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Luthers Verständnis der Taufe und der Kindertaufe in den Katechismen

Bachelorarbeit 2010 31 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Einleitung

1. Einführung

2. Luthers Sakramentsverständnis

3. Entstehung und Intention der Katechismen

B. Hauptteil: Luthers Taufauslegung in den Katechismen

4. Das Wesen der Taufe
4.1 Die Stiftung der Taufe
4.2 Die Umschreibung der Taufe
4.3 Die Bedeutung des Wassers

5. Der Nutzen der Taufe

6. Der Empfang der Taufe

7. Luther und seine Gegner
7.2 Luthers Ablehnung des Spiritualismus

8. Die Kindertaufe
8.1 Kirchengeschichtliche Begründung der Kindertaufe
8.2 Die Lehre von der fides infantium
8.3 Luthers Ablehnung des Täufertums

9. Die Bedeutung der Taufe

C. Schluss

10. Vergleich der Taufauslegungen in den Katechismen

11. Fazit

12. Literaturverzeichnis

1. Einführung

Im Sermon von dem heiligen, hochwürdigen Sakrament der Taufe (1519) findet sich Martin Luthers erste Abhandlung zur Taufe. Während er in diesem sogenannten Taufsermon sein Verständnis des Taufsakraments noch mit den Kategorien Augustins (Zeichen, Bedeutung und Glaube) entwickelt, geht er in De captivitate Babylonica ecclesiae (1520) über dessen Auffassung hinaus, indem er die Taufe „aus der Relation von Verheißung (promissio), Zeichen und Glaube interpretiert“.[1] Seine Tauflehre hält Luther schließlich 1529 im Kleinen und Großen Katechismus fest. Das sich in diesen Lehrstücken widerspiegelnde Verständnis soll Gegenstand dieser Arbeit sein. Dabei soll deutlich werden, dass Luther sein Taufverständnis in Auseinandersetzung mit seinen jeweiligen Gegnern konkretisiert.

Die Gliederung orientiert sich weitestgehend an der Auslegung der Taufe im Großen Katechismus: Zunächst wird Luthers Sakramentsverständnis auf Grundlage der Schrift De captivitate Babylonica ecclesiae dargelegt, anschließend Intention und Adressaten der Katechismen anhand ihrer Vorreden herausgearbeitet, um dann einzelne Aspekte der Taufe näher zu erläutern: Zuerst Wesen, sodann Nutzen und schließlich Empfang der Taufe. Im Anschluss sollen Luthers Argumente gegen das Taufverständnis des Spiritualismus herausgearbeitet werden. Anschließend wird die Kindertaufe als ein besonderer Teilaspekt thematisiert und in diesem Kontext Luthers Position zum Täufertum dargelegt. Nachfolgend soll die Bedeutung der Taufe erläutert und die Auslegung des Taufsakraments in den beiden Katechismen verglichen werden. Im letzten Teil der Arbeit wird ein Fazit gezogen.

Der besseren Lesbarkeit und Verständlichkeit halber wird nach Absprache mit dem Erstprüfer die Ausgabe der Katechismen nach Kurt Aland verwendet.[2] Für weitere Schriften Luthers greife ich vor allem auf die Kritische Gesamtausgabe zurück.[3] Zur Aufschlüsselung der von mir verwendeten Abkürzungen verweise ich auf das Abkürzungsverzeichnis der RGG.[4]

2. Luthers Sakramentsverständnis

Dem Begriff Sakrament kann eine doppelte Bedeutung zugewiesen werden: Während im engeren Sinn unter Sakrament eine gottesdienstliche Handlung verstanden wird, die den Gläubigen an der von Jesus Christus bringenden Gnade teilhaben lässt, fasst die weitere Bedeutung unter dem Begriff allgemeine Glaubensgeheimnisse zusammen. Grundlegend für alle Sakramentsverständnisse ist Augustins Umgang mit diesem Begriff. Auch wenn er die Bezeichnung Sakrament im Anschluss an die weite Bedeutung für ein äußeres Zeichen verwendet, legt er sein Augenmerk auf die heiligen Handlungen der Taufe und Eucharistie, deren Hauptbestandteil das Wort sei.[5] Erst wenn das Wort – das sich in der Relation von Offenbarung und Glaube erschließe – hinzutrete, entstehe das Sakrament.

