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Warum ist der 2003 ausgebrochene Darfur-Konflikt eine Folge von politischer Exklusion?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 25 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Afrika

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Theorie des „Ethno-Nationalismus“ nach Cederman et al
2.1. Die Grundlagen des „Ethno-Nationalismus“
2.2. Die Hypothesen des „ethnischen Nationalismus“

3. Der Darfur-Konflikt in der Analyse
3.1. Included and Excluded Groups“ und ihre geographische Verbreitung im Sudan
3.2. Testung der Hypothesen zur Motivation der marginalisierten Bevölkerung im Darfur-Konflikt
3.3. Testung der Hypothese zum Mobilisierungspotenzial der Rebellenorganisationen im Darfur-Konflikt
3.4. Testung der Hypothese zur Konfliktvergangenheit im Sudan und der Darfur-Region

4. Fazit

Abbildungsverzeichnis

Quellenverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

Am 14.07.2008 wurde ein Haftbefehl vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag gegen den sudanesischen Präsidenten Omar al-Bashir erlassen. Luis Moreno-Ocampo war dabei der Chefkläger und Antragsteller. Dies stellte ein Novum in der Geschichte des internationalen Gerichtshofes dar, da zuvor noch nie ein im Amt befindliches Staatsoberhaupt angeklagt worden ist. Dem sudanesischen Präsidenten wird seitdem zur Last gelegt, persönlich mit verantwortlich zu sein für die Verbrechen in der Darfur-Region. Der Haftbefehl beinhaltet die Anklagepunkte „Verbrechen gegen die Menschlichkeit in sieben Fällen“, sowie „Kriegsverbrechen“ (www.zeit.de 2009, vgl. www.amnesty.org 2009).

Der Darfur-Konflikt ist im Frühjahr 2003 international in das Blickfeld der Medien geraten. Als Beginn der Auseinandersetzungen wird oftmals der Überfall von Rebellenorganisationen auf den Militärflughafen Al-Fashir im April 2003 genannt (vgl. Khalafalla 2005: 44, vgl. Agence France Presse 2003a). Andere Berichte sehen mit der Besetzung der Stadt Gulu durch die Rebellenorgansation „Darfur Liberation Front“[1] im Februar 2003 bereits den Startpunkt des Konfliktes (vgl. www.rp-online.de 2009, Agence France Presse 2003b).

In den Nachrichten und Pressemeldungen wurden zu dieser Zeit immer meist kurzfristige Ursachen für den Ausbruch der Kämpfe zwischen den Regierungstruppen und den Anhängern der Rebellengruppe SLM/A genannt. Die eigentlichen Gründe, weshalb es in Ländern zu Konflikten dieser Art kommt, liegen jedoch meist in längerfristig angelegten Umständen, die Aufstände und ausufernde Gewalt befördern. Für den Sudan und insbesondere die Region Darfur trifft dies ebenfalls zu, da es bestimmte Entwicklungen in den letzten Jahrzehnten gegeben hat, die einen Ausbruch des Bürgerkriegs begünstigt haben. Im Fokus dieser Hausarbeit stehen eben diese Ursachen.

Folgend wird gezeigt werden, dass die Hauptursache des Darfur-Konflikts in der anhaltenden politischen Exklusion bestimmter ethnischer Gruppen der Region von der Regierungsmacht liegt. Dies wird anhand der Theorie des „Ethno-Nationalismus“ von Lars-Erik Cederman, Andreas Wimmer und Brian Min dargelegt werden, die sie aus dem „Ethnic-Power-Relations-Datensatz“ entwickelt haben.

Unter Ethnizität selbst verstehen die Autoren dabei jede Art von subjektiv wahrgenommener Gemeinschaft, die auf dem Glauben einer geteilten Kultur und Herkunft basiert, wie eine gemeinsame Sprache, gleiche phänotypische Eigenschaften, gemeinsames Schicksal, etc. (vgl. Cederman et al. 2010: 98, bez. auf. Weber 1978: 385-398).

