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Angewandte Gesundheitsförderung in der Aus- und Weiterbildung unter Berücksichtung des salutogenetischen Ansatzes

Diplomarbeit 2007 65 Seiten

BWL - Didaktik, Wirtschaftspädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Vorwort

Problemstellung und thematische Abgrenzung

1. Salutogenetischer Ansatz
1.1 Begriffsbestimmung und Entstehungshintergrund
1.2 Theoretische Auseinandersetzung mit der Salutogenese
1.2.1 Krankheit im geschichts-philosophischen Kontext
1.2.2 Stressoren und Widerstandsressourcen
1.2.3 Kohärenzgefühl als individuelle Norm

2. Salutogenese im wissenschaftlichen Kontext
2.1 Kohärenzgefühl und Gesellschaft
2.2 Kritik am salutogenetischen Ansatz
2.3 Dahlkes Konzept der Krankheit von innen

3. Polarität und Einheit
3.1 Schneiders modernes Polaritätsmodell
3.2 Das pädagogische Polaritätsmodell
3.3 Das berufspädagogische Polaritätsmodell

4. Anwendung in der berufspädagogischen Praxis
4.1 Inhalt der Umsetzung
4.1.1 Input-Phase (Montag, 06.08.)
4.1.2 Gruppenarbeitsphase (Mittwoch, 08.08.)
4.1.3 Präsentation (Montag, 13.08.)
4.2 Methode
4.3 Zielgruppe
4.4 Ausblick
4.5 Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Bewusstseinsmodell

Abbildung 2: Horizontale Topographie des Bewusstseins

Abbildung 3: Vertikale Topographie des Bewusstseins

Abbildung 4: Gesellschaftliche Polarität

Abbildung 5: Polarität von Tradition und Innovation

Abbildung 6: Polarisation zwischen Theorie und Praxis

Abbildung 7: Aufspaltung des Selbst

Tabelle 1: Links-Rechts-Variablen

Vorwort 2

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) rief vor einigen Jahren zu einer neuen Sichtweise in der Medizin auf und verwies damit auf den Unterschied zwischen Krankheits- und Gesundheitsmedizin. Während erstere sich darauf spezialisiert hat, Krankheiten zu kurieren (Gesundheit ist hier das Nichtvorhandensein von Krankheit), sorgt sich die andere um die Gesundheit (in der Bedeutung von Lebensqualität und Interpretation des Lebens). Dieser Sichtweise liegt das Konzept der Salutogenese des Medizinsoziologen Aaron Antonovsky zu Grunde, dass er in seinen beiden Haupt- werken1 entwickelt hat.2 Anlass war die Kritik am vorherrschenden biomedizinischen Krankheits- und Präventionsmodell. Antonovskys Interesse gilt mehr der Frage, wa- rum Menschen gesund bleiben und weniger der Frage nach den Ursachen von Krank- heiten und sogenannten Risikofaktoren. Primär geht es ihm um die Bedingungen der Möglichkeit von Gesundheit und die Faktoren, welche sie schützen und erhalten.

Er stellt der üblichen und damit dichotomen Trennung von Gesund-Sein und Krank- Sein ein Kontinuum mit den Polen Gesundheit/körperliches Wohlbefinden und Krankheit/körperliches Missempfinden (health ease / disease continuum) gegenüber. Demzufolge seien weder völlige Gesundheit noch völlige Krankheit wirklich zu er- reichen. Jeder Mensch, auch wenn er sich (überwiegend) als gesund erlebt, habe auch kranke Anteile - und solange Menschen am Leben sind, seien auch Teile von ihnen gesund. Folgt man Antonovsky weiter, steht im Vordergrund also nicht, ob jemand gesund oder krank ist, sondern wie nahe bzw. wie entfernt er sich von den jeweiligen Polen Gesundheit oder Krankheit befindet.

Ausgangspunkt für die Überlegungen Antonovskys ist die Annahme, dass der Ge- sundheits- bzw. Krankheitszustand eines Menschen wesentlich durch eine individuel- le, psychologische Einflussgröße bestimmt wird, nämlich durch die Grundhaltung des Individuums gegenüber der Welt und dem eigenen Leben. Von dieser Grundhaltung hängt es seinem Verständnis nach maßgeblich ab, wie gut Menschen in der Lage sind, vorhandene Ressourcen zum Erhalt ihrer Gesundheit und ihres Wohlbefindens zu nutzen. Je ausgeprägter das Kohärenzgefühl einer Person ist, desto gesünder ist sie bzw. desto schneller wird sie gesund und bleibt es.