Um 1150 wird die Zählweise und Reihenfolge der Sakramente üblich, die bereits Thomas von Aquino als unumstritten vorausgesetzt hatte. Dieser geht von einer Siebenzahl aus, die sich seines Erachtens unter anderem damit begründet, dass die Sa-kramente sowohl auf persönliche als auch gemeinschaftliche Vervollkommnung zielen. Das geistliche Leben eines jeden werde durch Taufe, Firmung, Eucharistie, Buße und Krankensalbung bewahrt und gefestigt. Durch Weihe und Ehe werde der Mensch in seiner Beziehung zur Gemeinschaft vervollkommnet. Aus dieser Einteilung ergebe sich zugleich die Reihenfolge der Sakramente, wobei die Eucharistie an erster Stelle stehe, da in ihr Jesus Christus wesenhaft enthalten sei, während in den anderen nur seine Kraft wirke.

Die Wirksamkeit eines Sakraments konstituiert sich für die Scholastik „ex opere operato“. „Opus operatum“ steht dabei für den äußerlichen Vollzug des Sakraments, für den weder Christusglauben noch Teilhabe mit dem Herzen von Bedeutung sind. Gott bedient sich am Sakrament und wirkt in Jesus Christus Gnade durch sie hindurch.[6] Luther hält dieser Auffassung vor, den Bezug auf den Glauben zu verkennen.[7]

Ansätze einer allgemeinen Sakramentenlehre sind in Luthers Schrift De captivitate Babylonica ecclessiae (1520) zu finden. Darin setzt er sich mit den sieben Sakramenten der mittelalterlichen Kirche kritisch auseinander.

Er geht über Augustins Kategorien von Zeichen, Bedeutung und Glaube hinaus und bindet das Sakrament in seine Worttheologie ein.[8] Wort und Glaube stehen für ihn in Abhängigkeit zueinander. Erst wenn beide wechselseitig wirken, kann die Wirksamkeit des Sakraments zum Vorschein treten: „Niemals […] ist Gott mit den Menschen anders umgegangen oder geht mit ihnen anders um als durch das Wort der Verheißung; umgekehrt können aber auch wir niemals anders mit ihm umgehen, es sei denn durch den Glauben an das Wort seiner Verheißung.“[9] Damit rückt Luther die „Doppelheit von `Verheißung´ (promissio) und `Glaube´(fides) in den Vordergrund“.[10] Nicht mehr der Glaube führt Zeichen und Bedeutung im Sakrament zusammen, sondern er nimmt das Sakrament durch Verheißung und Zeichen entgegen.[11] Urheber dieser Verbindung ist Jesus Christus, der Taufe und Abendmahl selbst gestiftet hat. Nur aus diesem Grunde können die Zeichen auch als Heilsvermittler fungieren.[12]

Aufgrund der dargestellten Bedingungen: Göttliche Verheißung, Einsetzung durch Jesus und Verbindung mit einem äußeren Zeichen, ordnet Luther allein Taufe und Abendmahl den Sakramenten der Kirche zu. Die Buße lehnt er nach dieser Definition ab, denn auch wenn sie eine göttliche Heilszusage vermittle, nämlich die Vergebung der Sünden, fehle doch das äußere Zeichen.[13] Auch die weiteren katholischen Sakra-mente (Firmung, Ehe, Priesterweihe und letzte Ölung) weist er zurück, da sie seine Merkmale eines Sakraments nicht erfüllen.[14]

Mit seiner Neubegründung des Sakramentsbegriffes will Luther erreichen, dass die Kirche keine weiteren Gnadenmittel schafft, um Gläubige von sich abhängig zu machen.[15]

