes Phänomen darstellt, das erst seit Ende der 80er Jahre verstärkt auftritt.[2] Seit den 90er Jahren ist das selbstverletzende Verhalten das, was in den 70ern die Anorexie und in den 80ern die Bulimie war. Bis zum Jahr 1980 galt selbstverletzendes Verhalten im Allgemeinen als Indikator für eine Schizophrenie, bis 1990 sah man selbstverletzendes Verhalten als Beweis für eine Borderline-Störung an und bis zum Jahre 2000 wurde dieses Phänomen mit einem Missbrauch in der Kindheit in Verbindung gebracht. Auch heute noch gilt das selbstverletzende Handeln ausschließlich als Symptom für andere psychische Störungen und wird nicht als eigenständige Krankheit angesehen. Zwar untersuchen einige Wissenschaftler die Symptomatik dahingehend, dass es sich hierbei eventuell um eine Impulskontrollstörung oder eine Abhängigkeitsstörung handelt, jedoch sind dies nur erste Versuche (vgl. Kapitel 4.4.). Aus dem Grund bleibt der Forschungsstand der Wissenschaft heute noch sehr überschaubar. Dementsprechend gibt es zwar sehr viel Literatur über die Selbstverletzung im Zusammenhang mit anderen psychischen Störungen, jedoch findet man kaum etwas über die Selbstverletzung als eigenständige Krankheit. Ebenfalls problematisch ist diesbezüglich die Betrachtung der Statistik, da hier wenig aktuelle Zahlen zu finden sind. Diese können zudem sehr ungenau sein, da die Dunkelziffer des selbstverletzenden Verhaltens enorm hoch ist.[3]

So ist es für die meisten Menschen eine alltägliche Erfahrung, durch Aktivitäten wie Duschen oder Bewegung den eigenen Körper intensiv zu spüren und dadurch in der Regel ein körperliches und psychisches Wohlbefinden zu erzeugen. Dies geschieht vor allem dann, wenn Körper und Geist eine Einheit bilden. Jedoch gibt es auch Menschen, die keine gute beziehungsweise überhaupt keine Beziehung zu ihrem Körper spüren können und deshalb Wege suchen, wieder einen Zugang zu sich zu finden. Eine Möglichkeit, diese Schwelle zu überwinden, sehen die Betroffenen von selbstverletzendem Verhalten darin, sich selbst Schmerzen und Verletzungen zuzufügen, was für Nicht-Betroffene ein Paradoxon zu sein scheint, da mit Hilfe von selbsterzeugten, stärkeren Schmerzen, Linderung von einem anderen Schmerz angestrebt wird. Ebenso ist es schwer nachvollziehbar, dass der Anblick des eigenen Blutes für einige Menschen Erleichterung bieten kann. Deshalb möchte ich mit meiner Bachelorarbeit bewirken, dass diese Menschen besser von Außenstehenden verstanden werden können.

Im ersten Teil meiner Arbeit beginne ich daher mit allgemeinen Informationen zur Thematik. Hierbei führe ich den Leser mit einer allgemeinen Begriffsdefinition der Begrifflichkeit der „Selbstverletzung“ ein. Daraufhin folgt eine Darstellung der verschiedenen Formen des selbstverletzenden Verhaltens sowie des Erscheinungsbildes dieser Störung im Hinblick auf statistische Daten, Erscheinungsformen (Verletzungsarten) der Selbstverletzung, der Lokalisation und schließlich mit Blick auf die diagnostische Zuordnung. Im zweiten Abschnitt und damit dem Hauptteil dieser Arbeit versuche ich das Thema im Bezug auf meine Fragestellung zu beleuchten, sodass es notwendig ist, die Ursachen von selbstverletzendem Verhalten sowie die Erklärungsansätze zur Entstehung dieser komplexen Störung näher zu analysieren. Ebenfalls ein wichtiger Aspekt bezüglich des selbstverletzenden Verhaltens ist die Psychodynamik und die Funktion der Selbstverletzung für die Betroffenen, um dem Leser verständlich zu machen, warum ein Mensch keinen anderen Ausweg sieht, als sich selbst Schmerzen zuzufügen. Abschließen werde ich die Arbeit dann mit einer Betrachtung des selbstverletzenden Verhaltens als Handlungsfeld der Sozialen Arbeit, um Handlungsorte und vor allem Handlungsansätze im Umgang mit Betroffenen aufzuzeigen.