Die folgend vorgestellte Theorie des „Ethno-Nationalismus“ wurde auf Grundlage von Aggregatdaten von 124 ethnischen Konflikten zwischen 1946 und 2005 entwickelt (Cederman et al. 2010: 101). Andere Erklärungsansätze und Daten sind nach Ansicht der Autoren aufgrund verschiedener Umstände kritikwürdig. Diese Kritik wird im nächsten Gliederungsabschnitt kurz zusammengefasst dargelegt, bevor sich dann das eigentliche theoretische Konstrukt anschließt. Relevant für die Anwendung auf den Darfur-Konflikt sind dabei insbesondere die von Cederman et al. entwickelten Hypothesen des „Ethno-Nationalismus“.

In der eigentlichen Analyse des Konflikts wird dann geprüft, ob die Vermutungen der Forscher auch in diesem Einzelfall zutreffen, beziehungsweise ob die Theorie von Cederman als Erklärungsmuster insgesamt dienen kann oder nicht. Das Forschungsdesign ist darauf ausgerichtet, die in der Theorie von den Autoren angenommenen Kausalitäten in Form von „Process Tracing“ zu analysieren. Am Ende wird dann noch einmal ein zusammenfassendes Fazit gezogen, inwieweit die Theorie des „Ethno-Nationalismus“ im Falle des Darfur-Konflikts eine gute Erklärungsgrundlage bietet oder nicht.

2. Die Theorie des „Ethno-Nationalismus“ nach Cederman et al.

Cederman et al. haben ihre Theorie auf Grundlage eines neuen Datensatzes, dem “Ethnic-Power-Relations-Data-Set“, entwickelt. Die Autoren beurteilen in ihrem Artikel „Why Do Ethnic Groups Rebel?“ viele bestehende Ansätze zu Ursachen ethnischer Konflikte kritisch, da sie Ergebnisse hervorgebracht haben, die sie nicht unterstützen. Eine ganze Reihe von Theorien argumentieren im Kern mit der Schwäche und dem Scheitern eines Staates. Nach Cederman et al. könne ein daraus resultierendes Sicherheitsdilemma zwar zu kommunalen Konflikten führen, als Ursache für voll entfachte Bürgerkriege reiche die neorealistische Argumentation aber nicht aus, da hier die wichtige Rolle staatlicher Akteure übersehen werde (vgl. Cederman 2010: 88,89, vgl. Posen 1993: 27). Genauso könne man nicht einfach nur damit argumentieren, dass Konflikte primär aufgrund starker ethnischer Fraktionalisierung oder Polarisierung eines Landes entstehen (vgl. Fearon/Laitin 2003: 75, vgl. Cederman 2010: 87). Der ihrer Meinung nach zentrale Faktor ist, in welchem Verhältnis der staatliche Apparat eines Landes seiner Nation und ihren einzelnen ethnischen Gruppierungen, sowie deren partikularen Interessen gegenübersteht (vgl. Cederman 2010: 87). Als Begründung, warum sie keinen der bisherigen Datensätze verwenden, erklären sie, dass hier zum einen teilweise inadäquates Datenmaterial verwendet worden sei und zum anderen die Daten teilweise auch widersprüchliche Ergebnisse hervorgebracht haben (vgl. Cederman 2010: 89, bez. auf Fearon/Laitin 2003, bez. auf Gurr 1993). Das erklärte Ziel der Autoren ist es, mit ihrer Theorie des „Ethnischen Nationalismus“ zu zeigen, dass der staatlichen Ebene und den dort agierenden Akteuren von ethnischen Gruppierungen eine zentrale Rolle dabei zukommt, ob es in einem Land zu Konflikten kommt oder gar zu einem Bürgerkrieg zwischen verschiedenen Volksgruppen führt oder nicht.

2.1. Die Grundlagen des „Ethno-Nationalismus“

Für die Autoren stellt „Nationalismus“ einen Kernbestandteil ihrer Argumentation in ihrer Theorie dar. Aus diesem Grund ist es zunächst einmal wichtig diesen Begriff zu definieren. Hierzu greifen sie auf die Definition von Ernest Gellner aus dem Jahre 1983 zurück:

„Nationalism is primarily a political principle, which holds that the political and the national unit should be congruent“ (Gellner 2006: 1)

Der souveräne Staat mit seiner Regierung kann dabei als „political unit“ verstanden werden, unter „national unit“ fällt die sozial konstruierte Gemeinschaft einer Nation, die auf eine imaginäre gemeinsame Herkunft und Geschichte zurückblicken kann. Für den Fall, dass eine Gesellschaft gegenüber der „political unit“ Inkongruenz aufweist, kann es zu „ethno-nationalistischer“ Mobilisierung kommen. Laut Cederman et al. liefert die wissenschaftliche Literatur zu diesen Mechanismen und ihren Umständen jedoch kaum Erklärungen, insbesondere fehlen präzise Analysen, wann oder in welchen Fällen diese Art der Mobilisierung in gewalttätigen Konflikt ausarten (vgl. Cederman et al. 2010: 92).

