Lade Inhalt...

Die Erfahrung und Beschreibung des Unglaublichen im Reisebericht

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 33 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Eine wissenschaftliche Analyse der Reiseliteratur

3 Die kritische Untersuchung des Reiseberichtes des Odoricos da Pordenone
3.1 Über den Franziskanermönch Odorico da Pordenone und seine Reise nach Asien
3.2 Erfahrung des Fremden im Reisebericht des Odoricos da Pordenone
3.3 Die Methodik der Überlieferung im Reisebericht des Odorico da Pordenone

4 Zusammenfassung

5 Literaturverzeichnis

I. Quelle

II. Forschungsliteratur

1 Einleitung

„Der Mensch als homo viator, dessen ganzes irdisches Leben als Weg in der Fremde gedacht wurde.“ heißt es in der Monografie „Erfahrung des Fremden“ von Marina Münkler. Der Ausspruch macht deutlich, dass das Phänomen des Fernwehs nicht als neuzeitlich oder modern eingestuft werden kann, sondern bereits in der Antike sowie im Mittelalter präsent war. Waren es im Altertum besonders militärische Unternehmungen, die sich aus ökonomischen und politischen Gründen ableiteten, zogen im Mittelalter unter anderem konfessionelle sowie individuelle Motive den Menschen in die Ferne.

Eine Möglichkeit die abenteuerlichen, dennoch gefährlichen Erlebnisse der Reise den Daheimgebliebenen zu vermitteln, stellt die Quellengattung der Reiseliteratur dar. In dieser Seminararbeit soll sich dem mittelalterlichen Reisebericht des Odorico da Pordenone gewidmet werden. Der im 14. Jahrhundert entstandene Reisebericht des Franziskaners Odorico da Pordenone stellt einen der meist übersetzten, gelesenen und zitierten Berichte eines Orientreisenden im Mittelalter dar. Er überzeugte die Zeitgenossen und nachfolgenden Generationen nicht nur durch seine einfache Sprache, sondern ebenfalls aufgrund seines Informationsgehaltes. Indem Odorico erstmalig von Phänomen wie der Witwenverbrennung in Zentralasien, dem Füßebinden als ästhetische Maßnahme bei Frauen und der Benutzung von Papiergeld berichtet, enthält der Reisebericht Auskünfte, die bis dato nicht thematisiert wurden und dem europäischen Publikum gänzlich unbekannt waren. In Anbetracht jener Besonderheit ergeben sich viele interessante Untersuchungsgegenstände, die sich in diesem Rahmen leider nicht erörtern lassen.

Der Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit soll die kritische Reflexion der „Erfahrung und Beschreibung des Unglaublichen im Reisebericht des Odorico“ bilden. Die vorliegende Abhandlung soll aufzeigen, welche Unglaublichkeiten Odorico auf seiner Reise erfährt und wie er versucht jene wundersamen Erfahrungen für das europäische Publikum plausibel und authentisch zu gestalten.

Die Arbeit mit Reiseliteratur setzt zunächst eine kritische Betrachtung dieser Quellengattung voraus, weshalb im ersten Kapitel des Hauptteils zunächst Forschungshintergründe, gattungsspezifische Charakteristika und Arbeitskriterien der Gattung Reisebericht herausgearbeitet werden sollen. Anschließend soll die Persönlichkeit Odorico da Pordenone unter Berücksichtigung der übermittelten Vita und mit Hilfe des Reiseberichtes vorgestellt werden. Nachdem der Hintergrund geklärt wurde, soll sich das nachfolgende Kapitel den unbegreiflichen Erlebnissen des Odoricos auf seiner Reise widmen. Im letzten Teil dieser Seminararbeit soll die Methode des reisenden Franziskaner überprüft werden, die er anwendet, um den Leser von der Authentizität seiner Erlebnisse zu überzeugen.

Für die nachfolgende Untersuchung wurde primär der Reisebericht des Franziskaners „Liber de mirabilius mundi“ herangezogen, der durch Folker Reichert übersetzt und eingeleitet sowie unter dem Titel „Die Reise des seligen Odorich von Pordenone nach Indien und China“ veröffentlicht wurde.

