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Bildet eine berufliche Bildung für nachhaltige Entwicklung?

Hausarbeit 2010 19 Seiten

BWL - Didaktik, Wirtschaftspädagogik

Leseprobe

Inhalt

Einleitung und Fragestellung

1. Begrifflichkeiten
1.1. Berufliche Bildung
1.2. Beruf
1.3. Nachhaltigkeit und nachhaltige Entwicklung

2. Bildungstheoretischer Hintergrund beruflicher Bildung
2.1. Abriss
2.2. Ausbildung im Dualen System
2.3. Allgemeinbildung vs. Berufsbildung

3. Berufliche Bildung für eine nachhaltige Entwicklung?
3.1. Lebenslanges Lernen als Herausforderung
3.2. Persönlichkeitsbildung und Handlungsorientierung
3.3. Beständigkeit durch Wandel

4. Ausblick

Literatur

Einleitung und Fragestellung

Mit der beruflichen Ausbildung junger Menschen verfolgt unsere Gesellschaft das Ziel, die Betriebe mit Fachkräften zu versorgen und das Innovationspotential innerhalb der Betriebe zu fördern.

Bis zum Jahr 2020 werden Arbeitsprozesse – wo immer es möglich ist – automatisiert. Übrig bleiben die Betriebe mit komplexen Arbeitsabläufen. Produktionsorientierte Tätigkeiten und primäre Dienstleistungen werden immer mehr verschwinden. Dagegen wird die Nachfrage nach sekundären Dienstleistungen wie zum Beispiel Beratung, Betreuung, Lehre, Management, Forschung und Entwicklung weiter ansteigen.[1]

Die Anforderungen an das Qualifikationsniveau der Arbeitskräfte werden also zukünftig stetig steigen. Hierauf muss die berufliche Bildung reagieren, wenn sie „up to date“ sein will. Dazu gehört, dass sie sowohl selbst nachhaltig ist, als auch als Impulsgeber für eine nach­haltige Entwicklung in unserem Land fungiert.

Doch wie kann sie diese Herausforderung meistern? Dieser Frage möchte ich in meiner Arbeit nachgehen.

Dabei plane ich, wie folgt vorzugehen: Im ersten Teil werde ich die Begriffe meiner Arbeit definieren. Zu den Begriffen gehören: „Berufliche Bildung“ sowie „Beruf“, „Nachhaltigkeit“ bzw. „nachhaltige Entwicklung“.

Im Fokus des zweiten Teils stehen die bildungstheoretischen Hintergründe beruflicher Bildung. Neben einem Abriss werden die Bereiche „Ausbildung im Dualen System“ und „Allgemeinbildung versus Berufsausbildung“ näher betrachtet.

Im dritten Teil meiner Arbeit möchte ich die Erkenntnisse aus den vorangegan­genen Teilen zusammenzuführen, um die Frage zu beantworten, ob die berufliche Bildung die Aufgabe erfüllt, einen entscheidenden Beitrag für eine nachhaltige Entwicklung zu leisten.

Dabei soll der Schwerpunkt auf den Aspekten: Lebenslanges Lernen, Persönlichkeitsbildung und Handlungsorientierung der beruflichen Bildung liegen.

Angesichts der Komplexität und Vielschichtigkeit des Themas, erhebt die Arbeit nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Im Gegenteil! Bei der Literaturrecherche wurde mir klar, dass ich in meiner Arbeit das Thema nur bruchstückhaft beleuchten kann.

Doch nun möchte ich Sie einladen, mich auf meinem Weg zu begleiten und meinen Gedan­kengängen zu folgen.