Das Ziel meiner Arbeit wird es daher sein, das Phänomen des selbstverletzende Verhalten einerseits für die Leser dieser Arbeit, für Studenten des Studienganges Soziale Arbeit und auch für mich selbst verständlicher zu machen und andererseits eine Arbeit zu kreieren, in der man kompakte Informationen zur Selbstverletzung erhält und diese in Bezug zu den genannten Störungsbildern Borderline- Persönlichkeitsstörung und posttraumatische Belastungsstörung setzen kann. Dabei soll das selbstverletzende Handeln als eigenständige Krankheit betrachtet werden.

2. Allgemeine Begriffsdefinition „Selbstverletzendes Verhalten“

Der Begriff „selbstverletzendes Verhalten“ ist ein Synonym für viele weitere Bezeichnungen. Dabei muss schon zu Anfang dieses Kapitels erwähnt werden, dass es innerhalb der Forschung zum selbstverletzenden Verhalten keine adäquaten Übereinstimmungen hinsichtlich der Terminologie gibt, sondern dass stattdessen eine Reihe verschiedenster Begrifflichkeiten verwendet werden.

Im deutschsprachigen Raum wird das selbstverletzende Verhalten im Allgemeinen unter dem Begriff „ Autoaggression“ zusammengefasst. Hierzu ist zu sagen, dass diese Begrifflichkeit nicht nur die Selbstverletzung alleine miteinschließt, sondern auch das suizidale Verhalten umfasst, welches ich im Rahmen dieser Arbeit nicht näher erläutern möchte. Des Weiteren verwendet die Wissenschaft den Begriff „Automutilation“ und meint damit neben dem selbstverletzenden Verhalten als Solches die Automanipulation von Krankheiten, das heißt die artifiziellen Störungen, bei denen unterschiedliche Krankheitssymptome künstlich erzeugt werden (vgl. Kapitel 3.3.2.).[4] Weiterhin werden in Deutschland Begriffe wie zum Beispiel Autodestruktion, Selbstschädigung, Selbstverletzung, parasuizidales Verhalten und selbstbestrafendes Verhalten verwendet. Ich werde allerdings im Zusammenhang mit dieser Arbeit den Begriff „selbstverletzendes Verhalten“ verwenden und gehe dabei mit der Meinung von Ulrich Sachsse konform, der den Begriff als am deskriptivsten und am wenigsten wertend beschreibt.

Somit ist es nicht nur im Bezug auf die Begrifflichkeit schwierig, eine einheitliche Terminologie zu finden, sondern auch bezüglich der eigentlichen Definition des selbstverletzenden Verhaltens, da nicht immer eine Einigkeit darüber herrscht, welche Aspekte der Begriff „selbstverletzendes Verhalten“ tatsächlich beinhalten soll. Generell wird beim selbstverletzenden Verhalten aber unterschieden zwischen der gesellschaftlich akzeptierten Selbstverletzung, wie Piercings, Tätowierungen usw. (vgl. Kapitel 3.2.) sowie den kulturell nicht akzeptierten Formen, die ich im Verlauf dieser Arbeit näher beschreiben werde. Als genaueste Definition erscheint mir diesbezüglich die Aussage von Petermann und Winkler, wonach das „selbstverletzende Verhalten gleichbedeutend ist mit einer funktionell motivierten Verletzung oder Beschädigung des eigenen Körpers, die in direkter und offener Form geschieht, sozial nicht akzeptiert ist und nicht mit suizidalen Absichten einhergeht.“[5]