2 Eine wissenschaftliche Analyse der Reiseliteratur

In diesem Kapitel soll zunächst der Versuch einer kritischen Analyse der Quellengattung Reisebericht unternommen werden, damit sich anschließend dem Reisebericht des Odorico da Pordenone spezifisch zugewendet werden kann. In diesem Zusammenhang soll der Bedeutungswandel der Reisebeschreibung für die historische Forschung in den letzten Jahrhunderten reflektiert, sowie die sich daraus ergebenden Probleme besprochen werden. Des Weiteren werden wichtige Kriterien des Reiseberichtes herausgearbeitet um abschließend einen Definitionsversuch der Quellengattung vorzunehmen.

Der Reisebericht wurde in der historischen und ethnologischen Forschung lange Zeit stiefmütterlich behandelt. Die subjektiven Schilderungen des Reisenden, die dem Leser oft „unglaublich“ oder undurchsichtig erscheinen mussten, wurden häufig als Lügengeschichten abgeurteilt und erzeugten ein unseriöses Bild der Quellengattung Reiseliteratur.1 Eine derartig kritische und pessimistische Sichtweise empfängt den Leser in nahezu jedem Aufsatz zu Reiseliteratur oder Reisbeschreibungen. So eröffnet unter anderem Peter J. Brenner seinen Aufsatz „Die Erfahrung der Fremde“ mit folgendem Satz:

„Reisende genießen seit je einen schlechten Ruf. […] Der Reisende als Lügner und der Reisebericht als eine Gattung, deren Wahrheitsgehalt wenig Vertrauen verdient, gehören zu den Topoi, welche die Reiseliteratur seit den antiken Anfängen begleitet haben.“2

Die Frage nach der Zuverlässigkeit von Reiseberichten stellt nur eine von mehreren zu erörternden Problembereichen dar, ist jedoch maßgeblich der Grund, warum Reiseberichte erst spät in der Geschichtswissenschaft berücksichtigt wurden.

Anfänglich beschränkte sich die Brauchbarkeit von Reisebeschreibungen für die akademische Forschung, so Gerhard Huck, ausschließlich auf eine rein „illustrative Funktion“, weshalb der Reisebericht häufig, so schreibt der Autor weiter, als „unausschöpfbares Zitatenreservior“ abqualifiziert wurde.3

Jene abwertende Funktion des Reiseberichtes, welche sich in der plastischen Darstellung des Fremden äußert, ist dennoch nicht zu vernachlässigen, da sie zu einer hohen Beliebtheit im zeitgenössischen Publikum führte.

Beispielsweise erfreute der Bericht über die „Reisen eines Ritters in das gelobte Land“ von John Mandevilles bereits im Spätmittelalter ein breites Publikum, was sich in zahlreichen Abschriften und Übersetzungen äußerte.

Die Reiseberichte über fremde Kulturen, Sprachen und Länder stellten im 17. Jahrhundert in Frankreich eine Alternative zur Romanliteratur dar und konkurrierten während der Aufklärung mit philosophischen und theologischen Schriften um die Gunst der Leserschaft.4 Indem die Quellengattung vorrangig den Wunsch des Publikums nach Unterhaltung deckte, rückte die kritische und akademische Aufbereitung des vermittelten Stoffes in den Hintergrund.

Der akademische Zugriff auf die Reiseliteratur erfolgte zunächst durch die Wissenschaft der Geographie. Die Geographen der Renaissance strebten eine Prüfung der vergangenen und gegenwärtigen geographischen Gegebenheiten aufgrund antiker und mittelalterlicher Reiseberichte an. In der Geschichtswissenschaft näherte man sich den Reiseberichten seitens der traditionellen Sicht des Historismus. Der Reisebeschreibungen wurde als autobiografische Quelle gelesen und dienten nach Gerhard Huck primär der „Rekonstruktion einer Lebensgeschichte einer historischen Persönlichkeit“.5 Die vorrangige Sicht auf das Individuum führte zur Unterschätzung des allgemeinen Informationswertes jener Schilderungen und schränkte die Nützlichkeit des Reiseberichtes für die historische Forschung stark ein.

Urs Bitterli nennt in seinem Aufsatz „Der Reisebericht als Kulturdokument“ zwei wesentliche Gründe für die spät aufkommende ganzheitliche, das heißt Subjekt- und Objekt-gerichtete, Betrachtung des Reiseberichtes. Den ersten Grund stellt die Vernachlässigung der außereuropäischen Völker bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts in der Geschichtswissenschaft dar. Der zweite Grund verbirgt sich in der Form der Reiseberichte an sich. Hierbei ergibt sich sowohl ein qualitatives, als auch quantitatives Problem für den Historiker.6

Zum einen ist, wie oben angesprochen die Korrektheit der Reiseberichte schwer nachzuvollziehen. Es lassen sich hierbei erneut zwei Ursachen herausarbeiten, die eine verzerrte Realität der vom Subjekt dargestellten Welt ergeben.