1. Begrifflichkeiten

1.1. Berufliche Bildung

In Deutschland findet die berufliche Bildung im sog. „Dualem System“ statt, d. h. das Auszu­bildende abwechselnd im Betrieb und in der Berufsschule ausgebildet werden. Obwohl die Qualifikationsanforderungen der Betriebe einem ständigen Wandel unterworfen sind hat sich der Begriff des „Ausbildungsberufs“ bis heute gehalten und ist gesellschaftlich anerkannt. Das Berufsbildungsgesetz aus dem Jahre 1969 bildet den gesetzlichen Rahmen und schreibt vor, dass jeder Beruf nach einer bestimmten Ausbildungsordnung ausgebildet werden muss. Der schulische Teil der Berufsausbildung ist Ländersache und wird in Form von Schulgesetzen festgelegt.

Der sog. „Ausschließlichkeitsgrundsatz“ zementiert das deutsche Konzept der berufsorien­tierten Ausbildung.[2] Damit ist gewährleistet, dass Jugendliche bzw. junge Erwachsene Berufe erlernen, in denen sie nicht auf die Kompetenzen beschränkt werden, die dem aktuellen Bedarf ihrer Betriebe entsprechen, sondern darauf vertrauen können, dass sie umfassende Handlungskompetenzen erwerben. Dazu kommt, dass jeder Beruf über ein eigenes Qualifikationsprofil verfügt, sodass die Ausbildungsabschlüsse deutschlandweit vergleichbar sind, weil sie einheitlichen Qualitätsansprüchen genügen müssen. So können Betriebe sicher sein, dass alle Bewerber mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung über die nötigen Kenntnisse verfügen. Andererseits eröffnet sich dem Arbeitnehmer mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung eine Vielzahl an Einsatzmöglichkeiten. Dies verschafft ihm ein erhebliches Maß an beruflicher Unabhängigkeit.

Das skizzierte Ausbildungssystem hat sich in Deutschland etabliert und ist in der Gesell­schaft fest verankert. Die Ursprünge dieses Systems reichen bis in die Zeit der Industrialisie­rung zurück.

1.2. Beruf

Umgangssprachlich ist der Berufsbegriff vielschichtig. Dieser

„umfasst alle für die Erledigung einer vorgegeben Arbeitsaufgabe notwendigen Merkmale (...) in einer aufeinander abgestimmten Kombination. (...). Verfassungs­rechtlich ist ein Beruf 'jede auf Dauer berechnete und nicht nur vorübergehende, der Schaffung und Erhaltung einer Lebensgrundlage dienenden Betätigung‘.“[3]

Wolfgang Lempert definiert den Beruf

„als Inbegriff spezialisierter Tätigkeiten, deren Ausübung die Ausbildung be­sonderer (sensomotorischer und intellektueller) Fähigkeiten und allgemeiner sozia­ler Orien­tierungen (z.B. Kooperationsbereitschaft) voraussetzt und langfristig, wenn auch nicht immer lebenslänglich, durch Einkommen vergütet wird.“[4]

Der Beruf bzw. die Berufstätigkeit erfüllt eine Vielzahl von Funktionen, die von Arnold, Lipsmeier und Ott wie folgt beschrieben werden[5]:

1. Erwerbsfunktion: Berufliche Tätigkeit ist in der Regel auf materiellen Erwerb ge­richtet, um mindestens sich selbst versorgen zu können.
2. Sozialisationsfunktion: Diese Funktion bezieht sich auf den Beitrag der Aus­übung (auch Erlernung) eines Berufes zur Einführung eines Menschen in Gesell­schaft und Kultur.
3. Ganzheitlichkeitsaspekt: Gemeint ist der Aspekt von Ganzheit und Ganzheitlich­keit sowohl des Werkstückes, das im Rahmen der Berufstätigkeit hergestellt wird, wie auch des Arbeitsprozesses, in dem das geschieht.
4. Kontinuitätsaspekt: Ausübung einer Tätigkeit wird nur dann als Beruf angesehen, wenn diese Tätigkeit von längerer Dauer, ja bei manchen Berufsideen gar von Lebenslänglichkeit ist.
5. Erbauungsfunktion: Ausübung der beruflichen Tätigkeit soll einen Beitrag zur Erbauung und Bildung des Menschen leisten: Voraussetzung: innerliche Bejahung, Freiwilligkeit; Ergebnis: Berufsethos, d.h. Sittlichkeit im Beruf und durch den Beruf.
6. Qualifikationsaspekt: Als Bedingung für die Ausübung eines Berufes wird der Erwerb und Besitz von Qualifikationen (Fertigkeiten, Kenntnissen, Haltungen) ange­sehen.
7. Allokationsfunktion: Diese Funktion bezieht sich darauf, dass der Beruf hilft, Arbeitskräfte mit bestimmten Qualifikationen auf die richtigen Positionen des Arbeits­marktes zu verteilen.

