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Der Kriegsausbruch im Regierungsbezirk Osnabrück im Jahr 1914

Ein Augusterlebnis?

Seminararbeit 2011 22 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Neuere Geschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung..

II. Die Reaktion der Bevölkerung im Kreis Osnabrück
a) Am Vorabend des Krieges
b) Nach Bekanntwerden der deutschen Mobilmachung

III. Die Stimmung innerhalb der gesamtdeutschen Bevölkerung nach der Mobilmachung

IV. Schlussbemerkung

V. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

„Auch für mich gibt es nun kein Halten mehr. Wie alle meine Kommilitonen habe ich mich sofort freiwillig gemeldet.“[1]

Kaum ein Erlebnis hat sich so hartnäckig in das Bewusstsein nachfolgender Generationen gebrannt, wie das Bild einer hysterisch begeisterten Volksmasse, die den Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Jahre 1914 begrüßte, ja geradezu feierte. Was für Berlin gilt, trifft im gleichen Maße auf London und Paris zu[2]: riesige Menschenmassen, die auf den Straßen und Plätzen die Mobilmachung bejubeln. Aber stimmt das wirklich? Hat der Ausbruch des Ersten Weltkrieges wirklich zu einem kollektiven Freudentaumel innerhalb der deutschen Gesellschaft geführt? Wie kam es zu der Sichtweise, die Menschen hätten den Ersten Weltkrieg geradezu herbeigesehnt und ihren erfreuten Emotionen bei seinem Beginn freien Lauf gelassen; ein Jubel, “wie er wohl noch niemals in Berlin erklungen ist“[3], wie Zeitgenossen berichten. Jahrzehntelang wurde dieses Phänomen der Kriegsbegeisterung im August 1914 von Historikern übernommen, ohne es in Frage zu stellen.[4] Die jüngere Forschung hingegen bricht immer mehr mit diesem Mythos „Augusterlebnis“, indem sie die Fakten beleuchtet, die bisher keine Berücksichtigung gefunden haben. Besonders die Untersuchungen von Jeffrey Verhey, Wolfgang Kruse und Bernd Ulrich werfen ein neues Licht auf die Stimmung, welche bei Kriegsbeginn 1914 in der deutschen Bevölkerung vorherrschte.

In der vorliegenden Seminararbeit werden vor allem die Ereignisse der letzen Juliwoche und den ersten Augusttagen des Jahres 1914 im Kreis Osnabrück fokussiert. Wie wurden die politischen Ereignisse Ende Juli und Anfang August 1914 von der hiesigen Presse wahrgenommen und wie reagierte die Osnabrücker Bevölkerung auf diese? Als Grundlage dienen dafür besonders Artikel lokaler Zeitungen aus diesen Tagen sowie die Untersuchungen des Direktors des in Osnabrück ansässigen Museum Industriekultur Osnabrück Rolf Spilker aus dem Jahr 2006. Um die dabei gewonnenen Erkenntnisse reichsweit einordnen zu können, soll im weiteren Verlauf eine Gesamtbetrachtung der Stimmungslage für das verbleibende Reichsgebiet im Allgemeinen getroffen werden um zu untersuchen, ob sich eine kollektive Kriegsbegeisterung im Deutschen Reich abzeichnete.

