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Trust no one! - Wirken, Wirkung und Wirklichkeit von Medien

Seminararbeit 2000 20 Seiten

Medien / Kommunikation - Massenmedien allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Wir stürzen

2. Was ist wirklich wirklich?

3. Zeichen der Kommunikation

4. Information durch Selektion

5. Die Welt des Rezipienten

6. Medienrealität - Publikumsrealität

7. Die Macht der Medien

8. Macht über Medien – Politik

9. Macht über Medien – Wirtschaft

10. Alles bunte Knete

L. Literaturverzeichnis

1. Wir stürzen

“Wir stürzen. Durch die Endlosigkeit des Abgrunds, der Raum ist und Zeit zugleich und in dem es kein Unten gibt und kein Oben, kein Rechts und kein Links, nur die Ströme der Teilchen, die noch nicht geschieden sind in Licht und in Dunkel, ein ewiges Dämmern.”[1] So mancher, verfolgt man aktuelle Diskussionen, verliert beim Wandeln in der aktuellen Medienlandschaft die Orientierung. Doch handelt es sich dabei nicht um greifbare Dimensionen wie oben und unten – diese stehen nur noch als Metaphern zur Umschreibung der eigentlichen Zustände – was ist noch real, nicht simuliert, heißt die aktuelle Frage. Und doch ist sie schon uralt, bemühen sich schon seit Jahrhunderten unzählige Philosophen, die Wirklichkeit zu verstehen.

Im Gegensatz zu diesen Bemühungen stehen jedoch heute oftmals die Medien und deren Einfluß auf die Wirklichkeit im Mittelpunkt: Können sie überhaupt ein getreues Abbild der Wirklichkeit bieten oder verzerren sie die Realität unweigerlich? Erscheinen viele Ereignisse nicht erst dann real, wenn sie in den Medien publiziert werden? Bieten die Medien aber daneben nicht Möglichkeiten, Realitäten – und damit Menschen – gezielt zu manipulieren? Existieren mehrere Wege, Realität zu interpretieren? Können Medien letzten Endes gar Wirklichkeiten generieren? Und wo bleiben die Chancen für die Rezipienten, überhaupt noch die Realität zu erkennen und Medieninhalte zu überprüfen?

Die vorliegende Arbeit ist ein Versuch, sich dieser Fragen anzunehmen, ohne sie beantworten zu können. Viele Wissenschaftler aus unterschiedlichsten Disziplinen haben diese und ähnliche Thematiken aus verschiedensten Blickwinkeln beleuchtet und schließlich ebenso viele Antworten produziert wie neue Fragen. Allen ging es dabei, waren es Soziologen, Psychologen, Publizisten oder Wirtschaftswissenschaftler, im Grunde um zwei Fragen: Was machen die Medien mit den Menschen? und Was macht der Mensch mit den Medien?

Diese Thematik wurde in den letzten Jahren auch oft von Filmemachern bemüht: Werke wie “Videodrome” (1982), “Wag the Dog” (1997), “The Truman Show” (1998), “Matrix” (1998) oder “eXistenZ” (1998) boten zum Teil interessante, zum Teil weniger ernstzunehmende Gedankenexperimente zum Thema simulierte Realität.

Was ist wirklich wirklich?

