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Typen von Namenmotivierung und Namenbildung und deren Wandel in Geschichte und Gegenwart

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 34 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Germanische Namenbildung und Namenmotivierung
2.1 Primär- und Sekundärbildung germanischer Namen
2.1.1 Primärbildung
2.1.1.1 Zweigliedrige Namen
2.1.1.2 Eingliedrige Namen
2.1.2 Sekundärbildung
2.2 Exkurs: lateinische Namengebung und Namenmotivation

3. Übergang von sinnreicher Namengebung zu anderen Motivierungen
3.1 Namendeutung und Namenexegese im Mittelalter
3.2 Namenmotivierung von der frühen Neuzeit bis in die Gegenwart

4. Motivierung der Familiennamen

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Als am 11. April diesen Jahres das dritte Kind des niederländischen Thronfolgers Willem- Alexander geboren wurde und die Medien erklärten, dass Mutter und Tochter wohlauf seien, war es vor allem eines, was die am Königshaus interessierte Öffentlichkeit sich noch fragte: welchen Namen wird das kleine Mädchen bekommen? „Ariane“ lautete zwei Tage später die ersehnte Antwort. Die Tatsache, dass die Frage nach dem Namen eines Kindes nicht nur in diesem Falle meist weit vor allen anderen Fragen bezüglich eines Neugeborenen rangiert, beweist die Bedeutung, die dem Personennamen eines Menschen für gewöhnlich zukommt, und dies nicht nur im Kleinkindalter. Das ganze Leben hindurch ist „der Name eines Menschen […] die wohl wichtigste Ausdrucksform personaler Identität“[1], weshalb sich unzählige Gelegenheiten ergeben in denen es gilt seinen Namen anzugeben, so dass allein diese schwer zu bestreitende Relevanz und Allgegenwärtigkeit das Feld der Personennamen zu einem überaus interessanten Thema machen. Verstärkend treten darüber hinaus die beinahe unendliche Vielfalt und Buntheit der Namen hinzu, welche zumal dann ins Bewusstsein rücken, wenn der Blick des Betrachters sich über räumliche und zeitliche Grenzen hinwegsetzt. Da sich ob dieser ungeheuren Varianz nun natürlich die Frage stellt, in welcher Ursache selbige begründet ist, soll die vorliegende Arbeit im Folgenden das Fundament einer Antwort hierauf liefern. Diese muss, soviel darf bereits gesagt werden, in einem Verweis auf die verschiedenen Motivierungen bestehen, welche bei der Namenschöpfung und Namengebung zu beobachten sind, welche sich von Region zu Region und von Epoche zu Epoche unterscheiden, und die sich zu guter Letzt in verschiedene Typen einteilen lassen.

Zusammenfassend bedeutet dies nun, dass es in der folgenden Arbeit darum gehen soll einige Typen der Namenmotivierung zu untersuchen und in diachroner Betrachtungsweise deren Wandel vorzustellen. Um die Übersichtlichkeit dieses Ansinnens zu wahren, soll hierbei sowohl regional als auch zeitlich ein fester Rahmen gesteckt werden, so dass die vorliegenden Betrachtungen ihren Ausgangspunkt in der Namenmotivierung der Germanen finden, woran sich im weiteren Verlauf das Ziel anschließt deren Wandel bis hin zur Gegenwart zu untersuchen. Schlussendlich sollen hierbei Antworten auf Fragen gefunden werden wie: Wie kommt es, dass die Namenvielfalt der Germanen im Mittelalter derart dezimiert wird, dass nach und nach Identifikationsschwierigkeiten auftraten? Wann und aus welchem Grund entstehen die Familiennamen? Welche Motivationstypen sind in der aktuellen Namengebung zu erkennen? Wie können die Übergänge vom Mittelalter zur Neuzeit beschrieben werden?