Im Sinne der „künstlerischen Freiheit“ wurde zum Teil absichtlich das Interesse des Lesers durch Übertreibungen und Blendwerke geweckt. Demgegenüber ergaben sich durch die ideologischen Fesseln des Autors, wie Sozialisation, Tradition und Religion ganz unbewusst verzerrte Bilder der Wirklichkeit.7 In Anbetracht dessen bezeichnet Zlatko Klátik den Autor der Reisebeschreibungen als das „integrierende Prinzip“ schlechthin, welches durch seine Position zur Realität und deren Außendarstellung ein „episches Ganzes“ schafft.8 Aus jen]en Gesichtspunkt werden Reiseberichte oft in den „Grenzbereich zwischen dichterischer Phantasie und Gestaltungskraft einerseits und geschichtlicher und ethnographischer Wahrheit andererseits“ eingelagert.9

Die Korrektheit des Reiseberichtes kann allerdings auch nachträglich beeinflusst worden sein. Aufgrund der hohen Beliebtheit der Textart wurden zahlreiche Ergänzungen, Kürzungen, Umschreibungen und Übersetzungen durch die Zeitgenossen oder die nachfolgenden Generationen vorgenommen, weshalb sich für den kritischen Betrachter des Reiseberichtes „die Sorge um den rechten Text“ ergibt.10

Nachdem im Sinne der Authentizität eine qualitative Eigenschaft als Hindernis bei der Arbeit mit Reiseberichten herausgearbeitet wurde, hebt Urs Bitterli ein quantitatives Problem bei der Beschäftigung mit Reiseberichten hervor. Die Informationen, die aus verschiedenen Fachbereichen einfließen, sind schwer zu bewältigen und erfordern Interdisziplinarität. Urs Bitterli beschreibt jenen Aspekt, wie folgt:

„Der Historiker musste sich, um diesen Texten gerecht werden zu können, auch in andern Fachbereichen wie Geographie, Nautik, Ethologie, Zoologie und Botanik auskennen oder doch in der Lage sein, geeignete Fachleute beizuziehen.“11

Wie bereits oben angedeutet, entwickelte sich das Interesse der Geschichtswissenschaft zu Gunsten außereuropäischer Völker erst am Anfang des 20. Jahrhunderts. Dieser Trend bewirkte, dass auch die Bedeutung der Reiseliteratur als historische Quelle zunahm. Seit dem ersten Weltkrieg wurde die Reiseliteratur als Arbeitsquelle durch die westeuropäische Geschichtsforschung im Bereich der Übersee- und Kolonialgeschichte herangezogen. Da die dafür verwendeten Reiseberichte jedoch meist von abendländischen Reisenden verfasst wurden und diesen Dokumenten keine schriftliche Überlieferung der Eingeborenen entgegenstand, nahm die Kolonialgeschichte eine äußerst europazentrische Sichtweise ein.12

Eine Abkehr von der individualisierenden Sicht des Reisenden und somit eine Verminderung der Europazentrik erfolgte durch die französische Historikerschule der „Annales“, die das Motto „Totalität des Geschichtlichen“ vertraten. Die Anhänger dieser Schule, wie Lucien Febvre oder Fernand Braudel, proklamierten „eine Gesamtschau“ der beschriebenen Eindrücke der Reiseberichte und forderten die Untersuchung von wirtschaftlichen, politischen, kulturellen, sozialen, persönlichen und überpersönlichen Aspekten in Reiseberichten.13 Die Tendenz zur Interdisziplinarität ermöglichte die Betrachtung der Reiseberichte unter einem neuen Untersuchungsgegenstand.

