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Das Museum als funktionaler Ort - ein Weg in das soziale Gedächtnis?

Seminararbeit in Anlehnung an die Installation „Now-Time Venezuela: Media Along the Path of the Bolivarian Process. Part 1: Worker-controlled Factories“ im Berkeley Art Museum 2006 von Oliver Ressler und Dario Azzellini

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 18 Seiten

Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.2. Die Installation im Berkeley Art Museum

2. Geschichte des Museumwesens

3. Die neuen Museen

4. Der Besucher im Museum
4.1. Das Verhalten des Besuchers im Museum

5. Das Museum der Arbeit

6. Animatorische Arbeitsverfahren als Weg ins Gedächtnis
6.1. Vorteile des animatorischen Arbeitsverfahren (nach Heiderose Hildebrand)

7. Museum und Schule

8. „Die Sinalco-Epoche“ im Wien Museum 2005

9. Schlusswort

Bibliografie

Internetquellen:

Abbildungsverzeichnis

Zugunsten besserer Lesbarkeit wird in der nachfolgenden Arbeit auf die Verwendung geschlechtsneutraler Schreibweise verzichtet.

1. Einleitung

Museen, Denkmäler, Archive, so genannte authentische Orte und ähnliche Einrichtungen und Institutionen sind in der heutigen Zeit sehr wichtig geworden. Die Gesellschaft wird immer schnelllebiger und die Kultur steht in einem immerwährenden Wandel. Als Folge dessen wollen wir die Vergangenheit festhalten, sie in einen Raum versetzen um sie immer abrufen zu können.

Solche Orte sind ein Teil des gesamten „Erinnerungsraumes“ einer Gesellschaft. In ihnen wird die Vergangenheit noch mal erfahrbar, die Gegenwart eingebettet und der Bogen zur Zukunft geschlagen. Die Inhalte müssen dazu für den Besucher in einen sinnvollen Zusammenhang gebracht werden.[1]

Die durch den Wandel resultierende Orientierungslosigkeit des Einzelnen, die expandierten Kommunikationsmöglichkeiten und die vielfältigen Speichermöglichkeiten durch die fortschreitende Computerisierung werfen allerdings die Frage auf, was denn überhaupt „gespeichert“ werden soll, wie das kollektive Gedächtnis, unsere Erinnerung und die damit verbundene Zukunft konstruiert werden soll. Was darf vergessen werden und was ist für unsere gemeinsame Erinnerung unersätzlich?

In den folgenden Kapiteln werde ich versuchen, eine These zu formulieren, ob und wenn ja, wie es ein Museum schafft, als funktionaler Ort zu dienen und somit in das soziale Gedächtnis einer Gesellschaft zu gelangen. Orientieren werde ich mich dabei an einer Installation namens “Now-Time Venezuela: Media Along the Path of the Bolivarian Process. Part 1: Worker-controlled Factories”, die 2006 im Berkeley Art Museum zu sehen war.

1.2. Die Installation im Berkeley Art Museum

Als Hugo Chávez 1999 zum Staatspräsidenten gewählt wurde, veränderte sich die gesamte Lage Venezuelas rapide. Der neue Präsident führte den sogenannten „Bolivarianischen Prozess“, benannt nach dem Freiheitskämpfer Simón Bolívar. Der Bolivarismus, wie er auch noch genannt wird, ist eine linksnationalistische Doktrin und orientiert sich hauptsächlich an Bolívar, aber auch an Salvador Allende, Ernesto Guevara, Frederico Brico Figueroa, Fidel Castro und seit Neuem auch an Leo Trotzki. Es gibt viele Kernpunkte in diesem Prozess, die wichtigsten sind jedoch die gestärkten Rechte für Frauen und Indigenas, die Verleihung der Staatsbürgerschaft an zahlreiche kolumbianische Bürgerkriegsflüchtlinge, Förderungsprogramme durch Kleinkredite sowie die vielen Gesundheits- und Bildungsprogramme.

Die Installation von Oliver Ressler und Dario Azzellini ist ein Film über den industriellen Sektor des Landes. Herausgebildet haben sich nämlich einige Betriebe, in welchen die Arbeiter sich selbst verwalten. Durch staatliche Kredite der Regierung konnten einige Fabriken wieder den Betrieb aufnehmen, mit der Veränderung, dass die gesamte Versammlung der Chef ist und es somit auch keine Hierarchie gibt. Zudem beteiligen sich die Fabriken an sozialen Projekten - die Papierfabrik z.B. verschenkt Hefte an Schüler.

