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Der Abbau oder die Beeinflussung der Macht- und Herrschaftsstrukturen durch den Dialog in Diderots "Jacques le fataliste"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 26 Seiten

Literaturwissenschaft - Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Diderot’sche Dialog
2.1 Entwicklung des Dialogs bei Diderot
2.2 Seine Funktion

3. Charaktere und Herrschaftsverhältnisse in Jacques le fataliste
3.1 Erzähler und Leser
3.2 Herr und Diener

4. Signifikanz und Funktion des Dialogs in Jacques le fataliste
4.1 Erzähler und Leser/ Autor und realer Leser
4.2 Jacques und sein Herr

5. Gesellschaftskritik Diderots (grobe Darstellung)

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Beweglichen, fruchtbaren Geistes, wie er war, Anregungen auf allen Gebieten und von allen Seiten aufgreifend, kommentierend und weiterleitend, immer sich verschwendend, beratend, eingreifend, ungestüm disputierend, Dialoge mit sich selbst führend, das Für und Wider einer These aufzeigend, ohne den Partner zu Worte kommen zu lassen, erzählend, von der Anekdote zu Maximen überspringend, dann wieder in die Schilderung erotischer Erlebnisse hinüberwechselnd: so hat man ihn sich vorzustellen.“[1]

Denis Diderot, der durch diese Charakterisierung treffend beschrieben wird, hat im Laufe seines Lebens zahlreiche Werke philosophischer, naturwissenschaftlicher und theatertheoretischer Natur geschrieben, die zu einem Großteil auch erst nach seinem Tod vollständig veröffentlicht wurden. So auch der Roman Jacques le fataliste et son maître, der trotz dieser Gattungszuordnung paradoxerweise den „Anti-Roman par excellence“[2] darstellt. Dieser Widerspruch ist jedoch nicht weiter verwunderlich, wenn man beachtet, dass es gerade das Phänomen des Paradoxen war, das Diderot mit Vorliebe in seine Werke mit hineinfließen ließ und das somit ein grundsätzliches Stilelement seiner Kunst figuriert.[3] Jacques le fataliste bietet mit einer schier nicht enden wollenden Themenvielfalt, Diderots Vorliebe für das freie Feld „au monde des possibles“,[4] für die Ambiguität und Ambivalenz und für eine nicht existierende, einzig gültige und wahre Wirklichkeit, Gelegenheit für zahlreiche Interpretationsmöglichkeiten. Aufgabe dieser Arbeit ist es, den Dialog auf seine Funktion hin zu untersuchen bzw. genauer seinen Einfluss auf die Macht- und Herrschaftsstrukturen im Roman. Hierbei wird nicht nur das Herrschaftsverhältnis von maître und Diener Beachtung finden, sondern auch die Machtstruktur zwischen Erzähler und Leser. Bevor dies jedoch eingehend unter Kapitel 3 und 4 analysiert wird, soll ein kurzer Blick auf die funktionelle Bedeutung des Dialogs für Diderot im Allgemeinen und die dialogische Entwicklung in seinem Werk geworfen werden. Unter Punkt 5 ist die Gesellschaftskritik des Autors dargestellt, die kurz gefasst ist, aufgrund ihrer thematischen Relevanz in der Arbeit jedoch wenigstens Erwähnung finden muss und also lediglich Überblickscharakter haben wird.

2. Der Diderot’sche Dialog

„Das Aufeinandertreffen von warmen und kalten Luftschichten, das physikalisch für die Wolkenbildung verantwortlich ist, zeigt sich […] als treffende Metapher für das, was den Dialog bei Diderot ausmacht.“[5]

Die Form des Dialogs ist für die Kunst Diderots vom essentiellen Wert[6] und hat sich, beachtet man seine Werke chronologisch, mit der Zeit stetig weiter entwickelt. Die Einzigartigkeit seiner Dialoge zeichnet sich formal dadurch aus, dass er sich vom griechischen Modell und vom platonischen Vorbild entfernt und dem Dialog eine neue und entscheidende Funktion zugesprochen hat:[7] „il doit poser des problèmes plus que les résoudre, transposer en termes dramatiques les interrogations et les apories de sa propre pensée. [8] Der Dialog ist „formbildendes und zugleich kommunikatives Grundprinzip“[9] in Diderots Werken und stellt seinen „spezifischen Beitrag [zur] Aufklärung“[10] dar.

