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Soziale Gewalt der Gesellschaft

Die Gesellschaft und ihr Verhältnis zur Gewalt auf Mikro- und Mesoebene

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 25 Seiten

Medien / Kommunikation - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Fragestellung, Untersuchungsgang und Literaturauswahl

Thesen

A. Soziologische Erklärungsansätze für Gewalt
1. Gewalt auf der Mikroebene
2. Gewalt auf der Mesoebene
3. Gewalt als Kommunikationsmittel
4. Zwischenfazit

B. Juridische Erklärungsansätze zur Gewalt
1. Gewalt als Lustprinzip
2. Gewalt in Schutzfunktion
3. Gewalt in Unterdrückungsfunktion
4. Zwischenfazit
5. Gewalt in Abwehrfunktion

Zusammenfassung

Schlussbetrachtung

Ausblick

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Das Unterdrückte, das den Umsturz will, ist nach den Normen des schönen Lebens in der häßlichen Gesellschaft derb [...]

Einleitung

Die Teilnahme am Symposium „Ästhetik der Gewalt“ des Kunsthistorischen Instituts der Universität zu Köln verließ ich mit einer einfachen Erkenntnis: Man lernt, dass man nicht sehr viel aus einem Symposium mitnimmt, wenn alle miteinander diskutieren ohne den Gegenstand ihrer Diskussion beachten, um den es eigentlich gehen sollte. Gewalt ist zwar ein inflationär gebrauchter Begriff, den es dennoch nicht leichtfertig vorauszusetzen gilt.

Schläger vermöbeln sich bei einer verabredeten Wald- und Wiesenhauerei. Es gibt ein Alltagsverständnis von Gewalt, welches den physisch-verletzenden Eingriff in die Sphäre eines anderen meint. Aber steht Gewalt nur für sich selbst? Oder verschaffen sich dahinter auch gesellschaftliche Semantiken Geltung? Ist Gewalt als Ausdrucksform kommunikativ und vielleicht sogar zu mehr nütze als ein paar blauen Veilchen?

Die Soziologie verhandelt, wie das Zusammenleben zwischen Subjekten ganz generell funktioniert. Welche Voraussetzungen gelten dafür, was sind die Folgen des Zusammenlebens und wie läuft das alles überhaupt ab? Gewalt müsste aus dem sozialen Kontext entspringen, auf ihn rekurrieren. Was ist Gewalt, wie entsteht sie und was macht Gewalt aus? Derartige Fragen wurden auf dem genannten Symposium nicht gestellt. Eigentlich alles Grundsätze des wissenschaftlichen Arbeitens. Es scheint, dass es auch in manchen wissenschaftlichen Bereichen erst einmal „wild drauf los geht“ - als finde die Verabredung auf einer buchstäblichen Wiese statt. Es ist ein weites Feld ...

Fragestellung, Untersuchungsgang und Literaturauswahl

Walter Benjamin definiert Gewalt als ein „in sittliche Verhältnisse eingreifendes Mittel“. Recht und Gerechtigkeit bildeten die Sphäre dieser Verhältnisse. Gewalt könnte deshalb aufgrund seines destruktiven Charakters subversiven Zwecken dienen, wenn es in diese Sphäre einwirkt. Recht ist das „elementarste Grundverhältnis einer [...] Rechtsordnung [.] von Zweck und Mittel.“ (Benjamin 1965, 29)

Drei verschiedene Analyseebenen verbunden mit Gewaltformen stehen im Mittelpunkt der Betrachtung (Reinares 2002,392): Systemische Gewalt auf der Makroebene, organisatorische Gewalt auf der Mesoebene und individuelle Gewalt auf der Mikroebene. In meinen Untersuchung möchte ich versuchen, Verschränkungen zwischen diesen drei Ebenen offen zu legen. Im ersten Schritt werden verschiedene soziologische Ansäze vorgestellt, welche sich mit individueller Gewalt auf der Mikroebene beschäftigen. Da ich annehme, dass Gewalt nicht naturgegeben vorauszusetzen ist, sondern anderer Subjekte oder eines Kollektivs bedarf, die Gewalt organisatorisch hervorbringen, sollen Zweitens kollektive Formen auf der Mesoebene untersucht werden.