Zur Durchführung der beschriebenen Selbstschädigung verwenden die Betroffenen meist Gegenstände zum Schneiden und Ritzen der Haut sowie Zigaretten und Feuerzeuge zum verbrennen. Ferner kommt es in selteneren Fällen zu Verbrühungen, Verätzungen oder Ähnlichem. Dabei können diese Verletzungen an allen Körperteilen entstehen, wobei sie jedoch vermehrt an den Extremitäten auftreten, da diese am besten zu erreichen sind. Auch der Grad der Schwere der Verletzungen variiert bei den Betroffenen von leichten, oberflächlichen Verletzungen bis hin zu tiefen Verletzungen bis auf die Knochen.[6]

Abzugrenzen ist diese Art der körperlichen Selbstverletzungen aber von einer anderen Art des selbstschädigenden Verhaltens wie zum Beispiel „Diebstählen, Kaufrausch, riskante Sexualität, extremes Risikoverhalten (z.B. U-Bahn-Surfen), exzessiver Alkoholkonsum oder Rauchen.“[7]

Im Allgemeinen ist zu sagen, dass das selbstverletzende Verhalten insbesondere von schwer traumatisierten Menschen gezeigt wird. Vor allem, wenn diese sexuelle oder physische Gewalt oder eine schwere Deprivation erfahren haben. Dabei wird es im Bezug auf die Traumata unter anderem dazu verwendet, um Zustände der Dissoziation zu beenden, damit sich die Betroffenen wieder spüren können und sich lebendig fühlen (vgl. Kapitel 7.1.2.).[8]

Abschließend ist zu erwähnen, dass das selbstverletzende Verhalten fast ausschließlich im Zusammenhang mit seelischen Störungen, wie beispielsweise der Borderline- Persönlichkeitsstörung oder einer posttraumatischen Belastungsstörung, sowie bei geistig behinderten Menschen oder im Rahmen von schizophrenen Psychosen auftritt.[9]

3. Verschiedene Formen der Selbstverletzung

Im folgenden Kapitel möchte ich die unterschiedlichen Formen des selbstverletzenden Verhaltens näher betrachten. Diesbezüglich erscheint es als notwendig, die unterschiedlichen Formen des selbstverletzenden Verhaltens, die anders gewertet werden, beispielsweise kulturell gegeneinander abzugrenzen.

3.1. Religiöse und rituelle Selbstverletzung

Rituelle Veränderungen und Beschädigungen des eigenen Körpers findet man in fast allen menschlichen Kulturen wieder. Dabei sind die gezielten Selbstschädigungen in verschiedenen Kulturen oftmals ein Ausdruck von Trauer, Mutproben, Initiationsriten (Einführung eines Außenstehenden in eine Gemeinschaft) oder aber als Ausdruck von Ekstase bei religiösen Zeremonien, Selbstopferungen und Selbstweihe anzusehen. So zelebrieren viele verschiedene Völker und Stämme selbstverletzendes Verhalten, wobei die ersten Aufzeichnungen darüber bereits aus der Antike hervorgehen. Auch bei den Schamanen wird die Selbstbeschädigung sehr ausgeprägt als kulturelle Tradition ausgeübt. Hierbei wird der Schamane bis auf das Skelett zerlegt, wobei er das Leid, den Tod und die Auferstehung erfahren soll. Des Weiteren zeigt sich das selbstverletzende Verhalten bis heute bei vielen afrikanischen Stämmen. Diese fügen sich Narben (Skarifikation) aus ästhetischen, sozialen und gesundheitlichen Gründen zu. Weiterhin ist die Beschneidung ein Ritual, was in vielen Kulturkreisen, wie zum Beispiel bei den Juden, in Ägypten oder in Nord- und Zentralafrika, sowohl bei Jungen als auch bei Mädchen durchgeführt wird.[10]

