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Las mujeres ausentes - Die abwesenden Frauen

Eine Teilnehmende Beobachtung im Berufsfeld Guía de Turistas in Guatemala

Bachelorarbeit 2011 57 Seiten

Kulturwissenschaften - Karibik

Leseprobe

Inhalt

1 EINLEITUNG

2 PERSÖNLICHER ZUGANG UND EINFÜHRUNG IN DAS THEMA
2.1 Tourismusforschung in der Kultur und Sozialanthropologie
2.2 Gender und Tourismus
2.3 Persönlicher Zugang und Fragestellung

3 FORSCHUNGSFELD-
3.1 Der Tourismussektor Guatemalas
3.1.1 Guatemala – Corazón del Mundo Maya Entwicklung des Tourismussektors in Guatemala
3.1.2 Gegenwärtige Situation des Tourismus in Guatemala
3.1.3 Die Beschäftigungssituation im Tourismussektor Guatemalas
3.2 Das Berufsfeld Guía de Turistas
3.2.1 Guía de Turistas – Die Formation des Berufsfeldes
3.2.2 Das Berufsfeld im Vergleich – Auseinandersetzung mit den österreichischen Konzepten „ReiseleiterIn“ und „FremdenführerIn“
3.2.3 Guía de Touristas – RepräsentantIn des Landes und InformantIn der Touristen?
3.3 Der Petén als touristisches Ziel

4 FELDFORSCHUNG
4.1 Methodische Grundlagen der Teilnehmende Beobachtung
4.2 Begründung der Methodenwahl
4.3 Forschungsablauf
4.3.1 Vorbereitungsphase
4.3.2 Datenerhebung
4.3.3 Datenaufbereitung und Datenanalyse
4.4 Forschungspraktische Probleme

5 EMPIRISCHE DATENAUSWERTUNG
5.1 Allgemeiner Einstieg
5.2 Beantwortung meiner leitenden Forschungsfrage
5.3 Zusammenführung der empirisch erhobenen Daten und der Theorie

6 CONCLUSIO

BIBLIOGRAFIE

Wir lernen, etwas zu tun, indem wir es tun. Es gibt keine andere Möglichkeit.

John Holt, Pädagoge

1. Einleitung

Seit seiner „Geburt“ - zu Beginn der Olympischen Spiele - hat der Tourismus bereits eine lange Geschichte und Entwicklung hinter sich. Heute ist er einer der bedeutendsten Sektoren für die Ökonomie weltweit; so auch für Guatemala. Die Auswirkungen zeigen sich im Positiven sowie im Negativen. Durch den Tourismus werden Länder zu Produkte und Menschen zu Akteuren in für Touristen konzipierten Schauspielen. Man suggeriert Authentizität und bedient sich dabei bereits existierender Mythen. „Vor der Reiseerfahrung steht die Fiktion“ hält Christoph Henning (1997: 95) in seinem Werk „Reiselust. Touristen, Tourismus und Urlaubskultur„ fest Während der Reise wird ihr oftmals der Lebensatem eingehaucht. Eine große Rolle, vor allem in geführten Reisen und Touren, spielen dabei die ReiseleiterInnen, die Tourguids bzw. die FremdenführerInnen - im Spanischen:

Los Guías de Turistas.

Mein Interesse, sowie die Inspiration zu dieser Thematik „Las mujeres ausentes - Eine Teilnehmende Beobachtung im Berufsfeld der Guías de Turistas in Guatemala“, resultiert aus meinem Auslandsaufenthalt in Guatemala von Mitte Juni 2009 bis Anfang Juni 2010. Die Aufzeichnungen zu meiner Feldforschung, welche ich in Form einer teilnehmenden Beobachtung ab November 2009 bis März 2010 im Petén als Assistentin guatemaltekischer Guías de Turistas, sowie in einer Reiseagentur arbeitend führte, liegen dieser Arbeit als Informationsquelle zugrunde.

Mein Ziel ist es, anhand der Erörterung der Rolle und Bedeutung der Guías de Turistas für Touristen in Guatemala und im speziellen im Petén, sowie anhand meiner in diesem Feld ermittelten Daten, die Gründe der geringen Beteiligung und im Weiteren der Abwesenheit der Frauen in diesem Berufsfeld sowie dessen Auswirkung hinsichtlich der (Re-) Präsentation der Frauen Guatemalas darzustellen.