2.1 Entwicklung des Dialogs bei Diderot

Diderot spielt für die Geschichte des Dialogs eine wichtige Rolle und ihm wird in der Dialogforschung neben Platon ein ganz besonderer Stellenwert eingeräumt.[11] Anders jedoch als Platon, bei dem das Wissen und die Wahrheit thematisch im Vordergrund stehen, legt Diderot in den Dialogen seinen Schwerpunkt auf die Sprache und ihre ästhetische Darstellungsweise, denn nicht mehr „die Ideen sind im 18. Jahrhundert das Problem, sondern die Art und Weise ihrer Wahrnehmung im Verhältnis zur sprachlichen Aussagbarkeit“.[12] Die Entwicklung der Dialoge und hierbei vor allem die zunehmende Konturierung und Individualisierung der Dialogpartner lassen sich am besten anhand ausgewählter Werke erkennen.

In dem naturwissenschaftlich-philosophischen Werk Pensées philosophiques von 1746, dem das Thema Religion zugrunde liegt, findet ein Zwiegespräch mit einem nicht näher bestimmten Gesprächspartner statt. Das Gerüst des Dialogs bilden rhetorische Fragen, in denen aufklärerisches Gedankengut verpackt ist, die von dem „ganz unkonturiert bleibenden Dialogpartner als selbstverständlich bestätigt werden“.[13] Dieser Dialogpartner ist folglich kein gleichberechtigter und gleichrangiger Konversationsteilnehmer, sondern hat lediglich die Funktion, der Position des Redners Nachdruck zu verleihen und sie zu bekräftigen. Der Dialog hat also eigentlich eher monologischen Charakter.[14]

Die theatertheoretische Schrift Entretiens sur le fils naturel (1757) verdeutlicht einen Fortschritt in Diderots Dialogen. Hier werden von den Gesprächspartnern Moi und Dorval die Grundprinzipien des Theaters diskutiert. Dorval erläutert im Zuge des Gesprächs seine neue Theatertheorie – deren Inhalte Diderots Grundgedanken zu seiner Innovation und ‚Reformation’ des Theaters, die Einführung des drame bourgois bzw. genre sérieux, widerspiegeln[15] – während Moi die Aufgabe zukommt, die kritischen und „traditionsorientierte[n] Fragen und Einwände“[16] zu formulieren. Der Dialog fungiert in diesem Werk folglich als Instrument, um die Theaterpoetik Dorvals bzw. Diderots vorzustellen und „besonders wirkungsvoll dadurch zu präsentieren, daß erwartbare Einwände des Publikums von Moi antizipiert, von Dorval ausführlich beantwortet und als neuer Konsens durchgesetzt werden“.[17] Auch hier sind die Gesprächspartner jedoch noch nicht vollkommen gleichwertig. Erkennbar ist dies daran, dass Dorval im Gegenteil zu Moi einen Namen zugeteilt bekommen hat, und letzterer somit noch keine deutlichen Konturen aufweist, dass Moi ferner sowohl rhetorisch als auch argumentativ unflexibel und festgefahren wirkt und dass er den Standpunkt der Klassik und der Tradition vertritt, der nunmal in dem Werk die negative Konnotation besitzt.[18] Zudem ist die Aufteilung der Redebeiträge ungleich. Moi fungiert lediglich als eine Art Stichwortlieferant für Dorval, der mit dieser Hilfe seinem Theaterentwurf nachdrücklich Ausdruck verleihen kann.[19]

Das letzte hier kurz vorzustellende Werk Diderots ist die naturphilosophische Schrift Le rêve de d’Alembert (1769). In ihm unterhalten sich Diderot und d’Alembert über ‚Gott und die Welt’. Das für die Thematik dieser Hausarbeit wichtige Merkmal ist die Gleichrangigkeit der Gesprächspartner und die Tatsache, dass keiner den anderen spürbar dominiert. Sie sind somit „nicht mehr [bloß] rollenmäßige Positionsträger, sondern weitgehend individualisiert“.[20] Auffällig ist des Weiteren, dass die Außenperspektive der auktorialen Erzählsituation zugunsten der Bildung des Textkorpus durch den Dialog schwindet.[21] Der Dialog ist folglich in erster Linie kein ‚Mittel zum Zweck’ mehr, sondern bildet bewusst das Gerüst des Werks.

Die Auswahl der genannten Werke verdeutlicht sehr eindrucksvoll die Entwicklung des Dialogs bei Diderot, nämlich seine Entfaltung von „der nur rhetorischen Funktion einer unselbständigen Gegenstimme [Pensées philosophiques] […] über eine zunehmende Konturierung des Gegenüber [Entretiens sur le fils naturel] zur schließlichen Gleichrangigkeit der Dialogpartner, die sich […] in d’Alemberts Traum konstituierte“.[22]