Als einer der ersten, dessen Gedankengut der Nachwelt erhalten blieb, stellte sich der Grieche Parmenides (ca. 540-480 v.Chr.) dem Realitätsproblem. Seine Antwort fiel für heutige Sicht einfach aus: Alles, was existiert, existiert ewig – nichts kann aus dem Nichts entstehen. Plato (428-347 v.Chr.) dagegen versetzte die Menschheit in seinen Gedanken in eine Wirklichkeit, in der nur Schattenbilder der eigentlichen Realität, der Welt der Ideen, existierten. In neuerer Zeit präsentierte schließlich Immanuel Kant (1724-1804) einen Entwurf, der in Form verschiedener Konstruktivismus-Theorien starken Einfluß auf aktuelle Anschauungen ausübt. Seiner Auffassung nach nimmt der Mensch Dinge als Phänomene in Raum und Zeit auf, die er durch den Verstand bearbeitet, abwandelt und somit zu seiner Realität transformiert. Der Mensch kann also seine eigene Welt ergründen – jedoch wird er nie “das Ding an sich”, wie es Kant formulierte, erkennen können, die ‚Welt an sich‘ existiert unabhängig von unserer Wahrnehmung. Oder wie es Schmidt als Vertreter des modernen Konstruktivismus darstellt: “Die reale Welt ist eine notwendige kognitive Idee, aber keine erfahrbare Wirklichkeit. Wir müssen postulieren, daß es sie gibt – und das ist dann auch schon alles, was wir über sie sagen können.”[2]

Einen dazu konträren Entwurf bietet J.Hayward in seiner Arbeit über die Erkenntnisse der modernen Kognitionswissenschaft, die besagen, daß die wahrgenommene Welt eine Konstruktion des Wahrnehmungssystems ist. Er zeigt darin, “daß die ‚Außenwelt‘ und die ‚Innenwelt‘ in einem aktiven Austauschprozeß wechselseitig erzeugt werden.”[3] Im Gegensatz zu Kant geht er also nicht von einer abgeschlossenen ‚Realität an sich‘ und einer menschlichen Ebene aus, sondern sagt, daß wir die Wirklichkeit wahrnehmen und daß diese Wahrnehmung davon bestimmt ist, welche Werte und Anschauungen in einem gesellschaftlichen System vorherrschen: “Was ein Universum beinhaltet, hängt davon ab, was seine Bewohner für beachtens- und bennenswert erachten.”[4]

Hier kommen schließlich die Medien ins Spiel, denn was in einer Gesellschaft für beachtens- und bennenswert gilt, bestimmen, wie später zu zeigen ist, eben diese erheblich mit. Nach Meinungen wie der Baudrillards[5] sogar so erheblich, daß er zu dem Schluß kommt, daß die Wirklichkeit nur noch ein Simulakrum, ein reines Trugbild sei. Das Reale versinke demnach in Agonie. Grund zu diesem Pessimismus gab ihm der Umstand, daß heutzutage ein erheblicher Teil unserer Sicht der Realität aus medialen Darstellungen stammt: “Nur ein Bruchteil dessen, was wir als “Wirklichkeit” oder “Realität” begreifen, beruht auf unseren ganz persönlichen Erfahrungen, dennoch glauben wir, sehr genaue Vorstellungen davon zu haben. Das meiste, was wir nicht selbst erlebt haben, wurde und wird uns “erzählt” – von anderen Menschen aus unserem Umfeld oder von den Medien – Zeitungen, Zeitschriften, Bücher, Radio und Fernsehen. Schätzungsweise beruhen über neunzig Prozent unseres heutigen Wissens von der Welt auf Informationen, die durch Medien vermittelt werden.”[6] Und zumeist existiert keine Möglichkeit, die Wahrhaftigkeit dieser Meldungen zu überprüfen.

3. Zeichen der Kommunikation

Dabei kommt es überhaupt erst zu einer Übermittlung von Informationen, wenn Sender und Empfänger einander verstehen können, d.h. wenn sie kulturelle und semantische Codes miteinander teilen. Die Grundlage einer jeden Kommunikation ist demnach das Zeichen. Laut Saussure hat ein Zeichen zwei Dimensionen – es splittet sich in ein Lautbild, den Zeichenträger (“signifiant”, das Bezeichnende) und in den Begriff bzw. die Bedeutung (“signifié”, das Bezeichnete). Der ‚Außenwelt‘ stellt sich eine Beziehung zwischen Zeichenträger und Bezugsobjekt jedoch nur indirekt, über die Verbindung mit dem Begriff, der Bedeutung her. Zeichen sind also arbiträr, willkürlich festgelegt, nicht natürlich bestimmt. Eine Definition erfolgt durch die Unterscheidung von anderen Zeichen.[7]