8. Selektionsfunktion: Zuweisung von beruflichen und gesellschaftlichen Positionen nach Tüchtigkeit, Leistung und Begabung.

Auf einige dieser Funktionen werde ich im Verlauf meiner Arbeit noch näher einge­hen.

1.3. Nachhaltigkeit und nachhaltige Entwicklung

Der Begriff der Nachhaltigkeit stammt aus der Forst- und Fischereiwirtschaft. Er wurde von Hans Karl von Carlowitz 1713 erstmals erwähnt, der eine „kontinuierliche, beständige und nachhaltende Nutzung“ des Waldes forderte. Sein Grundsatz lautete, dass jährlich nur so viel Holz geschlagen werden sollte, wie auch nachwachsen konnte, um den Wald für die nächste Generation zu erhalten.

Angelehnt an diese Begriffsdefinition aus der Forstwirtschaft definierte die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung den Begriff der Nachhaltigkeit 1987 als eine Entwicklung, „die den Bedürfnissen der heutigen Generationen entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen“.[6] Diese Definition dient als Basis der weltweiten Diskussion über nachhaltige Entwick­lung (Sustainable Development).

Die Generalversammlung der Vereinten Nationen lud 1992 zum Weltgipfel nach Rio de Janeiro ein. Diese UNO-Konferenz fand unter der Überschrift „Umwelt und Entwicklung“ statt. Das Thema „Nachhaltigkeit“ wurde zum Aktionsplan für die Zukunft. Da man erkannt hatte, dass das ökologische Gleichgewicht nur erhalten werden kann, wenn gleichzeitig ökonomische Sicherheit und soziale Gerechtigkeit angestrebt werden, wurde der Aktions­plan um die wirtschaftliche und soziale Komponente erweitert. Er wurde als Agenda 21 von mehr als 170 Staaten unterzeichnet.

Die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages „Zum Schutz des Menschen und der Umwelt“ hielt in ihrem Abschlussbericht fest:

„In Deutschland reift allmählich die Erkenntnis, dass mit dem Leitbild der nachhaltig zukunftsverträglichen Entwicklung wichtige Entwicklungslinien auch jenseits der öko­logischen Dimension angesprochen werden. Aufgrund der komplexen Zusammen­hänge zwischen den drei Dimensionen bzw. Sichtweisen von Ökologie, Ökonomie und Sozialem müssen sie integrativ behandelt werden. Dabei geht es – bildhaft ge­sprochen – nicht um die Zusammenführung dreier nebeneinander stehender Säulen, sondern um die Entwicklung einer dreidimensionalen Perspektive aus der Erfah­rungswirklichkeit. Die Diskussion tendiert dahin, Nachhaltigkeitspolitik als Gesell­schaftspolitik zu interpretieren, die im Prinzip und auf lange Sicht alle genannten Di­mensionen gleichberechtigt und gleichwertig behandelt.“[7]

Dies ist leichter gesagt als getan. Manfred Kremer, der Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung in Bonn unterstrich diesen Umstand bereits mit der aussagekräftigen Artikel­überschrift seines einführenden Kommentars: „Der lange Weg der Nachhaltigkeit“. Kremer betonte nachdrücklich:

„Nachhaltige Entwicklung ist ein langwieriger, komplexer und in sich widersprüchli­cher Prozess. Er kann nicht einfach nachvollzogen oder gestaltet werden, sind doch divergierende Interessen wie Wirtschaftlichkeit und soziale oder ökologische Ansprü­che unter einen Hut zu bringen.“[8]

Da stellt sich die Frage, was brauchen Jugendliche und junge Erwachsene konkret, um für ihre berufliche Zukunft gerüstet zu sein und eine nachhaltige Entwicklung voranzutreiben?

Doch zunächst lassen Sie mich im folgenden Kapitel den bildungstheoretischen Hintergrund der beruflichen Bildung kurz beleuchten.

2. Bildungstheoretischer Hintergrund beruflicher Bildung

2.1. Abriss

Der Pädagoge Georg Kerschensteiner (1854 – 1932) verfolgte mit seiner Berufsbildungs­theorie zwei Ziele: Berufliche Bildung sollte die Jugendlichen erziehen, indem er ihre prakti­schen Neigungen aufgriff und förderte. Zugleich sollte die berufliche Bildung aber auch zur Integration des jungen Menschen in die Gesellschaft beitragen und ihn zur Wahrnehmung seiner staatsbürgerlichen Pflichten befähigen. Die Ausbildung in einem Beruf diente also nicht nur der persönlichen Entwicklung und dem individuellen Aufstieg, sondern auch der sozialpolitischen Einbindung.

Das berufsorientierte Ausbildungssystem ist ein kultureller Bestandteil in Deutschland, auf den schon der Soziologe Max Weber (1864 – 1920) in seiner Schrift: „Asketischer Protes­tantismus und kapitalistischer Geist“[9] verwiesen hat. Weber machte deutlich, dass der Beruf ursprünglich als „Be-Rufung“ und „Dienst vor Gott“ verstanden wurde. Diese Ansichten bildeten die Grundlage für die klassischen Berufsbildungstheorien von Georg Kerschensteiner, Eduard Spranger (1882 – 1903), Aloys Fischer (1880 -1937) und Theodor Litt (1880 – 1962).

Fleiß im Beruf und die Erfüllung beruflicher Pflichten hatten ursprünglich eine religiöse, ethische und soziale Komponente und deckten damit mehr als nur die bloße Sicherung der eigenen materiellen Existenz ab. Doch die religiöse Komponente trat mit zunehmender Verweltlichung immer stärker in den Hintergrund.

Aus heutiger Sicht stellt das Postulat Georg Kerschensteiners „Die Berufsbildung steht an der Pforte zur Menschenbildung“ salopp ausgedrückt eine Überstrapazierung des Berufsbil­dungsbegriffs dar. Trotzdem ist bis heute unumstritten, dass sich Berufe nicht nur aus der Notwendigkeit der gesellschaftlichen Arbeitsteilung entwickelt haben, sondern auch ein fester Bestandteil unseres soziokulturellen Systems sind.

Der Beruf avancierte in der Folgezeit immer mehr zu einem wichtigen Teil der individuellen Biographie und trug zur Bildung einer eigenen Identität bei. Dieser Ansicht schließt sich Katrin Kraus, die sich auf der wissenschaftlichen Ebene mit Berufspädagogik befasst im Jahre 2006 an, wenn sie schreibt: “Berufliche Bildung ist mehr als nur die Vermittlung öko­nomischer Zusammenhänge, sie umfasst auch gesellschaftliche, kulturelle und individuelle Aspekte.“[10] Der sinn- und identitätsstiftende Aspekt des Berufs ist bis in unsere Tage bedeut­sam geblieben, ermöglicht er doch dem einzelnen eine individuelle Lebens Gestaltung. Außerdem ist bis heute mit jedem Beruf auch ein bestimmter Status innerhalb der Gesellschaft verbunden.