2.2 Seine Funktion

Dass Diderot den Dialog ganz bewusst als kommunikatives Grundmittel einsetzt, wurde bereits im Zitat zu Anfang dieses zweiten Kapitels impliziert. Für ihn ist er geeignetes Instrument, um ein Ziel zu erreichen: „die Aktivierung des realen Lesers“.[23] Anders als der platonische Dialog, durch den eine Wahrheit gesucht und gefunden werden soll, die zumindest dem Autor meist bereits bekannt ist,[24] dienen Diderots Dialoge „eher dem Vertiefen von Fragen und dem Verdeutlichen von Widersprüchen als der Lösung von Problemen“.[25] Sie haben heuristischen Charakter, denn „ihre Qualität beruht in der ‚Stimulation unseres Denken’“.[26] Sie werfen Probleme und Fragen auf – so zum Beispiel auch das Thema des Fatalismus vs. Freiheit in Jacques le fataliste, die ein so eigenständiges und umfangreiches Themenpaar sind, dass an dieser Stelle nur auf sie hingewiesen wird –, die Diderot jedoch nicht beantwortet und klärt, sondern bewusst in die Unlösbarkeit, die Aporie, führt.[27] Ihm liegt nichts daran, den Lesern irgendeine Meinung, Einstellung oder Lösung ‚einzuhämmern’, er möchte sie, indem er ihnen philosophische Aspekte, Fragestellungen und Konfliktthemen ‚hinwirft’, zum Nachdenken und Hinterfragen anregen. Er hinterlässt „seiner Nachwelt keinen Schlüsselbegriff“,[28] der ein eindeutiges und einziges Interpretieren möglich machen würde, im Gegenteil: Die Kommentare und Erklärungsversuche für bestimmte Probleme und Diskussionspunkte, die im Fall Jacques le fataliste den Schwerpunkt der Dialoge zwischen Herr und Knecht einnehmen, verwirren mehr als das sie erklären und „haben das Scheitern verallgemeinerungsfähiger Einsichten und Konsequenzen zu ihrem Gegenstand“.[29] Sie machen deutlich, dass „selbst eine vielstimmige und vielschichtige Kommentierung die Rätselhaftigkeit der vorgestellten Wirklichkeit nicht aufzulösen vermag“.[30] Diderots Absicht ist es, seine Leser dahingehend zu erziehen, Feststehendes zu hinterfragen, „Ungewißheiten auszuhalten“[31] bzw. es gegebenenfalls zu ertragen, dass „eine Harmonisierung nicht zu finden und eine Lösung nur um den Preis der Verabsolutierung eines Standpunktes möglich ist“.[32] Er hofft hierbei auf die raison seiner Leserschaft, „auf die Verläßlichkeit selbständigen, vernünftigen Denkens“.[33]

3. Charaktere und Herrschaftsverhältnisse in Jacques le fataliste

In Jacques le fataliste werden, wie im Kapitel 4 ausführlich analysiert, die Verhältnisse der Dialogpaare Erzähler – Leser und Herr – Knecht zu- und untereinander anders dargestellt, als man es erwarteten würde. Die traditionelle und auch die tatsächliche Funktion und Relation der jeweiligen Instanzen soll im Folgenden erläutert werden – letzteres jedoch nur im Ansatz, da dieser Aspekt detailliert im besagten 4. Kapitel behandelt wird.[34]

3.1 Erzähler und Leser

Der Erzähler in Jacques le fataliste ist mehr als seine eigentliche Funktion aussagt. Anders als in den meisten Werken oder Romanen, erzählt er eine Geschichte, nimmt selbst indirekt oder auch direkt daran teil, aber ist darüber hinaus noch Bestandteil einer weiteren Geschichtsebene bzw. einem weiteren Erzählstrang, der von ihm und einem fiktiven Leser gebildet wird. Der Erzähler kann nicht auf den einfachen Term Ich-Erzähler oder auktorialer Erzähler reduziert werden. Er ist tatsächlich eine außergewöhnliche Instanz, der viele Eigenschaften zugesprochen werden können. Ihn ausführlich literaturtheoretisch zu analysieren, würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen. Es soll genügen, einige essentielle, für das Thema dieser Arbeit relevante Merkmale herauszugreifen.