Sie sind deshalb der Meinung, dass der entscheidende ursächliche Faktor von ethnischen Konflikten darin besteht, ob Repräsentanten bestimmter ethnischer Gruppen die Exekutive eines Staates unverhältnismäßig zur Gesamtbevölkerung besetzen und dominieren. „Included Groups“ sind dabei in der institutionalisierten Politik vertreten und haben Einfluss. „Excluded Groups“ hingegen sind von der institutionellen Macht ausgeschlossene Gruppierungen, die jedoch normalerweise versuchen, ihre politische Bedeutung zu verstärken, um nicht von anderen Ethnien regiert zu werden (vgl. Cederman et al. 2010: 93).

Dies führt bei Cederman et al. zu einer Abstufung der verschiedenen Grade von Machtteilhabe der Eliten ethnischer Gruppierungen:

Es gibt zunächst einmal zwei Fälle, in denen die Macht absolut den Repräsentanten einer ethnischen Gruppe zufällt. Entweder gibt es in der Exekutive nur Vertreter einer ethnischen Gruppierung, womit eine alleinige Monopolbildung von Repräsentanten einer ethnischen Gruppierung in einem Staat vorliegt („Monopoly“). Der zweite Fall ist der, dass zwar kein reines Monopol vorliegt, aber eine Gruppierung die klar dominierende Position einnimmt („Dominance“).

Im Falle von geteilter exekutiver Macht kann es eine Ethnie geben, deren Repräsentanten vorwiegend die Chefpositionen besetzt und andere Ethnien, die zwar beteiligt werden an exekutiver Macht, aber eher die niedrigeren Positionen einnehmen („Senior Partner“ und „Junior Partner“).

Hinzu treten dann die „Excluded Groups“, deren politische Führer keinen Zugang zu der zentralen Staatsmacht haben (vgl. Cederman et al. 2010: 100,101). Diese werden unterschieden in Gruppierungen, deren Eliten regional Einfluss haben oder separatistischen Bewegungen, die sich meist selbst von der Exekutive eines Staates fernhalten, um die Unabhängigkeit eines Territoriums zu erklären von der Zentralregierung („Regional Autonomy“ und „Separatist Autonomy“). Dazu treten dann aber noch Ethnien, die weder auf nationaler, noch auf regionaler Ebene Eliten haben, die politische Macht ausüben können und offensichtlich gezielt diskriminierte ethnische Gruppen („Powerless“ und „Discrimination“) (vgl. Cederman et al. 2010: 100,101).

Die Autoren entwickeln auf dieser Grundlage ihre Hypothesen, unter welchen Bedingungen manche Gruppen eine höhere Motivation aufweisen eine Rebellion zu starten und inwieweit die Motivation, das Mobilisierungspotenzial, sowie frühere Konflikte einer Gruppierung eine Rolle spielen (vgl. Cederman et al. 2010: 94).