In Kapitel 2 - und als allgemeinen Einstieg in meine Arbeit - werde ich zu Beginn einen Überblick über die Tourismusforschung der Kultur- und Sozialanthropologie geben und den aktuellen Stand erörtern. Danach gebe ich Einblick in die Bedeutung von und Arbeiten zu Gender und Tourismus. Anschlieβend erläutere ich meinen persönliche Zuganag zu der Thematik sowie zu meiner leitenden Forschungsfrage:

Wodurch ist der geringe Anteil an Frauen im Berufsfeld der Guía de Turistas in Guatemala - speziell im Petén bedingt, und welche Auswirkungen hat diese Tatsache für sie?

In Kapitel 3 widme ich mich den Skizzierung meines Forschungsfeldes. Ich geben dabei zunächst einen Einblick in den Tourismussektor Guatemalas, in seine Geschichte, Entwicklung und aktuelle Situation, sowie in die nationale Dachorganisation des Tourismus INGUAT. Abschlieβend gehe ich auf die Arbeitsplatzsituation und im speziellen auf die Frage nach der Situation der in diesem Sektor arbeitenden Frauen ein.

Im zweiten Unterkapitel werde ich den Beruf Guía de Turistas anhand seiner Aufgaben und Grenzen definieren und ihn den deutschen Übersetzungen „Fremdenführer“ und „Reiseleiter“ gegenüberstellen. Anhand einer Beschreibung des Ausbildungsweges gebe ich Einblick in die Rolle und Verantwortung des Berufsfeldes im Tourismus, um abschlieβend die Relevanz dieses Berufsfeldes im Tourismus aufzuzeigen. Im dritten Unterkapitel stelle ich dann das Departamento Petén, in dem ich als Forscherin stationiert war, als touristisch beworbenes Ziel durch INGUAT dar,

In Kapitel 4 widme ich mich meiner Feldforschung. Zu Beginn lege ich die methodischen Grundlagen der qualitativen Sozialforschung dar, speziell der teilnehmenden Beobachtung, um im Weiteren die Methodenwahl zu begründen. Danach gehe ich auf den Forschungsablauf ein und schlieβe mit der Darstellung forschungspraktischer Probleme.

In Kapitel 5, werden die Ergebnisse der teilnehmenden Beobachtung diskutiert, bevor ich dann im letzten Kapitel die wesentlichen Erkenntnisse meiner Bachelorarbeit nochmals gezielt auf den Punkt bringe.

2 Einführung in das Thema und persönlicher Zugang

Tourismus hat seit seinen Anfängen während der Olympischen Spiele im Griechenland der Antike bis heute bereits eine lange Entwicklung durchlebt, und ist heute ein weltweites Phänomen. (vgl. Swaddling 2002: 7)

Unterschiedliche Aspekte und Ziele werden von darin agierenden Akteuren, Organisationen oder der Politik verschieden verfolgt oder gesucht. Auf Grund der groβen Variation von Motivation, Bedürfnisse und touristischer Verhaltensweisen haben sich eine Vielzahl von Reisearten und deren Typologien gebildet. (vgl. Freyer 2006: 2; Frietzsche 2011: 1)

Für die Wissenschaft erscheint der Tourismus als multidiszilinäres Feld, in dem vor allem Ökonomie, Spoziologie, Geografie, Psychologie sowie unsere Disziplin heute stark vertreten sind. (vgl. Burns 1999: 71)

In diesem Kapitel werde ich zu Beginn einen Überblick geben über die Tourismusforschung in der Kultur- und Sozialanthropologie. Danach widme ich mich der Thematik Gender und Tourismus anhand bedeutender Literatur, die sich an den 1990er Jahren finden lässt. Im dritten Unterkapitel werde ich mein Interesse an meiner Feldforschung im Tourismussektor Guatemalas, speziell im Departamento Petén in Zusammenarbeit mit lokalen Guías de Turistas erläutern, und meine Forschungsfrage präsentieren.