Dies sind nur einige Beispiele für verschiedenste Riten mit Selbstverletzungscharakter. Jedoch darf man die einzelnen Riten nur im entfernteren Sinne als selbstverletzendes Verhalten betrachten, da sie sozial akzeptiert sind, kontrolliert vollzogen werden und in einen kulturellen Kontext eingebettet sind. Im Allgemeinen lassen sich die einzelnen Praktiken in fünf Bereiche unterteilen. Die Unterteilung erfolgt in „Körperschmuck, Ausdruck der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, Übergangsrituale der Adoleszenz, religiöse Riten beziehungsweise spirituelle Handlungen sowie Gesundheit und Heilung.“[11]

3.2. Akzeptierte Formen der Selbstverletzung

Ähnlich der rituellen und religiösen Selbstverletzungen gibt es auch in unserem gegenwärtigen, westlichen Kulturkreis gesellschaftlich akzeptierte Formen des selbstverletzenden Verhaltens. Hierzu zählen unter anderem Piercings und Tätowierungen sowie Schönheitsoperationen und bestimmte Extremsportarten und exzessives Bodybuilding. Weitestgehend akzeptiert sind auch der Konsum von Alkohol und Nikotin.

Solche Arten des selbstverletzenden Verhaltens dienen häufig dazu, das eigene Ich und die zwischenmenschliche Beziehungen zu stärken. Weiterhin können sie als Aufnahmeritual in bestimmten Gemeinschaften verstanden werden. Jedoch muss bei allen kulturell akzeptierten Formen darauf hingewiesen werden, dass der Übergang zu krankhaftem selbstverletzendem Verhalten oft fließend ist.[12]

3.3. Selbstverletzendes Verhalten als Krankheit

Im Bezug auf die krankhafte Form des selbstverletzenden Verhaltens muss zwischen der offenen Form der Selbstverletzung, in der es in dieser Arbeit in erster Linie geht, und der heimlichen Form der Selbstverletzung unterschieden werden. Beide Formen werde ich im Folgenden in ihren verschiedenen Ausprägungen darstellen.

3.3.1. Die offene Selbstverletzung

Bei der offenen Selbstverletzung handelt es sich um eine direkte Form des selbstverletzenden Verhaltens, bei der sich der Betroffene direkt physischen Schaden zufügt, ohne jedoch in suizidaler Absicht zu handeln. Die Verletzung wird dabei keineswegs als unangenehm empfunden, sondern als befreiend. Diesbezüglich versuchen die Betroffenen durch die Zufügung von körperlichem Schmerz, dem seelischen Schmerz zu entfliehen. Hier muss im Allgemeinen darauf hingewiesen werden, dass das Ziel des selbstverletzenden Verhaltens nicht darin besteht, eine Krankenrolle einzunehmen. Meist zeichnen sich die hervorgerufenen körperlichen Schädigungen durch einen leichten bis mittelschweren Verletzungsgrad aus. Des Weiteren versuchen die Betroffenen nicht, ihre Wunden zu verstecken, sondern gehen offen damit um. Sie denken außerdem nicht darüber nach, was sie ihrer Haut womöglich damit antun und wie diese in einigen Jahren aussehen wird.

Insgesamt tritt das offene selbstverletzende Verhalten in ganz unterschiedlichen Formen bei verschiedensten Betroffenengruppen auf. Hauptsächlich kommt diese Art der Selbstschädigung bei Menschen mit einer geistigen Behinderung, tiefgreifenden Entwicklungsstörungen oder Missbildungssyndromen vor, sowie bei Impulsstörungen ohne geistige Behinderungen und bei Persönlichkeitsstörungen, welche meist vom Borderline- Typ (vgl. Kapitel 5.3.) sind. Des Weiteren kommt das offene selbstverletzende Verhalten bei Magersucht (Anorexia Nervosa), bei Bulimie (Bulimia Nervosa), bei Zwangssyndromen, Störungen des Sozialverhaltens, bei Deprivationssyndromen (Vernachlässigung) und schizophrenen, affektiven sowie drogeninduzierten Psychosen vor, wobei ich auf die genauen Ursachen im Verlauf dieser Arbeit noch näher eingehen werde(vgl. Kapitel 5).[13]