2.2. Die Hypothesen des „ethnischen Nationalismus“

In modernen Nationalstaaten gibt es einen entscheidenden Unterschied im Vergleich zu älteren Herrschaftssystemen, bei denen politische Führer beispielsweise legitimiert waren aufgrund dynastischer Erbfolge, göttlicher Fügung oder Ähnlichem. Von der politischen Elite, die die Regierung inne hat, wird erwartet, dass sie sich primär für die Interessen ihrer eigenen Ethnie einsetzt (vgl. Wimmer 2002: 4,5). Dies kann dazu führen, dass sich das gesamte politische System eines Landes aufgrund von ethnischen Begünstigungsstrukturen zu einer regelrechten Vetternwirtschaft entwickeln kann. Damit soll vermieden werden, dass irgendeine andere ethnische Gruppierung strategisch dazu in die Lage gebracht wird, die eigene Ethnie zu dominieren (vgl. Cederman et al. 2010: 94). Die Folge davon kann sein, dass es komplett von der Exekutive ausgeschlossene Gruppen gibt. Diese sind dann einfacher zu gewinnen für Organisationen, wie bewaffnete Rebellionen, deren Ziel es ist, die Regierung abzusetzen, da Groll und Abneigung gegenüber der Regierung in diesen Ethnien besonders stark ist. Die Motivation an derartigen Aufständen teilzunehmen ist einfach größer (vgl. Cederman et al. 2010: 95). Die Autoren postulieren daraus zusammenfassend die folgende Hypothese:

- H1a: Die Wahrscheinlichkeit eines „ethno-nationalistischen“ Konfliktes erhöht sich, je mehr Repräsentanten einer ethnischen Gruppe von der zentralen exekutiven Macht ausgeschlossen sind.

(Cederman et al. 2010: 95)

Sie gehen weiter davon aus, dass ethnische Gruppen und ihre Führer insbesondere dann dazu neigen, Rebellionen und Aufstände zu organisieren, wenn sie in jüngerer Zeit einen relativen Verlust an Macht in der Exekutive ihres Landes erfahren mussten. Bei einem solchen „Downgrading“ kann Frust, Missgunst und Wut entstehen und die Schuld wird dann oftmals bei anderen gesucht. In solchen Fällen können dann Eliten der betroffenen ethnischen Gruppierungen sehr gut diese Gefühle in der Anhängerschaft bündeln und kanalisieren, was ebenfalls eher zu organisierten, bewaffneten Aufständen führen kann (vgl. Cederman et al. 2010: 95). Dies führt zu der folgenden Hypothese der Autoren:

- H1b: Die Wahrscheinlichkeit eines „ethno-nationalistischen“ Konfliktes erhöht sich, wenn es einen Rückgang im Machtstatus einer ethnischen Gruppierung gegeben hat und dadurch der Zugang zu exekutiver Macht für Repräsentanten der Ethnie zurückgegangen ist.

(Cederman et al. 2010: 96)

Verletzt wird das Prinzip der ethnischen Repräsentativität moderner Nationalstaaten zudem, wenn ethnische Gruppierungen, die eine Beteiligung an der exekutiven Macht haben, im relativen Vergleich stark unterrepräsentiert sind gegenüber einer/den anderen ethnischen Gruppierungen. Die unverhältnismäßige Dominanz eines oder mehrerer Partner in der Exekutive wird dann als unfair betrachtet und kann Ängste schüren bei den Benachteiligten, was die Motivation eines Aufstandes weiter stärkt. Die daraus resultierende Hypothese der Autoren ist deshalb Folgende (vgl. Cederman et al. 2010: 96):

- H1c: Die Wahrscheinlichkeit eines „ethno-nationalistischen“ Konfliktes erhöht sich, wenn in der Exekutive Vertreter einer relativ großen ethnischen Gruppierung verglichen zu kleineren ethnischen Gruppierungen unterrepräsentiert sind.

(Cederman et al. 2010: 96)

Damit ein bewaffneter Aufstand wirklich zustande kommt, ist ein weiterer Faktor neben der Motivation der entsprechenden ethnischen Gruppierung sehr entscheidend. Das Mobilisierungspotenzial eines Kollektivs trägt maßgeblich dazu bei, ob es tatsächlich zu einer Rebellion kommt oder nicht. Der Anteil der von der Exekutivmacht ausgeschlossenen Ethnie an der Gesamtbevölkerung eines Staates spielt deshalb eine zentrale Rolle. Je größer dieser ist, desto eher kann die Gruppierung der Regierung als Opposition gegenüber treten, da sie ein höheres Rekrutierungspotenzial für Kämpfer besitzt. Große Ethnien verfügen zudem meist über eine bessere organisatorische Infrastruktur und ihre formulierten Ansprüche gegenüber der Staatsmacht sind legitimer als die Forderungen von Gruppen, die relativ an der Gesamtbevölkerung eines Staates unerheblich sind. Im modernen Nationalstaat ist die Exklusion einer solchen Gruppierung skandalöser, als der Auschluss von relativ kleinen Ethnien oder von ethnischen Minoritäten geführten Staaten (vgl. Cederman et al. 2010: 96). Dies führt laut den Autoren zu einer weiteren Hypothese:

- H2: Die Wahrscheinlichkeit eines „ethno-nationalistischen“ Konfliktes erhöht sich, je größer die ethnische Gruppierung gemessen an der Gesamtbevölkerung ist.