2.1 Tourismusforschung in der Kultur und Sozialanthropologie

Da die Kultur- und Sozialanthropologie eine Disziplin ist, die in Reisen wurzelt und als Praxis sowie als Forschungsgegenstand in selbstreflexiver Hinsicht betrieben wird, entwickelte sich die Tourismusforschung zu einem bedeutenden Interessensgebiet.

(vgl. Hauser-Schäublin 2005: 378)

Thurner hält dafür auch den gemeinsamen Schwerpunkt, den Fokus auf die Differenz der Kultur- und Sozialanthropologie (speziell zu Beginn) und des Tourismus für verantwortlich:

„Es sind jene Kulturen am interessantesten, die sich von der eigenen am meisten unterscheiden. Seit ihren Anfängen hat die Ethnologie kultutrelle Andersheit betont, beschäftigte sich mit Kopfjagd, Kannibalismus, Mutterrecht, Polygynie, und Polyandrie, mit Riten, Festen und Tänzen. Die gleichen Themen unterliegen touristischer Repräsentation, (...).“ (Thurner 2009:158f)

Doch obwohl die Kultur- und Sozialanthropologie viele Berührungspunkte mit dem Tourismus hat, begann die Forschung dazu erst in den 1970er Jahren Fuβ zu fassen. Als eine der ersten anerkannten Publikation gilt „Hosts & Guests. The Anthropology of Tourism“ von Valene Smith im Jahr 1977. Sie gibt Ein weiterer wichtiger Beitrag zu Beginn der Tourismusforschung unseres Faches ist das Werk „Tourism. Passport to Developement“ von Emanuel de Kadt aus dem Jahr 1979. Heute ist besonders auch Jafar Jafari in der Riege der Wegbereiter zu nennen. (vgl. Thurner 2008)

Häufig wurden zwischen Touristen und Kolonialisten Parallelen gesehen und so dem Tourismus ein grundsätzlich negatives Image zugeschrieben. In den 1980er Jahren begann man diese verhärtete Sichtweise zu revidieren. (vgl. Nash 1996: 76)

Ethnologische Fragestellungen ab Beginn hatten vor allem die Erforschung der Auswirkungen des Tourismus auf die bereisten auβereuropäischen Kulturen zum Thema. Im Unterschied zu anderen Forschungsrichtungen hat sich die Kultur- und Sozialanthropologie speziell den Mikroebenen des Tourismus zugewandt. Hauser-Schäublin hält dabei folgende Interessensschwerunkte und Thematiken fest:

“(...) inwiefern die lokale Bevölkerung (und wer!) an den Profiten des Tourismus teilhat, inwieweit Tourismus direkt oder indirekt zur Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse beiträgt (Entwicklungsgedanke), welche verschiedenen Tourismusformen die lokale Bevölkerung wie berühren, ob Reisen dazu beiträgt, interkulturelle Kommunitkation und Verständigung zu fördern und Vorurteile abzubauen, wie die „Bereisten“ die Reisenden sehen, und was der Tourismus für sie bedeutet.“(Hauser-Schäublin 2005: 379)

Zusammengefasst kann gesagt werden, dass die Kultur- und Sozialanthropologie durch ihre Wurzeln – die Reisen in die Fremde – und den Fokus auf die Differenz bereits viele Berührungspunkte mit dem multidisziplinären Feld des Tourismus hat. Obwohl die Tourismusforschung des Faches per se noch relativ jung ist, bildeten sich bereits verschiedene Zugänge, die sich jeweils auf kleinere Ausschnitte, auf Mikroebenen konzentrieren.

2.2 Gender und Tourismus

Bedeutende Arbeiten zur Thematik Gender und Tourismus finden sich ab den 1990er Jahren. Hier ist Vivian Kinnairds und Derek Halls Wegbereiter “Tourism. A Gender Analysis”, aus dem Jahr 1994 zu nennen, sowie Thea M. Sinclairs Publikation „Gender, Work and Tourism“, die im Jahr 1997 erschien.

Das Werk Kinnairds und Halls setzt sich als eines der ersten intensiv mit der Tatsache des nachaltigen Wachstums in der Tourismusbranche und dessen Auswirkung in Bezug auf die Gender-Dimension. Frauen als Touristinnen sowie als in dieser Branche Tätig sind der Fokus der Arbeit, in welcher zunächst der globale Kontext von Gender in der Tourismusentwicklung betrachtet wird. Anhand von Fallstudien behandelt dieses Werk die Auswirkung des steigenden Sextourismus im asiatischen Raum sowie des zunehmenden Tourismus auf Frauen in traditionellen Gesellschaften.