Die Figur des Erzählers hat zwei ‚Persönlichkeiten’, nämlich einmal die Funktion als „eine Romanfigur am Schauplatz der Handlung und […] [die Funktion eines] außerhalb der dargestellten Wirklichkeit stehenden“[35] Erzählers. Er erzählt in erster Linie die Geschichte von Jacques und seinem Herrn und kommuniziert währenddessen mit einem fiktiven Leser. Er präsentiert sich selbst als allwissenden Erzähler, sowohl als Ich- als auch als auktorialen Erzähler, der nichts als die Wahrheit sagt und willkürlich das erzählen und auslassen kann, was er möchte. Wie jedoch festgestellt wurde, ist auch die Allwissenheit eines omnipotenten Erzählers oft eingeschränkt,[36] was sich an späterer Stelle zeigen wird. Der Erzähler in Jacques le fataliste demonstriert dem fiktiven Leser stets seine Macht, indem er ihm mitteilt, dass er je nach Laune das Geschehen selektieren kann und dass ihm der andere somit „auf Gedeih und Verderb“[37] ausgeliefert ist. Er erweist sich jedoch als unzuverlässiger Erzähler. Dies ist keine Ungewöhnlichkeit. Verallgemeinernd werden sogar den meisten Ich-Erzählern eine Voreingenommenheit und Parteilichkeit und deshalb eine gewisse Unzuverlässigkeit zugesprochen.[38] Und auch die auktorialen Erzähler sind nicht immer über jeden Zweifel erhaben, wie bereits erwähnt wurde.

Der Dialogpartner und Gegenspieler des Erzählers ist der fiktive Leser, dessen Funktion unter Punkt 4.1 erläutert werden wird. Er ist ebenso wie der Erzähler Teil des Geschehens, unterhält sich mit dem Erzähler und liefert sich mit ihm ein Kräftemessen. Hier ergibt sich nun eine Herrschaftsstruktur, die tatsächlich jedoch nur modifiziert werden kann, weil der fiktive Leser ‚präsent’ ist. Fände keine Kommunikation zwischen fiktivem Erzähler und fiktivem Leser statt, müsste ersterer nicht ständig seine Vormachtstellung demonstrieren und verteidigen, da ein realer Leser ‚traditionell’ gesehen sowieso keinen Einfluss auf eine Geschichte nehmen kann. Er kann sich zwar Gedanken über das Erzählte machen, es bemängeln, sich darüber ärgern oder freuen oder es verschiedenartig interpretieren, aber dirigieren kann er das Erzählte nach seinen Wünschen nicht. Das reale Herrschaftsverhältnis Erzähler – Leser, das von vornherein eigentlich feststeht – nämlich der Leser liest das, was der Erzähler erzählt bzw. schreibt – wird hier zum thematischen Gegenstand und Diskussionspunkt der Dialoge gemacht, um Diderot eine indirekte Kontaktaufnahme mit dem realen Leser zu ermöglichen. Der fiktive Leser steht als Identifikationsfigur bzw. Prototyp für das Publikum in Diderots Zeit. Durch ihn und dessen Gespräche mit dem fiktiven Erzähler kommuniziert der Autor mit dem impliziten Leser, der als ein von ihm „gefordertes Leserkonstrukt [definiert werden könnte], als den Empfänger aller Signale, über die der Sender, also der implizite Autor, seine Botschaft vermittelt“[39] (dazu ausführlicher Kapitel 4.1).

3.2 Herr und Diener

Die Tatsache, dass das Verhältnis Herr – Knecht in Jacques le fataliste umgekehrt wird, deutet schon der Titel selbst an: Der Diener trägt einen Namen, während der Herr namenlos bleibt. Diese Namenlosigkeit des Herrn „impliziert eine Entpersonalisierung, eine Entindividualisierung“.[40] Er wird so auf die Funktion reduziert, die er im Roman innehat, nämlich auf Jacques’ Gegenpart, einen „stereotype Handlungen vollziehenden, unkreativen, namenlosen automate“.[41] Während der Herr diese, durch seine Namenlosigkeit evozierte Funktion, vollkommen verkörpert, entpuppt sich Jacques oppositionell zu der Bedeutung seines Namens. Jacques hat zwar einen Namen, aber dieser ist ein Allerweltsnamen, „le nom du paysan“,[42] der also für Männer seiner Schicht üblich war. Es wird folglich das Bild eines herkömmlichen, gewöhnlichen und typischen Diener heraufbeschworen, der sich jedoch schon zu Beginn des Romans als dem Herrn sowohl rhetorisch als auch geistig überlegen und als „eine außergewöhnliche, handlungsmächtige und sogar philosophische Figur“[43] präsentiert.

Die Literatur des 18. Jahrhunderts hatte im Großen und Ganzen eine allgemeine Darstellung des Dieners: Er wurde als dumm, als Lügner und Dieb beschrieben, der, so die damals gängige und gültige Definition Leibniz’, von Natur aus keinen Verstand besitzt, sondern nur körperliche Kraft und somit vom Herrn abhängig sei, denn „alles, was der Knecht ist, ist er seines Herrn wegen“.[44] Dieses Naturgesetz von Leibniz wird – wie sich zeigen wird – von Diderot bzw. von Jacques genau umgekehrt.[45] Anders als der typische Diener arbeitet Jacques darüber hinaus auch nicht mit seinen körperlichen, sondern mit seinen geistigen Kräften, die dem Ständedenken zufolge eigentlich nur der Aristokratie und auf keinen Fall der niederen Schicht vorbehalten waren.