Kommunikation ist demnach ein In-Beziehung-treten, um mit Hilfe gemeinsamer, wechselseitig verfügbarer Zeichen wechselseitig vorrätige Bedeutungsinhalte im Bewußtsein hervorzurufen. Doch Sprache, die letztlich das beziehungsweise ein Gesamtsystem einzelner Zeichen bildet, ist von Grund auf abstrakt, kann demnach auch Situationen schaffen, die in der Realität nicht vorkommen (können). “Diesen Satz nicht lesen!” ist ein Beispiel für diese Eigenschaft von Sprache: Der Text hat eine Zeitbeziehung zum Leser, besitzt einen Inhalts- und Beziehungsaspekt, jedoch müssen diese nicht miteinander korrespondieren. Er löst in dargestellter Form Verwirrung aus, denn analysiert man den Satzes, ergibt sich, daß der Inhalt des Satzes den Handlungsprozeß des Lesens negiert, der zum Inhalt führt. Und wie Sprache in diesem Beispiel ein Paradoxon geschaffen hat, vermag sie es auch, zwar widerspruchslose aber irreale Zustände und Vorgänge in einem abstrakten Raum entstehen zu lassen. “Vorbei ist es mit [...] dieser ganzen Äquivalenzbeziehung zu ‚realen‘ Inhalten, die dem Zeichen noch so etwas wie Nutzlast und Schwere gaben [...] Die andere Bahn des Werts setzt sich durch: die der totalen Beziehbarkeit und allgemeinen Austauschbarkeit, Kombinatorik und Simulation. Simulation in dem Sinne, daß sich alle Zeichen untereinander austauschen, ohne sich gegen das Reale zu tauschen.”[8]

Ergibt sich daraus ein Hinweis auf beinah unausweichlich ‚irreale‘ Mediendarstellungen – basieren diese doch auf genau diesem Zeichensystem, erweitert durch ein ebenso offenes Zeichensystem bildhafter Darstellung? Das nicht, aber es zeigt, daß, wer diese Zeichen verstehen will, wissen muß, wie sie gebraucht werden. Die Äußerung / Präsentation allein genügt nicht für eine vollständige Klärung – Umfeld, agierende Personen, Sinn- und Formzusammenhänge sowie eine Vielzahl weiterer Faktoren erst ergeben eine vollständige Botschaft. Bei medialer Übermittlung fallen Teile dieser Faktorenkette zwangsläufig weg, die Umwelt wird reduziert, weshalb durch maschinelle Informationen überhaupt nur ein begrenzter Teil des ursprünglich Realen reproduziert werden kann.

Es fehlt die Kraft der unmittelbaren Anschauung – “die Unmittelbarkeit der Anschauung, die aus dem Original kommt, läßt sich – was etwa jeder Sammler aus Erfahrung weiß – nicht mit jener vergleichen, die sich etwa über Kopien oder sonstige Vermittlungsformen vermittelt.”[9] Um also wichtige Inhalte transportieren zu können und Menschen dazu anzuregen, diese Inhalte auch zu be- und verarbeiten, müssen diese Informationen “genügend Kraft und ‚Aura‘ besitzen, um im Kontext mit anderen Objekten im sinnlichen Bereich und auf Verstandesebene einzuleuchten – eine Bedingung, die Repliken, Rekonstruktionen und Faksimiles nicht erfüllen [...], sondern nur Originale.”[10] Massenkommunikation ist jedoch immer mehrfach vermittelte Kommunikation.