Um diese und andere Probleme lösen zu können, soll im ersten Kapitel der Arbeit zunächst untersucht werden, welche Motivierung den germanischen Personennamen zugrunde lag und wie die Bildung derselben aus sprachwissenschaftlicher Sicht abgelaufen ist. Hierbei gilt es festzustellen wie germanische Namen typischerweise aufgebaut waren und welche Veränderungen sich zu welchem Zeitpunkt beobachten lassen. Zusätzlich darf in diesem Kapitel auch ein Einblick in die lateinische Namengebung nicht fehlen, da dieser vor dem Trugschluss bewahren kann, dass Namenmotivierung ein in synchroner Hinsicht einheitliches Gebilde wäre, denn, wie hier bereits vorweggenommen werden kann, die römische Bevölkerung nutzt zu gleicher Zeit ein vollkommen anderes System der Namengebung als es die sie umgebenden „Barbaren“ es tun.

Im nächsten Kapitel wird es dann darum gehen den Wandel in der Namenmotivierung über verschiedene Epochen hinweg zu untersuchen, wobei zu erwarten ist, dass neue Typen der Namenmotivierung zu erkennen sind, welche die alten Muster ablösen oder ergänzen. Um chronologisch voranzuschreiten, ist daher zunächst ein Blick auf die Namenexegese und Namendeutung des Mittelalters von Nöten, bei denen vor allem der Einfluss der Religion besonders deutlich wird, welcher über viele Jahrhunderte hinweg erhalten bleiben soll. Das folgende Unterkapitel führt dann über die frühe Neuzeit bis hin in die Gegenwart, wo die mythische Sinnfindung der Germanen zum größten Teil wohl ebenso bedeutungslos geworden ist wie die religiösen Bestrebungen des Mittelalters. Welche Typen der Motivierung stattdessen zugrunde liegen können, wird dann in Kapitel 3.2 erläutert werden, um so die Beschäftigung mit den heute wohl als „Vornamen“[2] zu bezeichnenden Namenbestandteilen abzuschließen.

Anschließend gilt es im 4. Kapitel den Untersuchungsgegenstand noch etwas zu erweitern und die wichtige Frage zu klären, wie es zur Entstehung der Familiennamen gekommen ist, welche heute einen festen Bestandteil des Personennamens darstellen. Diese entstehen im deutschen Sprachraum erst im Mittelalter, lösen dann aber sukzessive das Prinzip der Einnamigkeit ab, welches lange Zeit geherrscht hat. Entscheidend hierbei ist die Beantwortung der Fragen, wo und aus welchem Grund sich die Zweinamigkeit entwickelt hat und welche Motivierungstypen nun wiederum den Familiennamen zugrunde liegen.

Im abschließenden Fazit wird es dann darum gehen die erhaltenen Ergebnisse noch einmal zusammenzufassen, um einen resümierenden Überblick über die Typen der Namenmotivierung und deren Wandel in Geschichte und Gegenwart zu erhalten.

2. Germanische Namenbildung und Namenmotivierung

Wie bereits in der Einleitung angedeutet wurde, soll die germanische Namenmotivierung für die vorliegende Arbeit den Ausgangspunkt der Betrachtungen darstellen und kann somit als Ursprung angesehen werden, dessen Wandel es bis in die Gegenwart zu untersuchen gilt. Entscheidend hiefür erscheint die Tatsache, dass die im Folgenden zu betrachtenden Namen des Germanischen im Gegensatz zu heutigen Namen auch in germanischer Zeit gebildet wurden, so dass aus ihrer Gestalt und Bedeutung auf ihre Motivation geschlossen werden kann[3]. Von daher ist es unerlässlich in den folgenden Unterkapiteln auch die Regeln der Namenprägung zu untersuchen, welche zudem aus sprachwissenschaftlicher Sicht interessant sein dürften und aufgrund der starken namenschöpferischen Tätigkeit der Germanen (im Gegensatz beispielsweise zur Bevölkerung des Mittelalters) hier unbedingt berücksichtigt werden müssen.