3. Entstehung und Intention der Katechismen

In keiner anderen Epoche der Kirchengeschichte gab es so viele Versuche die christliche Lehre neu darzustellen wie in der Reformationszeit, die auch als das „katechetische Zeitalter der Kirchengeschichte“[16] bezeichnet werden könnte. Die erfolgreichsten unter allen Katechismen waren Luthers Kleiner und Großer Katechismus.[17]

In der christlichen Tradition wird der Begriff Katechismus in dreierlei Bedeutung verwendet. Zunächst bezeichnet er den Vorgang des Taufunterrichts, unterschieden in den Exorzismus am Täufling und den `eigentlichen´ Katechismus, bei dem den Paten Glaubensinhalte vermittelt werden mit der Verpflichtung, sie später an den Täufling weiterzugeben.[18] Diesem Begriff folgt Luther, wenn er schreibt: „Catechismus aber heyßt eyne unterricht, damit man die heyden, so Christen werden wollen, leret und weyset, was sie gleuben, thun, lassen und wissen sollen im Christenthum“.[19] Auch greift er diesen Wortgebrauch in der Vorrede zum Großen Katechismus auf: „Katechismus, das ist eine Kinderlehre, die ein jeglicher Christ notwendig wissen soll“.[20]

Zweitens beschreibt Katechismus die von der Alten Kirche festgelegten Glaubensinhalte, die den Katechumenen vermittelt wurden. Allerdings wurde dafür noch nicht die Bezeichnung Katechismus verwendet.

Im dritten Sinn wird unter dem Begriff ein Buch verstanden, das die zentralen Inhalte der christlichen Lehre im Frage-Antwort-Schema darlegt. Andreas Althamer verfasste 1528 als Erster ein mit „Katechismus“ betiteltes Lehrbuch zum christlichen Glauben. Durchsetzen konnte sich dieser Name für das Katchumenenbuch mit der Veröffentlichung des Kleinen und Großen Katechismus Luthers im Jahr 1529.[21]

Die verschiedenen Verwendungsweisen fasst Otto Albrecht folgendermaßen zusammen: „Also `Katechismus´ ist Unterricht in der christlichen Religion, Elementarunterricht im Christentum, zunächst als Handlung gedacht, dann als ein abgegrenzter Lehrstoff, dann Bezeichnung eines Buchinhalts und schließlich eines Buches selbst.“[22]

Zur Entstehung und Funktion von Luthers Katechismen spielen drei Motive eine Rolle. Zunächst gehen die Katechismen aus seinen Predigtarbeiten hervor, mit denen er vertiefte Kenntnisse über den Katechismusstoff vermitteln will.[23]

Daneben ist seine seelsorgliche Absicht zu nennen, die er in der „Keimzelle seiner katechetischen Literaturproduktion“[24] Eine kurze Form der zehn Gebote, eine kurze Form des Glaubens, eine kurze Form des Vaterunsers (1520) bestimmt: „Dan drey dingk seyn nott eynem menschen zu wissen, das er selig werden muge: Das erst, das er wisse, was er thun und lassen soll. Zum andernn, wen er nu sicht, das er es nit thun noch lassen kan auß seynen krefften, das er wisse, wo erß nehmen und suchen unnd finden soll, damit er dasselb thun und lassen muge. Zum drittenn, das er wisse, wie er es suchen und holen soll.“[25]

Veranlasst durch das im Anschluss an die Wittenberger Unruhen 1521/22 neu eingerichtete Katechismus-Verhör, will sich Luther drittens für Gemeindeordnung und Kirchenzucht einsetzen.[26]

