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Die teleologische Betrachtung der Natur und der Organismus bei Kant

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 24 Seiten

Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Teleologie der Natur bei Kant

3 Der Organismus bei Kant

4 Präformation oder Epigenesis?- zur Bioontologie des Organismus

5 Epigenesis bei Kant

6 Die Natur als System der Zwecke

7 Kants Teleologie der Natur und Entwicklungstheorie in der Gegenwart

8 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Was darf ich wissen?“. „Was soll ich tun?“. „Was darf ich hoffen?“. Mit diesen Fragen könne man Kants philosophisches Programm bescheiden zusammenfassen.1 Den Versuch, Antworten auf diese Fragen zu finden, unternimmt Immanuel Kant in seinen Hauptwerken „Kritik der reinen Vernunft“, „Kritik der praktischen Vernunft“ und „Kritik der Urteilskraft“. Die drei Kritiken stellen das Grundgerüst seiner theoretischen und praktischen Philosophie dar.

In dieser Seminararbeit soll sich hauptsächlich der letzten Frage „Was darf ich hoffen?“ gewidmet werden, indem auf Kants Natur- und Geschichtsphilosophie eingegangen wird. Die Frage „Wohin geht die Menschheit?“ oder praktisch formuliert „Wohin soll die Menschheit gehen?“ ist nach Kant nur zu beantworten, wenn man einen Ordnungsversuch der Natur respektive der Geschichte vornimmt, aus welchen sich eine Entwicklung der Menschheit ablesen lässt. Kant bedient sich jener Methodik und vertritt die Meinung eines letzten Zweckes der Natur. Er behauptet, dass eine reine kausal-mechanische Betrachtung der Natur nicht ausreicht um sie als Ganzes erklären zu können. Man müsse, so Kant, von einer teleologischen Betrachtung der Natur ausgehen. Jene Betrachtung geht mit einem optimistischen Zukunftsglauben einher. Kant versucht der Menschheit ein Ziel vorzugeben, an welches es sich zu orientieren lohnt.

Es soll in dieser Arbeit der Beweis erbracht werden, warum Kant von einer teleologischen Naturbetrachtung ausgeht. Zur Klärung dieser Frage wird wie folgt vorgegangen. Zunächst soll reflektiert werden, warum Kant von einer Teleologie in der Natur spricht. Im nächsten Schritt soll jene teleologische Annahme durch die Betrachtung des Organismus bewiesen und verdeutlicht werden. Hierbei wird explizit auf den Organismus-Begriff bei Kant und die bioontologische Entwicklungstheorie der Epigenesis eingegangen. Die erkenntnisphilosophische Epigenesis der Kategorien soll an dieser Stelle als Erweiterung seiner Entwicklungstheorie angesprochen werden. Anschließend soll auf die Betrachtung der Natur als Ganzes zurückkehrt werden, indem Kants naturphilosophische Idee eines „Systems der Zwecke in der Natur“ rekonstruiert werden soll. Zum Schluss wird auf die Idee einer „teleologischen Betrachtung der Natur“ in der Gegenwart Stellung bezogen. Da eine hinreichende Klärung der gestellten Probleme nicht ohne die Einbettung in das gesamtphilosophische Verständnis Kants erfolgen kann, wird in dieser Arbeit wiederholt ein Bezug auf die „Kritik der Urteilskraft“ und die „Kritik der reinen Vernunft“ (im Nachfolgenden mit KdU und KrV abgekürzt) hergestellt.

2 Die Teleologie der Natur bei Kant

In diesem Kapitel soll zunächst aufgezeigt werden, dass Kant von einer Teleologie der Natur ausgeht. Anschließend soll diese Sichtweise anhand der Einzelbetrachtung des Organismus verdeutlicht und gestützt werden.

Widmet man sich Kants Naturphilosophie, lässt sich schnell feststellen, dass er von einer teleologischen, dass heißt zweckmäßigen Betrachtung der Natur ausgeht. Dieser Betrachtung kommt keine objektive Wahrheit zu. Man kann nicht von zweckmäßig gerichteten Prozessen in der Natur reden, sondern die Teleologie nur als ein regulatives Prinzip annehmen. Eine Teleologie in Natur ist demzufolge bei Kant nur als heuristisches und nicht als konstitutives Prinzip anzunehmen.