In der Publikation Sinclairs steht die zentrale Rolle von Frauen in der Tourismusbranche im Mittelpunkt des Interesses. Der Schwerpunkt ligt dabei auf der Betrachtung ihres Arbeitsfeldes sowie des Spannungsfeldes, welches durch die Einstellungen und Verhaltensweisen von Touristen hinsichtlich Glaubensvorstellungen und Verhaltensweisen der lokalen weiblichen Bevölkerung erzeugt wird. Auch der Zusammenhang zwischen Männerarbeit und Frauenarbeit und der Aufteilung sozialer und politischer Macht, sowie Sextourismus und die Ausbeutung von Frauen speziell im asiatischen Raum gehören zu den diskutierten Bereichen.

Annette Pritchard leistete im Jahr 2007 einen wichtigen Beitrag mit ihrem Werk:„Tourism and Gender. Embodiement, Sensuality and Experience“, und kritisiert dabei Tourismus als Feld, in dem westlich und männlich geprägte Ansätze nach wie vor dominieren

Unter der Präambel des Tourismus als zweischneidges Schwert hinsichtlich der Genderthematik, welcher zu „Empowerment“ sowie zu Verstärkung ausbeuterischer Gender-Realitäten und Praktiken beitragen kann, liegt der Fokus der Auseinandersetzung dieser Sammlung von Studien auf der Bedeutung von Körper und Verkörperung - oder „Embodiement“ - im Tourismus. Behandelt werden dabei die Fragen inwiefern Diskurse der Begierde, Sinnlichkeit und Sexualität das touristische Erlebnis durchziehen, sowie nach der Bedeutung des Körper in der Repräsentation von Weiblichkeit, Männlichkeit und Sinnlichkeit. Auch die Thematik der Homosexualität in Bezug auf Reiseerfahrungen wird im Zuge der Arbeit beleuchtet sowie inwiefern Reisen und Tourismus „Empowerment“ und Widerstand ermöglichen.

Diese drei Hauptwerke thematisieren umfassende Aspekte der Auswirkungen des Tourismus auf die Gender Problematik.

Neben der Veränderung der Gender-Beziehungen durch den raschen und nachhaltig steigenden Tourismus, ist die zentrale Rolle der Frauen im Tourismussektor, ihre Beschäftigung und Ausgrenzung aus Teilbereichen, Thema der Forschung. Vor allem Erfahrungen und das Erleben des Tourismus als Reisende(r) oder als in diesem Sektor Arbeitende(r) spielen eine zentrale Rolle. Die Genderforschung innerhalb des Tourismus zeigt sich als zentral für die Dokumentation und Analyse von sich verändernden Genderkonstruktionen, ihren wechselseitigen Einfluss auf Grund der Globalisation und durch ihre Ausprägungen in den Akteuren der Tourimusindustrie und deren Ambiente am Arbeitsplatz.

Hinsichtlich meiner Arbeit spielt vor allem der in „Gender, Work and Tourism“ von Thea M. Sinclairs Publikation behandelter Aspekt der Betrachtung des Arbeitsfeldes in der Tourismusbranche sowie des Zusammenhangs zwischen Männerarbeit und Frauenarbeit und der Aufteilung sozialer und politischer Macht eine bedeutende Rolle.

Eine Auseinandersetzung in dem das Berufsfeld der ReiseleiterInnen/Tourguids/Fremdenführer bzw. Guía de Turistas im Mittelpunkt steht lässt sich bis Dato nicht finden.

Im folgenden Unterkapitel werde ich nun auf meinen persönlichen Zugang hinsichtlich des Themas und meines Forschungsfeldes sowie auf die Generierung meiner leitenden Forschungsfrage eingehen.