4. Information durch Selektion

“Medien gehen genau mit der Welt um, mit der wir auch ohne Medien zu tun haben”[11] Dabei vermitteln sie aber dennoch ein unterschiedliches Bild. Folgt man einem Modell Doelkers, ergeben sich bei diesem Prozeß drei Wirklichkeiten: Wirklichkeit eins stellt die primäre Wirklichkeit dar, die uns umgibt und die wir mittels unserer Sinne wahrnehmen, aber auch die Welt unserer Gedanken und Gefühle. Wirklichkeit zwei repräsentiert die mediale Wirklichkeit, also die technische Vermittlung und Wiedergabe der ersten. Wirklichkeit drei schließlich ist die Zusammenführung der oberen beiden, also die wahrgenommene mediale Wirklichkeit.[12] Im Übergang zur letzten Wirklichkeit erfolgt die Medienwahrnehmung, zwischen den ersteren findet eine ‚Abbildung durch Umbildung‘ statt.

Auf diesem Wege der Umbildung gibt es mehr oder weniger hohe Verluste: Selektion, Formatierung, technischer und zeitlicher Rahmen, Arrangement und Kombinierung des ursprünglichen Ereignisses erfordern beziehungsweise bewirken dies. Resultierend daraus steht letztlich eine kleine Zahl von Nachrichten gegenüber unzähligen Ereignissen, die den Massen unbekannt bleiben. Journalisten haben es demzufolge in der Hand, was zum Thema wird – und laut Agenda Setting Theorie haben sie damit Einfluß darauf, was zum gesellschaftlichen Thema wird. Durch ihre Auswahl erfahren Themen allein schon wegen ihrer Präsenz eine Aufwertung gegenüber dem Rest, und da in der empirischen Untersuchung dieser Theorie eine Korrelation zwischen aktuellen Themen in den Medien und in der Gesellschaft bestätigt wurde[13], ist die Selektion von News indirekt schon eine Vorgabe für eine ‚Tagesordnung‘ von in der Gesellschaft diskutierten Themen. Dadurch sind Medien auch sehr machtvoll, da sie den Interpretations- und Orientierungsrahmen vorgeben, in dem sich der Großteil der sozialen und politischen Ereignisse, der öffentlichen Diskurse abspielen “Technologien verändern die Strukturen unserer Interessen – die Dinge, über die wir nachdenken. Sie verändern die Beschaffenheit unserer Symbole – die Dinge, mit denen wir nachdenken. Und sie verändern das Wesen der Gemeinschaft – die Arena, in der sich Gedanken entfalten.”[14] Oder wie es McLuhan sagte: “Denn die ‚Botschaft‘ jedes Mediums [...] ist die Veränderung des Maßstabs, Tempos oder Schemas, die es der Situation des Menschen bringt. Das Medium wird zur Botschaft‘, weil eben das Medium Ausmaß und Form des menschlichen Zusammenlebens gestaltet und steuert.”[15]

Kriterien für die Auswahl von Themen sind zum Beispiel Aktualität, Akzeptanz, Verkaufbarkeit (darunter Reichweite und Auflage) oder einfach eigenes beziehungsweise vom Publikum erwartetes Interesse. Letzten Endes werden nur 3% der bei einer Zeitungsredaktion einlaufenden Nachrichten auch publiziert werden.[16] Daher ist dieser Prozeß äußerst anspruchsvoll für Journalisten, die den ursprünglichen Berufsethos in der klassischen Definition der “Comission on the Freedom of the Press”[17] realisieren wollen: wahrhaftige, umfassende Darstellung der Tagesereignisse und deren Interpretation, Forum für den Austausch von Kommentar und Kritik, repräsentative Abbildung aller gesellschaftlichen Kräfte, Darlegung und Klärung der Ziele und Werte der Gesellschaft, Vermittlung des vollen Zugangs zum Tageswissen sei die wesentliche Funktion, die gesellschaftliche Information zu erfüllen habe.