Kant verfolgt mit seiner naturphilosophischen Darstellung das Ziel den Gang der Menschheit als vernünftig und sinnvoll beurteilen zu können. Dabei erscheint ihm der Gang der Menschheit dann als sinnvoll, wenn dieses von einem rohen Naturzustand zu einem vollendeten Freiheitsbewusstsein führt.2 Dass jenem Freiheitsbewusstsein andere Ziele angehaftet sind, soll an späterer Stelle erläutert werden.3

Seine vertretene Sichtweise des Fortschritts kann nach ihm nicht theoretisch, empirisch oder spekulativ bewiesen werden, sondern müsse als ein regulatives Prinzip angenommen werden. An dieser Stelle muss zunächst das regulative Prinzip Kants mit Hilfe der Natur erklärt werden. Kant beschreibt in seiner ersten Kritik (KrV) die Natur, wie folgt:

„[Natur ist ein] Zusammenhang der Erscheinungen ihrem Dasein nach, nach notwendigen Regeln, d.i. nach Gesetzen“.4

Er geht demnach von einer kausal-mechanischen Naturbetrachtung aus. Jene Ansicht ist nach Kant jedoch unzureichend. Die Gesetze der Natur können zwar einerseits durch alltägliche Erfahrung, dass heißt a posteriori, erfasst und uns somit zur Erkenntnis werden, jedoch beinhalten die in seiner Definition genannten Gesetze auch apriorische Gesetzmäßigkeiten. Apriorische Gesetze werden vor aller Erfahrung gedacht und sind deshalb Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung überhaupt.

Dies bedeutet, dass nach Kant ein vernunfteigenes Bedürfnis oder „Interesse“ im Menschen existiert die empirischen Gesetze, welche im Alltag wahrgenommen werden, in eine systematische Einheit zu bringen.

Die Vernunft unterstellt der Natur erstens, dass die empirischen Gesetze eine systematische Einheit bilden und zweitens, dass die Natur gewisse Zwecke beabsichtigt. Einer dieser Zwecke, welchen Kant in die Natur hineinlegt, ist der oben erwähnte „Fortschritt“. Wir sprechen bei Kant daher von einer teleologischen oder zweckmäßigen Naturphilosophie. Kant schreibt dazu Folgendes:

„ Die höchste formale Einheit, welche allein auf Vernunftbegriffen beruht, ist die zweckmäßige Einheit der Dinge, und das spekulative Interesse der Vernunft macht es nothwendig, alle Anordnung in der Welt so anzusehen, als ob sie aus der Absicht einer allerhöchsten Vernunft entsprossen wäre. Ein solches Prinzip eröffnet nämlich neue Aussichten, nach teleologischen Gesetzen die Dinge zu verknüpfen, und dadurch zu der größten systematischen Einheit derselben zu gelangen.“5

Man könnte also folgendermaßen zusammenfassen. Die menschliche Vernunft besitzt ein eigenes Bedürfnis die Natur als systematische Einheit zu betrachten.

Jene Überlegung schließt ein, dass man die Natur als teleologisches Ganzes annimmt. Da der Zweck demnach nicht im Objekt selbst liegt, sondern vom Subjekt „hineingedacht“ wird, erfolgt hierbei eine „Revolution der Denkart“ ähnlich der kopernikanischen Wende. Da es sich lediglich um eine Annahme der Teleologie (Zweckmäßigkeit) in der Natur handelt, spricht man von einem transzendentalen oder regulativen Prinzip, welches keinen konstitutiven Charakter hat. Pauline Kleingeld schreibt demzufolge:

„Wegen ihrer subjektiven Rechtfertigung habe die Teleologie nur regulativen Status, und ihre Wahrheit sei nicht feststellbar.“6

Daraus folgernd schreibt Kant in seinem 1788 erschienenen Aufsatz „Über den Gebrauch teleologischer Prinzipien in der Philosophie“, dass man sich dem „teleologischen Prinzip bedienen“ müsse, wo eine kausal-mechanische Erklärung nicht ausreiche, letztere jedoch nie durch „eine Teleologie ersetzt werden könne“.7

In der „Kritik der Urteilskraft“ nimmt sich Kant der Frage nach der systematischen Einheit der Natur als eines teleologischen Ganzen erneut an. Da jene Ausführungen die Naturphilosophie Kants vervollständigen und Kant sich explizit dem Organismus beziehungsweise dem Begriff „Naturzweck“ zuwendet, soll sich nun im folgenden Teil dieses Kapitels der „Kritik der Urteilskraft“ Kants angenommen werden.

Zum Verständnis der weiteren Argumentation wird zunächst der Begriff Urteilskraft erklärt.