2.3 Persönlicher Zugang und Fragestellung

Im Jahr 2005 kam ich durch Zufall das erste Mal nach Guatemala. Im Rahmen einer ethnobotanischen Forschungsexkursion war ich fünf Wochen lang in San José, einem kleinen Dorf im Petén, stationiert. Während dieser Zeit hatte ich, neben den Besuchen der archäologischen Mayastätten Tikal, Yaxha und Motul auch zum ersten Mal die Möglichkeit eine mehrtägige, von Guía Don Adonis geleitete Tour durch den Regenwald zur kaum touristisch erschlossenen Mayastätte El Zotz zu machen. Ich sprach kaum ein Wort spanisch, dennoch verständigten wir uns. Unser rund 60km langer Marsch durch die beeindruckende Natur war gefüllt von anschaulichen Lektionen über die Tier- und Pflanzenwelt, Legenden, Mythen und Geschichten. In diesen drei Tagen lernte ich wieder sehen. Als ich nach Österreich zurückkehrte, begann ich Spanisch und Kultur- und Sozialanthropologie zu studieren.

Von meiner Sehnsucht getrieben kehrte ich im Jahr 2007 für zehn Wochen in dieses für mich magische Land zurück. 2008 fand ich mich wieder in Guatemala, dieses mal für sieben Wochen.

Jede meiner Reisen führte mich zu einem Zeitpunkt wieder in den Petén, wo ich gef¨ührte Touren zu den verschiedensten, teilweise schon zuvor besuchten, tourstisch gut erschlossenen sowie im Regenwald versteckten, abgelegenen archäologische Mayastätten unternahm. Im Laufe dessen wurden mir zwei Tatsachen klar:

1. Auf geführten Reisen und Touren, haben ReiseleiterInnen, Tourguids bzw. FremdenführerInnen - im Spanischen Guías de Turistas – eine zentrale Bedeutung für die Repräsentation des Landes, seiner Geschichte(n) und seiner Menschen.
2. Alle bisherigen Guías auf den geführten Touren waren Männer.

Im Juni 2009 beschloss ich für sieben Monate auf eine Rundreise ab Guatemala durch Zentralamerika, Kolumbien, Ecuador bis einschlieβlich nach Peru, von wo aus mein Rückflug nach Österreich gebucht war, zu gehen. Anfang August unterrichtete ich jedoch bereits meine Familie über meinen Beschluss für ungewisse Zeit in Guatemala zu bleiben.

Ich wollte als Assistentin von lokalen Guías auf Touren durch den Regenwald im Petén arbeiten. Ab November hatte ich bereits eine Unterkunft bei einer Freundin in Flores und begann meine bisherigen Kontakte in der Tourismusbranche des Petén auszuweiten und jene zu den lokalen Guías zu vertiefen. Mitte November arbeitete ich bereits mit in der Asociación de Trabajadores Peteneros de Turismo, einer kurz zuvor geschlossenen Vereinigung von Arbeitnehmern und –gebern im Tourimussektor des Petén.

Auf all meinen Reisen führte ich stets Tagebücher, in die ich fast täglich ein bis zweimal Einträge schrieb. Diese Tagebücher führte ich immer mit mir, sie waren mir eine Hilfe mich zurecht zu finden, ich hatte neben meinen Erlebnissen und Gedanken Telefonnummern, Adressen, Namen, Orte, Reiseagenturen und Preise notiert, Tickets und Zeitungartikelausschnitte aufgeklebt.

So stieβ ich eines Abends, beim Durchblättern meiner Aufzeichnugen auf meine oben genannten Erkenntnisse, worauf folgend sich mir jene Frage stellte, die im Arbeitsprozess zu meiner leitenden Forschungsfrage wurde:

„Wodurch ist der geringe Anteil an Frauen im Berufsfeld Guía de Turistas in Guatemala - speziell im Petén - bedingt, und welche Auswirkungen hat diese Tatsache für sie?“

Ziel dieses Kapitels war es einen Einblick in die Tourismusforschung der Kultur- und Sozialanthropologie zu geben, mit dem Schwerpunkt der Genderthematik in diesem Feld. Dabei habe ich versucht die zentralen die behandelten Thematiken herauszugreifen. was sich gezeigt hat ist, dass in der Tourismusforschung bisher dem Berufsfeld der ReiseleiterInnen, der Tourguids bzw. der FremdenführerInnen – auf Spanisch Guía de Turistas kein Raum in der Debatte gelassen wurde. Wenngleich der Tourismus als Arbeitsbranche bereits auf vielfältige Weise in die Diskussion eingegliedert wurde, scheint ironischerweise diesem meiner Meinung nach zentralem Berufeld der Guía de Turistas kaum Bedeutung zugeschrieben zu werden, obwohl in seiner Position der Möglichkeit der (Re-)Präsentation die Macht Realitäten zu gestalten liegt.