Im journalistischen Alltag präsentieren sich jedoch teilweise erhebliche Abweichungen von diesem Grundsatz. Die Ursachen und Möglichkeiten sind zahlreich. Wie oben erwähnt vermitteln Medien Ereignisse stets ‚aus zweiter Hand‘, und in dieser Kette der verschiedensten Bearbeitungen treten kleinste Variationen auf, die wie beim ‚Stille Post‘-Spiel letztendlich einen völlig neuen Sinnzusammenhang schaffen. Medien erzeugen somit zumindest unter diesem Aspekt durchaus ihre eigene Wirklichkeit. Galtung und Ruge (1965) führen des weiteren unter dem in der Kommunikationswirtschaft bekannten Phänomen journalistische Konsonanz an, daß es sich dabei um ein mediales Selektionskriterium handele, “wonach Ereignisse dann bevorzugt aus einer komplexen ‚Nachrichtenwirklichkeit‘ ausgewählt werden, wenn sie in den eigenen journalistischen Erwartungshorizont passen.”[18] Also ist die Persönlichkeit des Redakteurs, beziehungsweise des Journalisten von erheblicher Bedeutung im Selektionsprozeß, oder wie Noelle-Neumann es formuliert: “Die politische Orientierung eines Journalisten spielt eine entscheidende Rolle für das, was er auswählt, was ihm wichtig erscheint, was er betonen möchte.”[19] Die für die Allgemeinheit Nachrichten produzierenden Massenmedien werden also massiv von wenigen Individuen beeinflußt und gelenkt. Da kein Journalist objektiv im puristischsten Sinne des Wortes sein kann, da er ansonsten zwangsläufig der Schizophrenie anheim fallen müßte, ist massenmediale Verbreitung also im extremsten Sinne Verbreitung der Meinung Einzelner; ein Vorwurf, der die Medien schon des öfteren traf. Es bedarf also gewissenhafter Journalisten, institutionellen Faktoren und gesellschaftlichen Werten und Normen verhafteter ‚gatekeeper‘ – eine Bezeichnung, die ursprünglich auf eine Untersuchung von Lewin (1947) zurückgeht[20] – die möglichst objektiv sind, d.h. “Sachlichkeit unter Vermeidung von Einseitigkeit, von Parteinahme und von Verzerrung der Dimensionen.”[21]

Dies beinhaltet auch die klare Trennung und Kennzeichnung von gewählten Formaten, denn schon in diesen steckt ein Teil der Botschaft; auch in der zeitlichen und räumlichen Plazierung, die jeweils eine Verbindung schaffen mit zuvor gesehenem und darauf folgendem. So wird der medienkompetente Rezipient nicht erwarten, in einer Glosse oder einem Kommentar eine objektive, nüchterne Schilderung der Ereignisse zu finden, sondern die Äußerung einer persönlichen Sicht auf die Dinge und eine ebenso persönliche Wertung dieser. Bedenklich wird es also, wenn es zu Phänomenen kommt, wie Schönbach (1977) sie beschreibt, wobei er im Zusammenhang mit einer Analyse des zentralen journalistischen Qualitätskriteriums der Trennung von Nachricht und Meinung auf etwas aufmerksam wurde, “das er als ‚Synchronisation‘ bezeichnet. Darunter versteht er jene Form von Konsonanz zwischen Nachricht und Meinung, die darin besteht, daß die Nachricht zu bestätigen scheint, was der Kommentar zur Nachricht an Meinung vorgibt. Dadurch wird die im Kommentar geäußerte Meinung scheinbar objektiviert, sie entspricht den ‚Tatsachen‘. Es entsteht eine Art ‚self-fulfilling prophecy‘, eine Voraussage, die ihre Erfüllung durch Auswahl, Anordnung und Gewichtung der ‚facts‘ selbst herbeiführt. Das Ereignis ist so, wie es im Kommentar vorausgesagt wurde.”[22]