So revolutionär dieser Ansatz zu seiner Zeit war, so schnell geriet er auch wieder in Vergessenheit. Nur wenige Mediziner machten sich Antonovskys Gedanken zu eigen und praktizierten fortan nach dieser Methode. Meist waren es esoterisch denkende Menschen, die ohnehin nie nur einzelne Aspekte eines Krankheitsbildes betrachteten. Jedoch zeigt sich in den letzten Jahren ein Umdenken. Auslöser ist vor allem die grö- ßer werdende Unwirksamkeit von Medikamenten. Nicht die Krankheit als Einzelnes, sondern der Mensch als Ganzes wird nun schrittweise in den Fokus der Betrachtung gestellt. Ein später Erfolg für Antonovsky.

Problemstellung und thematische Abgrenzung

Die Frage ist nun, inwieweit lässt sich dieser Ansatz überhaupt in den berufspädagogischen Alltag übertragen. Um diese Frage zu beantworten, wurde in Abschnitt 1 zunächst der salutogenetische Ansatz ausführlich untersucht. Dazu gehören neben der Begriffsbestimmung und dem Entstehungshintergrund auch die theoretische Auseinandersetzung mit der Krankheit im geschichts-philosophischen Kontext, der Stressorentheorie und dem Kohärenzgefühl im Besonderen.

Abschnitt 2 steht im Zeichen des wissenschaftlichen Hintergrunds. Die Frage ist hier, in wie weit stehen Kohärenzgefühl und Gesellschaft zueinander. Jedoch soll auch nicht die Kritik an diesem Ansatz, die sich vor allem auf die Bewertungsmethoden beschränkt, vergessen werden. Des Weiteren wird Abschnitt 2 sich mit dem Polari- tätsgedanken aus der Sicht Dahlkes befassen. Es muss vorab gesagt werden, dass die gedanklichen Ansätze hinsichtlich der Polarität des Menschen zwar in den Grundzü- gen mit der Schneiders in Abschnitt 3 thematisierten übereinstimmt, jedoch zieht Dahlke zur Erklärung die Kreise enger und stellt den Menschen in den Mittelpunkt der Betrachtung, d.h., er lässt die Gesellschaft etwas außen vor.

Abschnitt 3 wird, wie bereits erwähnt von Schneiders Polaritätsgedanken dominiert. Hier ist insbesondere das berufspädagogische Polaritätsmodell von Bedeutung, da dieses letztlich in die berufspädagogische Praxis mit überführt werden soll.

Im Abschnitt 4 wird versucht, eine Verbindung zwischen der MultiplikatorenMethode und den salutogenetischen Ansatz herzustellen. Dieser Versuch der Verbindung wurde in die berufspädagogische Praxis umgesetzt.

1. Salutogenetischer Ansatz

1.1 Begriffsbestimmung und Entstehungshintergrund

Aaron Antonovsky wurde 1923 in Brooklyn geboren. Nach dem Besuch des Brook- lyn-College begann er ein Studium der Geschichte und Wirtschaft an der Yale- Universität. Dieses musste er während des Zweiten Weltkriegs für den Dienst in der US-Armee unterbrechen. Eher zufällig kam er durch ein Referat und eine Nebenver- dienstarbeit mit Hollingshead, der Medizinsoziologie und der Stressforschung in Kontakt. 1952 erwarb er in der Abteilung für Soziologie der Yale-Universität seinen M.A., 1955 einen Ph.D. Von 1955 bis 1959 unterrichtete er Abendklassen am Brook- lyn-College, 1956 wurde er Leiter der Forschungsabteilung des Antidiskriminie- rungsausschusses des Staates New York. 1959 bis 1960 war er Fulbright Professor für Soziologie an der Universität Teheran.

1960 emigrierte er gemeinsam mit seiner Frau Helen nach Israel. In Jerusalem über- nahm er zunächst eine Stelle als Medizinsoziologe am Institut für angewandte Sozial- forschung. Neben der Lehre wandte er sich hier vor allem der Stressforschung und der Erforschung latenter Funktionen der Institutionen des Gesundheitswesens zu. Thematische Schwerpunkte waren: Epidemiologie der Multiplen Sklerose; psychoso- ziale Risiken jüdischer Emigranten aus den USA in Bezug auf koronare Herzerkran- kungen; präventives Zahnpflegeverhalten; ethnische Unterschiede in der Verarbei- tung der Menopause bei in Israel lebenden Frauen. Unter diesen befanden sich auch Frauen, die in nationalsozialistischen Konzentrationslagern überlebt hatten. Dass sie es geschafft hatten, ihr Leben neu aufzubauen, empfand er als Wunder - und der Er- forschung dieses Wunders, des Wunders des Gesundbleibens, widmete er von da an seine Arbeit und sein Engagement.