Sie ist nach Kant das

„Vermögen, das Besondere als enthalten unter dem Allgemeinen zu denken“8.

Des Weiteren unterscheidet er in seiner Schrift zwischen der bestimmenden Urteilskraft, die das Besondere aus dem Allgemeinen subsumiert und der reflektierenden Urteilskraft, die das Allgemeine von dem Besonderen absondert.

Mit Hilfe der letzteren ist der Mensch in der Lage das Mannigfaltige der Natur in ein einheitliches System zu bringen.9

Die reflektierende Urteilskraft versucht demnach die gesamte Natur als System zu betrachten, indem sie das transzendentale/regulative Prinzip der Zweckmäßigkeit nutzt. Das bereits oben angesprochene spekulative Vernunftbedürfnis der „Kritik der reinen Vernunft“ wird also in der „Kritik der Urteilskraft“ durch die reflektierende Urteilskraft ersetzt, wobei das Verlangen nach sinnstiftender Ordnung respektive die Erscheinungswelt unter Gesetze zu bringen, beibehalten wird.

Ein weiterer Unterschied zwischen beiden Kritiken ist, dass Kant seine Betrachtung in der Urteilskraft von der ganzen Natur auf bestimmte Naturerscheinungen eingrenzt. Wenn man das Vernunftbedürfnis nach Einheit nun auf einzelne Naturerscheinungen überträgt, kann man gewisse Dinge der Natur nicht anders denken, als das sie ebenfalls Produkte einer finalen Kausalität sind und einer Zweckmäßigkeit unterliegen. Den Naturdingen wird dementsprechend eine zielgerichtete Entwicklung unterstellt. Jene finale Kausalität der Naturdinge beschreibt Kant als „innere Zweckmäßigkeit“. Bevor diese „innere Zweckmäßigkeit“ untersucht werden kann, ist es notwendig, eine nach Kant vorgenommen Einteilung der Zweckmäßigkeit zu erläutern.

Er unterscheidet zunächst in eine ästhetische und in eine objektiv teleologische Zweckmäßigkeit.

Die Erstere kann nicht weiter erläutert werden, da dies den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Die letztere Zweckmäßigkeit muss untersucht werden, da diese den Ausgangspunkt zur Klärung des Organismusbegriffs bei Kant darstellt. Kant differenziert die objektiv teleologische Zweckmäßigkeit erneut in eine formale und eine materiale Zweckmäßigkeit. Er nennt als Beispiel für formale Zweckmäßigkeit geometrische Figuren. So liegt beispielsweise im Zirkel der einfache Grund zum Lösen mathematischer Probleme.10

Entgegen der formalen Zeckmäßigkeit spricht die materiale Zweckmäßigkeit von Gegenständen der materialen Wirklichkeit respektive von den Dingen der Natur und fragt nach dem Ursache-Wirkungs-Verhältnis dieser Dinge.11 Jene Zweckmäßigkeit differenziert Kant nochmals in eine Äußere und eine Innere. Die äußere Zweckmäßigkeit fragt nach einer Zuträglichkeit oder Nutzbarkeit der Dinge für andere Lebewesen. Kant beschreibt die Wirkung dieser Dinge als äußere Zweckmäßigkeit demnach:

„…als Material für die Kunst anderer möglicher Naturwesen,… oder als Mittel zum zweckmäßigen Gebrauche“12

Als Beispiel dienen ihm die Überschwemmungen des Nils, welche fruchtbares Ackerland hinterlassen.

Die zweite Form der materialen Zweckmäßigkeit ist die innere Zweckmäßigkeit. Sie hilft Kant dabei den Organismusbegriff genauer zu betrachten und ihn zu definieren. Im Paragraph 64 erläutert Kant die Beurteilung eines „Dinges als Naturzweck“. Ein Ding ist bei Kant als Naturzweck anzusehen,

„…wenn es von sich selbst (obgleich im zwiefachen Sinne) Ursache und Wirkung ist; …“13

Die innere Zweckmäßigkeit sucht das Ursache-Wirkungs-Prinzip demnach im Ding selbst und nicht im Mechanismus der Natur. Das Ding als Naturprodukt kann nicht allein durch den Verstand erklärt werden, da sich dieser nur dem Erklärungsprinzip „der Mechanismen in der Natur“ bedient. Zweckmäßigkeit ist wie bereits oben geschildert keine Kategorie des Verstandes. Es ist hier erneut die Vernunft zu nennen, welche das wesentliche Bestimmungselement liefert. Die Vernunft ist es, welche die Form des Gegenstandes als zweckmäßig beurteilt. Sie ist, wie bereits oben mehrfach erwähnt, das Einheit stiftende Prinzip.14 Damit man von einem Naturprodukt, also einem organischen Körper sprechen kann, verlangt es nach diesem transzendentalen Prinzip.