Über diesen konkret im Kapitel behandelten Untersuchungsgegenstand hinaus muss laut Seibicke stets bedacht werden, dass eine Unterscheidung zwischen der gebundenen und der freien Namengebung vorgenommen werden sollte. Bei ersterer wird der zu vergebende Name durch „extraonomastische Faktoren wie ein[en] Brauch oder eine Vorschrift“ bestimmt und erfolgt somit gleichermaßen mechanisch „aufgrund einer dahinterliegenden Motivation“, während bei letzterer die Eltern an keine Regeln gebunden sind und somit „das Namengebungsmotiv selbst bestimmen können“[4]. Beiden Praktiken gemeinsam ist jedoch der Wunsch nach der Möglichkeit zur Identifizierung von Individuen, welcher als eine Grundkonstante des menschlichen Lebens angesehen werden muss, so dass Namengebung in allen Gesellschaften und zu allen Zeiten beobachtet werden kann. Entscheidende Unterschiede ergeben sich in der Motivierung der Namen bzw. der Praktik ihrer Bildung (sofern diese betrieben wird), wie ein in diesem Kapitel angestrebter exemplarischer Vergleich mit der lateinischen Namenmotivation und -bildungspraktik zeigen kann.

Grundsätzlich sind bei den hier zunächst zu untersuchenden germanischen Rufnamen Primär- und Sekundärbildung als zwei verschiedene Stufen der Namenprägung zu unterscheiden. Sonderegger benennt den entscheidenden Unterschied beider Klassen zu Recht darin, dass der Namengebung mit Primärmotivation ein Intensionswert zugeschrieben werden kann, während der Namenverwendung bei Sekundärmotivation ein Kommunikationswert zukommt[5]. Das bedeutet also, dass die Namen der ersteren Klasse die ältere Schicht darstellen, welche später von den Namen der Sekundärbildung ergänzt und abgelöst wird.

2.1 Primär- und Sekundärbildung germanischer Namen

2.1.1 Primärbildung

Um chronologisch voranzuschreiten soll es hier zunächst um die Untersuchung der Primärbildung gehen. Charakteristisch für diese älteste Stufe der Namenmotivation ist die Ableitung der Personennamen aus Appellativen, welche Eigenschaften des Namenträgers benennen sollen oder dessen Stellung in der ihn umgebenden Umwelt verdeutlichen können. Hierzu dienen zumeist Substantiva (zumeist Konkreta), es sind jedoch auch Bildungen aus Substantiv und Adjektiv bzw. Adjektiv und Adjektiv zu beobachten[6]. Obwohl entgegen der üblichen Regel nicht das Zweitglied über die syntaktische Kategorie des Kompositums entscheidet, d.h. das Kopfrechtsprinzip bei der Namenbildung keine Gültigkeit besitzt[7], verlieren die Appellative durch ihre Verwendung in einem Namen nicht ihren eigentlichen Sinn, sondern erweitern diesen gewissermaßen noch, da sie durch die Verwendung als Eigenname eine zusätzliche Qualität gewinnen. Sie bezeichnen nunmehr etwas Einmaliges, was von Geuenich als typisches Charakteristikum von Namen angesehen wird[8].

Bei der Praktik der Ableitung von Namen aus Appellativen, welche übrigens auch heute noch bei Naturvölkern zur Anwendung kommt, geht es hauptsächlich darum dem Neugeborenen mit dem Namen einen Heilswunsch zukommen zu lassen, was das Phänomen erklären kann, dass Namen der Primärbildung über ihre bezeichnende und identifizierende Funktion hinaus auch noch eine tatsächliche Bedeutung haben. Hieraus ergibt sich, dass ein Prinzip der sinnvollen Namengebung vorliegt und Haubrichs voll und ganz zuzustimmen ist, wenn er betont, dass die „Annahme einer nur willkürlichen Zuordnung von Sprachzeichen“ für archaische Kulturen nicht haltbar erscheint[9]. Die jeweilige Bedeutung des Namens wird auf der Stufe der Primärbildung bei der Namenverwendung durchaus noch mitgedacht, wobei zu beobachten ist, dass sich der Namensinn teilweise aus der alltäglichen Bedeutung der verwendeten Appellative ableitet[10], dass die gewählten Namenbestandteile meist jedoch im poetischen Sinne gebraucht werden, so dass die entstehenden Namen oft als Metaphern, Bilder und Vergleiche verstanden werden müssen und somit auf einer dichterischen Ebene ihre Bedeutung konservieren[11].