Bei seinen Visitationen im Jahr 1528 stellt Luther große Missstände fest: Das junge und einfache Volk ist unwissend über die christliche Lehre. Diese Bestandsaufnahme führt er auf Ungeschicklichkeit und Untüchtigkeit der Pfarrer und Prediger beim Lehren zurück, weshalb er sie in der Vorrede zum Kleinen Katechismus auffordert, den Katechismus dem ihnen von Herzen anbefohlenen Volk nahezubringen. Dazu gibt er einen Vierschritt vor: Zuallererst soll es in die drei Hauptstücke Zehn Gebote, Glaubensbekenntnis und Vaterunser eingewiesen werden, denn diese bieten eine Zusammenfassung der ganzen Heiligen Schrift. Nachdem das Volk die Stücke auswendig kann, soll es zweitens in Sinn und Bedeutung unterwiesen werden. Zur Vertiefung ist anschließend eine Einführung mit Hilfe des Großen Katechismus erforderlich, bei der Nutzen und Gefahren eines jedes Stücks herausgestellt werden müssen. Zu guter Letzt trägt er den Pfarrern auf, Zweck, Gefahr und Heil des Sakrament­s hervorzuheben, so dass Laien dieses ohne Zwang annehmen wollen. Wenn sie aber nicht zum Empfang kommen, soll der Pfarrer sie mit den Worten „daß sie des Teufels sind“ gehen lassen, denn sie erkennen in ihrer Notlage nicht die Gnade und Hilfe Gottes an.[27]

Mit Hilfe des Kleinen Katechismus haben nicht nur mehrere Generationen Lesen und Schreiben gelernt, sondern auch eine Einführung in das Christentum erhalten. Er wurde auf diese Weise „zum Grundbuch des evangelischen Glaubens“.[28]

Der Große Katechismus „ist Luthers zentrale theologische Schrift in deutscher Sprache“,[29] von Bernhard Lohse auch als „umfassendste Übersicht aus Luthers eigener Feder über Grundfragen der Dogmatik“[30] bezeichnet. In der kurzen Vorrede zum Großen Katechismus von 1529 hebt Luther die Pflicht der Hausväter hervor, Kinder und Gesinde mit Hilfe des Katechismus zu unterweisen und einmal in der Woche ihr Wissen in einem Gespräch zu überprüfen.[31] Mit der ausführlicheren Vorrede von 1530, die er vermutlich auf der Feste Koburg verfasste,[32] wendet er sich vor allem an Pfarrer und Prediger. Er hält ihnen vor, Amt und Lehre aus Gelehrsamkeit, aber auch aus Faulheit zu verachten. Seiner Ansicht nach betrachten sie den Katechismus als eine unwichtige Lehre, für die ein einmaliges Überlesen genüge. Dieses Verhalten prangert Luther an und fordert auf, den Katechismus täglich zu studieren, denn dabei sei der Heilige Geist gegenwärtig und ermögliche immer wieder eine neue Betrachtungsweise des Gelesenen.[33] Auch wenn Luther den Großen Katechismus als “Kinderlehre“[34] bezeichnet, wendet er sich nicht an diese, sondern will vor allem die Geistlichen zur Katechismusunterweisung befähigen.[35]

Beide Katechismen wurden ins Konkordienbuch (1580) aufgenommen und somit Teilinhalt der lutherischen Bekenntnisschriften. Dadurch änderte sich ihr Charakter: „aus dem katechetisch-seelsorgerlichen Buch, das ursprünglich nicht als ein zusammenhängendes Lehrsystem entworfen war, wurden ein dogmatisches Kompendium und eine verbindliche Lehrnorm“,[36] ohne dabei jedoch seinen ursprünglichen Sitz im Leben zu verlieren.[37]

Die Katechismen weisen einen parallelen Aufbau auf: Zunächst werden die drei Hauptstücke Zehn Gebote, Glaubensbekenntnis und Vaterunser behandelt, anschließend die zwei Sakramente der heiligen Taufe und des heiligen Abendmahls. Eine Begründung für diese Reihenfolge ist zu Beginn des vierten Stücks im Großen Katechismus zu finden. Nachdem sich Luther mit den drei Hauptstücken „der allgemeinen christlichen Lehre“ auseinandergesetzt hat, möchte er die zwei von Christus eingesetzten Sakramente besprechen, wobei er die Taufe dem Abendmahl voranstellt, weil der Mensch durch sie zuerst ins Christentum aufgenommen wird. Gemäß Luther ist es daher unabdinglich, eine Unterweisung in die Taufe zu erhalten, da ohne Wissen über dieses Sakrament ein Mensch kein Christ sein kann. Dabei will er der besseren Verständlichkeit halber die Aspekte der Taufe nacheinander behandeln und sich auf das Wesentliche beschränken. Darüber hinaus sollen mit Hilfe seiner Ausführungen den Gelehrten Argumente an die Hand gegeben werden, um sich gegen „Ketzer“ und „Rotten“ verteidigen zu können.[38]