II. Die Reaktionen der Bevölkerung im Kreis Osnabrück

a) Am Vorabend des Krieges

Gegen Ende Juli 1914 wechselte sich die Stimmung in Osnabrück ständig ab. Abhängig von den Gerüchten und Nachrichten die im Umlauf waren, folgte auf Hochstimmung drückende Ernüchterung und Euphorie wurde von Zukunftsängsten abgelöst.[5] Selbst in den letzten Julitagen rechnete die lokale Presse nicht mit einem europäischen Krieg, sondern mit einem Konflikt, der sich auf Österreich-Ungarn und Serbien begrenzte.[6] Trotz solch beruhigender Nachrichten wurde das Ultimatum, welches Österreich-Ungarn am 23. Juli 1914 an Serbien stellte, von der Bevölkerung im Kreis Osnabrück mit Besorgnis aufgenommen. In den Bramscher Nachrichten vom 28. Juli heißt es: „Die Spannungen über die Lage mit Oesterreich kam auch bei uns in Bramsche zum Ausdruck und beeinträchtigte die Schützenfeststimmung am vergangenen Sonntag nicht unwesentlich.“[7] Allerdings wurde die „allgemeine politische Lage“ für Deutschland „verhältnismäßig günstig“[8] eingeschätzt. Die Gefahr eines bevorstehenden Kriegseintritts wurde, angesichts solcher Meldungen, also als relativ gering angesehen. Ähnliches meldete die Osnabrücker Zeitung vom 29. Juli, die nach der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien vom 28. Juli 1914, versicherte, dass die besondere Bewachung von Eisenbahnübergängen und das Durchfahren von Munitionszügen am Osnabrücker Hauptbahnhof „keinen Anlaß zur Beunruhigung bieten“ würde, da solche Maßnahmen „naturgemäß stets in politisch schwierigen Zeiten getroffen“[9] werden. Auch die vorzeitige Rückkehr des in Osnabrück stationierten Infanterie-Regimentes Nr. 78 von einer Truppenübung, hat sicherlich ihr Übriges dazu beigetragen, um die Menschen in Osnabrück in höchste Anspannung zu versetzen, auch wenn die Presse weiterhin betonte, dass die allgemeine Lage keinen Grund zur Besorgnis geben würde.[10] Zu dieser Ansicht gelangt auch Rolf Spilker. Seiner Meinung nach, beruhigten solche Meldungen die Osnabrücker Bevölkerung keineswegs und viele Bürger verstanden solche Vorgänge als Zeichen des baldigen Kriegseintritts des Deutschen Reiches.[11] Untersucht man das Treiben, welches in den letzten Julitagen in Osnabrück herrschte, scheint diese Vermutung nicht ganz abwegig zu sein. So spricht die Osnabrücker Zeitung von einem „außerordentlichen Ansturm“ auf den Straßen von Osnabrück, der das „Interesse der Bevölkerung“[12] bekundete und auch aus einem Artikel aus dem Osnabrücker Tagesblatt geht hervor, dass auf der Großenstraße aufgrund „der ernsten politischen Lage“ ein geradezu „beängstigtes Gedränge“[13] herrschte. „Höchste Erregung“, so das Osnabrücker Tagesblatt weiter, sei aber auch verständlich, da der Ausbruch des Krieges „kaum eine Familie unberührt“[14] lassen würde. Gleichzeitig mahnt sie aber zur „Ruhe und Zuversicht“[15], bis eine endgültige Entscheidung gefallen sei. Die Mehrheit der Menschen dürfte es wohl hauptsächlich aus reiner Neugier und Interesse an dem, was in den nächsten Tagen auf sie zukommen würde, auf die Straßen getrieben haben und weniger um ihre Bereitschaft zum Kriege zum Ausdruck zu bringen. Von einer einsetzenden Kriegsbegeisterung unter der Bevölkerung in Osnabrück und Umgebung ist in diesen Tagen wenig zu spüren. Ganz im Gegenteil: Noch am 30. Juli meint die Osnabrücker Tagespost, dass die Bereitschaft zum Frieden in „machtvollen Kundgebungen“ zum Ausdruck käme.[16] Und auch in Melle herrschte nach der russischen Teilmobilmachung eine „ernste Stimmung“, die durch die fälschlicherweise verbreitete Meldung, Teile des preußischen Heeres seien ebenfalls mobilisiert worden, „geradezu gedrückt“ wurde.[17] Es herrschte regelrechte „Empörung“ über diese Falschmeldung, dass die Zeitung hinter den Urhebern nur solche vermuten könne, die nicht in den Krieg ziehen müssten, sondern „hinterm warmen Ofen sitzend ihre Zigarre rauchen und denen die ganze ungeheure Aufregung nur ein angenehmes Gruseln verursacht.“ Weiter heißt es, dass die Öffentlichkeit die Verbreitung solcher „Räuberpistolen“ in Zukunft „dankend ablehnen“ werde.[18] Solche Meldungen, die die Bevölkerung scheinbar bis aufs Äußerste beunruhigten, lassen erahnen, dass von einer breitgefächerten Kriegsbegeisterung im Kreis Osnabrück keine Spur gewesen sein kann. Die Sozialdemokratische Partei in Osnabrück plante zudem eine Kundgebung gegen den Krieg, zu der am 02. August eine öffentliche Volksversammlung einberufen werden sollte. In der Einladung hieß es: „Krieg mit seinen Schrecknissen zerstört jahrzehntelange Arbeit, er bringt Tausenden von Familien Unheil und Verderben. Denen der Frieden am Herzen liegt, sind zu der Veranstaltung eingeladen.“[19] In der Osnabrücker Volkszeitung vom 31. Juli wurde durch eine Karikatur zudem darauf aufmerksam gemacht, welche Kosten vergangene Kriege an Geld und Menschenleben gefordert haben. In einzelnen Blöcken werden dort der finanzielle Aufwand sowie die Zahl der Toten und Verwundeten während des Deutsch-Französischen Krieges von 1870 bis 1871, des Südafrikanischen Krieges von 1899 bis 1902 sowie des Russisch-Japanischen Krieges von 1904 bis 1905 skizziert. Darunter steht die Zeile: „Was Kriege an Geld und Menschenopfer kosten!“[20] Dies kann als Warnung vor einem weiteren Krieg verstanden werden, denn die abgedruckten Zahlen, besonders die hohen Zahl bei den Verwundeten und Toten, dürfte einen Leser abgeschreckt und ihn nicht in Kriegsbegeisterung gestürzt haben.