Vorgestellt werden in diesem Film 5 Unternehmen: eine Aluminiumhütte, ein Textilunternehmen, eine Tomatenfabrik, eine Kakaofabrik und eine Papierfabrik.

Die jeweiligen Arbeiter erzählen von der Vergangenheit und den Veränderungen, die sich durch Chávez ergeben haben. Sie geben Einblicke in die jeweilige gegenwärtige Situation, in alternative Organisationsweisen und Modelle von Arbeiterkontrolle. Auch die Schwierigkeiten solch einer Selbstverwaltung werden angesprochen.
Obwohl die Situationen in den jeweiligen Fabriken unterschiedlich sind, haben sie doch alle die Suche nach besseren Produktions- und Lebensmodellen gemein. Am Schluss des Filmes sieht man eine Leitungssitzung von Alcasa, in der Diskussionen über die praktizierte Mitverwaltung und die angestrebten Veränderungen der Produktionsverhältnisse geführt werden.

Der Film „5 Factories- Worker Control in Venezuela“ eröffnete die Matrix-Reihe „Now-Time Venezuela: Media Along the Path of the Bolivarian Process“ des Berkeley Art Museums in Kalifornien. Vom 26.3.2006 bis zum 28.5.2006 konnte der Film in einer installativen Fassung, geteilt in 6 Videoprojektionen gesehen werden.

2. Geschichte des Museumwesens

Die Museen von damals, die „Kunst-, Wunder- und Naturalienkammern“ wurden im 16. Jahrhundert „Kuriositätenkabinette“ genannt. Sie waren Ausdruck von weltlicher, religiöser Macht und ebenso Zentren „der Aneignung und Besitznahme der Welt, Forschungsstätte, Archiv, Ort des Träumens, Ort der Verifikation, in denen Beutestücke als handfeste Beweise formaler Wirklichkeit gehortet wurden.“[2] Ebenfalls waren sie Orte, in denen alles was der Mensch jemals erfahren und gelernt hatte, aufgehoben wurde. Das gesamte Spektrum menschlichen Schaffens sollte als materialisierte Vielfalt göttlichen Ursprungs gesehen werden.

Das Wort „kurios“ bedeutete ursprünglich „Fürsorge“, „voll Sorgfalt, voll Interesse, wissbegierig“. Erst seit dem 17. Jahrhundert wird es mit „merk-würdig“, Kuriosum als Seltsamkeit, Wunderlichkeit, Sehenswürdigkeit verbunden.

In der Zeit der Französischen Revolution sind die ersten „öffentlichen Museen“ entstanden. Ihr Ziel war noch ein Emanzipatorisches: Sie sollten die allgemeine Vernunft bilden und fördern, sowie als Beitrag der Erneuerung der Gesellschaft gesehen werden. Es waren „Orte der Aufklärung“, in welchen sich die öffentliche Meinung bildete.

Im 19. Jahrhundert waren die Museen für ihre Objekte und die Konstituierung von Geschichte- und Kulturwissenschaften und ihre Theorien wichtige Voraussetzung.

Die Musealisierung der Geschichte, die eine richtige Sammlungssucht mit sich zog wurde durch etliche Museumsneugründungen sowie durch Großausstellungen vorangetrieben. Auch die „Weltausstellungen“, in denen technischer und industrieller Fortschritt vorgestellt wurde, trugen zum veränderten Geschichtsbewusstsein bei. Jener Fortschritt, der in den Weltausstellungen gepriesen wurde, führte jedoch dazu, dass handwerkliche und gewerbliche Fähigkeiten im Zuge der ökonomischen und sozialen Veränderungen ausstarben, wodurch Teile der Kultur verloren bzw. zerstört wurden. Das wiederum führte zu Sammlungen und musealem Dokumentieren.

3. Die neuen Museen

Es vergeht kaum ein Jahr, in dem man nicht von einem neu gegründeten Museum hört. Vor allem Heimatmuseen werden immer zahlreicher, also diejenigen, die sich um das Nichtvergessen der Geschichte bemühen. Aktuell will man ein Museum der österreichischen Geschichte gründen.[3] Über den Titel und den Standort ist man sich noch nicht sicher, aber die Inhalte werden bereits fleißig besprochen.