Ab 1972 hatte er entscheidenden Anteil am Aufbau einer gemeindeorientierten me- dizinischen Fakultät an der Ben-Gurion-Universität des Negev. Er war zuständig für die verhaltenswissenschaftlichen und soziologischen Anteile des Curriculums und stand neun Jahre dem Zulassungsausschuss vor, für den er ein Auswahlverfahren ent- wickelte, in dem es mehr auf Einstellung, Engagement und Verantwortungsübernah- me als auf Schulnoten und Testergebnisse ankam. Aaron Antonovsky starb am 7. Juli 1994 in Beer-Sheba (Israel).3

1.2 Theoretische Auseinandersetzung mit der Salutogenese

Die Frage nach dem WIE und WARUM in Sachen Gesundheit stellte Antonovsky in den Mittelpunkt seiner Forschung und entwickelte das Konzept der Salutogenese. Er übt damit Kritik am pathogenetischen und dichotomen Modell, das danach fragt, was Mensche]n krank macht, und das Krankheit als Abwesenheit von Gesundheit begreift. Sein Anliegen lautet: Wie verarbeitet das Individuum Spannungszustände und bleibt dabei gesund? Wie lassen sich die Mechanismen einer gesunden Verarbeitung stär- ken?4

Er sieht Krankheit als notwendigen Bestandteil des Lebens, in dem sich Gesundheit und Krankheit mischen. Antonovsky verwendet zwei Bilder, um den Sachverhalt zu beschreiben. „Wir alle befinden uns in verschiedenen Flüssen, deren Strömungen und Strudel oder andere Gefahrenquellen variieren; niemand befindet sich jemals am si- cheren Ufer“5. Gesund bleiben heißt hierbei ein guter Schwimmer zu werden. Oder auf die Metapher des Skifahrers angewendet - wie Antonovsky es ausdrückt: Wir alle fahren eine lange Skipiste hinunter. Während die pathogenetische Orientierung hauptsächlich mit denjenigen beschäftigt ist, „die an einen Felsen gefahren sind, an einen Baum, mit einem anderen Skifahrer zusammengestoßen sind oder in eine Glet- scherspalte fielen“ bzw. die uns davon überzeugen will, dass es besser ist, überhaupt nicht Ski zu fahren, interessiert sich die salutogenetische Orientierung dafür, „wie die Piste ungefährlicher gemacht werden kann und wie man Menschen zu sehr guten Ski- fahrern machen kann“.6

Diese Fähigkeit oder Eigenschaft nennt Antonovsky sense of coherence (SOC), was im deutschen Kohärenzgefühl genannt wird. Es ist „keine spezielle Coping-Strategie, sondern eine generelle Lebenseinstellung“7. Der Mensch bewegt sich zwischen den Zuständen von Gesund- und Kranksein. Absolute Gesundheit gibt es ebenso wenig wie völliges Kranksein; jeder Mensch, auch wenn er sich überwiegend gesund erlebt, trägt kranke Anteile in sich. Antonovsky stellt den Aspekt der körperlichen Gesund- heit in den Mittelpunkt.

Das pathogenetische Modell geht von der Homöostase aus, der Vorstellung, dass der Mensch in einer inneren und äußeren Stabilität lebe. Dies sei der Normalzustand des Menschen, und die Krankheit sei lediglich an das unglückliche Zusammentreffen be- stimmter Faktoren gebunden. Bei dieser Auffassung besteht die Gefahr, dass in ver- kürzter Weise rückgeschlossen wird, dass Gesundheit durch das Entfernen krank ma- chender Faktoren, die man als atomistische Teile verstehen kann, sozusagen garan- tiert sei.8

Das salutogenetische Modell ist dagegen der Idee der Heterostase verpflichtet, d.h., dass sich der Mensch wesentlich im Ungleichgewicht, in der fehlenden Stabilität be- wegt. Stressoren, d.h. äußere Einwirkungen, spielen dabei eine wichtige Rolle. Sie versetzen die Person in einen physiologischen Spannungszustand, den es körperlich und seelisch zu bewältigen gilt. Gelingt dies, dann stärkt das Erleben den sense of co- herence, misslingt es, dann entsteht Stress, der aber nicht zwangsläufig krank ma- chend sein muss. Ob Ressourcen geweckt werden, hängt von zweierlei ab,

1. ob die betreffende Person bereits über einen hohen sense of coherence verfügt und
2. ob zusätzlich zum auftretenden Stress andere schwächende Faktoren (Krank- heit, äußere Nöte) vorliegen.