Der Herr, als Vertreter der Aristokratie, glaubt „nach der natürlichen bzw. gottgewollten Ordnung im Besitz der Vernunft zu sein“.[46] Der Tradition nach war es die obere Schicht, die lesen konnte, gebildet war und sich rhetorisch gewandt ausdrückte.[47] In der Tat scheint Jacques’ Herr gebildet zu sein, er zitiert z. B. Sokrates, jedoch verdeutlichen seine Rede und seine Wortwahl auf der anderen Seite, dass er lediglich Gehörtes wiedergibt, ohne selbst darüber nachgedacht oder es verstanden zu haben, und redet als würde er aus einem Buch über gesellschaftliche Etiketten ablesen[48] (z. B. S. 214). An einer Stelle bezeichnet er sich selbst als s ouffleur (S. 125), was „seine Kritiklosigkeit dem ihm vertrauten Kulturgut gegenüber“[49] widerspiegelt und ihn in der Tat äußerst treffend charakterisiert. Seine Hauptaktivitäten beschränken sich auf den Blick auf die Taschenuhr, seine Tabakdose und auf seine Rolle als Jacques’ Zuhörer. Sie „führen die innere Leere eines Menschen vor Augen, der nicht selbständig handeln und denken kann“,[50] eben eines automate. Auch der Erzähler stellt von Beginn an fest, dass der Herr langweilig ist und es interessanter sei, Jacques zu folgen (S. 39). Der Ausdruck, er „läßt sich existieren“,[51] passt vortrefflich auf die Lebenseinstellung- und weise des maître. Er bezeichnet sich selbst als frei, während Jacques an den Fatalismus glaubt. Ironischerweise ist es jedoch der freie Herr, der sich passiv und inaktiv verhält und „sich von Jacques und dem Schicksal treiben“[52] lässt und der determinierte Jacques, der sich „nur in der nachträglichen Interpretation, nicht aber im Handeln von seinem System bestimmen“[53] lässt und frei agiert. Resümierend kann man sagen, dass der Knecht „in dem Maße [Herr ist], in dem er sich die Freiheit des Handelns von seiner Philosophie gerade nicht nehmen läßt – wie umgekehrt der Herr in dem Maße Diener ist, wie ihn seine Philosophie der Freiheit nicht aus dem Dasein eines automate zu erlösen vermag“.[54]

Keiner der zwei Protagonisten ist so, wie es die gesellschaftliche und auch literarische Tradition vorgesehen hat. Zwar beschwören das komische Aussehen Jacques’ (übergroßer Hut, humpelnd, er befragt seine Weinflasche) und auch die äußerlichen Charakteristika des Herrn (Taschenuhr, Schnupftabakdose) jeweils stereotype Figuren und etablierte Klischees herauf,[55] die Rollen scheinen von Diderot jedoch genau umgekehrt worden zu sein. Nichtsdestotrotz gibt es auch in Jacques le fataliste Textstellen, die die regulären Machtstrukturen und Klassenverhältnisse wiedergeben. So z. B. muss Jacques mit den Bediensteten und anderen Dienern essen oder wird vom Herrn willkürlich verprügelt (S. 12). Ebenso wie der Herr Jacques als Geschichtenerzähler braucht, benötigt dieser jedoch auch seinen maître, und zwar als Zuhörer.[56]

In Kapitel 4.2 nun wird anhand ausgewählter Dialogstellen detailliert analysiert werden, wie die klassischen Herrschaftsstrukturen beeinflusst und teilweise sogar umgestülpt werden. Kapitel 5 erläutert die Gesellschaftskritik, die Diderot damit intendierte.

4. Signifikanz und Funktion des Dialogs in Jacques le fataliste

In Jacques le fataliste gibt es drei Ebenen der Kommunikation: die Dialoge zwischen Herr und Diener, Erzähler und Leser, aber auch zwischen Autor und realem Leser. Da die indirekte Kommunikation zwischen Autor und realem Leser im Zuge der Dialoge von Erzähler und fiktivem Leser stattfindet, wird diese Ebene ebenfalls unter Punkt 4.1 analysiert. Im Folgenden soll nun anhand einiger Textstellen bewiesen werden, dass durch die Dialoge tatsächlich die traditionellen Herrschaftsverhältnisse Herr – Knecht und Erzähler – Leser beeinflusst und modifiziert werden und dass Diderot vor allem durch letzteres seiner Romankritik Ausdruck verleiht.