Im letzten Unterkapitel habe ich schlieβlich versucht meinen Zugang zu der Thematik und zu meiner Fragestellung darzulegen, um im nun folgenden Kapitel mein Forschungsfeld zu skizzieren.

3 FORSCHUNGSFELD

In diesem Kapitel widme ich mich der Vorstellung und Einführung in mein Forschungsfeld. Dabei werde ich zu Beginn auf den Tourismussektors Guatemalas eingehen und im Rahmen dessen auf seine Entwicklung, sowie auf die Position und Verantwortung der nationalen Dachorganisation INGUAT. Ebenso werde ich Einblick geben in die aktuelle Situation des Tourismus des Landes und speziell in die Beschäftigungssituation, allgemein und in Bezug auf Frauen in diesem Sektor.

Im zweiten Unterkapitel stelle ich das Berufsfeld Guía deTuristas in Guatemala vor. Dazu skizziere ich zu Beginn die Aufgaben und den Ausbildungsweg. Danach stelle ich diesem Berufsfeld die deutschen Begriffe und Übersetzungen „ReiseleiterIn“ und „FremdenführerIn“ gegenüber. Abschlieβend versuche ich dann die Position der Guías de Turistas als Repräsentanten des Landes und als Informanten der Touristen zu erörtern.

Im abschlieβenden Unterkapitel werde ich dann den Petén als touristisches Ziel vorstellen, anhand der Vermarktung durch das Land und speziell durch INGUAT sowie als Arbeitsfeld der Guías de Turistas.

3.1 Der Tourismussektor Guatemalas

Guatemala ist ein Land beeindruckender Geschichte, Kultur und kolonialen Erbes; aber auch durch seine geografische Formation und Lage und mit seiner vielfältigen Fauna und Flora zählt es zu einem der beliebtesten Reisezielen Lateinamerikas und weltweit.

In dem nun Folgenden werde ich die Geschichte und Entwicklung des Tourismussektor Guatemalas bis heute darstellen

3.1.1 Guatemala – Corazón del Mundo Maya. Entwicklung des Tourismussektors in Guatemala

Nachdem sich die Ökonomie von den Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs erholt hatte, begann der Aufschwung des Tourismus, der bis heute anhält. Besonders ab den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts war der Tourismus kein Unternehmen Einzelner mehr, sondern breiterer Bevölkerungsschichten, die dann auch in Länder der sogenannten Dritten Welt aufbrachen. (vgl. Hauser-Schäublin 2005: 379)

Im Dezember des Jahres 1952 wurde durch das Regierungsdekret 861 offiziell die „Oficina Nacional de Turismo ins Leben gerufen. Beinahe 15 Jahre reglementierte man durch diese Institution den Tourismus, bis sie im Oktober des Jahres 1967 durch das Dekret 1701 und der Gründung des „Instituto Guatemalteco de Turismo“ INGUAT abgelöst wurde. (vgl.SICA 2009). Das reformierte und aktuell gültige „Ley Orgánica del INGUAT trat mit 19. November 1967 in Kraft. Dieses Gesetz erklärt INGUAT im Namen des nationalen Interesses für die Förderung, Entwicklung und den Zuwachs des Tourismus verantwortlich und verpflichtet die Körperschaft zur Steuerung und Leitung damit verbundener Aktivitäten, sowie besonders die Privatwirtschaft zu stimulieren, um die gesetzten Ziele zu erreichen. (vgl. Ley Orgánica del INGUAT 1967: 2)

Neben der Konzipierung und Vermarktung des Landes als touristisches Produkt, der Veranstaltungen von Kongressen und Seminaren, sowie der internationalen Repräsentation des Tourismussektors Guatemalas, werden sämtliche Daten zur Beschäftigung sowie des wirtschaftlichen Beitrags zur Ökonomie des Landes von dieser Organisation in Zusammenarbeit mit INE erhoben, aufbereitet und öffentlich zugänglich gemacht. (vgl. INGUAT 2011a; INE 2011a)

