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Erlebe dein Leben - die Erlebnisgesellschaft und ihre Auswirkungen für das Sporttreiben in der Freizeit

Hausarbeit 2010 12 Seiten

Sozialwissenschaften allgemein

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung und Zielsetzung

2. Von der Überlebens- zur Erlebnisgesellschaft
2.1. Traditionelle, restaurierte Industriegesellschaft
2.2. Die „Revolution“ der 1960er Jahre
2.3. Die moderne Konsumgesellschaft – „Erlebe dein Leben“

3. Erlebnis Sport im 20. und 21. Jahrhundert
3.1. Die Sehnsucht nach Abenteuer und0 Risiko
3.2. Extrem- und Risikosport
3.2.1. Reizsuche
3.2.2. Angstüberwindung
3.2.3. Grenzsuche
3.2.4. Erlebnissuche

4. Zusammenfassung und Ausblick

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung und Zielsetzung

Im Rahmen der Übung „Soziologie 2C“ beschäftigt sich meine Hausarbeit mit den Themen „Erlebnisgesellschaft“ und „Erlebnissport“.

Die Welt ist für uns Menschen durch einen tristen, langweiligen und austauschbaren Alltag gekennzeichnet. Nicht zuletzt ist das Ganze vielleicht selbstverschuldet. Die „rationale Gesellschaft“ nennt man uns. Doch wer will schon vernünftig leben? „Vernünftig“ geht heutzutage einher mit „langweilig“ – gegensätzlich ausgedrückt und auf den Punkt gebracht: „No risk, no fun“. Wer „in“ sein will, der muss den „Kick“ spüren – ganz nach dem Motto „Erlebe dein Leben“.

Dementsprechend versuchen immer mehr Menschen dieser Monotonie zu entkommen. Abenteuerreisen durch den Dschungel Südamerikas, Survival-Camps in der Wüste und Bungee-Sprünge an immer ungewöhnlicheren Orten sind nichts Seltenes mehr. Die Bedeutung des Sports hat sich in den letzten Jahrzehnten massiv verändert und ausdifferenziert. Ihm liegt eine gewisse Dynamik zu Grunde, denn er nimmt einen immer breiteren Raum in der Gesellschaft ein und entwickelt sich fortwährend weiter.

Es soll also in meiner Hausarbeit darum gehen, den Wandel von der Überlebensgesellschaft hin zur Erlebnisgesellschaft zu skizzieren und letztere zu charakterisieren. In diesem Fall werde ich den Schwerpunkt auf das Sporttreiben in der Freizeit setzen und versuchen zu erklären, welche psychologischen Hintergründe dahinterstehen.

2. Von der Überlebens- zur Erlebnisgesellschaft

In diesen Kapiteln werde ich den Konsum-, Lebens- und Wertewandel, der in den letzten Jahrzehnten in der Bundesrepublik Deutschland stattgefunden hat kurz skizzieren. Dabei lehne ich mich an Gerhard Schulze an und ziehe einen Bogen von der traditionellen Industriegesellschaft nach dem 2. Weltkrieg bis zur modernen Konsumgesellschaft ab den 1980er Jahren. Die folgenden „Epochen“ sind dabei eher als „Reihe von Übergangszuständen“[1] zu verstehen, nicht als determinierte Perioden. Da dieses Thema sehr umfangreich ist, habe ich mich auf wenige Aspekte konzentriert und die Standbilder der Gesellschaften nur umrissen.

2.1. Traditionelle, restaurierte Industriegesellschaft

Zeitlich einzuordnen ist dieses erste „Standbild“[2] in der Nachkriegszeit nach 1945, wobei der Name „Industriegesellschaft“ schon auf einige Charakteristika aus dem 19. Jahrhundert hinweist. Gekennzeichnet ist diese Gesellschaft neben einem hohen Grad an Industrialisierung (Arbeitsteilung, Zunahme der Bürokratisierung etc.) auch durch eine soziale Schichtung.