Um die offene Form der Selbstverletzung noch gezielter definieren zu können, lässt sie sich, je nach Schweregrad, in verschiedene Kategorien einordnen. Der erste Kategorisierungsversuch stammt von Menninger aus dem Jahr 1938. Er unterteilte das Phänomen der Selbstverletzung zunächst in fünf verschiedene Kategorien. Die erste Kategorie ist hierbei die „neurotische Selbstverstümmelung“, bei der sich die Betroffenen die Haut aufkratzen, Haare ausreißen, die Nägel kauen und unnötige chirurgische Eingriffe einfordern. Unter der zweiten Kategorie versteht Menninger die „religiöse Selbstverstümmelung, zu der wie auch von mir in Kapitel 3.1. beschrieben, Beschneidungen, Initiationsriten, öffentlichen Selbstpeinigung usw. zählen. Als Kategorie drei benennt er dann die „Selbstverstümmelung bei psychotischen Patienten“. Zu den Verletzungen durch diese Art des selbstverletzenden Verhaltens gehören zum Beispiel die Zerstörung des Augapfels, Verletzungen der Genitalien und die Selbstamputation von Gliedmaßen. Die vierte Kategorie bezeichnet Menninger als „Selbstverstümmelung bei organischen Leiden“. Hierbei handelt es sich um Selbstverletzungen, welche auf hirnorganische Schäden, zum Beispiel in Folge einer Hirnhautentzündung, zurückgeführt werden können. Die letzte zu benennende fünfte Kategorie ist die „Selbstverstümmelung in üblichen und konventionellen Formen“. Hierzu zählen banale Dinge wie beispielsweise das Nägel- oder Haareschneiden oder das Rasieren.[14]

Doch gibt es auch aktuellere Kategorisierungsversuche. Hierbei beziehe ich mich auf die Klassifikation von Simeon und Favazza aus dem Jahr 2001, welche sehr weit verbreitet ist. Diese unterteilen das Phänomen des selbstverletzenden Verhaltens in vier verschiedene Kategorien. Zum einen ist das die „schwere Selbstverletzung“, bei der die Verletzungen zu Verstümmelungen führen und lebensbedrohlich sein können. Hier kommt es zum Beispiel zur Zerstörung des Augapfels (Autoenukleation), zur Selbstkastration oder zu Selbstamputationen. Die nächste Kategorie bezeichnet man als „stereotype Selbstverletzung“. Bei den Betroffenen kommt es zu „rhythmisch wiederholten, gleichförmig und starr ablaufenden Selbstverletzungen“.[15] Es handelt sich hierbei beispielsweise um das Sich- Beißen, Sich- Kratzen oder Kopfschlagen. Diese Kategorie findet man vor allem bei geistig behinderten und hospitalisierten Menschen. In der dritten Kategorie von Simeon und Favazza zeigen die Betroffenen ein „zwanghaftes selbstverletzendes Verhalten“. Hierunter versteht man meist leichte Selbstverletzungen, welche jedoch von den Betroffenen sehr häufig wiederholt werden und damit einen zwanghaften Charakter aufweisen. Es zeigen sich unter anderem Verhaltensweisen wie Nägelbeißen oder das Ausreißen von Haaren. Als letzte Kategorie versteht man das „impulsive selbstverletzende Verhalten“, bei dem die Betroffenen häufig nach einem bestimmten „Ritual“ vorgehen. Dabei treten die Selbstverletzungen meist episodisch auf und der Schweregrad der Verletzungen schwankt zwischen leicht bis mittelschwer, wobei jedoch keine Lebensgefahr besteht. Bei dieser Kategorie zeigen sich Formen der Selbstverletzung, wie zum Beispiel das Ritzen, Schneiden oder Verbrennen sowie die Störung der Wundheilung.[16]

Abschließend ist zu den beschriebenen Kategorisierungsversuchen aber zu sagen, dass sie tatsächlich rein deskriptiv sind und keinerlei Aussagen über mögliche Ursachen treffen.