4. Das Wesen der Taufe

Seiner Taufauslegung stellt Luther sowohl im Kleinen als auch im Großen Katechismus eine Charakterisierung der Taufe voran. Diese Wesensbeschreibung kann in die Stiftung der Taufe (4.1), die Umschreibung der Taufe (4.2) und in die Bedeutung des Wassers (4.3) unterteilt werden.

4.1 Die Stiftung der Taufe

Für die Einsetzung der Taufe durch Jesus Christus beruft sich Luther im Kleinen und Großen Katechismus auf den Taufbefehl Mt 28,19: „Gehet hin in alle Welt, lehret alle Heiden und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes.“ Darüber hinaus führt er im Großen Katechismus Mk 16,16 an: „Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt.“ Mit den Schriftworten will Luther besonders Gottes Gebot und Einsetzung hervorheben[39] und auf diese Weise die Göttlichkeit der Taufe zum Ausdruck bringen. Die Merkmale begründen für ihn ferner die Abgrenzung der Taufe gegenüber einer menschlichen Tat. Denn auch wenn der Akt durch Menschenhand ausgeführt werde, sei die Taufe das Werk Gottes, in der der Täufling von Gott selbst getauft werde.[40] Gott selbst sei „der Anwesende und Wirkende“,[41] dessen Handeln mit der trinitarischen Taufformel zum Ausdruck gebracht wird. Daher lautet Gottes Befehl auch „in Gottes Namen“ und nicht „in Eurem“ zu taufen. Zu Gottes Gebot und Einsetzung tritt demnach das Taufen in seinem Namen, was Luthers Forderung begründet „die Taufe trefflich, herrlich und hoch [zu] halte[n]. […] Denn was kann man für größere Werke machen als Gottes Werk?“[42] Dabei mahnt er jedoch zur Vorsicht, dass sich der Mensch nicht vom Teufel verführen lassen solle und dann von Gottes Werk auf sein eigenes schließe. Da Gott wesentlich besser als der Mensch sei, dürfe nicht eine Person nach ihren Werken, sondern Werke müssten nach der Person beurteilt werden.[43] „Die Taufe ist eingeordnet in Gottes Kondeszendenz, sie ist Gottes Gnadengabe an uns und deshalb das konträre Widerspiel zu allem sakrifiziellen Menschenwerk; sie ist Gottes Sich-Herabneigen zu uns, nicht unser Emporstreben zu Gott.“[44] Der sekundäre Markusschluss hebt vor allem die „Heilsnotwendigkeit der Taufe“[45] hervor: Glaube und Taufe sind zwingende Voraussetzungen, um selig zu werden. Glaubt der Mensch nicht, so wird er verdammt. Martin Treu spricht in diesem Zusammenhang von der „Rettungszusage“,[46] die Jesus hier ausspricht. Diesen Aspekt der Taufverheißung aus Mk 16,16 entfaltet Luther beim Empfang der Taufe.

