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Wikipedia als Zukunftsträger des Weltwissens

Digitale Weltdatenspeicherung - ihre Risiken und Nebenwirkungen

Hausarbeit 2010 20 Seiten

Medien / Kommunikation - Multimedia, Internet, neue Technologien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Anforderungen an die Speicherung des Weltwissens

2 Wie moderne Datennetzwerke funktionieren und wie sie sich entwickelt haben
2.1 Das Internet und seine Entwicklung
2.1.2 Kommunikationsarchitektur
2.2 Datenkodierung und –enkodierung. Kulturtechnik der Datenverschlüsselung
2.3 Überlebensdauer von digitalisierten Daten mit heutigen Mitteln

3 Einige Eckpunkte zu Wikipedia

4 Worst-case „1984“
4.1 Undurchschaubarkeit – Black-Box-Systematik
4.2 Manipulation von Daten zu politischen Zwecken
4.3 Eingriff in das kollektive Gedächtnis

5 Zukunftsausblick und Fazit für Wikipedia als enzyklopädisches Projekt

Literatur

Einleitung

„Imagine a world in which every single person is given free access to the sum of all human knowledge. That’s what we’are doing.“[1]

Lautet der erste Satz von Jimmy Wales im Forward Andrew Lihs „The Wikipedia Revolution“. Er beinhaltet gleichzeitig Vision, Philosophie und selbst erteilte Aufgabe des Wikipedia-Projekts. … Die Idee von einer Organisation, Ordnung und Sammlung des Menschheitswissens war und ist ein fester Bestandteil der philosophischen Gedanken seit der Antike. Die Idee einer Enzyklopädie führte durch viele Versuche, Ordnung im wachsenden Wissensvorrat der Menschheit zu schaffen (Lullus/ Leibniz/ Descartes)[2], in ein technologisch weit fortgeschrittenes Zeitalter. Die Metapher des Netzes von Wissensverknüpfungen ist zur Realität geworden, zur virtuellen Realität. Das weltumspannende Enzyklopädie-Projekt „Wikipedia“ löst teilweise Bibliotheken und Bücher mit Hypertext und Wikis ab. Ob alles Weltwissen virtuellen Netzwerken anvertraut werden sollte und wie die Entwicklung der digitalen Speichermedien aussieht, soll diese Hausarbeit aufzeigen und zu erklären versuchen. Bevor man sich mit den Risiken und Nebenwirkungen der digitalen Datenspeicherung und dem „Welt-Lexikon“ Wikipedia auseinandersetzt, muss man allerdings erst die Anforderungen an die Weltbibliothek kennen, verstehen WIE das Internet entstand und demnach funktioniert; WIE Informationen kodiert werden und in digitaler Form dann WO gespeichert und konserviert werden.

Wenn wir uns dem Gestern und Heute der Informationen, ihrer Speicherung und ihrer Behandlung gewidmet haben, wollen wir den Blick von der reinen Technik abwenden und in eine womöglich düstere Zukunft schweifen lassen. Diese dystopische Zukunft, die durch Macht über das Menschheitswissen geprägt ist, zeigt uns Orwell in „1984“. Teilaspekte des Romans sollen mit den herrschenden Umständen in Wikipedia und Internet verglichen werden.

1 Anforderungen an die Speicherung des Weltwissens

Der Vordenker der modernen Enzyklopädie Denis Diderot wollte das gesammelte Wissen für die Nachwelt nutzbar machen, damit die nächsten Generationen glücklicher und besser leben könnten. Und als Vertreter der Aufklärung ging es ihm „nicht zuletzt auch um die Transformation gelehrten Fleißes in ein Instrument gesellschaftlicher Erneuerung“[3] Welche Ziele lassen sich für die Informationsspeicherung daraus ableiten?

Die Informationen müssen so abgelegt werden, dass sie mehr als eine Generation überleben können. Das reine Überleben reicht jedoch nicht, sie müssen auch für die nachfolgenden Generationen lesbar und verstehbar sein. Denn was brächten uns großartige Erkenntnisse der Vergangenheit, wenn sie für uns im wahrsten Sinne des Wortes Hieroglyphen sind. Daraus lässt sich im nächsten Schritt das moderne Anliegen der Benutzerfreundlichkeit ableiten. Modern deshalb, weil alle enzyklopädischen Pioniere nach einer Ordnung oder spezieller einem Ordnungssystem für die Erkenntnisse der Welt suchten. Eine Ordnung trägt jeder Mensch in sich, doch die Ordnung nach der Descartes und andere suchten, sollte etwas Allgemeingültiges besitzen. Die Entwicklung benutzerfreundlicher Software hat einiges gemeinsam mit der Suche nach Ordnungssystemen für Informationen im weitesten Sinne. Im World Wide Web finden sich ähnliche Verweisstrukturen, wie sie für Enzyklopädien entworfen wurden.