Prinzipiell bestehen germanische Namen zumeist aus zwei Gliedern, wobei das Zweitglied oft der Stilisierung des Mannes dient und nicht zuletzt aufgrund der kriegerischen Auseinandersetzungen der unruhigen Völkerwanderungszeit, in der die Primärbildung anzusiedeln ist, meist den Gebieten Kampf und Kult entstammt. Entsprechend häufig erscheinen aus diesem Grund in germanischen Namen Tierbezüge (z.B. -ulf = Wolf, -ram = Rabe, -bero = Bär), da diese auf beide genannten Bereiche verweisen können und die theriophoren Namen somit überaus bedeutungsschwer sind, da die verwendeten Tierbestandteile zusätzlich zu metaphorischen Verweisen auf kriegerische Qualitäten des Namensträgers auch häufig in den religiösen Vorstellungen der Germanen eine Rolle spielen[12]. Die Bereiche Güte, Milde und Pflanzenwelt hingegen, welche bei der Namenbildung anderer Naturvölker oft anzutreffen sind, fehlen bei den Germanen fast vollständig. Überaus häufig ist im Zweitglied stattdessen, wie bereits angedeutet, die Bezeichnung des Mannes als Krieger zu finden, worauf Namenbestandteile wie -bad, -gund oder -had verweisen, die, ebenso wie die Zweitglieder -bald (=kühn), -hart (=streng) und -bert (=glänzend), allesamt einen Bezug zum Bereich „Kampf“ herstellen. Dieser kann darüber hinaus auch durch Namenbestandteile wie -rant (=Schild), -helm (= Helm) oder -stab (= Stab) erreicht werden, wobei deutlich wird, dass der Mann mittels der hieraus resultierenden Namen durchaus auch als Ding bezeichnet werden kann. Daneben stehen außerdem Benennungen als Maskenträger (à -grim oder -bard), als Herrscher (à -rich oder -oald) sowie als Knecht, wobei letzteres jedoch nur gegenüber Gott (oder Göttern) zu konstatieren ist (z.B. Gottschalk).

Die Erstglieder germanischer Personennamen dienen dazu den Lebensbereich des Mannes zu beschreiben, welcher entsprechend der Bedeutung der Zweitglieder ebenfalls aus der Perspektive des Herrschers und Kämpfers betrachtet wird. So kann die Welt einerseits mit Dingen des Krieges in Verbindung gebracht werden (z.B. Bili- = Streitaxt), andererseits sind jedoch auch schlichtweg Bezugnahmen zu Erfahrungen (z.B. Rat- = Rat) oder einfach eine Beschreibung der Umwelt als Raum (z.B. Land- = Land) möglich. Daneben stehen außerdem Bezüge zu Volk (bzw. Kriegsvolk) und Rechtsgemeinschaft (z.B. Kuni- = Geschlecht bzw. Heri- = Heer und Thing- = Gerichts-) oder zu Besitz (z.B. Arda- = Erde). Inhaltlich Ähnliches gilt im Übrigen für germanische Frauennamen, die oftmals die gleichen Erstglieder wie Männernamen aufweisen und sich nur durch ein feminines Zweitglied von diesen unterscheiden lassen. Ausnahmen stellen hier jedoch beispielsweise die doch recht häufigen Frauennamen auf -lind (= sanft) dar[13].