Wittwer und Lipsmeier stellten Ende der 1990er Jahre eine „nachlassende Orientierungs­funktion“ und einen „verblassenden Wert des Berufes“ fest. Arnold sprach 1994 sogar von der „Auflösung der Beruflichkeit“ und einer „Berufsbildung ohne Beruf“.[11]

Diese Entwicklung legt die Vermutung nahe, dass die Abgrenzung des eigenen Berufs zu „benachbarten“ Berufen in den letzten zwei Jahrzehnten nachgelassen hat. Dazu kommt natürlich auch die Tatsache, dass der Mensch in der modernen Gesellschaft sich nicht mehr so über seinen Beruf identifiziert, wie es in der Vergangenheit der Fall war.

Die Trennschärfe zwischen den einzelnen Berufen schwindet: Handwerkliche Fähigkeiten treten in den Hintergrund. Stattdessen werden „Soft Skills“ und Schlüsselqualifikationen, wie z.B. Kommunikationsfähigkeit und Teamfähigkeit immer stärker nachgefragt.

Dies muss aber kein Grund zur Beunruhigung sein, denn Berufe haben sich im Laufe des technologischen und gesellschaftlichen Fortschritts immer wieder verändert und an neue Situationen angepasst: Berufe sind heute das Ergebnis von Veränderung und Fortschritt, aber auch selbst Impulsgeber für Wandel! Diesen Aspekt werde ich im letzten Kapitel meiner Arbeit nochmals aufgreifen.

In der Vergangenheit sind immer wieder Ausbildungsberufe verschwunden und neue ent­standen. Daneben ist auch eine „allmähliche Reduzierung der Spezialisierung im Bereich der beruflichen Ausbildung“[12] zu verzeichnen. „Diese gewinnt mehr und mehr den Charakter einer beruflichen bzw. berufsfeldweiten Grundbildung“.[13] Besonders wichtig wird in diesem Zusammenhang in Zukunft auch der Aspekt des lebenslangen Lernens sein, auf den ich an anderer Stelle noch näher eingehen werde. Es wird für eine nachhaltige Entwicklung unerlässlich sein, sowohl für die bereits im Erwerbsleben Stehenden als auch für die zukünftigen Gene­rationen.[14]

2.2. Ausbildung im Dualen System

Im Vergleich zu anderen europäischen und außereuropäischen Ländern, in denen sich vor­wiegend schulische oder betriebliche Ausbildungsformen durchgesetzt haben, hat sich die berufliche Ausbildung in Deutschland in Form des Dualen Systems etabliert. Das Duale System ist ein Kooperationsmodell von Berufsschule und Betrieb. Es ist durch Gesetze und Verordnungen umfassend geregelt (siehe Kapitel 1.1 „Berufliche Bildung“). Die Vorzüge unserer dualen Berufsausbildung liegen in folgenden Aspekten:

1. Die Betriebe dienen neben den Berufsschulen als Ausbildungsorte und können einen hohen Prozentsatz eines Jahrganges aufnehmen. Dadurch soll die Jugend­ar­beitslosigkeit möglichst gering zu halten und die Jugendlichen in die Gesellschaft zu integ­rieren. Huisinga bezeichnet das Duale System der Berufsbildung „als Schutzwall gegen (Jugend)arbeits-losigkeit“.[15]
2. Ferner sind die Auszubildenden von Beginn der Ausbildung an in die betrieblichen Ab­läufe eingebunden.
3. Schon während der Ausbildung bekommt der Auszubildende u.U. Veränderungen und technologischer Wandlungen im Betrieb unmittelbar mit.
4. Die Kosten der dualen Ausbildung werden überwiegend von der Wirtschaft getragen. Auf diese Weise leistet die Wirtschaft ihren Beitrag für Fachkräftenachwuchs zu sorgen und er­hält dafür gesellschaftliche Anerkennung.[16]

Andererseits wird aber auch immer wieder Kritik am Dualen System geäußert, wenn es zu Abstimmungsproblemen und Reibungsverlusten zwischen Betrieben und Berufsschule kommt. Kritisch ist daneben der Umstand zu betrachten, dass vielfach ausgebildet wird in der Gewissheit, dass anschließend keine Arbeitsplätze für die Jugendlichen zur Verfügung stehen. Der hohe Anteil an Berufswechslern nach der Erstausbildung unterstreicht die vorhandene Fehlsteuerung zwischen Ausbildungs- und Beschäftigungssystem.