Auch die Zusammenarbeit mit der im Jahr 1972 gegründeten nationalen Institution INTECAP („ Instituto Técnico de Capacitación y Productividad”) spielt eine bedeutende Rolle. Das Institut hat sich auf die Professionalisierung einer Vielzahl von Berufssparten spezialisiert, um die Arbeitsplatzchancen der lokalen Bevölkerung, sowie die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. (INTECAP 2009: 3ff.) Im Jahr 2002 wurde dabei der Sektor „Hotelería y Turismo“ begründet. (vgl. INTECAP 2011b)

Die Entwicklung des Tourismus in Guatemala hat bereits eine lange Geschichte hinter sich. Durch die Zusammenarbeit der beiden Institute INGUAT und INTECAP, sowie deren forcierte Professionalisierung von Berufen, sollte der Weg für einen soziokulturell nachhaltigen Tourismus geebnet werden. Wie die gegenwärtige Situation des Tourismus sowie die der in diesem Sektor arbeitenden Bevölkerung des Landes aussieht, darauf werde ich in nun folgend eingehen.

3.1.2 Gegenwärtige Situation des Tourismus in Guatemala

CNN veröffentlichte im Dezember 2010 unter dem Titel „World’s top destinations in 2011“ eine Liste der empfehlenswertesten Reiseziele des kommenden Jahres. Drei Reiseexperten - Robert Reid, Herausgeber des Reiseführers Lonely Planet; Pauline Frommer, Gründerin von Pauline Frommer's Reiseführer; und Martin Rapp, Senior Vize-President im Freizeitvertrieb bei Altour positionierten dabei Guatemala auf Platz 8. (vgl. Pawlowski 2010)

Nach aktuellen Daten der Fundación para el Desarrollo de Guatemala befindet sich Guatemala innerhalb Mittelamerikas, nach Costa Rica, an zweiter Stelle hinsichtlich seiner Wettbewerbsfähigkeit im Tourismus. (vgl. FUNDESA 2011)

Während im Jahr 2005 noch 1.3 Millionen Touristen gezählt wurden, liegt die aktuelle Zahl von 2010 bereits bei 1.87 Millionen, was ein Wachstum von 43% in nur 5 Jahren bedeutet. Auch die Devisen stiegen von 868.8 Millionen Dollar im Jahr 2005 auf 1.378.0 Millionen im Jahr 2010, um rund 58%. (vgl. FUNDESA 2011, INGUAT 2009)

INGUAT, die nationale Tourismusorganisation des Landes, zeichnet dabei, wie eingangs erwähnt, als für die Promotion und Entwicklung des Sektors verantwortlich. So hat die Institution Guatemala in sieben touristische Systeme unterteilt, wobei die Gruppierung nach geografischen, historischen und kulturellen Gesichtspunkten erfolgte (vgl. INGUAT 2011a):

Guatemala, Moderna y Colonial

Altiplano, Cultura Maya Viva

Petén, Aventura en el Mundo Maya

Izabal, Caribe Verde

Verapaces, Paraíso Natural

Oriente, Místico y Natural

Pacífico, Exótico y Diverso

Jedes dieser Gebiete hat ein speziell forciertes touristisches Angebot, das von bedeutenden archäologischen Ausgrabungsstätten der Maya, über koloniales Erbe und indigene Kultur und Dörfer, Vulkane sowie Ökotourismus bis hin zu Stränden am Atlantischen und Indischen Ozean reicht. Um dieses Angebot Touristen zugänglich zu machen und zu verkaufen, sind unter anderem ein gut stratifizierter und organisierter Tourismussektor und touristische Unternehmen Voraussetzung. (vgl INTECAP 2010: 35)

Doch auch die Tatsache, dass Guatemala als eines der „günstigsten“ Urlaubsländer Lateinamerikas gilt, zieht Touristen aus aller Welt an. Reiseführer wie „Lonely Planet“ machen unter anderem damit für das Land Werbung. Für wenig Geld bekommt man viel: Kultur, Abenteuer, Unterhaltung. Eine Hauptmalzeit ab 3$, ein Tagebudget von 15-30$ einen Wochenendausflug um 35$. Das Touristenparadies im „Land des ewigen Frühlings.“ (vgl. Vidgen 2007: 74) Die Schattenseiten zeichnen sich oft nur auf den Gehaltsschecks der ArbeitnehmerInnen und durch die Kondtionen, unter denen sie Dienstleistungen erbringen müssen, ab.

