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Werden Demenzerkrankte in der Diskussion um Sterbende in der stationären Altenhilfe bevorzugt?

Essay 2012 12 Seiten

Ethik

Leseprobe

Inhaltsangabe

1. Einleitung/ These

2. Aktuelle Situation und Trends

3. Diskussion

4. Fazit

5. Literaturangabe

1. Einleitung/ These

Wir leben in einer alternden Gesellschaft; demographische Alterung ist kein Fremdwort mehr, die Hochrechnungen zur Altersstruktur bis 2050 sind in aller Munde. Industrialisierung, medi­zinischer Fortschritt, die nachhaltige Verbesserung der Lebensqualität für den Großteil der deutschen Bevölkerung und die ständige Reduzierung der Geburtenrate bleiben nicht folgen­los. In der Zukunft erwartet uns eine von Hochaltrigkeit geprägte Gesellschaft. Ein bedeuten­der Anteil alter Menschen wird am Lebensende hilfe- und pflegebedürftig sein[1], die meisten infolge einer Demenz[2].

Vor diesem Hintergrund hat das Thema Demenz in den letzten Jahren zunehmend an Bedeu­tung gewonnen. Aktuellen Schätzungen zufolge sind in Deutschland momentan ca. 1 Mio. Menschen mit ständig steigender Tendenz demenzerkrankt[3] ; von den Bewohnern stationärer Pflegeeinrichtungen sind nahezu 50% betroffen1. Gesundheits- und Pflegewissenschaftler sind sich einig, dass die Arbeit mit demenzerkrankten Menschen „eine der anspruchsvollsten Aufgaben [ist], die diese Gesellschaft zu vergeben hat“[4]. Der gesellschaftspolitisch bedeu­tende Handlungsbedarf zum Thema Demenz lässt sich durch die Vielfalt an Forschungsvor­haben und Modellprojekten abbilden, welche durch die Bundesregierung gefördert werden[5]. Ebenso wird das Thema Demenz in der Presse aufgegriffen und hier als ungelöste gesell­schaftspolitische Herausforderung aufbereitet[6]. Selbst in der Belletristik wird es aufgerollt. Hier sei beispielhaft die Publikation Small World von Martin Suter benannt, die erstmals 1997 auf dem deutschen Markt erschien und 2010 in internationaler Starbesetzung verfilmt wurde. Martin Suter führt mit dem Satz „Als Konrad Lang [Mitte Sechzig] zurückkam, stand alles in Flammen, außer dem Holz im Kamin“[7], ein und setzt so die demenzerkrankte Hauptfigur in den Mittelpunkt einer herausragenden und, in der Beschreibung des Handelns und Erlebens Demenzkranker, realitätsorientierten Erzählung.

In der pflege- und gesundheitswissenschaftlichen Diskussion gehört Demenz mittlerweile zum „guten Ton“. In Fachzeitschriften, bei Fort- und Weiterbildungen und auf Kongressen werden Demenzerkrankte als besondere Gruppe pflegebedürftiger Klientel thematisiert. Der spezi­fische Handlungsbedarf und die individuellen Bedürfnisse Demenzerkrankter, verbunden mit der Schwierigkeit im Leben und im Sterben die Wünsche des Einzelnen zu erkennen und adäquat auf diese einzugehen, werden betont. In der beruflichen Praxis wird die Arbeit mit Demenzkranken als besonders herausfordernd empfunden. Sie erfordert ein hohes Maß an Empathie und Einfühlungsvermögen und verlangt den Akteuren ab, in die Welt eines Fremden einzutauchen, der zunehmend weniger in der Lage ist, sich klar zu äußern.

Vor diesem Problemhintergrund hat sich folgerichtig eine eigene Dynamik um die Versor­gungssituation Demenzerkrankter vollzogen. Unvermeidlich findet in der Diskussion um Demente eine Spezialisierung auf die letzte Lebensphase statt. Der Tod ist bekanntermaßen das absolute Ende eines jeden Lebens und fester Bestandteil der Altenarbeit. Die ständige Verkürzung der Liegezeiten und der gleichzeitige Anstieg Demenzerkrankter in stationären Langzeitpflegeeinrichtungen machen eine differenzierte Betrachtung dieser Prozesse notwen­dig. Gleichzeitig birgt eine solche Fokussierung die Gefahr, dass die Diskussion um institutio­nalisiertes Sterben an allen Nicht-Dementen vorbeigleitet. Wird die Zukunft dergestalt aus­sehen, dass sich zukünftig Heerscharen professionell Pflegender rührend um sterbende De­menten kümmern, während im Nachbarzimmer ein geistig rüstiger 100-Jähriger einsam ver­stirbt, weil niemand mehr weiß, wie man einen Sterbenden begleiten soll, der noch ganze Sätze spricht und nicht schon beim Rausgehen vergessen hat, wer gerade da war?

