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Wie ist die Rolle Heinrich Bölls in der Terrorismusdebatte der Siebziger Jahre vor dem Hintergrund der Geschichte der Intellektuellen in Deutschland zu bewerten?

Essay 2010 10 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg

Leseprobe

Einleitung

Ich beschäftige mich in diesem Essay mit Heinrich Böll. Er war eine der bekanntesten und Persönlichkeiten im Deutschland der Siebziger Jahre und eine der von der Öffentlichkeit am ambivalentesten gesehene.

Böll trat offen für die Werte ein, die seiner Meinung nach eine funktionierende Demokratie ausmachten. Fraglich ist, ob ihn dies zu einem Intellektuellen macht und wie seine Rolle in der Terrorismusdebatte der Siebzigerjahre vor dem Hintergrund der besonderen Geschichte der Intellektuellen zu bewerten ist.

Zu Beginn wird der Begriff des Intellektuellen historisch hergeleitet und definiert. Im Anschluss wird die Rolle der Intellektuellen in Deutschland näher beleuchtet.

Dann ist wichtig zu erkennen, ob die Demokratisierung in Deutschland bis in die siebziger Jahre, besonders aufgrund der den Staat erschütternden Anschläge der RAF, erfolgreich verlaufen ist oder nicht. Anschließend werden die Kriterien des Sympathisantenvorwurfs nach Fritz Sack dargelegt. Danach wird geklärt, ob Heinrich Böll überhaupt ein Intellektueller war. Zum Abschluss wird die Wirkung Bölls bezüglich der Entwicklung der Intellektuellen in Deutschland geschildert.

Definition Intellektueller

Der Begriff Intellektueller wurde 1898 durch die Affäre Dreyfus in Frankreich geprägt. Der Hauptmann Alfred Dreyfus wurde der Spionage angeklagt und trotz geringer Beweislast verbannt. Emile Zola empörte dieser Prozess so sehr, dass er einen offenen Brief mit dem Titel „J’accuse“ an den Staatspräsidenten Félix Faure verfasste. Im Anschluss an die Intervention Zolas spaltete sich die Öffentlichkeit in „Dreyfusards“ und „Antidreyfusards“. Die Anhänger von Alfred Dreyfus wurden von Georges Clemenceau als „les intellectuels“ bezeichnet[1]. Somit wurde der Begriff Intellektueller durch den offenen Brief Zolas geboren.

Um eine Definition eines Intellektuellen zu erreichen kann man sieben Kriterien heranziehen. Das Erste sind die Wertideen des Intellektuellen. Diese umfassen moralische und ethische Prinzipien, ideelle Interessen oder wertrationale Kriterien.

Zweitens sind die Gegenstände wichtig, die von dem Intellektuellen kritisiert werden. Dies sind etwa das Justizsystem, das Strafrecht bzw. die Strafrechtspraxis oder generell die Sphäre der politischen Macht.

Als drittes muss man Kennzeichen intellektueller Intervention beachten. Der Intellektuelle überschreitet seinen Kompetenzbereich und übt inkompetente Kritik. Außerdem artikuliert er die Meinung einer Minderheit und steht in keiner politischen Verantwortung.

Das vierte Kriterium betrifft Strategien intellektueller Interventionen.

Die „Leistung [der Intellektuellen] besteht darin, die Schwelle vom Einzelfall zum prinzipiellen Fall zu überwinden“[2], indem sie aus dem Fall durch die Gegenüberstellung und Radikalisierung von Wertideen eine Prinzipienfrage machen. Intellektuelle provozieren um Konsens in Dissens zu verwandeln und Debatten zu erreichen. Ebenso stellen sie Öffentlichkeit her bzw. mobilisieren diese als moralische Gegenmacht.

Es gibt fünftens auch verschiedene Medien intellektueller Intervention. Dies sind entweder öffentliche Publikationen wie z.B. Briefe, Memoranden, Flugblätter und Aufrufe oder persönliche Gespräche.

Weiterhin sind als sechstes Kriterium die Voraussetzungen intellektueller Interventionen kategorisiert. Sie umfassen ein symbolisches und soziales Kapitel des Intellektuellen, sein Prestige, seine Ökonomie ebenso wie spezifische Handlungs- und Problemkonstellationen, die bestimmte Wertkonflikte dramatisieren und intellektuelle Interventionen erst ermöglichen.