Nach der Ausbildung erhalten junge Erwerbstätige nur noch selten unbefristete Arbeitsver­träge. Auch arbeiten immer mehr Menschen in Teilzeit, sind geringfügig beschäftigt oder werden von Zeitarbeitsfirmen als Leiharbeiter beschäftigt.

Mit der Unsicherheit solcher Arbeitsverhältnisse verknüpft ist eine Veränderung der Anforderungen an die Qualifikationen. Diese betreffen das Ausbildungsniveau, den Ausbildungsumfang, die Ausbildungszeit und die Berufsförmigkeit von ihrer inhaltli­chen Seite her.“[17]

Der Arbeitsmarkt fordert eine enorme Flexibilität von Erwerbstätigen. Ist dies vielleicht der Anfang vom Ende der Beruflichkeit?

Das Ende der Beruflichkeit und des Berufs wurde bereits 1956 anlässlich des 4. Deutschen Berufsschultages des deutschen Verbandes der Gewerbelehrer erstmals befürchtet und in bestimmten Abständen immer wieder verkündet. So sieht auch Dieter Euler im Jahr 2009 die Ausbildungsberufe in der Krise und plädiert für eine Ausbildung in Form von Modulen bzw. Ausbildungsbausteinen.[18] Wird es vielleicht irgendwann in der Zukunft soweit kommen, dass sich Betriebe und/oder Auszubildende, je nach Bedarf, ihre Ausbildungen individuell zusammen­stellen?

Die neue Dynamik in der Arbeitswelt führt laut Werner Dostal zu einer „Entberuflichung“. Dort, wo neue Aufgaben entstehen, die noch keinem Beruf zuzuordnen sind, sucht man flexible Mitarbeiter, die sich schnell in neue Bereiche einarbeiten können. Anstelle von Fachkompetenzen wird hier nach Persönlichkeitsmerkmalen gefragt, wie z.B. Jugendlich­keit, Offenheit, Flexibilität.[19] „Dies ist der Grund dafür, dass bei Bedarfswünschen Hybrid­berufe, Alleskönner oder Joker dominieren, also jene Personen, die (…) heute dies, morgen jenes erledigen.“[20] Fakt ist aber, dass Arbeitnehmer nur dann Höchstleistungen erbringen, wenn sie sich mit ihrer Arbeit identifizieren und mit ihrer Persönlichkeit hinter ihrer Arbeit stehen. Um optimale Leistungen zu erbringen werden meiner Ansicht nach traditionelle Werte wie Kompetenz, Verantwortung und Identifikation mit der Arbeit in der Zukunft nach eher noch an Bedeutung gewinnen. Ein Ende des Berufs ist deshalb für mich nicht in Sicht. Beruflichkeit, Beruf und berufliche Bildung wandeln sich, um den neuen, veränderten Gegebenheiten gerecht zu werden. Dies beweist die Anpassungsfähigkeit des Systems und natürlich auch des Menschen.

[...]


[1] Vgl. Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft 2003. S. 76. Nach Arnold, R./Gonon, Ph.: Einführung in die Berufspädagogik. Weinheim/Basel: Budrich Verlag 2006. S. 191.

[2] Vgl. Arnold, R./Münch, J.: 120 Fragen und Antworten zum Dualen System der deutschen Berufsausbildung. Baltmannsweiler 2000. S. 60.