Gewalt ist an zahlreichen Schulen ein existentes Problem und im Rahmen von Aufklärungskampagnen dort ein Thema. Das pädagogische Magazin Ethik & Unterricht hat mit fachkundigen Soziologen eine Schwerpunktausgabe dazu herausgebracht. Es verdeutlicht verschiedene soziologische Blickwinkel intradisziplinär. Ausgangspunkt in den Arbeiten ist zumeist das Subjekt selbst, welches gewalttätig physisch oder psychisch agiert. Das Internationale Handbuch der Gewaltforschung, herausgegeben von Wilhelm Heitmeyer und John Hagan, bezieht zivilisationstheoretische, politische, kulturelle und medienwissenschaftliche Aspekte mit ein. Ausgangspunkt sind eher kollektive Konstruktionen. Insbesondere die Arbeiten von Michael Haganan und Thomas Meyer stellen auf den durch mich zu untersuchenden Komplex ab. Haganan spürt Gewalt anhand der Gründungsmomente und Entwicklungen von Nationalstaaten auf. THOMAS Meyer beleuchtet in seinem Aufsatz zum Verhältnis zwischen Kultur und Politik diesen Aspekt näher. Einen Ansatz für eine begriffliche Herleitung politisch motivierter Gewalt bietet Susanne Kailitz in Von den Worten zu den Waffen. Überlegungen zur Legitimität von Gewalt für den Staat als auch von Subjekten gegenüber diesem hat sie ihrer Arbeit vorangestellt, die sich überwiegend mit

Verbindungslinien zwischen Roter Armee Fraktion (kurz: RAF), Vertretern der Frankfurter Schule und 68er-Studentenbewegung auseinandersetzt. Aus ihrer Betrachtungsweise der Gewalt erwächst die Frage, ob Gewalt vielleicht sogar legitim sein könne. Wie wird die Gewaltfrage in sozialen Systemen, beispielsweise einem gewordenen Staat, sowohl seitens Subjekt oder Kollektiv bzw. staatlichen Institutionen verhandelt?

Jürgen Habermas (1978, 7 f.) kritisiert an der Sozialforschung, dass diese immer nur den Ist-Zustand nachweisen würde, nie aber vorausschauende Erklärungen böte:

Die Soziologen bauen ihre Begriffe erst um, wenn sie klar sehen; bis dahin können wir mehr von denen lernen, die in der Wahrnehmung von Symptomen geübter sind.

(ebdenda)

Seinen Vorschlag, sich diesbezüglich auch philosophischen Diskussionen zu nähern, kann im Rahmen dieser Arbeit aber nicht nachgegangen werden. Zum einen ist eine Analyse des Ist-Zustandes sinnvoll, sofern Grundfragen nicht geklärt sind. Ohnehin würde der eng gesteckte Rahmen durch eine Erweiterung um interessante philosophische Ansätze gesprengt werden.

Ich stehe bei der Bearbeitung des Themas vor dem Problem, dass es diese eine Sozialwissenschaft als solche nicht gibt. Auf Unterschiede und Ambivalenzen macht deshalb auch Thomas Meyer (2002) aufmerksam: Die Sozialpsychologie analysiere ihm gemäß Strukturen, Prozesse oder Erfahrungen welche zu Gewaltentscheidungen Einzelner führten. Eine Synchronisation durch individuelles auf kollektives Handeln sei hier hingegen nicht möglich. In der Soziologie würden kollektive Gewaltdispositionen über gesellschaftliche und sozio-kulturelle Lebensbedingungen erklärt. Nicht erklärbar bliebe aber das zündende Moment ihres Umschlages in spezielle Ausprägungen, z.B. politische Formen. Die politikwissenschaftliche Handlungsanalyse erkläre tatsächliches Handeln kollektiver Gruppen wie Rechtsextremer, Linksradikaler oder religiöser Fundamentalisten, könne aber keine analytische Verbindung zu individuellen Motiven der Teilhabe an den beobachteten Organisationen, Aktionen und Ideologien herstellen. Es wird im eng gesteckten Rahmen dieser Hausarbeit deshalb kaum möglich sein, alle sozialen Theorien und ihren Bezug auf die Diskussion zur Gewalt vorzustellen und abschließend zu diskutieren.