In diesem Zusammenhang spricht Antonovsky von „generalisierten Widerstandsres- sourcen“, heilsamen Faktoren (salutary factors), die einem helfen, „mit jedwedem Stressor umzugehen“.9 Zunächst dachte er dabei an Faktoren wie soziale Unterstüt- zung, Geld und kulturelle Stabilität, später wurde ihm klar, dass diese exogenen Res- sourcen auf „endogene“, personenspezifische Ressourcen verweisen. Diesen äußeren Faktoren war gemeinsam, dass sie „die Überzeugung des Menschen stärkten, dass die Stimuli der eigenen Umwelt sinnvoll interpretierbar sind“10. Er nannte diese Kompo- nente das Gefühl der Verstehbarkeit (sense of comprehensibility). Dies allein aber ge- nügt nicht. Zu dem Gefühl, etwas verstanden zu haben, muss ein weiterer Faktor hin- zukommen: der des instrumentellen Vertrauens, das Machbarkeitsgefühl (sense of manageability). Der dritte Faktor, den Antonovsky fand, ist die Motiviertheit, das Ge- fühl, etwas bewältigen zu wollen. Dies nannte er das Bedeutsamkeitsgefühl (sense of meaningfulness).

1.2.1 Krankheit im geschichts-philosophischen Kontext

Die Auffassung der Antike kann im Sinne der Homöostase, des regulierten dy- namischen Gleichgewichts, beschrieben werden. Platon (427-347 v. Chr.) lässt den Arzt im Meisterdialog Symposion sagen, dass Gesundheit Harmonie und vernünftige Mischung der Gegensätze sei.11 Ähnlich wie der richtige Zustand des Kosmos eine Mischung der Elemente ist, so bildet sich die Gesundheit des einzelnen Menschen als Mischung der Gegensätze ab. Er sagt im Spätdialog: „Jeder krankhafte Zustand stimmt irgendwie mit der Natur der Lebewesen überein. Denn auch die Zusammen- setzung der Lebewesen enthält die Vorbestimmung einer gewissen Lebenszeit, für sich und die ganze Gattung, und dementsprechend ist jedem Wesen ein gewisses Le- ben zugeordnet, abgesehen von den Unglücksfällen, die das Schicksal mit sich brin- gen kann. [...] Wenn man die Krankheiten vor der Zeit, die vom Schicksal bestimmt ist, mit Hilfe von Heilmitteln unterdrückt, so können leicht aus kleinen Krankheiten große und zugleich aus wenigen viele werden. Darum sollte man alles Derartige durch eine richtige Lebensweise in gute Bahnen lenken, soweit man die nötige Zeit dazu hat, und darf das Übel nicht durch die Einnahme von Arzneien so reizen, dass es bösartig wird“12.

In Platons Dialogen spiegeln sich Gedanken über das Geschehen im Kosmos wider. Die Naturphilosophen diskutieren darüber, wie man sich denn das Ganze, die Einheit, das Unveränderliche und die Teile, Elemente, die Veränderungen denken müsse. Die Kontroverse lautet: Die Wirklichkeit kann als einheitlich und unveränderlich betrach- tet werden. Und: Die Wirklichkeit lässt sich durch Veränderlichkeit und Dynamik be- schreiben. Die sich daraus entwickelnde Lehre des Atomismus legte das Fundament für eine rationale Sicht der Wirklichkeit, in der die Gegensätze Unveränderlichkeit und Veränderlichkeit enthalten sind. Es geht um die zu Grunde liegende Frage: Wie lassen sich die Ordnung und das Gleichbleibende trotz der Veränderbarkeit und dem Wechsel erhalten? Diese Überlegungen waren kosmologisch begründet.13

Diese Gedanken prägen die Diskussion über Gesundheit und Krankheit: Zum einen ist der Einzelne faktisch in den Kosmos eingebunden und seine Gesundheit ist Teil des Ganzen, das sein Leben und seinen Tod, und entsprechend auch seine Krankheit umschließt. Zum anderen aber ist der Einzelne analog zum Kosmos sozusagen sein eigener Demiurg, der in sich ruht und zugleich seine Veränderungen mitbestimmt und somit über seinen Zustand der Gesundheit oder Krankheit verfügt.14