Im Sinne der Ethnologie erlauben Reisebeschreibungen zum einen Erkenntniszuwachs über vergangene- außereuropäische Kulturen und eröffnen zum anderen Nachforschungen über den Kulturkontakt der europäischen mit der Kultur der Eingeborenen.14

Unter Betrachtung des Aspektes der zeitgenössisch-französischen Forschung ergibt sich für Urs Bitterli ein erster Definitionsansatz des Reiseberichtes, der sich zusammenfassend wie folgt darstellt:

„Reisebeschreibung als eine Materialsammlung, welche die Ergebnisse der ethnologischen Feldforschung und Archäologie überprüfen und erweitern hilft, als auch als individuelles Dokument der europäisch-überseeischen Begegnung und wichtige Quelle zum Studium des Kulturkontaktes.“15

Aus diesem Gesichtspunkt erschließt sich, dass Reisebericht sowohl Auskünfte über die besuchte Kultur, als auch über die Kultur des Reisenden enthalten. Diese Feststellung ermutigt Michael Harbsmeier in seinem Aufsatz „Reisebeschreibungen als mentalitätsgeschichtliche Quellen“ dazu, die methodische Arbeit mit Reisebeschreibungen zu konkretisieren.

Seiner Meinung nach müsse der Historiker explizit die Kultur des Reisenden als Forschungsgegenstand betrachten und Wissensinhalte über die Fremdkulturen nur marginal berücksichtigen. Harbsmeier beschreibt den methodischen Ansatz mit folgendem Satz:

„[…] d.h. die Reiseberichte nicht als Quellen zu den beschriebenen Ländern oder der literarischen Phantasie ihrer Autoren, sondern ganz einfach als Zeugnisse für die spezifische Denkungsart des Verfassers und indirekt für die Mentalität seines Heimatlandes anzusehen.“16

Da die Autoren der Reisbeschreibungen nicht die „kulturelle Selbstdarstellung“ anstrebten und sich eher beiläufig oder unfreiwillig über die eigene Kultur äußerten, misst Harbsmeier jenen Formen der Äußerung einen hohen Grad an Glaubwürdigkeit bei.17 Harbsmeier fordert demnach Reiseberichte als mentalitätsgeschichtliche Quelle zu betrachten, indem Erwartungen, Einstellungen und kulturelle Selbstverständlichkeiten des Autors und seines Publikums analysiert werden. Die differenzierte Betrachtung der Reiseberichte bezüglich der Eigen- und Fremdkultur weist auf eine weitere wesentliche Eigenschaft der Reiseliteratur hin. Michael Harbsmeier bezeichnet die Eigenschaft der Reiseliteratur als das „duale oder binäre Grundmuster der Gegenüberstellung“.

Die Gegenüberstellung äußert sich in der Verwendung der Wörter wie „wir“, „uns“, „Heimat“, „Christen“, die ihren Antonymen „sie“, „ihr“, „Fremde“, „Heiden“ gegenüberstehen.18

Wie die angegebenen Beispiele verdeutlichen, schloss die Darstellungsweise der Polarität des Öfteren eine Bewertung seitens des Reisenden mit ein und führte häufig zur Abwertung der fremden und zur Aufwertung der eigenen Kultur. Dass ein negativer Tenor des Reisenden gegenüber der Fremdkultur jedoch nicht Gang und Gäbe war, drückt Brenner folgendermaßen aus:

„ Das Fremde kann durchaus neutral oder positiv bewertet werden, die lange Tradition der kulturell oder religiös geforderten Verpflichtung der Gastfreundschaft macht dies sichtbar.“19

Aus den letztgenannten Aspekten lässt sich zusammenfassen, dass der wertende Charakter der Reiseberichte bei der kritischen Untersuchung jener Quellengattung stets beachtet werden muss. Sollte der Reisebericht keine wertende Komponente enthalten, muss zumindest die duale Struktur der Gegenüberstellung des Eigenen und Fremden berücksichtigt werden. Nachdem herausgearbeitet wurde, dass sich Reiseberichte in Anlehnung an den Historismus sowohl für die Aufarbeitung der Biografie des Reisenden eignen, als auch im mentalitätsgeschichtlichen Sinne zur Rekonstruktion der Erwartungen, Erfahrungen und Selbstverständlichkeiten des Reisenden und dessen Kultur herangezogen werden können, soll nachfolgend ein weiterer Vorteil des Reiseberichtes erläutert werden.

Die Reisenden berichten nicht nur von den Gegebenheiten der bereisten Länder und deren Wirkung auf die eigene Kultur, sondern schildern häufig die Strapazen, Gefahren und Erlebnisse der Reise selbst. Der Leser erhält Informationen über zurückgelegte Entfernungen und Zeitangaben, die benutzten Transportmittel, zu bewältigende Gefahren, getätigte Geschäfte sowie erlebte Rituale. Des Weiteren berichten viele Reisende von wirtschaftlichen Verschmelzungen der eigenen Kultur mit ihrer besuchten Umwelt, die sich dem Reisenden durch Warenbeziehungen, Märkte, Börsen, Karawanenrouten, Häfen und Handelshäuser offenbaren.20

Unter Berücksichtigung dieses wirtschaftlichen Aspektes wird der bereits oben angesprochene Kulturkontakt durch den Reisebericht besonders verdeutlicht.