Allerdings darf nicht darüber hinweggesehen werden, dass die politische Lage Ende Juli 1914 auch Wogen der Begeisterung auslöste. Besonders unter jungen Leuten in Osnabrück kam es in den Tagen vor der deutschen Mobilmachung zu patriotischen Bekundungen. So zogen am Abend des 28. Juli 1914, „von der Jugend geführt“[21], größere und kleinere Gruppen durch die Stadt und bekundeten ihre Solidarität mit Österreich. Vor dem Kaiser-Wilhelm-Denkmal in Osnabrück versammelten sich laut Pressebericht „hunderte von Personen“ und verfolgten eine Ansprache, der „brausende Hochrufe (…) auf die Dreibundfürsten“ sowie „der Gesang der Nationalhymne und des ‘Deutschland, Deutschland über alles!‘ folgten.“[22] Ebenso wurden später am Abend in den Gaststätten „patriotische Lieder (…) von fast allen in den zum Teil bis zum letzten Platz gefüllten Lokalen Anwesenden mitgesungen.“[23] Ob die daran teilnehmenden Menschen allerdings ernsthaft einer deutschen Kriegsbeteiligung entgegenfieberten, bleibt ungeklärt. Vielmehr könnten die Ereignisse auch als schlichte Bekundung der Solidarität mit Österreich-Ungarn gewertet werden oder ebenso könnten sie dem frustrieten Bildungsbürgertum, wie Wolfgang Kruse weite Teile der intellektuellen Schicht beschreibt, als Ventil gedient haben, die einen Krieg herbeisehnten, um ihrer „als banal und inhaltsleer empfundenen Friedenswelt“ zu entfliehen.[24] Im Osnabrücker Tagesblatt wird sogar darauf hingewiesen, dass Teile der Osnabrücker Bevölkerung der Meinung seien, dass es besser sei den Krieg jetzt zu führen, um dem Volk „den Druck“ ständiger „Unsicherheit und Kriegsangst“ zu nehmen, der seit Jahren auf ihm lasten würde.[25] Am Mittag des 31. Juli herrschte am Osnabrücker Neumarkt ein Treiben „von beispiellosen Umfang“, bei der es allerdings nicht zu „lauten Kundgebungen“ wie in den Tagen zuvor kam, sondern „ruhiger Ernst und zuversichtliche Festigkeit“ die Versammelten beherrschte.[26] Die Osnabrücker Ortsgruppe der Deutschen Friedensgesellschaft mahnt ihrerseits zum Frieden und in einem Artikel vom 31. Juli prangert sie die Leichtsinnigkeit an, mit der einige Kundgebungen der letzten Tage in regelrechte „Kriegshetze ausgeartet“ seien.[27]

Untersucht man die Zeitungsartikel der lokalen Presse in den letzten Julitagen des Jahres 1914, so stellt man fest, dass Unsicherheit und gefasster Ernst die Gefühle, mit denen die Ereignisse auf dem Balkan und die daraus resultierende Kriegsgefahr für Deutschland beobachtet werden, überwiegen. Zwar kam es in Osnabrück vereinzelt zu Solidaritätsbekundungen mit Österreich-Ungarn, die zu patriotischen Kundgebungen führten, doch handelte es sich bei den teilnehmenden Personen vorwiegend um junge Menschen. Die Mehrheit der Bevölkerung im Kreis Osnabrück blickte wohl mit Besorgnis auf die politische Entwicklung in Europa.