Der Einwand Habermas ließe sich aber auch dahingehend verstehen, dass sich eine gemeinsame Klammer zwischen den Ebenen herstellen ließe. Tappt man durch den Fokus traditioneller Sozialwissenschaften also in einen toten Winkel, der einen für gewisse Betrachtungen blind macht? Der erwähnte Rahmen dieser Hausarbeit bietet nicht die Voraussetzungen und das Hauptuntersuchungsinteresse an den sozialen Theorien selbst zielt nicht auf eine fundierte ideologiekritische wie umfassende philosophische Auseinandersetzung. Ich notiere aber meinen Verdacht, soziale Theorien wie der wissenschaftliche Betrieb als Solches stellten keinen wertneutralen Raum dar. Deshalb bleibt die wertgeladene Sphäre in meiner Untersuchung stets vergegenständlicht. Sollte es notwendig werden, weise ich darauf hin.

Thesen

Kann Gewalt etwas Unaussprechbares mitteilen? Ich nehme an, dass Grad und Intensität der Gewaltanwendungen als Kommunikationsversuch angesehen werden können. Im Rahmen meiner ersten These gehe ich davon aus, dass diese sich sowohl an konkrete Subjekte auf Mikroebene richten könne als auch an gesellschaftliche Zusammenhänge der Meso- und Makroebene:

These 1 Wenn Gewalt ein Kommunikationsmittel darstellt, dann interagieren Subjekte durch Gewaltanwendung zwischen Mikro-, Meso- und Makroebene.

Kommunikation in Form des „miteinander Redens“ ist auch ein wichtiges Prinzip demokratisch verfasster Gesellschaften. In erster Linie stellt Gewalt eine physische oder psychische Einwirkung auf einen Anderen oder eine Andere dar. Gewalt könnte dabei Kommunikationsmittel 2. Ordnung sein und damit auf ein absinken des demokratischen Verständnisses hindeuten, da Demokratie und demokratisches Miteinander durch möglichst direkte Kommunikation und Anerkennung der Gewalten einhergehen würde:

These 2 Je gewalttätiger das gesellschaftliche Klima, desto niedriger ist die Demokratieleistung.

Gewalt stehe im Bedeutungszusammenhang von Macht ausüben, Stärke zeigen, Geltung erlangen oder Verfügen können (Breun, 54). Doch wie ist dabei der moralische Standpunkt zu beurteilen? Es ist davon auszugehen, dass man als Täter den Opfern gegenüber mit eigenen moralischen Vorstellungen gebrochen haben muss, vorübergehend oder dauerhaft, denn nicht jeder Täter ist gleich ein Nicht-Demokrat, verhält sich aber anti-humanistisch und fernab bürgerlich-demokratischen Zusammenlebens. In einem gewalttätigen Zustand müssten deshalb demokratische Normen und Werte durch das handelnde Subjekt selbst veräußert worden sein:

These 3: Wer Gewalthandlungen gegenüber Anderen ausübt, der handelt außerhalb eigener humaner Werte und Normen und Moralvorstellungen.

Berechtigt ist die Frage, ob unter kapitalistischen Bedingungen solch komplexe Fragen durch die Sichtweise auf Moral alleine beantwortet werden können. Auch ob das handelnde Subjekt in seiner Eigenschaft als Demokrat, d.h. in demokratisch verfasster Gesellschaft lebend und möglicherweise mehr oder weniger regelmäßig zur Wahl schreitend, hinreichend erfasst werden kann. Doch diese tiefergehenden Fragen müssen hier ausgespart bleiben und wären Fragen eines eigenen Forschungskomplexes. Die unterschiedlichen Rollenzuschreibungen in bürgerlichen Demokratien, welche Mitbürger in ihrer Funktion als Wähler oder Gewählte, Arbeiter und Angestellte, Arbeitslose oder Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens unterscheidet, könnte jedoch durchaus noch thematisiert werden. Ich verbinde dies mit meinem Interesse daran, ob es für Gewalttäter einen Unterschied darstellt, Gewalt gegenüber Mitbürgern, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens bzw. Inhabern bedeutender gesellschaftlicher Stellungen oder Gewalt gegenüber Sachen auszuüben. Dies dürfte sich im Rahmen der Untersuchung zeigen lassen.