Die hier vorliegende Arbeit greift die Frage auf, ob die Prominenz der Demenz zu einer Be­vorzugung der Demenzerkrankten (gegenüber allen alten und hochaltrigen Nicht-Demenzer­krankten) in der aktuellen Diskussion um Sterbende in stationären Pflegeeinrichtungen führt.

In der hier vorliegenden Arbeit erlaube ich mir methodisch, meine Argumentation ebenso stark an meiner beruflichen Bildung und meinen beruflichen Kontext wie an den aktuellen ge­sundheits- und pflegewissenschaftlichen Diskussionen zu orientieren.

2. Aktuelle Situation und Trends

Eine der derzeit im deutschsprachigen Raum bekannteste Bemühung um eine Verbesserung der Situation hochbetagter Sterbender in Pflegeeinrichtungen geht auf die Experten der Uni­versität Klagenfurt, Abteilung Palliative Care und Organisationsethik zurück. Diese widmen sich seit Jahren „In Forschung, Beratung, Lehre und Studienprogrammen (…) vor allem der Frage [danach], wie die Versorgung von alten, chronisch kranken, demenziell veränderten, schwerkranken und sterbenden Menschen in modernen Industriegesellschaften unter Partizipation der Betroffenen weiterentwickelt werden kann“[8]. Regional hat sich in Berlin das Unionhilfswerk mit seinem 2004 gegründeten Kompetenzzentrum Palliative Geriatrie (KPG) einen Namen gemacht. Aktuell werden dort unter der Leitung von Dirk Müller Schulungen und Arbeitskreise angeboten, mittels derer die nachhaltige Implementierung einer palliativen Kultur in Einrichtungen der stationären Altenhilfe gelingen soll[9]. Außerdem wird seit neu­estem der Interdisziplinäre Universitätslehrgang „Alte Menschen und Sorgekultur – Palliative und Dementia Care“ durch die Universität Klagenfurt und in Kooperation mit dem oben benannten KPG des Unionhilfswerks Berlin angeboten[10]. „In besonderer Weise werden hier die Bedürfnisse älterer und demenziell veränderter Menschen am Lebensende in den Mittelpunkt gestellt und Grundlagen einer interprofessionellen Palliativversorgung im Alter gelehrt“9. Es wird deutlich, dass alte und demenzerkrankte Menschen gleichermaßen im Fokus der Diskussion stehen. Alter und Demenz stehen so gesehen neben einander als zwei Phänomene, die durchaus unterschiedlicher Kenntnisse bedürfen. Wer alt ist, muss nicht demenzerkrankt sein, aber, Demenz ist eine Erkrankung, die mit zunehmendem Alter gehäuft auftritt. „Vor allem für die noch unheilbar verlaufende Alzheimer Demenz stellt Alter den wichtigsten Risikofaktor dar.“[11] In einer alternden Gesellschaft haben wir zunehmend mit Pflege- und Hilfebedürftigen zu tun, von denen ein Großteil dement ist, die meisten werden im fortgeschrittenen Stadium ihrer Erkrankung in einer stationären Pflegeeinrichtung leben[12] und dort sterben. Demenz, die zu den häufigsten und folgenreichsten psychischen Störungen im Alter gehört[13], ist eine Erkrankung, über deren Ursachen und Verlauf wir zwar mittler­weile viel wissen, die aber nach wie vor nicht heilbar ist. Das stete Fortschreiten der Erkran­kung stellt die Pflegenden vor die Schwierigkeit, die individuellen Wünsche und Bedürfnisse zu erkennen und auf diese einzugehen. Im Sterben wird dieses Problem zu einer besonderen Herausforderung.