4.2 Die Umschreibung der Taufe

Der Stiftung schließt Luther eine nähere Beschreibung der Taufe an, in der er sich mit der Frage „Was ist die Taufe?“ auseinandersetzt. Im Kleinen Katechismus definiert er diese als „das Wasser in Gottes Gebot gefass[e]t und mit Gottes Wort verbunden.“[47] Ähnlich heißt es auch im Großen Katechismus: Die Taufe ist „ein Wasser in Gottes Wort und Gebot gefasset und dadurch geheiligt, so daß es nichts anders als ein Gottes-Wasser ist.“[48] Neben dem Wasser, auf das im folgenden Punkt näher eingegangen wird, ist das Wort Gottes für Luther ein zentrales Element der Taufe, denn als heiliges Wort verkörpere es alles, „was Gottes ist“.[49] Nur durch das Wort könne die Taufe ein Sakrament werden. Mit diesem Verständnis beruft er sich auf die Lehre Augustins: „Accedat verbum ad elementum, et fit sacramentum“.[50] Daher lehrt Luther: Eine Beurteilung sowohl der Sakramente als auch der äußerlichen von Gott eingesetzten und geordneten Dinge solle nicht nur nach dem äußeren Erscheinungsbild erfolgen, sondern es müsse auch betrachtet werden wie Gottes Wort darin enthalten sei.[51] Nicht anders gehe der Mensch bei der Wertschätzung seiner Eltern vor: Anstatt Mutter und Vater allein nach ihrem Äußeren zu beurteilen – wonach sie nicht von „Türken und Heiden“ zu unterscheiden wären ­­– berücksichtige er das hinzutretende Gebot „Du sollst Vater und Mutter ehren“. Auf diese Weise sehe er das Wesen seiner Eltern an und erkenne, dass sie mit „Majestät und Herrlichkeit Gottes“ bedacht sind.

Die Taufe solle der Mensch aber nicht nur um des Wortes, sondern auch um der Werke willen ehren. Denn Gott habe sie „mit Wundern vom Himmel bestätigt“, was die Taufe Jesu bekräftige:[52] „Und als Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen“ (Mt 3,16).

Mit der dargelegten Wesensbeschreibung muss sich Luther der Kritik aussetzen, er nehme lediglich das Element in den Blick und schenke der Handlung keine Beachtung. Auf welcher dieser beiden konträren Ansätze der Schwerpunkt im Taufgeschehen liegt, war bereits in der Frühscholastik Gegenstand eines Streites. Der Erste nahm das Wasser im Sinne Hugos von St. Viktor in den Blick, der Zweite legte sein Augenmerk mit Petrus Lombardus auf den Akt des Eintauchens. Bonaventura versuchte beide Ansätze zu vereinen, indem er sagte, das Wasser sei allein im Bad der Reinigung das Sakrament und die Reinigung sei allein Sakrament, wenn sie im Wasser vollzogen werde. Indem Luther beim Element ansetzt, folgt er St. Viktor, wobei Luthers Schwerpunkt auf dem Wort liegt.[53] Das verdeutlicht seine Aufnahme des bereits angeführten Zitats von Augustin.

4.3 Die Bedeutung des Wassers

Das Wasser, welches bei der Taufe mit dem Wort zusammengeführt wird, ist für Luther heilig. Es habe aber zunächst keine anderen Eigenschaften als normales Wasser, „sondern weil Gottes Wort und Gebot dazukommt“ und er seine ganze Kraft und Macht mit hineinlege, sei es ein „göttlich, himmlisch, heilig und selig Wasser“ und somit nichts anderes als „Gottes-Wasser“. Zur Veranschaulichung fügt er hinzu: Ließe man das Wort weg, so würde sich das Wasser nicht vom Kochwasser der Magd unterscheiden und die Taufe wäre dann eine Badertaufe.[54]

Als elementare Aspekte der Taufe sind heiliges Wasser und Gottes Wort und Gebot miteinander verknüpft, weshalb Luther im Schlussteil seines Abschnitts über Wesen und Würde des heiligen Sakraments mahnt: „Wort und Wasser, nicht voneinander scheiden und trennen“ zu lassen. Sobald diese Anordnung Gottes erfüllt sei, entstehe ein Sakrament, das „Christi Taufe“ heiße.[55]