3.3.2. Die heimliche Selbstverletzung

Zunächst einmal ist der größte Unterschied zwischen der heimlichen und der offenen Selbstverletzung, dass die Betroffenen zwar auch unbewussten Impulsen unterworfen sind, diese Form des selbstverletzenden Verhaltens aber dennoch unter willentlicher Kontrolle geschieht. Das Ziel dieser Art der Selbstverletzung ist zum einen die Selbstbestrafung, sowie ebenfalls die Spannungslinderung und zum anderen die Suche nach Bestätigung, getreu dem Motto „Mein Körper gehört mir!“ Die heimliche Form des selbstverletzenden Verhaltens ist meist auf unbewusste, psychische Konflikte der Betroffenen zurückzuführen, wie beispielsweise heftige Schuldgefühle, Minderwertigkeitskomplexe und starke Unsicherheit. Ebenfalls zu den heimlichen Selbstverletzungen zählen die artifiziellen Störungen, bei denen Krankheiten selbst induziert werden. Hierbei täuschen die Betroffenen bestimmte Beschwerden vor und erzeugen künstlich Symptome, um so die Patientenrolle einnehmen zu können. Dabei benötigt der Patient zwar „ein hohes Maß an intellektueller Urteilsfähigkeit und überlegter, zielgerichteter Aktivität, damit die Selbstmanipulation nicht entdeckt wird“[17], dennoch ist ihr Verhalten zwanghaft, da sie ihr Handeln trotz der Selbstschädigung nicht unterlassen können. Eine verbreitete Untergruppe der artifiziellen Störung ist besser bekannt als „Münchhausen- Syndrom“, welches sich noch einmal unterteilen lässt in das „Münchhausen-by-proxy-Syndrom bei Kindern“, bei dem die Betroffenen in der Regel bei ihren eigenen Kindern Krankheiten erzeugen oder verschlimmern, und in das „Münchhausen-by-proxy- Syndrom bei Erwachsenen“, bei dem die Betroffenen Krankheitssymptome bei ihnen nahestehenden erwachsenen Personen induzieren.[18]

Generell wird bei allen Formen der artifiziellen Störungen, anders als bei der offenen Selbstschädigung, bei der den Betroffenen sowie den Angehörigen, Freunden und Ärzten klar ist, dass es sich um eine selbstinduzierte Verletzung handelt, die selbstindizierten Schädigungen verheimlicht.[19]

4. Erscheinungsbild und diagnostische Zuordnung

Im nun folgenden Kapitel werde ich mich näher mit dem allgemeinen Erscheinungsbild, das heißt mit den Betroffenenzahlen in Deutschland, mit den Erscheinungsformen des selbstverletzenden Verhaltens sowie mit der Lokalisation der Selbstverletzungen sowie mit deren diagnostischer Zuordnung befassen.

4.1. Statistische Daten

Insgesamt ist es im Hinblick auf die Betroffenen in Deutschland so, dass mehr Mädchen und Frauen vom selbstverletzenden Verhalten betroffen sind. Hierbei wird davon ausgegangen, dass etwa fünfmal so viele Frauen wie Männer selbstverletzende Handlungen vollziehen. Schätzungen nach zu urteilen, sind innerhalb der Gesamtbevölkerung etwa 0,6 bis 0,75% von der offenen Selbstverletzung betroffen, wohingegen man bei der Altersgruppe der 16- 30jährigen von einem Betroffenenanteil von ungefähren zwei Prozent ausgeht. Ganz exakte Zahlen gibt es allerdings in Deutschland nicht. Bezüglich des prozentualen Anteils an der Gesamtbevölkerung sind in der gesamten Bundesrepublik Deutschland ca. 800.000 Betroffene zu verzeichnen, wobei die Dunkelziffer noch weitaus höher sein dürfte. Insgesamt spricht man von 4% der deutschen Gesamtbevölkerung, die vom selbstverletzenden Verhalten betroffen sind.[20]