Die Tatsache, dass vor allem solche Eigenschaften, Dinge und Bezeichnungen aus dem Appellativwortschatz ausgewählt werden, die mit Krieg und Kult in Verbindung stehen, kann hierbei als Beleg dafür gewertet werden, dass Namen auf der Stufe der Primärbildung keineswegs mit dem sprichwörtlichen „Schall und Rauch“ gleichgesetzt werden können oder ausschließlich nach ihrem Wohlklang gewählt werden. Vielmehr sollen sie Ähnlichkeiten ihres Trägers mit Dingen seiner Umwelt bezeichnen oder gar schaffen sollen, um so Vorteile für den jeweiligen Namenträger in einer kriegerischen Zeit zu erringen, wie folgendes Beispiel verdeutlichen kann: wenn germanische Eltern einem Neugeborenen den Namen Wolfhram geben, so sind hier (noch) keine realen Ähnlichkeiten zwischen Namenträger und gewähltem Appellativ zu erkennen. Es ist eher anzunehmen, dass es der Wunsch und somit auch die Motivation der Eltern ist, dass ihr Sohn die positiven Eigenschaften von Rabe und Wolf durch seinen Namen erhalten soll. Dabei kann der theriophore Name Wolfhram auch noch einmal die oben angesprochene metaphorische Qualität der meisten germanischen Eigennamen verdeutlichen: ein Mensch wird mit Wolf und Rabe verglichen, da diese Tiere beispielsweise über Eigenschaften verfügen, welche dem Namensträger nachahmenswert erscheinen (sollen). Wie bereits angedeutet, ergibt sich hier eine Parallele zur Dichtersprache, in der ein Krieger ebenfalls metaphorisch als Kampfbär oder Schwertwolf umschrieben werden kann[14].

Neben der inhaltlichen Ebene ist der hier exemplarisch ausgewählte Name Wolfhram auch noch in anderer Hinsicht als typisch anzusehen, da er mit seinen beiden Bestandteilen wolf und hram die typische Zweigliedrigkeit germanischer Personenamen aufweist, welche im Folgenden näher untersucht werden soll, um somit die formale und quasi technische Seite der germanischen Namenschöpfung darzulegen.

2.1.1.1 Zweigliedrige Namen

Es verhält sich in germanischer Zeit nun so, dass unabhängig von der mehr oder minder konkreten Bedeutung des Namens streng eingehaltene Regeln zur Namenbildung gelten. Die hierbei geprägten zweigliedrigen Personennamen stellen die älteste Rufnamenschicht des Germanischen dar, sind auch in anderen indogermanischen Sprachen anzutreffen und werden von einer zweiten Gruppe ergänzt, die die eingliedrigen Personennamen umfasst.

Aus morphologischer Sicht können nun im Falle der zweigliedrigen germanischen Namen die folgenden Grundregeln zu deren Schöpfung abgeleitet werden, welche zu Zeiten der Primärbildung auch eingehalten werden: bei der Bildung zweigliedriger Personennamen fungiert das zweite Glied jeweils als Grundwort und hat somit ein besonderes Gewicht, während das erste Glied meist nur als Ergänzung angesehen werden kann[15]. So bestimmen die Zweitglieder Genus und Deklinationsklasse des Namens, weshalb das Movierungsprinzip im Germanischen nur eingeschränkte Geltung hat[16]. In diesem Zusammenhang ist allerdings noch zu bedenken, dass Namen mit adjektivischem Zweitglied von vornherein als Männer- oder Frauennamen gebildet werden können[17]. Die Erstglieder hingegen treten zumindest in der Urform der germanischen Namenbildung in ihrer unflektierten Stammform im Namen auf, welche aus Wurzel und Stammbildungselement besteht, und entscheiden je nach ihrer Deklinationsklasse darüber welches Bindeglied in der Kompositionsfuge zu finden ist, z.B. Gom a hilt (a-Stamm des Erstgliedes) vs. Frid u hilt (u-Stamm des Erstgliedes). In Ausnahmefällen allerdings, die jedoch meist spätere Bildungen darstellen, kann das Erstglied auch flektiert erscheinen (z.B. Got te sskalk)[18].

Trotz der großen Vielfalt hinsichtlich der Kompositionsmöglichkeiten in germanischer Zeit, welche die problemlose Aufrechterhaltung der Einnamigkeit der Bevölkerung über viele Generationen hinweg ermöglicht, gibt es jedoch auch bezüglich der Schaffung der Komposita verschiedene Regeln, die im Folgenden aufgezeigt werden sollen. Prinzipiell ist sowohl die Bildung von determinativen Komposita möglich, bei denen das Zweitglied auf der Bedeutungsebene vom Erstglied näher bestimmt wird, als auch die Schaffung kopulativer Komposita, bei denen beide Namenglieder gleichgeordnet sind[19]. In beiden Fällen gilt jedoch, dass neutrale Substantive als Zweitglieder zu vermeiden sind, was in sofern zu erklären ist, dass es ja die Zweitglieder sind, die das Genus des Namens festlegen, und dass sie dies im Falle ihrer Neutralität nicht mehr bewerkstelligen können. Als Erstglieder hingegen sind Neutra häufig anzutreffen (z.B. Land olf) und können sogar als recht beliebt angesehen werden[20].

