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Wortschatzsteckbrief Netzsprache

Schwerpunkt: Soziolekt des Chats

Seminararbeit 2010 10 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Einleitung und linguistische Einordnung

Der Computer und das Internet haben unseren Alltag in vielfältiger Weise vereinfacht und verändert. Die linguistische Forschung befasst sich zusehends intensiver mit dem Einfluss der neuen Kommunikationsmittel auf den Wortschatz und Sprachgebrauch seiner Nutzer.
Dabei postulieren einige Autoren die Entwicklung einer spezifischen Sondersprache des Internets, die sie als „Webspeak, Netspeak oder Weblish“ bezeichnen (vgl. CRYSTAL 2001). Andere Arbeiten stellen hingegen heraus, dass es eine homogene Internetvarietät nicht geben kann. Vielmehr bietet das Netz eine Vielzahl von Kommunikationssituationen mit unterschiedlichen technisch- medialen Rahmenbedingungen. Der jeweilige Sprachgebrauch der Nutzer hänge demnach immer von der konkreten Kommunikationssituation ab. Genannt werden im Wesentlichen die folgenden Situationen: E-Mail, Chat, „virtual worlds“ (z.B. virtuelle Welten in online Rollenspielen) und das WWW. Dies führt letztlich zu medial- und kommunikativ optimierten Varianten einer geschriebenen Internetsprache, die sich konzeptionell an der Mündlichkeit orientieren (vgl. Haaase et al. 1997: 58ff). Im Rahmen meiner Arbeit möchte ich nun vorrangig die Sprache der Chatkommunikation untersuchen. Die Sprache in Chats weicht in vielerlei Hinsicht von der Standardsprache ab und ist oft nur für die regelmäßigen Nutzer von Chats auf Anhieb verständlich. Dies soll das folgende Beispiel einer von mir frei erfundenen Gesprächssituation verdeutlichen:

1 <just4fun> tach jenny :)
2 <jenny17> naaaaaaaaabend *wink*
3 <THC> a rose for you @-->---
4 <just4fun> THC, ein richtiger kawalier? bin mal kurz afk. mein browser spinnt.
5 <THC> aba latuernich just4fun :)
6 <N_I_L_S> +kma*, watt geht denn hier ab?! jemand icq?
7 <jenny17> thx THC. hdgdl. reg dich nich auf nils, alles ganz normal hier.
8 <just4fun> re. hab icq. aber nur für freunde.
9 <Jesus> ph342 m9 1337 h4xX02 5k111Zz!!!!!!1111
10 <THC> *grübel* wasn das fürn spinna? allein schon der nickname *würg*
11 <THC> is mir heute zu STRANGE hier. geh off. cu.

Haase et al. (1997: 1) definieren Chatsprache als eine gruppenspezifischen Sondersprache der Internetnutzer. Eine Gruppensprache oder auch Soziolekt umfasst die Gesamtheit der sprachlichen Besonderheiten einer sozialen Gruppe. Dabei muss die Gruppe anders konstituiert sein als allein sprachlich (vgl. GLÜCK 2005: 645) Dies kann z.B. ein gemeinsames Hobby der Sprecher sein oder, wie hier, die gemeinsame Vorliebe für online Plaudereien.

Diachrone / historische Einordnung

Die Entwicklung der Chatsprache ist eng an die technische Entwicklung des Computers und die stetig voranschreitende Verbreitung des Mediums Internet gebunden.

Die erste computervermittelte Nachricht wurde am 29. Oktober 1969 versuchsweise zwischen zwei Großrechnern der University of California und der University of Utah ausgetauscht. Dies gilt als Startschuss des Internets und war der Beginn der Kommunikation via E-Mail. Im Jahr 1975 veröffentlichte Raphael Finkel im Netz das sog. „Jargon File“, ein Wörterbuch der Hacker-Kultur. Als Fachsprachenwörterbuch diente das „Jargon File“ vornehmlich den universitären „Internetvorreitern“ zur präziseren und schnelleren Kommunikation untereinander und grenzte diese Gruppe gleichzeitig von den „Nichteingeweihten“ ab. Es enthielt etliche Verweise zu Rechenanlagen, Programmiersprachen und -erstaunlicher Weise- auch zu Science-Fiction Literatur Das englischsprachige Werk wurde nie ins Deutsche übersetzt, prägte jedoch lange Zeit auch die hiesige Netzkultur (vgl. Wikipedia Artikel zu: Jargon-File).

1988 wurde durch den finnischen Studenten Jarkko Oikarinen an der Universität von Oulu der IRC (Internet Relay Chat) entwickelt. Dieses System ermöglichte erstmals den Austausch von Textnachrichten in Echtzeit. Die Kommunikation erfolgte hierbei -quasi- synchron, ähnlich wie etwa beim Telefonieren oder Funken. Der Sender gibt einen Text ein und dieser erscheint unmittelbar darauf auf dem Bildschirm des Empfängers (vgl. RUNKEHL 1998: 72). Wie wir später sehen werden, war besonders dieser außersprachliche Aspekt der computervermittelten Kommunikation von besonderer Bedeutung und hatte großen Einfluss auf die Entstehung einer spezifischen Chatsprache.