[3] Dostal, W.: Der Berufsbegriff in der Berufsforschung des IAB. In: Gerhard Kleinhenz (Hrsg.): IAB-Kompendium Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Beiträge zur Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. BeitrAB 250. Nürnberg 2002. S. 463.

[4] Lempert, W.: Berufliche Sozialisation und berufliches Lernen. In: Arnold, R./Lipsmeier, A. (Hrsg.): Handbuch der Berufsbildung. Vs Verlag: Opladen 1995. S. 343.

[5] Arnold, R./Lipsmeier, A./Ott, B.: Berufspädagogik kompakt. Berlin 1998. Zit.: Arnold, R./Gonon, P: Einführung in die Berufspädagogik. Verlag Barbara Budrich: Opladen & Bloomfield Hills 2006. S.75.

[6] Hauff, V.: Unsere gemeinsame Zukunft. Der Brundtland Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung. Greven: Eggenkamp 1987. S. 46.

[7] Enquete-Kommission „Zum Schutz des Menschen und der Umwelt“ des Deutschen Bundestages: Konzept Nachhaltigkeit. Vom Leitbild zur Umsetzung. Deutscher Bundestag: Bonn 1998. S. 31f. Zit.: Seeber, G. und Krämer, J.: Zum Begriffsverständnis von Nachhaltigkeit. In: Fischer, A./Seeber, G. (Hrsg.): Nachhaltigkeit und ökonomische Bildung. S. 52.

[8] Kremer, M.: Der lange Weg der Nachhaltigkeit. Zeitschrift des Bundesinstituts für Berufsbildung. Ausgabe 05/07. S. 3.

[9] Weber, M.: Asketischer Protestantismus und kapitalistischer Geist. In: ders.: Soziologie. Universalge-schichtliche Analysen. Stuttgart 1973. S. 357–381. In: Arnold, R./Gonon, Ph.: Einführung in die Berufspädagogik, a.a.O.. S. 73.

[10] Kraus, K.: Vom Beruf zur Employability? Zur Theorie einer Pädagogik des Erwerbs. Wiesbaden 2006, S. 235.

[11] Vgl. Arnold, R./Gonon, Ph.: Einführung in die Berufspädagogik, a.a.O.. S. 76.

[12] Arnold, R./Gonon, Ph.: Einführung in die Berufspädagogik, a.a.O.. S. 88.

[13] Arnold, R./Gonon, Ph.: Einführung in die Berufspädagogik, a.a.O.. S. 88.

[14] Vgl. Arnold, R./Gonon, Ph.: Einführung in die Berufspädagogik, a.a.O.. S. 88.

[15] Huisinga, R.: Zur Veränderung der Reproduktionsfunktion des Dualen Systems der Berufsbildung. In: Lisop, I./Schlüter, A.(Hrsg.): Bildung im Medium des Berufs. G.A.F.B-Verlag. Frankfurt /Main 2009. S. 153.

[16] Vgl. Huisinga, R.: Zur Veränderung der Reproduktionsfunktion des Dualen Systems der Berufsbildung, a.a.O.. S. 160.

[17] Huisinga, R.: Zur Veränderung der Reproduktionsfunktion des Dualen Systems der Berufsbildung, a.a.O.. S. 156.

[18] Vgl. Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis (BWP): Nachhaltigkeit in der beruflichen Bildung. Zeitschrift des Bundesinstituts für Berufsbildung 5/2007. W. Bertelsmann Verlag: Bonn 6/2009. S.56.

[19] Vgl. Dostal, W.: Der Berufsbegriff in der Berufsforschung des IAB. In: Kleinhenz, G. (Hrsg.): IAB - Kompen-dium Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Beiträge zur Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. BeitrAB 250. Nürnberg 2002. S. 463-474. S. 467.

[20] Dostal, W.: Der Berufsbegriff in der Berufsforschung des IAB, a.a.O.. S. 467.

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