Während die Einsetzungsworte gesprochen werden, wird der Täufling laut Luther mit Wasser getauft. Durch Wort und Element beziehe Jesus den Täufling „wort-tathaft“ mit in sein Gebot ein. Diese „kindlich naive Schau“ veranlasst Albrecht Peters zum Vorwurf, Luther betrachte den Gesamtvollzug der Taufe nicht und reflektiere weder Spender und Empfänger noch die anwesende Gemeinde.[56] Peters kann dahingehend zugestimmt werden, dass dem Spender tatsächlich keine Beachtung geschenkt wird. Allerdings nimmt Luther in seinen weiteren Ausführungen eingehend den Empfang der Taufe in den Blick und impliziert damit auch die Rolle des Empfängers. In seinen Ausführungen zur fides infantium geht er zudem auf die Rolle der Paten beziehungsweise der Gemeinde ein.

Luthers Wesensbeschreibung lässt eine dreifache Umschreibung der Taufe aus Element, Spendeworte und Einsetzung erkennen.[57]

[...]


[1] Zur Mühlen, Karl-Heinz: Art. Taufe, V. Reformationszeit, TRE 32, S. 701f.

[2] Luther deutsch. Die Werke Martin Luthers in neuer Auswahl für die Gegenwart, hrsg. von Kurt Aland, Göttingen 1957–1974.

[3] D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe, Weimar 1883–2009.

[4] Abkürzungen Theologie und Religionswissenschaften nach RGG4, hrsg. von der Redaktion der RGG4, Tübingen 2007.

[5] Vgl. Köpf, Ulrich: Art. Sakramente, I. Kirchengeschichtlich, RGG4 7, S. 752f.

[6] Vgl. Wenz, Gunther: Art. Sakramente, I. Kirchengeschichtlich, TRE 29, S. 666–671.

[7] Vgl. Wendebourg, Dorothea: Taufe und Abendmahl, in: Luther Handbuch, hrsg. von Albrecht Beutel, Tübingen 2005, S. 415.

[8] Vgl. Zur Mühlen, Taufe, S. 702.

[9] Luther, Martin: De captivitate Babylonica ecclesiae. Praeludium Martini Lutheri/ Von der Babylonischen Gefangenschaft der Kirche. Ein Vorspiel von Martin Luther (1520), übersetzt von Renate und Reiner Preul, in: Martin Luther. Lateinisch-Deutsche Studienausgabe. Die Kirche und ihre Ämter, hrsg. von Wilfried Härle, Johannes Schilling und Günther Wartenberg, Bd. 3, Leipzig 2009, S. 225.

[10] Lohse, Bernhard: Luthers Theologie in ihrer historischen Entwicklung und in ihrem systematischen Zusammenhang, Göttingen 1995, S. 318.

[11] Vgl. Zur Mühlen, Taufe, S. 702.

[12] Vgl. Wendebourg, Taufe, S. 416.

[13] Vgl. Luther, Captivitate, S. 371.

[14] Vgl. ebd., S. 315: Ablehnung der Firmung, S. 321: Ablehnung der Ehe, S. 341f.: Ablehnung der Priesterweihe, S. 361: Ablehnung der letzten Ölung.

[15] Vgl. Barth, Hans-Martin: Die Theologie Martin Luthers. Eine kritische Würdigung, München 2009, S. 325.

[16] Schilling, Johannes: Katechismen, in: Luther Handbuch, hrsg. von Albrecht Beutel, Tübingen 2005, S. 305.

[17] Vgl. ebd.

[18] Vgl. Fraas, Hans-Jürgen: Art. Katechismus, I. Protestantische Kirchen, TRE 17, S. 710.

[19] WA 19, S. 76, 2–5.

[20] Luther, Martin: Der Große Katechismus, in: Luther deutsch. Die Werke Martin Luthers in neuer Auswahl für die Gegenwart, hrsg. von Kurt Aland, Bd. 3, Göttingen 19613, S. 16.

[21] Vgl. Fraas, Katechismus, S. 711.

[22] Albrecht, Otto: Vorbemerkungen zu beiden Katechismen, in: WA 30, S. 454.

[23] Vgl. Fraas, Katechismus, S. 712.

[24] Schilling, Katechismen, S. 307.

[25] WA 7, S. 204, 13–18.