Man irrt also, wenn man denkt, dass die Gesellschaft nur nach der Zukunft und der einhergehenden Modernität strebt, denn Studien belegen, dass anstelle der Geschichtsvergessenheit eine wahre Geschichtsbesessenheit getreten ist. Nicht nur an den Museumsneugründungen ist das abzulesen, sondern auch an der Zahl und den Publikumserfolgen der kleinen und großen Ausstellungen.

Allerdings stellt sich die Frage nach der Motivation einer solchen Entwicklung. War es der Kampf gegen eine Geschichtsmüdigkeit, die nostalgische Rückerinnerung an eine schöne, heile Welt oder ein identitätsstiftendes Ortsbewusstsein? Ist es tatsächlich das Interesse am historischen Subjekt oder Objekt? Oder kann es sein, dass sich hinter diesem Trend, sei sie unbewusst oder bewusst, eine Abwendung von der Gegenwart steht, um diese zu verleumden?

Henri-Pierre Jeudy veröffentlichte 1985 in „Temps Libre“ einen Aufsatz[4], in dem er die zunehmende Musealisierung beobachtet hatte und sie nicht nur als nostalgische, sondern auch als bedenkliche Ablenkung von Gegenwartsproblemen betrachtete. Das kulturelle Erbe, so sein Vorwurf, werde von einer Notfalls- oder Rettungsethnologie zur ästhetischen Kompensation von Mängeln der Industriegesellschaft missbraucht.[5] Die fortschreitende Kontroversierung und Musealisierung ist für Jeudy Symptom einer Krise; eine harmlos-heile Gegenwelt zum Heute wird in der idealisierten Vergangenheit gesucht, ohne an die heftigen sozialen Bewegungen im 19. und frühen 20. Jahrhundert zu erinnern.[6]

4. Der Besucher im Museum

Aus welchen Gründen der Museumsboom herrührt mag umstritten sein, Fakt ist jedoch, dass die gegenwärtige Situation des Museumswesens für die Vermittlung von Inhalten besonders geeignet ist. Denn die vielen Neugründungen, das wachsende Interesse an kulturhistorischen Objekten und die Besucherzahlen suggerieren Bildungsbereitschaft.
Der Vorrat an Besuchern ist relativ stabil- es gibt einen fixen Bestandteil an Nicht-Besuchern, das sind meist Personen ohne weiterführende Schulbildung und/oder ohne qualifizierte Fachausbildung. Dabei handelt es sich um eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung, die nur sehr schwer für den Besuch eines Museums und die eventuelle Wiederholung motivierbar ist.

[...]


[1] Vgl. Debbas, Susanne: Das Museum als Ort des kulturellen Gedächtnisses. München: Dipl-Arb., 2004.

[2] Klein-Wisenberg, Lore: Zur Situation der Museumspädagogik in Österreich. In: Fliedl, Gottfried (Hg.): Museum als soziales Gedächtnis? Kritische Beiträge zu Museumswissenschaft und Museumspädagogik. Klagenfurt: Kärntner Druck- und Verlagsgesellschaft M.B.H. Klagenfurt, 1988. S. 149. Zitiert nach Goldmann, S.: Museum Wormianum. In: Mythen der Neuzeit. Berlin: 1982, S. 322.

[3] http://oesterreich.orf.at/wien/stories/94946/ Zugriff 8. 7. 2008

[4] Vgl. Korff, 1988. S. 13 Zitiert nach: Henri-Pierre Jeudy: Vers un Temps Muséal. In: Temps Libre, Jg 12 (1985), S.25-30

[5] Vgl. Ebd. S. 13

[6] Vgl. Ebd. S. 13

Details

Seiten
18
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656110101
ISBN (Buch)
9783656109891
Dateigröße
677 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v187583
Institution / Hochschule
Universität Wien – Theater-, Film und Medienwissenschaft
Note
1
Schlagworte
Museum funktional Gedächtnis kollektives Gedächtnis Museumspädagogik Venezuela Chavéz Ressler Azzellini Sinalco-Epoche Berkeley Art Museum 5 Factories Worker Control Schule Chinesischer Korb

Autor

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