Der Altersdurchschnitt liegt im Bezug auf das offene selbstverletzende Verhalten zwischen 18 und 28 Jahren. Generell wird davon ausgegangen, dass sich etwa in 60% aller Fälle die Betroffenen im frühen Erwachsenenalter, das heißt etwa zwischen dem 16. und 25. Lebensjahr oder zu einem noch früheren Zeitpunkt, meist mit Beginn der Pubertät oder der ersten Menstruation, zum ersten Mal selbst verletzen.

Betrachtet man diesbezüglich die statistischen Daten der heimlichen Selbstverletzung, so kann davon ausgegangen werden, dass etwa zwei Prozent der Patienten in Allgemeinkrankenhäusern betroffen sind. Der Beginn der chronischen Erkrankung dieser Form der Selbstverletzung ist zwischen dem 18. und 30. Lebensjahr anzusiedeln. Der Altersdurchschnitt liegt bei den Frauen bei ca. 30 Jahren und bei den Männern bei etwa 39 Jahren. Erwähnenswert ist hier vor allem die Tatsache, dass beim Münchhausen-Syndrom als Unterform der heimlichen Selbstverletzung im Gegensatz zu den anderen Formen des selbstverletzenden Verhalten der Männeranteil statistisch gesehen höher liegt.[21]

[...]


[1] vgl. http://www.lyrics.de/songtext/subwaytosally/narben_42cf0.html

[2] vgl. Resch, Franz. S. 300

[3] vgl. Dulz, Birger/Kernberg, Otto F./ Sachsse, Ulrich. S. 352- 359

[4] vgl. Petermann, Franz/ Winkel, Sandra. S. 20- 23

[5] vgl. Petermann, Franz/ Winkel, Sandra. S. 23

[6] vgl. Dulz, Birger/Kernberg, Otto F./ Sachsse, Ulrich. S. 347- 348

[7] vgl. Sachsse, Ulrich/Schäfer, Ulrike/ Rüther, Eckart. S. 35- 37

[8] vgl. Sachsse, Ulrich/Schäfer, Ulrike/ Rüther, Eckart. S. 35- 37

[9] vgl. Rahn, Ewald. S. 67- 68

[10] vgl. Dulz, Birger/Kernberg, Otto F./ Sachsse, Ulrich. S. 349- 351

[11] vgl. Petermann, Franz/ Winkler, Sandra. S. 17- 19

vgl. Dulz, Birger/Kernberg, Otto F./ Sachsse, Ulrich. S. 349- 351

[12] vgl. Dulz, Birger/Kernberg, Otto F./ Sachsse, Ulrich. S. 351- 352

[13] vgl. Petermann, Franz/ Winkler, Sandra. S. 30- 34

[14] vgl. Hänsli, Norbert. S. 21- 23

[15] vgl. Petermann, Franz/ Winkler, Sandra. S. 32

[16] vgl. Petermann, Franz/ Winkler, Sandra. S. 30-32

[17] vgl. Hänsli, Norbert. S. 38

[18] vgl. Dulz, Birger/Kernberg, Otto F./ Sachsse, Ulrich. S. 331- 334 vgl. Hirsch, Mathias (hrsg.). S. 23- 25

[19] vgl. Hänsli, Norbert. S. 33- 38

[20] vgl. http://www.selbstverletzung.com

[21] vgl. http://www.rotetraenen.de/?main=svv&sub=wer

Details

Seiten
59
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656115168
ISBN (Buch)
9783656115830
Dateigröße
686 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v187919
Institution / Hochschule
Universität Kassel – Sozialwesen
Note
1,3
Schlagworte
Selbstverletzendes Verhalten Borderline-Syndrom Posttraumatische Belastungsstörung Misshandlung Missbrauch Soziale Arbeit

Autor

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Titel: Selbstverletzendes Verhalten als psychische Konfliktbewältigung