Eine weitere Regel stellt der Ausschluss vokalisch anlautender Zweitglieder dar, weshalb auch beliebte Namenbestandteile wie Alb- oder Irm- niemals in Zweitstellung auftreten. Diese Regel vermeidet beispielsweise ein Aussprachehindernis, welches durch das Aufeinandertreffen zweier Vokale in der Kompositionsfuge verursacht werden könnte. Scheinbare Ausnahmen dieser Regel, die bei Namen wie Har- ald beobachtet werden können, erweisen sich als Trugschluss, da bei jenem Zweitglied ein „w“ im Anlaut ausgefallen ist, welches ursprünglich noch vor dem Vokal zu finden war. Darüber hinaus werden sowohl Binnenreim als auch Endreim ausgeschlossen, so dass Namen wie Waltbalt oder Ratflat nicht anzutreffen sind. In ähnlicher Weise werden außerdem stabende Namenkomposita vermieden, so dass keine Alliterationen der Namenglieder beobachtet werden können und Namen wie Raginrich oder Baldoberaht nicht vorkommen[21]. Von diesen Einschränkungen jedoch abgesehen ist es zu Zeiten der Primärbildung nur das Streben nach einer Bedeutung des Namens, welches ein Kompositionshindernis darstellen kann. Neben den bisher untersuchten zweigliedrigen Namen gilt es nun im Folgenden noch die eingliedrigen Bildungen zu betrachten, welche bereits oben erwähnt wurden.

2.1.1.2 Eingliedrige Namen

Neben den sehr häufigen zweigliedrigen Personennamen sind auch bereits in germanischer Zeit eingliedrige Namen anzutreffen, welche sich noch einmal in zwei große Untergruppen aufteilen lassen, die auf jeweils unterschiedliche Motivationen zurückzuführen sind. Einmal sind unter eingliedrigen Personennamen (welche übrigens keinesfalls mit einsilbigen Namen verwechselt werden dürfen) ursprünglich eingliedrige Bildungen zu verstehen (z.B. Karl), welche inhaltlich den gleichen Motiven folgen, wie sie bereits für die zweigliedrigen Namen beschrieben wurden, wobei Sonderegger in diesem Zusammenhang darauf verweist, dass solche eingliedrigen Namen bei Frauen häufiger und über längere Zeit hinweg anzutreffen sind als dies bei Männern der Fall ist[22].

Zum anderen finden sich eingliedrige Kurzformen aus zweigliedrigen Vollformen, welche auf verschiedene Arten entstanden sein können und laut Sonderegger als Abweichungen von der üblichen Zweigliedrigkeit immer eine besondere Qualität aufweisen. So werden sie beispielsweise schon früh als diachronisch archaisch empfunden oder dienen dem Verweis auf Mythisch-außermenschliches (z.B. Götternamen) bzw. auf fremde Herkunft (z.B. Etzel). Des Weiteren können sie zur Ab- oder Ausgrenzung genutzt werden (z.B. Königsnamen wie Otto bzw. Kurznamen bei Unfreien) und finden als familiäre Anrede Gebrauch[23]. Bei letzterem steht als Motivation wohl vor allem eine Verkürzung des Namens im Vordergrund, wie sie auch heute noch häufig anzutreffen ist. Obwohl oben vor allem die zweigliedrigen Namen als typische Bildungen der germanischen Zeit bezeichnet wurden, so können doch auch die eingliedrigen Formen teilweise zur ältesten Schicht germanischer Namen gezählt werden, so dass zwischen eingliedrigen und zweigliedrigen Namen ein jahrtausendealtes Spannungsverhältnis besteht, welches sich erst seit dem späten Mittelalter mit Durchsetzung der Zweinamigkeit abbaut[24]. Da jedoch trotz dieser prinzipiellen Entstehungsmöglichkeit der eingliedrigen Namen zu Zeiten der Primärbildung viele dieser Gruppe schon allein aufgrund ihrer Motivation der Sekundärbildung zugerechnet werden müssen, soll erst im nächsten Unterkapitel noch einmal näher auf sie eingegangen werden.