Diese Aspekte von Gesundheit und Krankheit gelten für die ganze Antike. Die Har- monie und die vernünftige Mischung der Gegensätze und das Eigenleben von Ele- menten. Auch Aristoteles, der Platons Ideen weiterentwickelte, spricht von Gesund- heit als rechter Mitte und Gleichmass verschiedener Kräfte,15 dem Höhepunkt des Wohlbefindens und der Leistungsfähigkeit.16 Als er 384 v. Chr. geboren wurde, wa- ren die Vorstellungen der Lehren des Arzt-Philosophen Alkmaion von Unteritalien und von Hippokrates im griechischen Kleinasien bereits zum allgemeinen Kulturgut geworden.

Die Gedanken der Antike und die Auffassungen des kosmologischen Modells wirken bis ins 16. Jahrhundert weiter. Dann wandeln sich die Begriffe Gesundheit und Krankheit besonders unter dem Einfluss der zunehmenden Naturbeherrschung und der Erfahrung der geografischen Endlichkeit der Welt entscheidend. Die unscheinbar vorhandene Sicherheit gerät ins Wanken und muss mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln erhalten werden. Die symbolische Dimension der Krankheit, d.h. die Idee der Einbettung, die sich in der romantischen Naturphilosophie erhalten konnte, verküm- mert immer mehr und es verfällt der Glaube an die „Welt-Gesundheit, oder besser: mit dem Zweifel, ob wir an der harmonisch geordneten Welt, bzw. der Natur noch Maß für unsere Gesundheit nehmen können, kommt der klare Gegensatz von Ge- sundheit und Krankheit ins Wanken“17. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wird in den deutschen Territorien der Mensch, seine Lebensweise und die Umwelt le- diglich als ökonomischer Faktor und Objekt öffentlicher Verwaltungsaktivitäten beg- riffen und behandelt. Das Ende des 18. Jahrhunderts ist von der Vorstellung be- herrscht, dass der gesunde Organismus den Rahmen für die Normalität abgibt. Dem- entsprechend werden Krankheiten pathologisiert und ausgegrenzt.18 Auch in England und Frankreich ist der Staat unter dem Aspekt des Utilitarismus, der Ethik des zweckgerichteten Handelns im Sinne des Nutzens für die Gemeinschaft, an einer größtmöglichen Zahl gesunder und produktiver Untertanen interessiert. Die Arbeits- kraft des Einzelnen stellt einen wichtigen Faktor für die Vergrößerung des nationalen Wohlstandes dar. Die Medizin spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle und orien- tiert sich trotz der Vielzahl medizinischer Systeme immer noch wesentlich am hippo- kratischen Modell der vier Körpersäfte. In die theoretischen Diskussionen fließen je- doch Gedanken der aufstrebenden Naturwissenschaften und der Philosophie ein.

Im 19. Jahrhundert schwindet der Einfluss der sanften hippokratischen Medizin end- gültig. Mit der zunehmenden Technisierung können Krankheitserreger isoliert wer- den. Dies lässt die Vorstellung von der Krankheit als selbstständigem Wesen wieder anklingen. Die positivistische Medizin gewinnt an Boden. Virchows mikroskopische Untersuchungen zerlegen den Körper in seine kleinsten Bestandteile. Die Zellularpa- thologie setzt sich durch. Der Sieg über den Schmerz, die Herstellung künstlicher Blutleere und die Bakteriologie machen chirurgische Eingriffe möglich. Die Ge- schichte der Bakteriologie gelangt 1882 mit Pasteur und Koch in der erfolgreichen Bekämpfung von Cholera und Tuberkulose zu ihrem Höhepunkt. Weitere Bazillen werden isoliert und damit bekämpft. Desinfektionsmaßnahmen und Hygiene gewin- nen große Bedeutung. Die philosophischen Implikationen des ärztlichen Tuns treten in den Hintergrund. Der Arzt wird im schlimmsten Falle zum Techniker.19

1.2.2 Stressoren und Widerstandsressourcen

Menschen werden im Leben immer wieder von äußeren Forderungen und Be- gegnungen berührt und müssen bestimmte Situationen meistern. Man spricht von psychosozialen Stressoren. Sie lösen im Menschen zunächst Gefühle von Unsicher- heit aus, stören sein Gleichgewicht und erfordern zur Wiederherstellung „eine nicht- automatische und nicht unmittelbar verfügbare, energieverbrauchende Handlung“20.