Es zeigt sich, dass viele Verflechtungen und Abhängigkeitsverhältnisse zwischen den Zentren und ihrer Peripherie vorkamen,21 eine Verbindung jedoch häufig erst vom Reisenden vorausgesetzt und vertreten wurde. Durch die Kombination der erlebten Gegebenheiten mit den mitgebrachten Denkweisen entwickelte sich bei den Reisenden oft ein Anspruch an Homogenität, welcher sich in der Realität dermaßen nicht erfüllte. Da die Reisenden versuchten die unendliche Vielfalt des Wahrgenommenen auf mitgebrachte Gesetze, Strukturen und Kategorien zu reduzieren, wurde die vorliegende Empirie oft fehl gedeutet oder pauschalisiert.

Dieses Homogenitätspostulat trägt demnach nach Peter Brenner eher zu einer „Entempirisierung“ als zu einer „sinnlichen Anreicherung der Welterfahrung“ bei.22 In den Reiseberichten äußert sich dieses Phänomen in den zahlreichen „mirabilia“- Beschreibungen, in denen das Neue und Unverstandene als exotisch oder monströs verurteilt wurde. Peter Brenner erläutert diese Gegebenheit wie folgt:

„Es [das Neue] wird nur als singuläres, nicht in Ordnungszusammenhänge eingebettetes Phänomen wahrgenommen, das als kurioses oder gar monströses begriffen und damit zum „Exotischen“ gemacht wird.“23

Als weiteres Kriterium bei der Arbeit mit Reiseberichten lässt sich somit herausstellen, dass nicht immer das Gesehene des Reisenden zu hinterfragen ist, sondern das, was der Reisende im Gesehenen zu erkennen meint.

Die wichtigsten Kriterien im Umgang mit Reiseberichten sollen an dieser Stelle nochmals kurz zusammengefasst werden. Erstens sollte die Reiseliteratur aufgrund der hohen Subjektivität des Reisenden auf ihren Wahrheitsgehalt begutachtet werden, indem man andere Quellen zur Prüfung heranzieht. Des Weiteren müssen die ideologischen Fesseln des Autors reflektiert und untersucht werden. In mittelalterlichen Reiseberichten kann häufig von einer europazentrischen oder christlichen Perspektive des Reisenden ausgegangen werden.

Dabei sollte beachtet werden, dass nicht immer das beschriebene des Reisenden angezweifelt werden dürfe, sondern die Deutung des Beschriebenen zu hinterfragen ist. Weiterhin kann die Qualität des Reiseberichtes durch den Bildungsgrad, die Vorkenntnisse, die Interessen und die allgemeinen Wahrnehmungsfähigkeit des Reisenden, sowie dessen Fähigkeit Informationen schriftlich oder mündlich weiterzugeben gemindert werden.24

An jener Stelle ist ebenfalls zu berücksichtigen, dass Reisende ihre Berichte häufig nicht während der Reise, sondern Jahre später verfasst haben und somit einzelne Informationen diffus wurden beziehungsweise nicht mehr zugänglich waren. Dass der Reisende den Reisebericht häufig nicht selbst niederschrieb, sondern einer anderen Person diktierte oder die schriftliche Abfassung nach jahrlanger mündlicher Wiedergabe entstand, muss bei einer kritischen Reflexion des Informationsgehaltes ebenso beachtet werden.25 Bevor sich der kritischen Analyse des Reiseberichtes von Odorico da Pordenone unter der beschriebenen Fragestellung gewidmet werden kann, soll kurz auf einen Wandel des Reiseberichtes im Hoch- und Spätmittelalter eingegangen werden. Da einige Kriterien, die jenem Wandel unterlagen bereits im Reisebericht Odoricos vorhanden sind, soll an dieser Stelle nicht auf die Betrachtung verzichtet werden.