4.1 Erzähler und Leser/ Autor und realer Leser

Diderot lässt seinen Roman in medias res beginnen. Der reale Leser findet sich in einem Dialog zwischen Erzähler – nicht zu verwechseln mit dem Autor – und fiktivem Leser wieder. Beide fiktiven Gestalten sind ebenfalls Bestandteil des Geschehens und aus diesem Grund auch als Romanfiguren anzuerkennen.[57] Durch die Dialoge der beiden und ihr Verhalten zueinander kommuniziert der reale Autor mit dem realen Leser. Es ist zu unterscheiden, dass Diderot mit seinem impliziten Leser nicht auf derselben Ebene wie Erzähler und fiktiver Leser Kontakt aufnimmt, also nicht durch unumwundenes und unmittelbares Anreden, sondern nur indirekt durch subtile Mitteilungen und Botschaften, die er durch die Dialoge von Erzähler und fiktivem Leser und durch die dialogischen Strukturen, Eigentümlichkeiten und Merkmale an seinen Adressaten schickt. Diese Kommunikationsart und die intendierte Sendung Diderots werden von R. Warning äußerst einleuchtend erläutert:

„[E]ine Informationskette geht zum angesprochenen Hörer und sagt Ja, während die zweite, begleitende Informationskette zu einem mitangesprochenen Dritten geht und Nein sagt. Dieser mitangesprochene Dritte aber ist kein anderer als der implizite Leser. Was ihm bedeutet wird, ist nicht ausformuliert, die Botschaft ist implizit wie Sender und Empfänger.“[58]

Zwischen Autor und Leser besteht, ebenso wie zwischen Herr und Diener, eine gewisse Herrschafts- und Machtstruktur, die durch die Beschaffenheit der Dialoge von fiktivem Erzähler und fiktivem Leser beeinflusst und eventuell sogar abgebaut wird. Die beiden werden als Gestalten in das Geschehen mit eingebunden und parodieren und modifizieren das Verhältnis, das normalerweise zwischen Erzähler und Leser herrscht (vgl. Kapitel 3.1).

In dem zu Beginn dieses Kapitels erwähnten in medias res Dialog erscheinen bereits, auch wenn dies vielleicht beim ersten Lesen nicht sofort ersichtlich ist, die Gesprächspartner fiktiver Erzähler – fiktiver Leser. Letzterer stellt dem Erzähler allerhand Fragen über die Namen, die Herkunft und das Ziel der Protagonisten (S. 9). Dadurch, dass der Text mit derartigen Fragen beginnt, wird „eine bereits im Gang befindliche Erzählsituation […] [vorausgesetzt, die] damit den realen Leser vom ersten Satz an auf Distanz bringt“.[59] Die Fragen des „Leserdouble[s]“[60] werden vom Erzähler entweder gar nicht, mit einer Gegenfrage oder äußerst belanglos und irrelevant beantwortet. Er vermittelt einen gelangweilten und genervten Eindruck, so dass die Fragen seines Gegenübers naiv, fehlplaziert und unwichtig erscheinen. Die Absicht Diderots ist eindeutig: Der reale Leser soll sich mit seinem „romanimmanenten Stellvertreter gerade nicht identifizieren“.[61] Der fiktive Erzähler wiederum präsentiert sich in dieser ersten Szene als herablassend („Que vous importe?“, S. 9), weist seinen Zuhörer in die Schranken, indem er ihm zu verstehen gibt, dass seine Fragen unsinnig sind, erhöht sich dadurch selber und betont seine Vormachtstellung. Dass der fiktive Leser von ihm und seinem Wohlwollen abhängig ist, sagt er kurze Zeit später präzise: „Vous voyez, lecteur, que je suis en beau chemin, et qu’il ne tiendrait qu’à moi de vous faire attendre un an […] me plairait.“ (S. 12). Er wiederholt mehrmals, dass er keinen Roman, sondern eine wahre histoire erzählt (S. 57) und bekräftigt durch sein ständiges Reduzieren des fiktiven Lesers auf dessen Romankenntnisse seine Überheblichkeit und Oberhand.[62] An mehreren Stellen provoziert er den Leser (z. B. S. 29) oder macht sich über ihn lustig. Seine Dialoge mit ihm sind vordergründig oft freundlich, während sie jedoch vor Ironie nur so ‚triefen’[63] („Vous voyez, lecteur, combien je suis obligeant“, S. 87). Auch verweigert er willkürlich das Erzählen von Dingen, die der Leser hören will oder erzählt wiederum Teile, die diesen nicht interessieren (z. B. die Episode mit Gousse).[64] „Beide Strategien haben dieselbe Funktion: die Frustration des Lesers, der ohnmächtig dem Erzähler ausgeliefert ist.“[65] Machtdemonstrierende Aussprüche, wie vor allem il ne tiendrait qu’à moi (z. B. S. 12, 25), sind charakteristisch für den Erzähler.[66] Die Herrschaft scheint eindeutig bei ihm zu liegen.