(Cederman et al. 2010: 96)

Cederman et al. kommen noch zu dem Schluss, dass es eine entscheidende Rolle spielt, ob es in dem Land bereits in der Vergangenheit zu Konflikten zwischen Ethnien gekommen ist. Ethno-nationalistische Aktivisten sorgen oftmals dafür, dass von vergangenen Konflikten und Auseinandersetzungen der eigenen Ethnie einseitige Erzählungen und Berichterstattungen im Umlauf sind. Diese betonen dann meist die eigenen errungenen Siege oder führen die Schuld für das militärische Unterliegen in früheren Auseinandersetzungen auf eine schwache Führung und Verräter in den eigenen Reihen, beziehungsweise besonders brutale und rücksichtslose Gegner zurück. Die Folge davon kann dann sein, dass eine ethnische Gruppe wieder zu einer bewaffneten Auseinandersetzung schreitet, obwohl sich ihre Siegchancen eventuell gar nicht verändert oder verbessert haben (vgl. Cederman et al. 2010: 97).

Ein zweiter Grund dafür, dass eine konfliktbehaftete Vergangenheit dazu führen kann, dass es wieder zu Auseinandersetzungen kommen kann, besteht außerdem darin, dass die offiziellen Rituale oder mündliche und schriftliche Überlieferungen einer Ethnie angereichert sind mit Aufforderungen zu Racheakten an bestimmten anderen Gruppierungen.

Eine konfliktreiche Vergangenheit kann zudem dazu führen, dass seit dem erstmaligen Ausbruch von Kämpfen Gewalt einfach nicht mehr als unvorstellbar gilt und deshalb immer wieder eingesetzt werden kann. Dies kann auch dazu führen, dass sich eine „culture of violence“ im Sinne eines einmal eingeschlagenen Weges entwickelt, die immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen führt (vgl. Cederman et al. 2010: 97). Aus diesen drei Gründen resultiert noch eine letzte Hypothese:

- H3: Die Wahrscheinlichkeit für einen „ethno-nationalistischen Konflikt“ einer Ethnie erhöht sich mit der Zahl der früheren Konflikte, die im Namen dieser selben ethnischen Gruppierung geführt wurden.

(Cederman et al. 2010: 97)

3. Der Darfur-Konflikt in der Analyse

Der Darfur-Konflikt eskalierte im Jahr 2003, während sich die Regierung gerade in Friedensverhandlungen mit der SPLA befand, um den Konflikt im Süden des Landes zu beenden (vgl. Khalafalla 2005: 40). In den Monaten davor gab es immer wieder Berichte von Überfällen durch reitende, arabische Nomaden auf Dörfer in den Gebieten der Gabal-Marra-Region, nicht weit entfernt von den Städten Nyala und Al Fashir (vgl. BBC Summary of World Broadcasts 2002, vgl. Agence France Presse 2002, vgl. Associated Press Worldstream 2003). Dies resultierte letzten Endes dazu, dass im Februar 2003 schließlich eine Rebellengruppe unter der Führung von Abdel Wahid Mohammed Nour die Stadt Gulu besetzte[2] (vgl. Khalafalla 2005: 44). Nach einer Rückeroberung der Stadt durch Regierungstruppen kam es dann Ende April 2003 zu Kämpfen auf einem Flughafen in der Provinz-Hauptstadt Al-Fashir (vgl. Agence France Presse 2003a). Die Regierung versuchte durch Luftbombardements und mit der Bewaffnung und dem Einsatz der sogenannten „Janjaweed“-Milizen Herr der Lage zu werden, was von vielen Medien und internationalen Orgnisationen stark kritisiert wurde[3].