[26] Vgl. Fraas, Katechismus, S. 712.

[27] Vgl. Luther, Martin: Der Kleine Katechismus, in: Luther deutsch. Die Werke Martin Luthers in neuer Auswahl für die Gegenwart, hrsg. von Kurt Aland, Bd. 6, Göttingen 19662, S. 138–142.

[28] Schilling, Katechismen, S. 306.

[29] Ebd., S. 310.

[30] Lohse, Bernhard: Martin Luther. Eine Einführung in sein Leben und sein Werk, München 19973, S. 154.

[31] Vgl. Luther, Großer Katechismus, S. 16.

[32] Vgl. Peters, Albrecht: Kommentar zu Luthers Katechismen. Die Zehn Gebote; Luthers Vorreden, Bd. 1, hrsg. von Gottfried Seebaß, Göttingen 1990, S. 22.

[33] Vgl. Luther, Großer Katechismus, S. 11–16.

[34] Ebd., S. 16.

[35] Vgl. Wenz, Gunther: Theologie der Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche. Eine historische und systematische Einführung in das Konkordienbuch, Bd. 1, Berlin 1996, S. 250.

[36] Schilling, Katechismen, S. 311.

[37] Vgl. ebd.

[38] Vgl. Luther, Großer Katechismus, S. 117.

[39] Zur Untermauerung verweist er auf die drei Hauptstücke (Zehn Gebote, Vaterunser und Glaubensbekenntnis), die ebenfalls von Gott selbst eingesetzt worden seien. Vgl. Luther, M.: Großer Katechismus, S. 117. Diese Argumentation ist jedoch sehr unhistorisch. Auch wird die Historizität des Taufbefehls nicht diskutiert. Vgl. Peters, Albrecht: Kommentar zu Luthers Katechismen. Die Taufe, das Abendmahl, Bd. 4, hrsg. von Gottfried Seebaß, Göttingen 1993, S. 77.

[40] Vgl. Luther, Großer Katechismus, S. 117f.

[41] Grönvik, Lorenz: Die Taufe in der Theologie Martin Luthers, Åbo Diss., Åbo 1968, S. 133.

[42] Luther, Großer Katechismus, S. 118.

[43] Vgl. ebd.

[44] Peters, Kommentar Taufe, S. 81.

[45] Avemarie, Friedrich: Art. Taufe, II. Neues Testament, RGG4 8, Sp. 56.

[46] Treu, Martin: „ein gemein gut aller Christen“. Martin Luther über die Taufe, in: Martin Luther und Eisleben, hrsg. von Rosemarie Knape, Leipzig 2007 (= Schriften der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt Bd. 8), S. 176.

[47] Luther, Kleiner Katechismus, S. 150.

[48] Luther, Großer Katechismus, S. 119.

[49] Ebd.

[50] `Wenn das Wort zum Element oder natürlichen Wesen kommt, so wird ein Sakrament daraus.´ Luther, Großer Katechismus, S. 119.

[51] Zur Veranschaulichung führt Luther den treffenden Vergleich mit einer Nuss an. An deren äußeren Schale sei der Kern ebenso wenig zu erkennen wie das Wort Gottes aufgrund des Äußeren der Sakramente erfasst werden könne. Vgl. Luther, Großer Katechismus, S. 120.

[52] Vgl. ebd.

[53] Vgl. Peters, Kommentar Taufe, S. 74f.

[54] Vgl. Luther, Großer Katechismus, S. 119f. Vgl. auch Luther, Kleiner Katechismus, S. 151.

[55] Vgl. ebd., S. 120.

[56] Vgl. Peters, Kommentar Taufe, S. 75.

[57] Vgl. auch Peters, Kommentar Taufe, S. 74.

Details

Seiten
31
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656110620
ISBN (Buch)
9783656110439
Dateigröße
583 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v187518
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,0
Schlagworte
luthers verständnis taufe kindertaufe katechismen

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Titel: Luthers Verständnis der Taufe und der Kindertaufe in den Katechismen