2.1.2 Sekundärbildung

In diesem Unterkapitel soll nun auf die jüngere Schicht germanischer Personennamen eingegangen werden, deren Entstehungszeit sich noch immer durch eine hohe Produktivität in der Namenbildung auszeichnet, die jedoch einen relevanten Unterschied bezüglich der Motivation der entstehenden Namen aufweist: deren Sinn rückt in den Hintergrund bzw. wird nicht mehr erkannt. Das hat nun wiederum zur Folge, dass zwar die oben beschriebenen Regeln und Praktiken zur Bildung zweigliedriger Namen noch immer rein mechanisch befolgt werden, dass die Motivation hierbei aber eine andere als die Schaffung möglichst bedeutungsvoller Namen ist, so dass es im Folgenden gilt, jene neuen Motive zu untersuchen[25]. Dass die bisherigen keine Gültigkeit mehr besitzen können, lässt sich ganz einfach dadurch begründen, dass zur Sekundärbildung zu rechnende Namen oft keinen logischen oder verständlichen Sinn mehr erschließen lassen, da die kombinierten Glieder zwar hinsichtlich der sprachlichen Bildungsregeln zueinander passen nicht jedoch hinsichtlich ihres Inhaltes. Vielmehr scheint der tradierte Vorrat an Namenbestandteilen genutzt zu werden, ohne dass die Bedeutung der Glieder noch im Einzelnen bekannt oder wichtig ist, was beispielsweise Namen wie Paulhart belegen können , in denen das germanische Zweitglied -hart zu einem Suffix degradiert wird, welches nur noch dazu dient das Geschlecht des Namensträgers unmissverständlich deutlich zu machen[26]. Da hier somit ein deutlicher Bruch mit den germanischen Ursprüngen festzustellen ist, soll dann jedoch erst im 3. Kapitel näher auf die neuen Motive der Sekundärbildungszeit eingegangen werden.

[...]


[1] Mitterauer, Michael: Ahnen und Heilige. Namengebung in der europäischen Geschichte, München 1993, S. I.

[2] Da in der vorliegenden Arbeit der Hauptfokus auf der Betrachtung der Vornamen liegt, sind diese immer dann gemeint, wenn kein expliziter Hinweis auf eine andere Namenform (z.B. Familiennamen, Gentilnamen usw.) stattfindet. Sowohl die Bezeichnung „Rufname“, „Personenname“, „Eigenname“ als auch einfach „Name“ bezeichnet also die Vornamen, insbesondere da über weite Strecken die Zeit der Einnamigkeit untersucht wird.

[3] vgl. Schramm, Gottfried: Namenschatz und Dichtersprache. Studien zu den zweigliedrigen Personennamen der Germanen, Göttingen 1957, S. 54.

[4] Seibicke, Wilfried: Traditionen der Vornamengebung. Motivation, Vorbilder, Moden: Germanisch, in: Eichler, Ernst / Hilty, Gerold / Löffler, Heinrich / Steger, Hugo / Zgusta, Ladislav (Hgg.): Namenforschung. Name Studies. Les noms propres. Ein internationales Handbuch zur Onomastik. An International Handbook of Onomastics. Manuel international d’onomastique (HSK 11), Teilbd. 1, Berlin / New York 1995, S. 1207f.

[5] vgl. Sonderegger, Stefan: Prinzipien germanischer Personennamengebung, in: Geuenich, Dieter / Haubrichs, Wolfgang / Jarnut, Jörg (Hgg.): Nomen et gens. Zur historischen Aussagekraft frühmittelalterlicher Personennamen. Kolloquium in Bad Homburg 1995, (RGA Ergänzungsbände 16), Berlin / New York 1997, S.13.