Dies muss allerdings im Zusammenhang mit Antonovskys Kritik am pathogeneti- schen Ansatz gesehen werden, nämlich seiner Kritik am Modell der Homöostase, dem er seine salutogenetische Idee und das Modell der Heterostase entgegenstellt. Es ist die Annahme der „Homöostase als Normalzustand, der Glaube, dass wenn nicht eine bestimmte Kombination bestimmter Umstände auftritt, Menschen nicht krank werden. [...] Ich dagegen gehe davon aus, dass Heterostase, Ungleichgewicht und Leid inhärente Bestandteile menschlicher Existenz sind, ebenso wie der Tod. [...] Der menschliche Organismus ist ein System und ist daher wie alle Systeme der Kraft der Entropie ausgeliefert“21. Entropie im Sinne der Zunahme minderwertiger Energie, nämlich Wärme und zunehmende Unordnung, bedeutet für den Menschen Kampf im Strom des Lebens und schließlich seinen Tod. Homöostase und Heterostase könnten als die persönlichen, sicherlich meist unbewussten Auffassungen von Leben interpre- tiert werden. Ein Mensch, der von Ersterem ausgeht, wird mit Stressoren und Wider- standsressourcen anders umgehen als jemand, der sich innerlich der Heterostase ver- pflichtet weiß.

Coping-Strategien oder Widerstandsressourcen ermöglichen es dem Menschen, mit einer entsprechenden inneren Einstellung oder äußeren Handlung die aufgetretene Unsicherheit abzubauen. Dies kann zum Selbstbewusstsein und damit auch zur Ge- sundheit des Menschen beitragen. Misslingt dies, dann erleidet die betroffene Person Stressgefühle. Diese Gedanken schließen sich an das transaktionale Stressmodell von Lazarus an.22 Man sollte allerdings berücksichtigen, dass bei der Behandlung von Stressoren und Ressourcen lediglich an den westlichen Kulturkreis gedacht wird. Menschen in der Dritten und Vierten Welt, die primär ums physische Überleben kämpfen und anders geartete Situationen zu bewältigen haben, werden in erster Linie andere Ressourcen entwickeln. Zudem erleben Mann und Frau interkulturell grund- sätzlich einen unterschiedlichen Umgang mit Stressoren und Ressourcen, da sie ande- ren Herausforderungen ausgesetzt sind.

Dabei stellt sich die Frage nach dem Unterschied der Persönlichkeit: Fasst jemand das Stressgefühl als eine Aufgabe auf, und kann er diese in einer angemessenen Weise bewältigen, oder wirkt sich das Stressgefühl so eklatant auf die Person aus, dass diese ihre Hände in den Schoss legt und den Anspruch aufgibt, jemals die eigene Unsicherheit und damit auch die Situation in den Griff zu bekommen?

Antonovsky unterscheidet verschiedene Bewertungsstufen. Sozialpsychologisch ge- schieht auf einer „primären Bewertungsstufe I“23 folgendes: Personen mit hohem sense of coherence (SOC) bewerten bestimmte Reize als neutral, während Personen mit niedrigem SOC ein Signal von Spannung erleben. Auf einer „primären Bewer- tungsstufe II“24 kann eine Person mit hohem SOC entscheiden, ob der Reiz für sie bedrohlich, günstig oder irrelevant ist. Wird er als günstig oder irrelevant wahrge- nommen, dann weiß die Person, dass die Anspannung vorbeigehen wird, ohne dass sie handeln muss. Bedrohlichen Situationen wird diese Person eher mit einer situati- onsgerechten und zielgerichteten Haltung begegnen. Auf diese Weise kann sie ange- messen handeln. Personen mit niedrigem SOC geraten bereits auf der primären Be- wertungsstufe II in Verwirrung und können die Herausforderung des Stressors für sich nicht mehr bewerten. In der Folge reagieren sie mit diffusen und schwer zu regulierenden Gefühlen, was ihnen ein zielgerichtetes Handeln verunmöglicht.25