Pauline Kleingeld beschreibt dies wie folgt:

„Das teleologische Prinzip der Vernunft dient dazu, den Verstand bei der Suche nach mechanisch-kausalen Erklärungen zu leiten.“15

Es erfolgt demnach eine Verbindung zwischen dem Naturprodukt, welches durch die Kategorien des Verstandes gedacht wird, und dem Naturzweck, welcher durch die Vernunft „beurteilt“ wird.16 Verbindet man die neu gewonnene Erkenntnis nun mit den Überlegungen zu der reflektierenden Urteilskraft, kommt man zu folgendem Ergebnis. Die materiale, innere Zweckmäßigkeit ist ein heuristisches, regulatives Prinzip der reflektierenden Urteilskraft.

3 Der Organismus bei Kant

Obwohl der Begriff Organismus seit dem 17. Jahrhundert existiert, gebraucht Kant ihn erst in seinem Spätwerk „Opus postumum“.

Anhand einiger Textstellen kann man jedoch darauf schließen, dass der Begriff „Organismus“ bei Kant in Form der „Naturzwecke“ präsent ist.17

Um den Organismusbegriff bei Kant besser darstellen zu können, gilt es in diesem Kapitel die besagten Textstellen hervorzuheben und zu erläutern.

Dazu muss erneut die Definition des Naturzwecks ins Gedächtnis gerufen werden. Kant definiert den Naturzweck wie folgt:

„…ein Ding existiert als Naturzweck, wenn es von sich selbst (obgleich im zwiefachen Sinne) Ursache und Wirkung ist; …“18

Des Weiteren nennt er zwei Bedingungen um Dinge als Naturzwecke beurteilen zu können. Die erste Bedingung lautet:

„ …, dass die Teile (ihrem Dasein und der Form nach) nur durch ihre Beziehungen auf das Ganze möglich sind.“19

Da jene Bedingung ebenfalls auf technische Produkte oder Kunstwerke zutrifft, ist diese noch nicht hinreichend. Eine zweite Bedingung zur Beurteilung der Dinge als Naturzwecke ist demnach, wie Kant schreibt:

„…, dass sie [die Teile] von einander wechselseitig Ursache und Wirkung ihrer Form sind.“20

Trifft die erste Bedingung noch auf die Uhr als technisches Produkt zu, erfüllt diese die zweite Bedingung nicht mehr. Eine Uhr besitz lediglich eine bewegende Kraft und unterscheidet sich somit von einem organisierten Wesen, welches auch bildende Kraft besitzt. Während der Künstler, welcher die Uhr gebildet (erbaut) hat, außerhalb dieser gedacht werden muss, organisiert sich die Natur selbst und besitzt demnach sich selbst hervorbringende Organe. Kant spricht somit von einem sich selbst organisierenden Wesen.

[...]


1 Vgl. Kant, I.: Kritik der reinen Vernunft. S. 677.

2 Vgl. Kant, I.: Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht. Satz 4 und 8.

3 Vgl. Kapitel 6.

4 Kant, I: Kritik der reinen Vernunft. S. 246.

5 Kant, I.: KrV. S. 594.

6 Kleingeld, P.: Fortschritt und Vernunft. S. 115.

7 Ebd. S. 116.

8 Kant, I.: Kritik der Urteilskraft. S. 87.

9 Ebd. S. 88.

10 Vgl. Kant, I.: KdU. S. 307ff.

11 Ingensiep, H. W.: Probleme in Kants Biophilosophie. S. 91.

12 Kant, I.: KdU. S. 313ff.

13 Ebd. S. 318.

14 Ebd. S. 316ff.

15 Kleingeld, P.: Fortschritt und Vernunft. S. 113.

16 Ingensiep, H. W.: Probleme in Kants Naturphilosophie. S. 91.

17 Ebd. S. 90.

18 Kant, I.: KdU. S. 318.

19 Ebd. S. 320.

20 Ebd. S. 321ff.

Details

Seiten
24
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656109334
ISBN (Buch)
9783656109594
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v187564
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Philosophie
Note
1,0
Schlagworte
betrachtung natur organismus kant

Autor

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