[6] vgl. Bach, Adolf: Deutsche Namenkunde, Band 1: Die deutschen Personennamen, Teil 1: Einleitung. Zur Laut- und Formenlehre, Wortfügung, -bildung und –bedeutung der deutschen Personennamen, 2., stark erweiterte Auflage, Heidelberg 1952, S. 79.

[7] vgl. Greule, Albrecht: Morphologie und Wortbildung der Vornamen: Germanisch, in: Eichler, Ernst / Hilty, Gerold / Löffler, Heinrich / Steger, Hugo / Zgusta, Ladislav (Hgg.): Namenforschung. Name Studies. Les noms propres. Ein internationales Handbuch zur Onomastik. An International Handbook of Onomastics. Manuel international d’onomastique (HSK 11), Teilbd. 1, Berlin / New York 1995, S. 1183.

[8] vgl. Geuenich, Dieter: Personennamengebung und Personennamengebrauch im Frühmittelalter, in: Härtel, Reinhard (Hg.): Personennamen und Identität. Namengebung und Namengebrauch als Anzeiger individueller Bestimmung und gruppenbezogener Zuordnung. Akten der Akademie Friesach „Stadt und Kultur im Mittelalter“, Friesach (Kärnten), 25. bis 29. September 1995 (Grazer grundwissenschaftliche Forschungen 3) (Schriftenreihe der Akademie Friesach 2), Graz 1997, S. 31.

[9] Haubrichs, Wolfgang: Namendeutung im europäischen Mittelalter, in: Eichler, Ernst / Hilty, Gerold / Löffler, Heinrich / Steger, Hugo / Zgusta, Ladislav (Hgg.): Namenforschung. Name Studies. Les noms propres. Ein internationales Handbuch zur Onomastik. An International Handbook of Onomastics. Manuel international d’onomastique (HSK 11), Teilbd. 1, Berlin / New York 1995, S. 351f.

[10] vgl. Geuenich, Dieter: Personennamengebung und Personennamengebrauch im Frühmittelalter, S. 33.

[11] vgl. Kunze, Konrad: dtv-Atlas Namenkunde. Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet, München 2003, S. 25.

[12] vgl. Kunze, Konrad: dtv-Atlas Namenkunde. Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet, München 2003, S. 27.

[13] vgl. Greule, Albrecht: Morphologie und Wortbildung der Vornamen, S. 1186.

[14] vgl. Kunze, Konrad: dtv-Atlas Namenkunde, S. 27.

[15] vgl. Kunze, Konrad: dtv-Atlas Namenkunde, S. 25.

[16] vgl. Sonderegger, Stefan: Prinzipien germanischer Personennamengebung, S. 17.

[17] vgl. Sonderegger, Stefan: Prinzipien germanischer Personennamengebung, S. 18.

[18] vgl. Bach, Adolf: Deutsche Namenkunde, Band 1, S. 83f.

[19] vgl. Bach, Adolf: Deutsche Namenkunde, Band 1, S. 84.

[20] vgl. Kunze, Konrad: dtv-Atlas Namenkunde, S. 19.

[21] vgl. Geuenich, Dieter: Personennamengebung und Personennamengebrauch im Frühmittelalter, S. 35.

[22] vgl. Sonderegger, Stefan: Prinzipien germanischer Personennamengebung, S. 7.

[23] vgl. Sonderegger, Stefan: Prinzipien germanischer Personennamengebung, S. 12.

[24] vgl. Sonderegger, Stefan: Prinzipien germanischer Personennamengebung, S. 23f.

[25] vgl. Kunze, Konrad: dtv-Atlas Namenkunde, S. 25.

[26] vgl. Geuenich, Dieter: Personennamengebung und Personennamengebrauch im Frühmittelalter, S. 43.

Details

Seiten
34
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783656115328
ISBN (Buch)
9783656116790
Dateigröße
591 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v187879
Institution / Hochschule
Universität des Saarlandes
Note
1,3
Schlagworte
Onomastik Namenkunde Namenmotivierung germanische Namengebung Namentrends Familiennamenentstehung

Autor

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