A. Soziologische Erklärungsansätze für Gewalt

1. Gewalt auf der Mikroebene

Soziolstrukturell könne Gewalt als Ergebnis eines Desintegrationsprozesses betrachtet werden. Dieses Theorem gehe auf den Pädagogen Wilhelm Heitmeyer[1] zurück und erweitere das bisherige Konzept relativer Deprivation Ted Gurrs. Gewalt sei demnach die negative Kehrseite eines Individualisierungsprozesses vom autonomen Subjekt hin zur vereinzelten Warenmonade. Sie speise sich also aus materiellen Versagungen durch die Gesellschaft und ihrer Sicherungssysteme. Benachteiligung werde als Diskrepanz „zwischen den Werterwartungen der Menschen und ihren Wertansprüchen, [...] den Gütern und Lebensbedingungen“ empfunden. Im Unterschied zu anderen nähme man eigene Chancen als geringere wahr. Ergebnis sei eine Diskrepanz „zwischen den Realisierungsmöglichkeiten konkurrierender Wertansprüche.“ (Imbusch, 40) Ein Rückzug der Subjekte aus „selbstverständlichen sozialen Zugehörigkeiten“ (Sutterlüty, 6) sei oftmals eine beobachtbare Folge. Diese bringe erhöhte allgemeine Verunsicherung, Frustration und Orientierungslosigkeit mit sich.

Sozialisationstheoretische Betrachtungen legen Gewalthandlungen aufsitzende Interpretationsregimes frei. In einer frühen Lern- und Erfahrungsphase entsprängen sie dem lebensbiografischen Sozialisationsprozess des Subjektes und seien durch primäre oder sekundäre Bezugspersonen viktimisiert erfahren worden.[2] Dem Wesen nach erlägen die Opfer eingangs einem generationsübergreifenden Gewaltkreislauf, der zunehmend „in Projektionen der Gegengewalt um(schlägt).“ (Sutterlüty, 9) Diese sei nicht an den einstigen Ort der Ohnmachtserfahrungen gebunden, sondern von der Wahrnehmung einer allgemein kommunikativen Situation abhängig. Darin gelte Gewalt als eine bevorzugte Interaktionsform unter Anderen. Missinterpretierte Blicke als Auslöser gewalttätiger Erwiderungen genügten deshalb oftmals aus.

Welcher eskalierenden Dynamik Gewaltausbrüche unterlägen, werde durch sozial­situative Ansätze diskutiert. Eskalationsdynamiken entstünden durch das Zusammenwirken von subjektiven Motiven und kollektiven Prozessen. Damit sei der Blick auf Innerlichkeit und Äußerlichkeit frei und ermögliche eine Analyse des Gewaltaktes im laufenden Vollzug (Sutterlüty, 10). Die Banlieu-Unruhen in französischen Vorstädten gälten exemplarisch als ein solches Produkt. Zwischen den Jugendlichen und dem Verhalten von Polizei, Politik und Öffentlichkeit habe es sich aufgebaut und in wochenlangen Straßenschlachten schließlich entladen. „Intrinsische Gewaltmotive“ bildeten eine eigenständige Triebfeder des handelnden Subjektes, seien keineswegs bloße Begleiterscheinungen. Diese Motive gingen aus drei subjektiven Dimensionen der Gewalterfahrung hervor: Triumph physischer Überlegenheit, Genuss an Qual- und Schmerzzufuhr und Überschreitung des Alltäglichen.

[...]


[1] Vgl. hierzu auch „Internationales Handbuch der Gewaltforschung" (Heitmeyer und Hagan 2002).

[2] Als häufigstes Beispiel gilt innerfamiliäre Gewalterfahrung aber auch Übergriffe gegenüber engen und permanenten Vertrauenspersonen sind denkbar, z.B. Lehrkörper.

Details

Seiten
25
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656113898
ISBN (Buch)
9783656113195
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v187742
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft
Note
1,2
Schlagworte
Gewalt Sozial Gesellschaft Soziologie Medienwissenschaft Kulturwissenschaft Kapitalismus Staatsgewalt Strukturelle Gewalt Kommunikation Lustprinzip Schutzfunktion Abwehrfunktion

Autor

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Titel: Soziale Gewalt der Gesellschaft