Wenn die zukünftigen Menschen glücklicher sein sollen, glücklich in Diderots Sinne durch Aufgeklärtheit, dann muss das Weltwissen vor Missbrauch und Manipulation geschützt sein. Und im festen Glauben an die Demokratie, für die die antiken Früh-Enzyklopädisten genau so lebten wie Diderot als Aufklärer, sollte außerdem feststehen, dass das Menschheits-wissen der ganzen Erdbevölkerung zur Verfügung und Benutzung offen steht – eben zur fortschreitenden gesellschaftlichen Erneuerung.

2 Wie moderne Datennetzwerke funktionieren und wie sie sich entwickelt haben

2.1 Das Internet und seine Entwicklung

„Since 2001, a faceless band of volunteers has self-organized to create an online community working successfully beyond anyone’s imagination“[4]

schreibt Andrew Lih fast 10 Jahre nach der Geburt von Wikipedia. Die technischen und wissenschaftlichen Vorraussetzungen für ein interaktives Netzwerk von Benutzern, die - egal von wo - Artikel lesen und editieren können sind enorm. Um die Ermöglichungsfaktoren von Wikipedia zu erkennen, muss man einen Blick zurück an die Anfänge des Internets und der Computertechnologie weit vor 2001 werfen.

Das Verstehen der Kommunikationsarchitektur soll später Kapitel 2.1.2 Voraussetzung für den Vergleich mit anderen Archivierungsformen des Weltwissens außerhalb des virtuellen Raums sein.

In der ersten Phase des sich ankündigenden Internetzeitalters wurde das technische Fundament gelegt. Howard Aiken konstruierte 1944 den Rechner Mark I. Er schätzte den gesamten Bedarf der Vereinigten Staaten in den nächsten Jahren auf fünf bis sechs Computer[5]. Heidenreich schreibt dazu, dass dies nur eine der dramatischen Unterschätzungen in der Mediengeschichte sei. Das Problem liege in der Tatsache, dass man von der Anwendung der Gegenwart nicht auf die Technik der Zukunft schließen könne. Mit Mark I. und weiteren Vorläufern des Personal Computers wurde ein Medium geboren, in dem alle bisherigen Unterschiede der Medien in einem digitalen Prozess aufgehen sollten. Der heutige Computer ist ein „Universalmedium“[6], das im Prozess des Speicherns und Übertragens die Fähigkeit, mit Schrift und Grafik, mit Fotografie und Film zu arbeiten, besitzt. Die Oberflächen an den Schnittstellen des Netzwerkes können mathematische Formeln auf der ganzen Welt durch die gleichen Formate und Normen gleich darstellen. Bis zu diesem zuletzt beschriebenen Stand musste die Entwicklung noch mehrere Stufen durchlaufen.

Wie andere Kommunikationstechnologien (Funk, Radio, Telefon, etc.) verdanken die Computer-Netzwerke ihre schubhafte Entwicklung und Reifung militärischen Nöten. Das Verteidigungsministerium der Vereinigten Staaten rief 1958[7] die Gesellschaft „Advanced Research Agency“, kurz ARPA ins Leben. In Kooperationen arbeiteten universitäre und industrielle Partner am technischen und wissenschaftlichen Vorsprung gegenüber der Sowjetunion.

Die Computertechnik zu dieser Zeit besaß immer noch eine hohe Abhängigkeit zu Magnetbändern und Lochkarten. Das Potential seit den ersten Gehversuchen, man denke zurück an die Konstruktion von Mark I, wurde überwiegend für mathematische Anwendungen genutzt.

J.C.R. Licklider veröffentlichte 1960, fasziniert vom Denkwerkzeug Computer, die Schrift „Man-Computer Symbiosis“[8] In seiner Vision sollten vor der Menschheit die intellektuell kreativsten und aufregendsten Jahre liegen. Auf dem Weg zu einer modernen Vernetzung der neuen Denkwerkzeuge setzte Licklider Bestrebungen ein, dieses zu einem benutzerfreundlichen Medium für Militär, Wissenschaft und Industrie zu machen. Die damit beauftragte Untersektion der ARPA, das IPTO[9] arbeitete an der Realisierung einer interaktiven Nutzung, maschinenunabhängige Hochsprache, anwendungsfreundliche Ein- und Ausgabegeräte und Hardwareeffizienz[10]. Aus den Teilentwicklungen folgte der logische Schritt, Netzwerke aus Großrechnern und Personal Computern zu bilden.