[...]


[1] Bölsche, Jochen: Der Erste Weltkrieg. Ein Hammerschlag für Herz und Hirn, in: S. Burgdorff; K. Wiegrefe (Hrsg.): Der Erste Weltkrieg. Die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, München 2004, S. 54.

[2] Graf von Krockow, Christian: Die Deutschen in ihrem Jahrhundert 1890- 1990, Reinbek 1990, S. 92.

[3] Geinitz, Christian; Hinz Uta: Das Augusterlebnis in Südbaden: Ambivalente Reaktionen der deutschen Öffentlichkeit auf den Kriegsbeginn 1914, in: Hirschfeld, Gerhard; Krumreich, Gerd u.a. (Hrsg.): Kriegserfahrungen. Studien zur Sozial- und Mentalitätsgeschichte des Ersten Weltkriegs, Essen 1997, S. 20.

[4] Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Vierter Band. Vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten. 1914 – 1949, München 32008, S. 14.

[5] Spilker, Rolf: Von der Industrialisierung bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. Die Stadt im Ersten Weltkrieg 1914-1918, in: Steinwascher, Gerd (Hrsg): Geschichte der Stadt Osnabrück, Osnabrück 2006, S. 594.

[6] Ebd., S. 594.

[7] Bramscher Nachrichten: „Aus Stadt und Land“, vom 28. Juli 1914.

[8] Ebd.

[9] Osnabrücker Zeitung: „Die Stimmung in Osnabrück“, vom 29. Juli 1914.

[10] BN: „Aus Stadt und Land“, vom 30. Juli 1914.

[11] Vgl. Spilker, Rolf: Von der Industrialisierung bis zum Ende des Ersten Weltkriegs, S. 594.

[12] Vgl. OZ : „Die Stimmung in Osnabrück“ vom 29. Juli 1914.

[13] Osnabrücker Tagesblatt: „Die Spannung der ernsten politischen Lage“, vom 31. Juli 1914.

[14] Ebd.

[15] Ebd.

[16] Vgl. Spilker, Rolf: Von der Industrialisierung bis zum Ende des Ersten Weltkriegs, S. 598.

[17] Meller Kreisblatt: „Lokale Nachrichten“, vom 31. Juli 1914.

[18] Ebd.

[19] OT: „Kundgebungen gegen den Krieg“, vom 31. Juli 1914.

[20] Osnabrücker Volkszeitung: „Was Kriege an Geld und Menschenopfer kostet!“, vom 31. Juli 1914.

[21] Vgl. OZ: „Die Stimmung in Osnabrück“. Vom 29. Juli 1914.

[22] Ebd.

[23] Ebd.

[24] Kruse, Wolfgang: Die Kriegsbegeisterung im Deutschen Reich zu Beginn des Ersten Weltkrieges. Entstehungszusammenhänge, Grenzen und ideologische Strukturen, in: van der Linden, Marcel; Mergner, Gottfried (Hrsg.): Kriegsbegeisterung und mentale Kriegsvorbereitung. Interdisziplinäre Studien, Berlin 1991, S. 74.

[25] OT: „Die Osnabrücker Ortsgruppe der Deutschen Friedens-Gesellschaft“, vom 31. Juli 1914.

[26] OZ: „Osnabrück“, vom 01. August 1914. „Osnabrück“

[27] Vgl. OT: „Die Osnabrücker Ortsgruppe der Deutschen Friedens-Gesellschaft“, vom 31. Juli 1914.

Details

Seiten
22
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656113737
ISBN (Buch)
9783656114352
Dateigröße
544 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v187825
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,7
Schlagworte
kriegsausbruch regierungsbezirk osnabrück jahr augusterlebnis 1914 1. Weltkrieg weltkrieg krieg

Autor

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Titel: Der Kriegsausbruch im Regierungsbezirk Osnabrück im Jahr 1914