3.1.3 Die Beschäftigungssituation im Tourismussektor Guatemalas

Nach dem Einblick in Guatemala als Tourismusdestination und in seine Entwicklung als Tourismussektors, sowie dessen Beitrag zur Ökonomie des Landes, werde ich abschlieβend auf die Arbeitsplatzsituation eingehen, und im Speziellen dabei auf die Vertretung der Frauen.

In Gutemala leben aktuell rund 14.7 millionen Menschen. (vgl. INE 2011b ) Der Tourismus Guatemalas bietet nach letzten Erhebungen 130.000 Menschen im Land Arbeit; das bedeutet: Knapp jede 111. Person der Gesamtbevölkerung des Landes hat ihren Beruf in dieser Branche. (vgl. FUNDESA 2011)

Jedoch zur Beschäftigung und dem Beitrag der Frauen in diesem Sektor gibt es keine offiziellen Angaben. INTECAP veröffentlichte im Jahr 2007 eine von INE erhobene Statistik hinsichtlich der Geschlechterverteilung in den Wirtschaftssektoren, sowie in Führungspositionen und dem geleisteten wirtschaftlichen Beitrag der weiblichen und männlichen Bevölkerung. Der Tourismus wurde dabei als Teil des Dienstleistungssektors aufgefasst. Nach offiziellen Angaben sind 56% der weiblichen arbeitenden Bevölkerung in diesem Sektor tätig. Die Verteilung der Geschlechter in Führungspositionen liegt bei rund 25.5 % Frauen und etwa 74.5% Männer. Diese Aussage wird durch die Erhebung und das Ergebnis des ökonomischen Beitrags nach Geschlecht unterstützt. So erhalten Frauen rund 20.6% und Männer 79.4% des gesamten Arbeitseinkommens. (vgl. INTECAP 2007a: 91)

Daraus lässt sich ableiten, dass obwohl der Anteil der im Dienstleistungssektor arbeitenden Frauen mehr als die Hälfte ausmacht, ihre angemessene Repräsentation weder in der Ökonomie, noch im Land selbst als bedeutender Faktor gegeben ist.

Sinclair behandelt diese Thematik anhand der Auseinandersetzung mit den maxistisch-feministischen Theorien. Sie sieht als Grund für diese weltweite, zu unterschiedlichen Graden existierende ungleiche Verteilung, die patriachaler Strukturen, die die Kontrolle der Männer über die Arbeit der Frauen implizieren. Dies drückt sich in der Praxis dadurch aus, dass die von Frauen gefertigten und bereitgestellten Produkte unbezahlter Arbeit von Männern verkauft werden. Jene beziehen oftmals einen beachtlichen Teil, wenn nicht sogar den gesamten Gewinn. Dies gilt auch für Dienstleistungen. (vgl. Sinclair 1997: 10f)

Ziel dieses Kapitel war es, einen Einblick in den Tourismus Guatemalas zu geben. Dabei hat sich gezeigt, dass der ökonomische Wert dieses Sektors den Wert der darin beschäftigten Menschen nicht nur übersteigt, sondern sogar in Hinsicht auf die beteiligt weibliche Bevölkerung nicht einmal „registriert.“ Die Repräsentation der Frauen ist zwar im Dienstleistungssektor allgemein gegeben, doch ist dabei auch eine (Ungleich-) Gewichtung des Wertes der weiblichen Arbeitskraft im Verhältnis zu jener der Männer festellbar.

In dem folgenden Unterkapitel werde ich nun das Berufsfeld Guía de Turistas im Tourismussektor Guatemalas skizzieren.

[...]

Details

Seiten
57
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656110095
ISBN (Buch)
9783656109884
Dateigröße
736 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v187586
Institution / Hochschule
Universität Wien – Institut der Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien
Note
1,0
Schlagworte
Gender und Tourismus Guatemala ReiseleiterIn-FremdenführerIn-Guía de Turistas Feldforschung Teilnehmende Beobachtung

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