Die heute etablierte Netzwerk-Architektur entstand in einer Reihe von drei maßgebenden Versuchen bzw. Überlegungen, ein sicheres und möglichst störungsfreies Netz zu verwirklichen. Time-Sharing-Betriebssysteme ermöglichen gleichzeitigen und interaktiven Zugriff von mehreren Benutzern auf einen Großrechner, der im dezentralisierten Netzwerk die Rolle des sogenannten Host oder Zentralrechners übernimmt. Die IPTO war gezwungen dem Netzwerk eine Architektur oder Topologie zu geben, die räumlich und geographisch weit verstreuten Rechner zu verbinden und ihnen den Zugriff auf verschiedene Zentraleinheiten zu ermöglichen. Die sternförmige Anordnung der Knotenpunkte um den Host scheiterte auf Grund von Überlastung und die technische Inkompatibilität der Rechner von verschiedenen Herstellern und Modellen. Die Kommandostruktur eines digitalen Netzes, das bei Ausfall des Zentralservers völlig zum Erliegen kommt, genügt den Anforderungen militärischer Einsätze nicht.

Der Informatiker Paul Baran trug durch zwei Konzepte bedeutend zur militärischen Anforderungserfüllung und der Internet-Evolution bei. In seiner Schrift „On Distributed Communication“[11] führt er die Ideen des „distributed network“ und des „packed switching“ ein.

Distributed[12] Networks sind Netze ohne Zentrale, die Daten nicht über festgelegte Routen transportieren, sondern immer über die nächstmögliche. Das „packed switching“ ergänzt diese Technologie, indem Daten in Pakete zerteilt vom Start auf verschiedenen Wegen zur Zieladresse gelangen und sich dort wieder zusammenfügen. Das Datenaufkommen wird auf das Netz verteilt und kann alle Formen von Daten tragen, die - wie im nächsten Kapitel beschrieben - verschlüsselt werden. Zudem erwies er sich, wie an folgendem Zitat erkennbar, als Visionär des digitalen Zeitalters: „[6)] One day in the future (and we are not foolhardy enough to predict an exact date), for economic reasons alone in the military environment it may be necessary to break away from existing analog signal communication network concepts in favor of all-digital networks.“[13] Das „Internetwork“ verband ab 1975 statt einzelnen Computern Computernetze miteinander. Ab Ende der 70er Jahre bot das USENET die Möglichkeit weltweit in Diskussionsforen zu kommunizieren. Allein das Betriebssystem UNIX auf dem PC und ein Telefonanschluss waren dafür nötig. Die „gemeinsame und entfernungsunabhängige Nutzung“[14] durch Internetprotokollsysteme ließ globale virtuelle Gemeinschaften wachsen. Diese Entwicklungen sollen hier nur stellvertretend für die zahlreichen Innovationen und Optimierungen bis Anfang der 90er Jahre stehen. Mit dem World Wide Web wurde 1991 am CERN in Genf der Meilenstein gesetzt, der unsere heutigen Erfahrungen und Vorstellungen des Internets prägt. Die benutzerorientierte Software WWW zieht seither ein Netz von Hypertexten über den Globus, den die Nutzer über Querverweise theoretisch in jeden Winkel verfolgen können. Das ausgebaute Glasfaser-Breitbandnetz in Deutschland hat eine „Übertragungskapazität von 155 Millionen Bit pro Sekunde“, was der „Übermittlung einer ganzen Enzyclopädie in einer ganzen Sekunde gleichkommt.“

[...]


[1] Lih 2009. xv „Foreword by Jimmy Wales“

[2] Vgl. Mittelstrass 2005

[3] Mittelstrass 2005, S.55

[4] Lih 2005, S.4

[5] Heidenreich 2005. „FlipFlop“ S.7

[6] Heidenreich S. 8

[7] Musch 1997

[8] Licklider 1960

[9] Information Processing Techniques Office

[10] Licklider „Prerequisites for the achievement of the effective, cooperative association include developments in computer time sharing, in memory components, in memory organization, in programming languages, and in input and output equipment.“

[11] Baran 1964

[12] (engl. verteilt, dezentralisiert)

[13] Baran 1964. iv.

[14] Musch 1997

Details

Seiten
20
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656115281
ISBN (Buch)
9783656116752
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v187889
Institution / Hochschule
Universität Siegen
Note
1,0
Schlagworte
Wikipedia Weltwissen Wissensspeicherung Datenträger Orwell 1984 Information Speichertechnik digital Maoism Encyclopädie kollektives Gedächtnis Schwarmintelligenz

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Titel: Wikipedia als Zukunftsträger des Weltwissens