Um zu verstehen, warum stationäre Pflegeeinrichtungen aktuell eine wichtige Rolle bei der Versorgung Demenzerkrankter einnehmen, bedarf es eines kleinen Exkurses: die Altersstruk­tur unserer Gesellschaft hat sich nachhaltig verändert und dazu geführt, dass „(…) [wir uns] zunehmend mit der Problematik dementieller Erkrankungen konfrontiert [sehen].“[14] Gleichzeitig hat sich durch den Wegfall der Familienpflegepotentiale[15] generell ein spezi­fischer Bedarf entwickelt, die professionelle Versorgung in stationären Pflegeeinrichtungen ist zum Kernstück pflegerischer Interventionen am Lebensende geworden[16]. „(…) Heime [bieten] vor allem für spezielle Gruppen von Älteren mit schwerwiegenden Einbußen, proto­typisch Ältere mit demenziellen Erkrankungen, grundsätzlich ein sehr bedeutsames Pflege- und Therapiepotenzial (…).“[17] Heute ziehen Menschen hochaltrig und in einem späten Stadium ihrer Erkrankung in eine Einrichtung[18], sie soll ihr letztes Zu Hause sein und wenn sie nicht bedauerlicherweise in der Anonymität eines Krankenhauses versterben, dann dort. „Einrichtungen der stationären Altenhilfe waren schon immer Orte des Lebens und des Sterbens. Sie vereinen das Bemühen, den Bewohnerinnen und Bewohnern einen lebens­werten, kreativen und geborgenen Lebensabend zu ermöglichen, mit der Sorge um schwer­kranke, stark pflegebedürftige oder an Demenz erkrankte Menschen.“[19]. Dass alte Menschen in Institutionen sterben, ist nicht neu, sehr wohl aber die veränderte Klientel: Pflegebedürf­tige, die in einem fortgeschrittenen Stadium ihrer Erkrankung in die Einrichtung kommen und innerhalb kürzester Zeit dort versterben, gepaart mit einer Schwemme an Demenzerkrankten. Beide Probleme als Schwerpunkte der institutionalisierten Pflege zu thematisieren, ist logisch und folgerichtig, führt aber zu einer Bevorzugung der Demenzerkrankten. Wer die berufliche Praxis kennt wird wissen, dass stationäre Pflegeeinrichtungen beinahe über Nacht von diesem besonderen Bedarf überrascht wurden und dem aus verschiedenen Gründen oft noch nicht gerecht werden. Dass aktuell mindestens 50% der Bewohner stationärer Pflegeeinrichtungen demenzerkrankt sind[20], andere Schätzungen gehen von bis zu 80% aus[21], sich also das Ver­hältnis zwischen geistig rüstigen und dementen Bewohnern umgekehrt hat, macht die Dementenbetreuung zu einem der wichtigsten Themen in der stationären Altenhilfe[22]. Es ist nachvollziehbar, dass sich in den vergangenen Jahren zunehmend Forschungspotentiale sowie ein erheblicher Spezialisierungs- und Professionalisierungsbedarf über Demenz und folge­richtig über Begleitung am Lebensende für die stationäre Altenhilfe entwickelt haben. In der Fachsprache werden Begriffe wie Palliative Care und Dementia Care verwandt.

[...]


[1] „(…) [Es ist] festzustellen, dass die Wahrscheinlichkeit für Gesundheitsprobleme – wie etwa Multimorbidität, Pflegebedürftigkeit und Demenz jenseits des 80. bis 85. Lebensjahrs deutlich ansteigt.“ Tesch-Römer, C./ Wurm, S. 2008, S. 10

[2] „Die Zahl der Menschen, die an einer Demenz erkranken, nimmt zu. Bis zum Jahr 2030 wird ein Anstieg der Patientenzahl um rund 60% erwartet.“ (Hennig et al. 2006, S. 13)

[3] BMFSFJ (Hrsg.) 2006, S. 4

[4] vgl. Müller-Hergl, Ch. 2001, S. 83

[5] vgl. BMFSFJ 2006, S. 151

[6] vgl. exemplarisch Günther Jauch, Sendung vom 20.11.2011 „Schicksal Alzheimer“

[7] ebd., S. 5

[8] vgl. http://www.uni-klu.ac.at/pallorg/inhalt/1.htm, [20.11.2011]

[9] vgl. http://www.palliative-geriatrie.de/

[10] vgl. http://www.palliative-geriatrie.de/fileadmin/downloads/KPG_Bildung/ULG_Palliative_und_DementiaCare_2011.pdf, [20.11.2011]

[11] Bergmann, C., in: BMFSFJ (Hrsg.) 2001, S. 5

[12] „Schätzungen zufolge treten im Verlauf einer Demenzerkrankung bis zu 80% der Betroffenen in eine stationäre Pflegeeinrichtung ein.“ Weyerer & Bickel 2007, zit. nach Schäufele et al. 2007, S. 169

[13] Schäufele et al., in: BMFSFJ (Hrsg.) 2007, S. 169

[14] Bergmann, C., in: BMFSFJ (Hrsg.) 2001, S. 5

[15] Exemplarisch: Deutscher Bundestag (Hrsg.) 2002, S. 166

[16] Exemplarisch: Deutscher Bundestag (Hrsg.) 2002, S. 162f/ BMFSFJ (Hrsg.) 2005, S. 248

[17] BMFSFJ (Hrsg. 2007), S. 24

[18] Exemplarisch Schneekloth, U./ Thörne, v. I., in: BMFSFJ (Hrsg.) 2007, S. 161

[19] BAG Hospiz (Hrsg.) 2006, S. 1

[20] Schneekloth, U./ Thörne, v. I., in: BMFSFJ (Hrsg.) 2007, S. 161

[21] Weyerer & Bickel 2007, zit. nach Schäufele et al., in: BMFSFJ (Hrsg.) 2007, S. 169

[22] Radzey, B./ Heeg, S., in: BMFSFJ (Hrsg.) 2001, S. 19

Details

Seiten
12
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656110736
ISBN (Buch)
9783656110866
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v187632
Institution / Hochschule
Alice-Salomon Hochschule Berlin
Note
1,3
Schlagworte
werden demenzerkrankte diskussion sterbende altenhilfe

Autor

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