Allerdings stellt Köcher dagegen, daß “die Auswahl von Nachrichten aus dem Gesamtgeschehen für die Urteilsbildung von weitaus größerer Bedeutung ist als die Vermischung von Nachricht und Meinung. Die weggelassene Information, die einseitige Auswahl beeinflußt die Urteilsbildung weitaus subtiler und unmerklicher.”[23] Dem Rezipienten wird also durchaus die Fähigkeit zugesprochen, den Wesensgehalt einer Nachricht herauszufiltern, wenn er nur umfassend und ohne Unterschlagung von eventuell anderen Sichtweisen und Standpunkten mit Informationen versorgt wird. Das aber der Rezipient in dieser Sache auch überfordert werden kann, und sich der Effekt demnach ins Negative umkehrt, soll später noch zum Thema werden.

Letztlich prägen aber negative Beurteilungen die Informationsselektion der Journalisten – so schreibt zum Beispiel Schulz (1989): “Die Berichte der Medien sind oft ungenau und verzerrt, sie bieten manchmal eine ausgesprochen tendenziöse und ideologisch eingefärbte Weltsicht. Die in den Medien dargebotene Wirklichkeit repräsentiert in erster Linie die Stereotype und Vorurteile der Journalisten, ihre professionellen Regeln und politischen Einstellungen, die Zwänge der Nachrichtenproduktion und die Erfordernisse medialer Darstellung.”[24] “Massenmedien bevorzugen in ihrem selektiven Verhalten eher ‚eindeutige‘ Ereignisse, komplexe und komplizierte Ereigniszusammenhänge haben geringere Chancen, die redaktionellen Selektionshürden zu nehmen. Sind Ereignisse in diesem Sinne nicht ‚eindeutig‘ [...], werden sie ‚eindeutig‘ gemacht – indem beispielsweise jeweils eine einzige (meist innerhalb der Gruppe der Journalisten konsentierte und konsonante) Betrachtungsweise an das Ereignis angelegt wird.”[25]

Als Hoffnung bleibt also zum Abschluß zu äußern, “daß es mehr als bisher den Journalisten darum gehen müßte, Publikum und Öffentlichkeit die Kriterien ihres beruflichen Handelns einsichtig zu machen und so deren Wissensdefizit in Bezug auf die strukturellen Bedingungen und angestrebten Ziele journalistischer Vermittlung abzubauen.”[26]

[...]


[1] Heym, 1983, S.240

[2] Schmidt, 1994, S.65

[3] Gottschlich, 1999, S.3

[4] ebd.

[5] vgl. Baudrillard, 1978

[6] Doelker, 1999

[7] vgl. Saussure, 1967, S.76 ff.

[8] Baudrillard, 1982

[9, 10] Gottschlich, 1999

[11, 12] Doelker, 1989, S.64, S.78

[13] Pürer, 1985, S.6

[14] Krempl, 1996, zit. n. Postman, 1992, S.28

[15] Krempl, 1996, zit. n. McLuhan, 1968, S.14

[16] vgl. Noelle-Neumann, 1986, S.37f.

[17] vgl. Comission on the Freedom of the Press, 1947, S.28ff.

[18, 22] Gottschlich, 1999

[19] Noelle-Neumann, 1986, S.38

[20] vgl. Krempl, 1996

[21] Karmasin, 1993, S.274

[23] Karmasin, 1993, S.502, zit. n. Köcher, 1986, S.166

[24] Krempl, 1996, zit. n. Schulz, 1989, S.139

[25] Gottschlich, 1999

[26] Karmasin, 1993, S.504, zit. n. Gottschlich/Karmasin, 1979, S.184

Details

Seiten
20
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638230247
Dateigröße
556 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v18754
Institution / Hochschule
Universität der Künste Berlin – Institut für Geschichte und Theorie der Gestaltung
Note
1,7
Schlagworte
Trust Wirken Wirkung Wirklichkeit Medien

Autor

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Titel: Trust no one! - Wirken, Wirkung und Wirklichkeit von Medien