Die Gesellschaft definierte sich durch ihre Stellung im Produktionsprozess – es wurde also ökonomisch differenziert. Zu dieser Zeit war das Leben am Arbeitsplatz zentral; man war nicht gezwungen groß nachzudenken und konnte die Schrecken des 2. Weltkriegs für eine Zeit lang vergessen. Arbeit garantierte neben Geld auch Lebenssinn.[3] Damit einhergehend erfolgte natürlich auch eine gewisse Segmentierung bzw. Hierarchie von Statusgruppen; „Milieuindizierende[…] Zeichen“[4] wie der Lebensstandard (Einkommen, Kleidung, Wohnungsausstattung etc.) oder auch das „Hineingeborenwerden“ in eine bestimmte Schicht spielten in der restaurierten Industriegesellschaft eine große Rolle. Wie sich hier schon ein „oben“ und „unten“ abzeichnet, so zieht sich diese Bipolarität auch durch den Bereich der Kultur: Für den Gartenzwerg gab es das Pendant des Apollos, für den Schlager das noble Klavierkonzert.[5] Trivial- und Hochkulturschema existierten also in der Nachkriegszeit gleichzeitig und nebeneinander. Detaillierter ausgedrückt: „Für die Bildungsbürger gab es das Kultivierte und das Geschmacklose, für die ,einfachen‘ Menschen die heile Welt und die Frostregion der Hochgestochenheit.“[6]

Da alle von einem neuen, makellosen Bild des „Guten“ träumen wollten, etablierte sich die Kunst und die Kultur immer mehr. Durch neue Opernhäuser, neue Theater und die darin aufgeführten Werke von Hesse, Brecht und Co. betrieb man bis in die 1960er Jahre statt einer einfachen Kultur- schon eine Hochkulturpolitik. Alles, was nur annähernd das „Schöne“ repräsentierte wurde sofort in Kirchen und Schlössern ausgestellt oder „als meisterhaft aufgebaut, großartig, kulturell schutzwürdig“[7] rezitiert. Ziel dieser Hochkulturpolitik war „Bildung und Kultur für alle“, quasi eine Demokratisierung der Kunst.

Auch in der Alltagsästhetik ist der Schrecken des 2. Weltkriegs – vergleichbar mit der völligen Abwesenheit von Konsum und Befriedigung - wiederzuerkennen. „Unschuldiges Vergnügen“[8] nennt Schulze die vereinzelten Lichtblicke, die den Alltag für den Bürger lebenswert machten: Eine Packung Zigaretten oder Bohnenkaffee allein schon erfreute das Herz des zaghaften Konsumenten.

„In einer glücklichen Übergangszeit, wo eine bescheidene Versorgung mit Erlebnisangeboten noch vor dem dunklen Hintergrund völliger Entbehrung erlebt wurde, am Anfang des Erlebnismarktes, war Befriedigung noch leicht erreichbar.“[9]

Es war also sehr einfach für die Warenanbieter, den Konsum anzukurbeln. Strategien zur Erhöhung der Nachfrage wie z.B. Produktvariation[10] waren nicht erforderlich. Diese Einfachheit bzw. Zugänglichkeit zu Genuss, die von Allen erreicht werden konnte, machte den Unterschied zur Industriegesellschaft des 19. Jahrhunderts aus. Zwar war jeder Bürger in einer anderen Schicht anzusiedeln, doch waren sie sich alle einig, dass Konsum von Waren und Kultur für alle möglich sein sollte.

2.2. Die „Revolution“ der 1960er Jahre

Die im letzten Kapitel im Mittelpunkt stehende Einteilung der Bevölkerung in „oben“ und „unten“ wurde im Laufe der 1960er Jahre zunehmend umfunktioniert. Als ambivalent lassen sich diese Mileupositionierungen heute bestimmen, wenn man erkennt, dass die „neu gefundenen“ ausschlaggebenden Charakteristika dieser Zeit „jung“ und „alt“ sind.[11] Angetrieben zum Leben wurde man nicht mehr durch Bestimmungen seiner sozialen Schicht – und damit der Stellung im Produktionsprozess – sondern durch die Kohortenlage, wie ich sie gerne nennen würde und am folgenden Beispiel verdeutliche: Musikstile wie der Blues fanden ihr Publikum anfangs nur unter der jungen Generation. Mit der Weiterentwicklung und im Laufe der Zeit jedoch wurde der Blues älter und damit auch seine Hörer, welche sich ursprünglich aber mit Hilfe unbekannter und nie da gewesener „Lebensformen“ von der älteren Generation absetzen wollten. Das „Spannungsschema“ ist in Kraft getreten.[12]

Spannungsschema ó Hochkultur-/Trivialschema

- Verschiebung der (Alters-)Grenzen - Oben vs. Unten

- Jung vs. Alt

=> Pluralisierung von Lebensstilen

=> 2 neue Justierungen:

- Hochkultur- und Trivialschema im Integrationsmilieu

- Hochkultur- und Spannungsschema im

Selbstverwirklichungsmilieu

Abbildung 1 Spannungs- vs. Hochkultur-/Trivialschema

Die Demokratisierung der Kunst, wie oben beschrieben, ist im Laufe der 1960er Jahre für die Bürger zur Langeweile verkommen.[13] Dass man aus jedem Milieu und jeder Altersgeneration Zugang zur (Hoch-)Kultur hatte, war zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Die Revoluzzer-Bewegung tat ihr Übriges, um sich von dieser neuen Spießigkeit abzusetzen. Straßenfeste, große Musikfestivals (von Woodstock wird man sich in 100 Jahren wahrscheinlich noch erzählen) und Demonstrationen (Atomkraft? – Nein, Danke!) kreierten das Lebensbild, das wir heute von den 1968ern vor Augen haben. Damit einhergehend war natürlich folgende Neuerung:

„Die Definition des Publikums als Rezipientengemeinschaft wurde erweitert um die Definition des Publikums als Kulturproduzent.“[14]

Alle Bürger konnten also nun selbst ihren Beitrag zur Formung der Gesellschaft beisteuern, alle waren aktiv an der Gestaltung des allgemeinen Lebens beteiligt.

Dieses intensive „Erleben“ schlug sich auch auf den Konsum nieder. Jeder wollte, jeder kaufte, jeder konsumierte. „Kumulation“[15] war das Stichwort dieser Ära – Anhäufung möglichst vieler Waren. Durch neues Wissen und Techniken war es den Erlebnisanbietern möglich geworden, eine neue Form von Massenproduktion zu entwickeln. Auf den Punkt gebracht: Neue, luxuriöse Artikel fanden sich zahlreich in den Regalen der Geschäfte wieder. Wie zu erwarten, regte sich bald Widerstand gegen diese „Entpersönlichung“[16] und der Begriff „Konsum“, der anfangs für eine neu erlangte Freiheit stand, war anschließend fast nur noch negativ kennzeichnend für die ökonomischen Interessen der „Kulturindustrie“[17].

2.3. Die moderne Konsumgesellschaft – „Erlebe dein Leben“

Im Gegensatz zu den vorangegangenen Stadien, in denen die Außenorientierung des Ichs galt, ist in der Erlebnisgesellschaft die Innenorientierung von Bedeutung. Durch diese Unterscheidung wird eine Grenze zwischen Umwelt und Subjekt markiert. Während eine außenorientierte Lebensauffassung auf die Wirklichkeit abzielt, die der Mensch sich außerhalb seiner selbst vorstellt, bezieht sich die innenorientierte auf das Individuum an sich. Ein Beispiel veranschaulicht dies vielleicht etwas mehr: Das Ziel, Kinder zu haben ist in der ersten Gruppierung dann erreicht, wenn diese Kinder auf der Welt sind und leben. Nach einer innenorientierten Auffassung allerdings ist dieser Punkt erst erfüllt, wenn die Kinder die Eltern auch glücklich machen.

Neid, Geiz etc. wären außenorientierte Muster, die aber in der modernen Gesellschaft nicht vorkommen, weil sich jeder mehr auf Urlaub, Sport und dem Erleben seiner selbst konzentriert und andere soziale Gruppierungen so für ihn uninteressant werden. Schulze nennt dies einen „Milieuethnozentrismus“.[18]

Durch diese Umorientierung der Lebensanschauung hat die Gesellschaft auf die veränderten Bedingungen im Laufe der Zeit reagiert. Die Menschen handeln immer mehr erlebnisorientiert, was auch für die Wirtschaft einen enormen Aufwand bedeutet. Produkte müssen immer wieder neu erfunden werden und mit bestimmten Schlüsselreizen versehen werden, damit der Kunde darauf reagiert und sie eventuell kauft. Das Kumulationsprinzip ist immer noch vorherrschend und gibt den Ton an, steht aber zunehmend auf der Kippe, wie Schulze es formuliert:

[...]


[1] Schulze, Gerhard: Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart, 2005, S.531

[2] Ebd., S.532

[3] Vgl. ebd.

[4] Ebd.

[5] Vgl. ebd., S.533

[6] Ebd., S.534

[7] Ebd., S.535

[8] Ebd., S. 533

[9] Ebd.

[10] Vgl. ebd., S.534

[11] Vgl. ebd., S.536

[12] Ebd. S. 538

[13] Vgl. ebd., S.540

[14] Ebd.

[15] Ebd., S.539

[16] Ebd.

[17] Ebd.

[18] Ebd., S.541

Details

Seiten
12
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656116455
ISBN (Buch)
9783656117162
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v187549
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,3
Schlagworte
erlebe leben erlebnisgesellschaft auswirkungen sporttreiben freizeit

Autor

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Titel: Erlebe dein Leben - die Erlebnisgesellschaft und ihre Auswirkungen für das Sporttreiben in der Freizeit