Jedoch zeigt sich nach und nach, dass der Erzähler nicht so mächtig und omnipotent ist, wie er vorzugeben sucht. Er erweist sich als „eine gespaltene, in sich gebrochene Vermittlungsinstanz, die widersprüchliche Aussagen trifft, die ihre autonome Erzählmächtigkeit hervorkehrt und gleichzeitig von vielen Faktoren abhängig ist, die allwissend ist und doch nichts weiß, die eine wahrhafte Geschichte erzählt und dabei lügt wie gedruckt“.[67] Er ist tatsächlich ein unzuverlässiger Erzähler. So zum Beispiel gibt er an einer Stelle explizit zu, dass er nicht alles weiß („Ma foi, je n’en sais rien.“, S. 307) oder fordert seinem Zuhörer in einer anderen Passage auf, sich eine Version auszusuchen („De ces deux versions […] choisirez […] celle qui vous conviendra le mieux.“, S. 220).

Im gleichen Zuge wird die Stimme des fiktiven Lesers stets lauter und eindringlicher und er versucht – manchmal auch nach Aufruf des Erzählers –, immer mehr Einfluss auf den Handlungsvorgang zu nehmen und seine eigenen Interessen durchzusetzen. Beispielsweise gelingt es ihm, den Erzähler daran zu hindern bezüglich Jacques’ Operation zu sehr ins Detail zu gehen[68] („N’allez- vous pas, me direz-vous, tirer des bistouris à nos yeux […] À votre avis, cela ne sera-t-il pas de bon goût ? …Allons, passons encore l’opération chirurgicale“, S. 29) oder bringt ihn gegen dessen Willen dazu, vom Poète du Pondichéry zu erzählen (S. 55ff.). All diese Einmischungen und Forderungen führen schließlich dazu, dass – auch in den Augen des Erzählers – der fiktive Leser mehr Einfluss auf das Geschehen zu bekommen scheint und er wird aus diesem Grund vom Erzähler zurechtgewiesen: „Lecteur, vous me traitez comme un automate, cela n’est pas poli […]. Il faut sans doute que j’aille quelquefois à votre fantaisie; mais il faut que j’aille quelquefois à la mienne.“ (S. 94). Von der sonst so überheblichen Art des Erzählers ist hier wenig zu spüren. Im Gegenteil, er gesteht seinem Zuhörer sogar ein maßvolles Mitspracherecht zu, muss jedoch „schließlich dezidiert seine Eigenständigkeit behaupten und den Leser um etwas Kooperation bitten“.[69] Das Machtverhältnis hat sich hier zugunsten des fiktiven Lesers verschoben. Die Stimme des fiktiven Lesers wird von Diderot aufgewertet und er wird „der kritische Widerpart des Erzählers […] [,] der sich in Jacques le fataliste zum erstenmal mit eigener Stimme zu Wort melden darf“.[70]

Eine Gleichberechtigung der beiden Dialogpartner und ein ‚herrschaftsfreies’ Gespräch kommt an einer Stelle zutage:

[...]


[1] Sander, Ernst: Nachwort, in: Denis Diderot: Jacques der Fatalist und sein Herr, Stuttgart 2006, S. 345.

[2] Ebd., S. 351.

[3] Vgl. Vgl. Kleihues, Alexandra: Der Dialog als Form. Analysen zu Shaftesbury, Diderot, Madame d’Épinay und Voltaire, Würzburg 2002, S. 114.

[4] Didier, Béatrice: Jacques le Fataliste et son maître de Diderot, Paris 1998, S. 43.

[5] Kleihues : Dialog, S. 114.

[6] Vgl. Smietanski, Jacques: Le Réalisme dans Jacques le fataliste, Paris 1965, S. 141.

[7] Vgl. Mortier, Roland: Dialogue, in: Michael Delon (Ed.): Dictionnaire européen des lumières, Paris 1997, S. 331.

[8] Ebd.

[9] Galle, Roland: Diderot – oder die Dialogisierung der Aufklärung, in: Jürgen von Stackelberg (Hrsg.): Europäische Aufklärung III. Neues Handbuch der Literaturwissenschaft, Bd. 13, Wiesbaden 1980, S. 209.

[10] Ebd.

[11] Vgl. Kleihues: Dialog, S. 13ff.

[12] Ebd., S. 41.

[13] Galle: Diderot, S. 211.

[14] Vgl. Radtke, Peter: Das Problem „Brüchigkeit“. Eine Untersuchung zu Rabelais, Diderot und Claudel, Donaustauf 1976, S. 118.