Nach Gerhard Huck zogen Veränderungen der Reisegegebenheiten im Bereich der Infrastruktur, der Schutz- und Übernachtungsmöglichkeiten sowie der Ausstattung des Reisenden im Hoch- und Spätmittelalter einem elementaren Wandel der Gattung des Reiseberichtes mit sich.26

Die Reiseliteratur entwickelte sich von einer ungeordneten Ansammlung von Ereignissen und deren persönlicher Deutung durch den Reisenden zu einer strukturierten und kompakten Erzählung, die oft Ausschmückungen enthielt. Weiterhin ersetzte die subjektive Schilderung des Gesehenen und Erfahrenen die zuvor gebrauchte naive und unkritische Reproduktion von Informationen aus den bereits vorhandenen Quellen. Es bildete sich eine Dominanz des eigenen Erlebten gegenüber den biblisch-theologischen Schriften und Reiseberichten anderer Personen heraus, wodurch die Glaubwürdigkeit alter Wissensinhalte, Autoritäten und Traditionen zusehends angezweifelt wurde. Ein letztes Kriterium, auf das Gerhard Huck bei der Veränderung des Reiseberichtes aufmerksam macht, ist die Abkehr von einer unpersönlichen hin zu einer persönlicheren Darstellungsweise des Verfassers.

[...]


1 Harbsmeier, Michael: Reisebeschreibungen als mentalitätsgeschichtliche Quellen. S. 1.

2 Brenner, Peter: Die Erfahrung der Fremde. S. 14

3 Huck, Gerhard: Der Reisebericht als historische Quelle. S. 32.

4 Bitterli, Urs: Der Reisebericht als Kulturdokument. S. 555.

5 Huck, Gerhard: Der Reisebericht als historische Quelle. S. 30.

6 Bitterli, Urs: Der Reisebericht als Kulturdokument. S. 556.

7 Huck, Gerhard: Der Reisebericht als historische Quelle. S. 32. Vgl. Brenner, P. J.: Die Erfahrung der Fremde. S. 27. Brenner differenziert die Abhängigkeitsfaktoren, welche für die Wahrnehmungs- und Darstellungsformen des Reisenden konstituierend sind etwas genauer. So bezeichnet er den sozialen Status des Reisenden, die Einbindung in die Mentalität gesellschaftlicher Gruppen, den technischen und organisatorischen Standard der Verkehrsmittel und persönliche Dispositionen des Reisenden als ausschlaggebende Faktoren.

8 Brenner, Peter: Der Reisebericht in der deutschen Literatur. S. 21.

9 Harbsmeier, Michael: Reisebeschreibungen als mentalitätsgeschichtliche Quellen. S. 2.

10 Reichert, Folker: Eine unbekannte Version der Asienreise Odorichs von Pordenone. S. 532. Mehr dazu in. Fuhrmann, Horst: Einladung ins Mittelalter.

11 Bitterli, Urs: Der Reisebericht als Kulturdokument. S. 556.

12 Huck, Gerhard: Der Reisebericht als historische Quelle. S. 31.

13 Bitterli, Urs: Der Reisebericht als Kulturdokument. S. 557.

14 Huck, Gerhard: Der Reisebericht als historische Quelle. S. 31.

15 Bitterli, Urs: Der Reisebericht als Kulturdokument. S. 558.

16 Harbsmeier, Michael: Reisebeschreibungen als mentalitätsgeschichtliche Quellen. S. 1.

17 Ebd. S. 2.

18 Ebd. S. 3. Anzumerken ist, dass dieser Dualismus kein Phänomen des mittelalterlichen Reiseberichts ist, sondern bereits in der Antike präsent war, wie es die soziale, kulturelle und religiöse Unterscheidung zwischen „Helenen“ und „Barbaren“ deutlich macht.

19 Brenner, Peter: Die Erfahrung der Fremde. S. 19.

20 Harbsmeier, Michael: Reisebeschreibungen als mentalitätsgeschichtliche Quellen. S. 13.

21 Ebd. S. 13.

22 Brenner, Peter: Die Erfahrung der Fremde. S. 29.

23 Ebd. S. 30.

24 Bitterli, Urs: Der Reisebericht als Kulturdokument. S. 559. Vgl. Brenner, P.: Die Erfahrung der Fremde. S. 27.

25 Mehr dazu in. Reichert, Folker: Erfahrung der Welt. Reisen und Kulturbegegnung im späten MA. S. 16-19.

26 Huck, Gerhard: Der Reisebericht als historische Quelle. S. 33.

Details

Seiten
33
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656109396
ISBN (Buch)
9783656109655
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v187557
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Geschichte
Note
1,3
Schlagworte
erfahrung beschreibung unglaublichen reisebericht

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die Erfahrung und Beschreibung des Unglaublichen im Reisebericht