Der Begriff Chat selbst ist ein Anglizismus und kommt vom Verb „to chat“ (engl.: plaudern, schwatzen). In den folgenden Jahren begann dann ein regelrechter Internetboom. Nach dem Branchenverband BITKOM[1] nutzten 2008 bereits 78 % der Deutschen das Internet, wobei Chat- und E-Maildienste am häufigsten verwendet werden.

Auch heute existieren am Markt und im Internet diverse Wörterbücher zur Chat- und Internetsprache. Beispiele finden sich im Literaturverzeichnis.

Sprechergruppe

Die Ursprünge des Chats liegen, wie bereits erläutert, bei den Internetpionieren der Hackerszene der USA. Die Gruppenmitglieder waren vorrangig sehr Computer affine, junge Männern, die über Universitäten Zugriff auf Rechnersysteme- und Netze hatten. In diesem Kontext wurde auch die Figur des „Geek“ (engl. umgangssprachlich für Streber, Stubengelehrter) für Menschen mit starkem Interesse für Computer und das Internet geprägt, deren Verhaltens- und Kommunikationsweisen untereinander für Außenstehende oft unverständlich erschienen (vgl. Definitionen im Jargon-File). Sowohl Hacker als auch Geek sind, meiner Meinung nach, heute in der Alltagssprache eher negativ konnotierte Begriffe und als tatsächliche Nutzergruppe inzwischen zu Randerscheinungen im Massenmedium Internet geworden.

Wie ich bereits gezeigt habe, hat die Zahl der Internetnutzer rapide zugenommen und auch die Möglichkeiten der Teilnahme an Chats sind inzwischen mannigfaltig. Die Sprechergruppe der heutigen Chatsprache ist entsprechend weit zu fassen und die Realisation dieser Varietät mitunter sehr unterschiedlich. Sie reicht vom völligen Verzicht bis hin zur Übertragung des Soziolekts in die reale Alltagskommunikation. Es besteht überdies ein Zusammenhang zwischen Alter und der Nutzungshäufigkeit von Chats, wie die Onlinestudie 2009 von ARD und ZDF[2] zeigt: 96 % der 14 – 29-Jähringen verwenden regelmäßig das Internet, 76 % dieser Nutzer nehmen regelmäßig an Chats teil. Bei den über 60 Jährigen tauschen sich hingegen nur 4 % per Internet-Textnachrichten aus. Beim Geschlechtervergleich der Chatnutzer dominieren die Männer nur noch leicht (10% Differenz).

Meine Schlussfolgerung lautet daher: Der typische Verwender von Chatsprache ist heute unter 30; ist mit den Neuen Medien aufgewachsen („digital native“ vs. „digital immigrant“ à Marc Prensky) und verbringt seine Freizeit gerne mit Internetkommunikation.

Außersprachliche Einflüsse

Die ständige Weiterentwicklung der Computer- und Internettechnik führte zu einer Digitalisierung unseres Alltaglebens und schaffte neue Phänomene und Anwendungen, die notwendigerweise benannt werden mussten. Dies führte zu einer Vielzahl an Neologismen und Wortbildungen. Insbesondere die amerikanische Computerfirma Apple schaffte es mit ihren Namensgebungen bereits mehrfach den Wortschatz zu erweitern. So wird z.B. der Produktname „iPod“ (Begriffbildung nach Apple aus dem Jahre 1998: i für engl. ‘internet’, ‘individual’, ‘instruct’ (instruieren, anleiten), ‘inform’ (informieren) und ‘inspire’ (inspirieren), pod engl. für ‚Hülse‘) inzwischen auch Umgangssprachlich als synonyme Bezeichnung für alle Arten von tragbaren, digitalen Musikabspielgeräten genutzt.

Viele hinzugekommene Bezeichnungen beziehen sich dagegen konkret auf die neue Internetwirklichkeit: Browser, Nickname, Download, etc.

Die Technologie der Chatdienste ermöglichte erstmals eine direkte und simultane Kommunikation per Texteingabe am Computer. Damit war das Medium mit seinen Besonderheiten selbst der Auslöser weiterer Anpassungen der Sprache:

1) Ideogramme (Emoticons) und Inflektive bzw. Inflektivkonstruktionen

Der Begriff „Emotican“ setzt sich aus den englischen Wörtern „Emotion“ (Gefühl) und „Icon“ (Zeichen) zusammen. Emoticans sind konventionalisierte Glyphen, die den Ausdruck von Stimmungslagen und Gefühlszuständen über Sprachgrenzen hinweg ermöglichen (vgl. RUNKEHL 1998: 64). Hier einige Beispiele (Grafik aus ebd.):

[...]


[1] Weitere Zahlen zur Internetnutzung (meist kostenpflichtig): <http://www.bitkom.org>, aufgerufen am 6.7.10

[2] Quelle u. weitere Studienergebnisse: <http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/fileadmin/Online09/Eimeren1_7_09.pdf>, aufgerufen am 5.7.10

Details

Seiten
10
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656112808
ISBN (Buch)
9783656113225
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v187738
Institution / Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig – Institut für Germansitik
Note
1.0
Schlagworte
Websprache Netzsprache Chatsprache

Autor

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