Sowohl der scholastische als auch der reformierte Geist kann einen hohen oder einen niedrigen SOC aufweisen, jeder geht aber anders mit Stressoren um und entwickelt in sich andere Ressourcen, d.h., die jeweilige Gesellschaft stellt andere Ressourcen be- reit oder fordert sie ein. Antonovsky spricht von generalisierten Widerstandsressour- cen, wie z.B. körperlichen Faktoren, Intelligenz, Bewältigungsstrategien, sozialer Un- terstützung, finanziellem Vermögen und kulturellen Faktoren. Man könnte annehmen, dass der scholastische Geist innere und äußere Stressoren als gottgegeben erlebt und seine Ressourcen sich auf das Ausharren oder auf ein vorgegebenes Handeln erstre- cken. Ein hoher SOC besteht darin, dass die Person sich selbst akzeptiert und dass sie in den Verhältnissen und eigenen Lebensmöglichkeiten einen Sinn sieht. Von der Stärke des Kohärenzgefühls, nämlich vom Gefühl der Verstehbarkeit (einen Stimulus als geordnete, konsistente, strukturierte Information zu verarbeiten), vom Gefühl der Handhabbarkeit (der Überzeugung, dass sich Probleme lösen lassen) und vom Gefühl der Sinnhaftigkeit (die Einstellung, dass die Anforderungen und Probleme einen Sinn haben) ist die Widerstandsressource mitbestimmt. Ein niedriger SOC wäre mit den Gefühlen des Nichtwissens, der Nichtlösbarkeit und des Keine-Einsicht-Habens ver- bunden. Der reformierte Geist schließt die Verursachung der Stressoren als gottgege- ben nicht aus, aber er sucht sie eher in der Natur und weiß sie von sich mitbeeinflusst. Entsprechend sind die Ressourcen vom eigenen Gestalten mitgeprägt. Der reformierte Geist mit niedrigem sense of coherence wäre keine Persönlichkeit, der es an Einsicht mangelt, die sozusagen die Homöostase verloren hat, sondern die von den Möglich- keiten überfordert ist und die Heterostase nicht bewältigen kann.26

1.2.3 Kohärenzgefühl als individuelle Norm

Klar ist, dass Widerstandsressourcen zur Erhaltung der Heterostase beitragen und in einem Abhängigkeitsverhältnis zum Kohärenzgefühl stehen. Kohärenzgefühl und Ge- sundheit können als innere Antriebe, als Mittel und als Endzwecke verstanden wer- den. Eine Person entscheidet unter dem Aspekt der Heterostase, ob sie aus einer inne- ren Motivation heraus gesund bleiben will. Dabei pflegt sie ihre Gesundheit aus be- stimmten Gründen oder sie betrachtet ihre Gesundheit als höchstes Ziel. Gesundheit ist aber kein Grundwert, denn Grundwerte sind Werte der notwendigen Bedingung für ein gutes Leben. Das aber ist Gesundheit nicht, denn auch Kranke können ein durchaus sinnerfülltes Leben führen. Gesundheit ist vielmehr als modaler Wert, als ein möglicher Zustand des Lebens anzusehen, vergleichbar den Werten wie Frieden, Sicherheit, Vertrauen. Sie geben den unscheinbar vorhandenen Hintergrund für eine Lebensführung ab, in der sich ein Mensch gut entwickeln kann.27

Wurzeln zu diesen Gedanken findet man bei Lotze. Er führt den Terminus Wert in die Philosophie ein. Der Wert ist etwas, das die Menschen gefühlsmäßig als etwas Über- geordnetes anerkennen, zu dem sie sich anschauend, anerkennend, verehrend, stre- bend verhalten können. Er ist keine Eigenschaft irgendwelcher Dinglichkeit, sondern erwächst aus der Beziehung eines Subjekts zum Objekt, aus einem Werterlebnis, in dem das Subjekt durch ein Objekt ein gesteigertes Lebensgefühl erfährt. Als Wert er- lebt man nicht die Einsicht, wie eine Erkenntnis entsteht, sondern die Einsicht selbst. „In dem Augenblicke, in welchem wir zum ersten Male uns des Satzes der Identität, a sei gleich a, bewusst werden, in demselben Augenblicke wird er von uns als eine e- wige, allgemein und notwendig gültige Wahrheit erfahren; wir warten mit der Aner- kennung seiner Wahrheit nicht so lange, bis eine große Anzahl spezieller Beobach- tungen ihn bestätigt hat, sondern alle zukünftigen Beobachtungen beurteilen und kor- rigieren wir nach ihm und halten für irrig jede, die ihm zu widersprechen scheint“28.