Das siebte Kriterium ist der Status des Intellektuellen, der seiner sozialen Rolle entspricht und auf die Dauer der Einmischung und die Situation begrenzt ist. Wichtig ist außerdem, dass der Intellektuelle institutionell ungebunden ist.

Die Rolle der Intellektuellen in Deutschland

Deutschland ist traditionell als eher schwierig für Intellektuelle bekannt. Als ersten deutschen Intellektuellen (nach einer weiten Definition) könnte man Heinrich Heine bezeichnen. Nach seinem Selbstverständnis und seiner schriftstellerischen Tätigkeit ist dieses zu vertreten. Der Begriff Intellektueller selbst kam im Anschluss an die Affäre Dreyfus nach Deutschland, allerdings fand hier nur eine Rezeption des „negativ besetzte[n] Rollenstereotyp der Gegner“[3] statt. So verwendeten nicht einmal Intellektuelle selbst wie z.B. Heinrich Mann oder Alfred Döblin diesen Begriff. In der Weimarer Republik wurde er nur als abwertender Begriff für die jeweiligen Gegner verwendet[4]. Heines Arbeit wurde somit eher negativ gesehen, da er in gewissem Sinne intellektuell dachte und handelte. Sein Werk wirkte somit erst nach dem 2. Weltkrieg traditionsbildend, als seine Arbeit positiver erschlossen und bewertet wurde. Für die Rolle des Intellektuellen in der Bundesrepublik sind die Meinungen von Jürgen Habermas und M. Rainer Lepsius wichtig, die ich im Folgenden kurz skizzieren werde.

Jürgen Habermas bezeichnet die Funktion des Intellektuellen als Katalysator demokratischer Willensbildung, der „ohne politischen Auftrag“ handelt. Es gibt nach seiner Definition einige Voraussetzung für mögliche intellektuelle Interventionen. Es sei nötig, dass ein demokratischen Verfassungs- und Rechtsstaat vorhanden ist. Weiterhin müsse eine Öffentlichkeit vorhanden sein und im Staat ein gewisser Wertekonsens herrschen. Eine weitere wichtige Voraussetzung sei eine bereits vorhandene argumentative Auseinandersetzung mit politischen Positionen in Ergänzung zu staatlichen Institutionen. In der Bundesrepublik hat nach Habermas eine Institutionalisierung der Rolle des Intellektuellen stattgefunden.

M. Rainer Lepsius dagegen definiert die Funktion des Intellektuellen nach Joseph Schumpeter. Dieser spricht von der Macht des geschriebenen und gesprochenen Wortes, das der Intellektuelle außerhalb seines Zuständigkeitsbereiches äußert (inkompetente, legitime Kritik). Dieser übernehme keine Handlungsverantwortung, sondern habe seinen „Wert als Störungsfaktor“.

Ein Intellektueller ist nach Lepsius nur ein Intellektueller während er Kritik übt.

Die Voraussetzungen für Interventionen von Intellektuellen sieht er ebenfalls im Wertekonsens, der allerdings einen gewissen Interpretationsspielraum offen halten muss. Weiterhin müsse die Möglichkeit zum Interpretations- und Tabubruch gegeben sein.

M. Rainer Lepsius sieht im Gegensatz zu Habermas die Institutionalisierung der Rolle des Intellektuellen als fehlend an, da dessen Wertstandards keine Verbindlichkeit im öffentlichen Bewusstsein besitzen.

[...]


[1] Vgl. Ingrid Gilcher-Holtey, Menschenrechte oder Vaterland? Die Formierung der Intellektuellen in der Affäre Dreyfus, in: Berliner Journal für Soziologie 7 (1997), S. 61

[2] Ebenda, S. 67

[3] Jürgen Habermas, Heinrich Heine und die Rolle des Intellektuellen in Deutschland, in: Merkur 50/2 (1996), S. 1125

[4] Vgl. Ebenda, S. 1126

Details

Seiten
10
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656112099
ISBN (Buch)
9783656111863
Dateigröße
423 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v187678
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,3
Schlagworte
Terrorismus RAF Rote Armee Fraktion Heinrich Böll Böll Bild Intellektuelle Intellektueller 70er Jahre Lepsius Voltaire

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