Im Folgenden wird nun zunächst gezeigt werden, was für ethnische Gruppierungen es im Sudan gibt und welche davon regional in der Darfur-Region vorherrschen. Anhand von Daten des „GROW-Up-Portals“ wird gezeigt werden, welche Ethnien im Sudan 2003 zu den „Included and Excluded Ethnic Groups“ gehören, wodurch überprüft wird, ob diese Ethnien bei der folgenden Analyse eine Rolle spielen. Anschließend werden die einzelnen Hypothesen der Theorie anhand der am Konflikt beteiligten, ethnischen Gruppierungen geprüft.

3.1. „Included and Excluded Groups“ und ihre geographische Verbreitung im Sudan

Geographisch betrachtet liegt das Land Sudan im Nordosten Afrikas und es gibt mit insgesamt acht Staaten gemeinsame Grenzverläufe (inklusive Südsudan). Bis zur Sezession des Südsudans im Juli 2011 war der Sudan noch das flächenmäßig größte Land in Afrika (vgl. Mareng 2009: 533). Darfur, die Region auf der das Hauptaugenmerk in dieser Ausarbeitung liegt, ist flächenmäßig in etwa so groß wie Frankreich (vgl. Khalafalla 2005: 41). Sie lässt sich gliedern in die zur Sahara zugehörigen Halbwüste im Norden, das sogenannte landwirtschaftlich genutzte dünenartige qoz-Land, welches sich an der Ostgrenze entlang zieht, dem südlich anschließenden Lehmbecken und dem Gabal Marra-Gebirge im Süden (vgl. Khalafalla 2005: 41).

Abbildung 1 gibt einen Überblick über die regionale Gliederung des Landes sowie die Verteilung ethnischer Gruppen im noch ungeteilten Sudan im Jahr 2003. Die Grafiken sind von der “International Conflict Research”-Forschungsgruppe der Technischen Hochschule in Zürich, die unter der Schirmherrschaft von Lars-Erik Cederman arbeitet. Über das „GROW-Up“-Portal werden interaktiv Informationen zur weltweiten Verteilung ethnischer Gruppierungen in den jeweiligen Ländern geboten.

Betrachtet man die Provinzen „North Darfur“, „South Darfur“ und „West Darfur“, so kann man hier erkennen, dass es eine regionale Vorherrschaft der Ethnie der „Fur“ zu geben scheint, an der Westgrenze zum Tschad lassen sich noch einige weitere Ethnien, wie die „Masalit“ und „Zaghawa“ ausmachen. Insgesamt werden in dem Portal für den gesamten Sudan dreizehn größere Gruppierungen einzeln aufgeführt. Dazu treten Zusammenfassungen von kleineren Gruppierungen[4].

[...]


[1] Die „Darfur Liberation Front“ benannte sich im März 2003 um in „Sudan Liberation Movement/Army (im Folgenden abgekürzt als „SLM/A“) (vgl. Agence France Presse 2003b).

[2] Abdel Wahid Mohammed Nour war zuvor ein Mitglied der kommunistischen Oppositionspartei des Landes (vgl. Agence France Presse 2003b).

[3] „Janjaweed“ sind arabische Milizen, die sich größtenteils aus halbnomadisch lebenden Rinderhirten der „Baggara“ zu rekrutieren scheinen (vgl. Khalafalla 2005: 40, 41).

[4] Azande, Bari, Beja, Dinka, Fur, Latoka, Masalit, Nuba, Nuer, Other Arab Groups, Other Northern Groups, Other Southern Groups, Rashaida, Shaygiyya, Ja'aliyyin, Danagla, Shilluk, Zaghawa (vgl. GROW-Up-Portal).

Details

Seiten
25
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656108818
ISBN (Buch)
9783656108252
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v187528
Institution / Hochschule
Universität Mannheim – Lehrstuhl für Internationale Beziehungen, Politische Wissenschaft II
Note
1,3
Schlagworte
Ethnischer Nationalismus Ethnizität Sudan Darfur Fur Zaghawa Masalit Al Bashir Ethnische Exklusion Ethnischer Konflikt Bürgerkrieg Genozid Völkermord Darfur Liberation Front Sudan Liberation Movement/Army SLM/A Ethnic-Power-Relations-Datensatz Process Tracing UNAMID

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Titel: Warum ist der 2003 ausgebrochene Darfur-Konflikt eine Folge von politischer Exklusion?