[15] Vgl. Stackelberg, Jürgen von: Diderot. Eine Einführung, München/Zürich 1983, S. 48ff.

[16] Galle: Diderot, S. 224.

[17] Ebd.

[18] Vgl. ebd., S. 225.

[19] Vgl. Kleihues: Dialog, S. 132.

[20] Galle: Diderot, S. 215.

[21] Vgl. ebd.

[22] Ebd., S. 222.

[23] Weich, Horst: Don Quijote im Dialog: Zur Erprobung von Wirklichkeitsmodellen im spanischen und französischen Roman (vom Amadís de Gaula bis Jacques le fataliste), Passau 1989, S. 258.

[24] Vgl. Stackelberg: Diderot, S. 18.

[25] Ebd.

[26] Treskow, Isabella von: Französische Aufklärung und sozialistische Wirklichkeit. Denis Diderots Jacques le fataliste als Modell für Volker Brauns Hinze-Kunze-Roman, Würzburg 1996, S. 304.

[27] Galle: Diderot, S. 242.

[28] Ebd., S. 245.

[29] Ebd.

[30] Ebd., S. 244.

[31] Groh, Ruth: Ironie und Moral im Werk Diderots, München 1984, S. 29.

[32] Treskow: Aufklärung, S. 304.

[33] Groh: Ironie, S. 31.

[34] Seitenzahlen im Text beziehen sich auf folgende Ausgabe: Diderot, Denis: Jacques le Fataliste et son maître. Texte intégral et guide de lecture, Paris 2006.

[35] Stanzel, Franz K.: Theorie des Erzählens, 5., unveränderte Auflage, Göttingen 1991, S. 83.

[36] Vgl. ebd., S. 171.

[37] Ebd., S. 204.

[38] Vgl. ebd., S. 200.

[39] Warning, Rainer: Opposition und Kasus – Zur Leserrolle in Diderots Jacques le Fataliste et son maître, in: Ders. (Hrsg.): Rezeptionsästhetik. Theorie und Praxis, München 1975, S. 472.

[40] Weich: Wirklichkeitsmodelle, S. 82.

[41] Ebd.

[42] Didier: Jacques, S. 77.

[43] Weich: Wirklichkeitsmodelle, S. 83.

[44] Zitiert nach: Warning: Opposition, S. 477.

[45] Vgl. ebd.

[46] Treskow: Aufklärung , S. 155.

[47] Vgl. Werner, Stephen: Diderot’s Great Scroll: Narrative Art in Jacques le fataliste, in: Theodore Besterman (Ed.): Studies on Voltaire and the Eighteenth Century, Vol. 128, Oxford 1975, S. 33.

[48] Vgl. ebd., S. 32.

[49] Treskow: Aufklärung, S. 220.

[50] Ebd., S. 219.

[51] Ebd.

[52] Radtke: „Brüchigkeit“, S. 119.

[53] Vgl. Warning: Opposition, S. 471.

[54] Ebd., S. 480.

[55] Vgl. Treskow: Auflärung, S. 214 und 219.

[56] Vgl. Moser-Verrey, Monique: Dualité et continuité du discours narratif dans Don Sylvio, Joseph Andrews et Jacques le Fataliste, Frankfurt 1976, S. 133.

[57] Vgl. Warning: Opposition, S. 467.

[58] Ebd., S. 472.

[59] Ebd., S. 468.

[60] Ebd.

[61] Ebd.

[62] Vgl. Didier: Jacques, S. 44.

[63] Vgl. Mauzi, Robert: La Parodie romanesque dans Jacques le Fataliste, in: Otis Fellows (Ed.): Diderot Studies, Vol. 6, Genève 1964, S. 122.

[64] Vgl. Weich: Wirklichkeitsmodelle, S. 255.

[65] Ebd.

[66] Vgl. Graeber, Wilhelm: „Leserpädagogik“: Zur gattungsinnovativen Funktion des Dialogs in französischen Aufklärungsromanen, in: Gabriele Vickermann-Ribémont und Dietmar Rieger (Hrsg.): Dialog und Dialogizität im Zeichen der Aufklärung, Tübingen 2003, S. 198.

[67] Weich: Wirklichkeitsmodelle, S. 251.

[68] Vgl. ebd., S. 256.

[69] Ebd.

[70] Ebd., S. 254.

Details

Seiten
26
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656115625
ISBN (Buch)
9783656620747
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v187765
Institution / Hochschule
Universität Stuttgart – Institut für Literaturwissenschaft - Romanische Literaturen
Note
1,3
Schlagworte
Französisch Diderot Literaturwissenschaft Herr und Knecht Jacques le fataliste Dialog Romanische Literatur

Autor

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