Lotzes Schüler Windelband (1848-1915), Vertreter der Südwestdeutschen Schule, die sich dem Neukantianismus zurechnet, verdeutlicht die Relevanz des Werterlebens. Er charakterisiert den Übergang ins 20. Jahrhundert folgendermaßen: Der mächtige Um- schwung der Lebensverhältnisse, den die europäischen Völker nun erfahren haben, hat zerstörend und aufbauend zugleich auf die allgemeinen Überzeugungen einge- wirkt. Die in rapider Steigerung und Ausbreitung begriffene Kultur treibt ein tieferes Bedürfnis nach ihrer Selbstverständigung hervor, und aus dem schon in der Aufklä- rung hervorgegangenen Kulturproblem hat sich eine Bewegung entwickelt, für wel- che die Umwertung aller Werte zum Schlagwort geworden ist. „Der Grundzug ist, dass im Vordergrund aller ethischen Überlegungen in viel bewussterer Weise als je zuvor das Verhältnis des Individuums zur Gesellschaft steht - sei es in der positiven Form, dass die Unterordnung des ersteren unter die letztere als die Norm einer Wer- tung in irgendeiner Art vorgetragen und begründet wird -, sei es in der negativen Form, dass die Auflehnung des Einzelnen gegen das erdrückende Übergewicht der Gattung gepriesen oder gerechtfertigt wird“29. Zudem haben sich in der Wissenschaft zwei Formen des Entwicklungsgedankens herausgebildet, der naturwissenschaftliche (kausale) und der historische (genetische), die in unterschiedlicher Weise Stellung zu den Bestimmungen des Wertes nehmen. Hieraus ergibt sich die Aufgabe der Philo- sophie als Lehre von den allgemein gültigen Werten, die „den Grundriss aller Kultur- funktionen und das Rückgrat alles besonderen Wertlebens bilden“30.

Folgt man dem Weg der medizinischen und philosophischen Gedanken bezüglich Gesundheit und Krankheit, so sieht man mit Beginn des 20. Jahrhunderts eine zu- nehmende Bedeutung der Subjektivität und des Werterlebens des Individuums. Es stellt sich die Frage, wo sich denn nun eine Ordnung, ein Ganzes oder ein gleich blei- bendes trotz der Veränderbarkeit und des Wechsels finden lässt: außen im Kosmos, im Staat oder in der Gesellschaft oder aber innen, im Individuum? Canguilhem, der Lehrer Foucaults, geht im medizinisch-physiopathologischen Konzept davon aus, dass das Subjekt in sich ein Wissen von seiner eigenen persönlichen Normalität hat.31 Diesen Gedanken findet man auch phänomenologisch durch Gadamer begründet.

[...]


1 Health, stress and coping: New perspectives on mental and physical well-being (1979) / Unraveling the mystery of health. How people manage stress and stay well (1987).

2 Vgl. hier: www.dr-walser.ch/salutogenese.htm.

3 Vgl. Antonovsky 1997, S. 13.

4 Vgl. Schneider 2000, S. 21.

5 Antonovsky 1993, S. 7.

6 Ebd., S. 11

7 Ebd., S. 4

8 Vgl. Schneider 2000, S. 22.

9 Antonovsky 1993, S. 11.

10 Ebd.

11 Platon 1974a, S. 188.

12 Platon 1974b, S. 89.

13 Vgl. Schneider 2000, S. 24.

14 Vgl. Schneider 2000, S. 24.

15 Vgl. Aristoteles 1975, S. 14 ff.

16 Vgl. ebd., S. 5 ff.

17 Holzhey 1995, S. 3.

18 Vgl. Lammel 1996.

19 Vgl. Schneider 2000, S. 27.

20 Antonovsky 1979, S. 72.

21 Antonovsky, 1993, S. 6 ff.

22 Vgl. Lazarus / Folkman 1987.

23 Bengel et al. 1998, S. 33.

24 Ebd., S. 33.

25 Vgl. Schneider 2000, S. 28.

26 Vgl. Schneider 2000, S. 30

27 Vgl. ebd.

28 Lotze 1912, S. 612.

29 Windelband 1980, S. 560.

30 Windelband 1980, S. 580

31 Vgl. Canguilhem 1975, S. 156.

Details

Seiten
65
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783656108764
ISBN (Buch)
9783656108221
Dateigröße
6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v187542
Institution / Hochschule
Universität Paderborn – Fakultät für Kulturwissenschaften / Erziehungswissenschaft / Berufspädagogik / Weiterbildung
Note
1,7
Schlagworte
Kulturwissenschaften Erziehungswissenschaften Berufspädagogik Wirtschaftspädagogik Weiterbildung Ausbildung Lehramt Lehramt für Berufskolleg Wirtschaftswissenschaften BWL Salutogenese Antonovsky Diplom-Handelslehrer Lehrer Berufskolleg Altenpflege

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Titel: Angewandte Gesundheitsförderung in der Aus- und Weiterbildung unter Berücksichtung des salutogenetischen Ansatzes