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Asymmetrie, Macht und Dominanz in Mediengesprächen

Eine theoretische Betrachtung und empirische Untersuchung anhand eines Ausschnitts von „Hart aber fair“

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 23 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Begriffsklärung
1.1 Asymmetrie
1.2 Macht und Dominanz

2. Der institutionelle Kontext
2.1 Rahmenbedingungen
2.2 Interaktionsdynamik
2.2.1 Machtressourcen der Institution
2.2.2 Machtressourcen des Moderators
2.2.3 Machtressourcen der Gesprächsteilnehmer

3. Sekten, Gurus und Gehirnwäsche – Eine empirische Untersuchung anhand eines Beispiels aus „Hart aber fair“
3.1 Asymmetrien zugunsten der Institution
3.2 Asymmetrien zugunsten des Moderators und der Gesprächsteilnehmer
3.2.1 Zeile 1-9
3.2.2 Zeile 9-20
3.2.3 Zeile 20-34

Fazit

Bibliografie

Anhang

Einleitung

Macht findet sich immer dort, so Foucault (Thornborrow 2002:7), wo mehrere Menschen in einem Netzwerk von sozialen und diskursiven Beziehungen interagieren. Machtstrukturen sind also in jeder alltäglichen Situation zu beobachten. Diese Arbeit wird sich jedoch mit der Frage der Machtbeziehungen im Gespräch in einem bestimmten Kontext beschäftigen, nämlich dem des Mediengesprächs. Die Rolle des Moderators und die Rollen der Gäste sind in diesem Kontext üblicherweise deutlich voneinander abgegrenzt, was sich, so ist zu vermuten, auch in der Struktur des Gesprächs widerspiegelt. Ob diese angelegten Rollen sich tatsächlich auch empirisch in der konkreten Interaktionsdynamik erkennen lassen, ist jedoch eine andere Frage. Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit soll also die Beziehung zwischen „power in discourse and power behind discourse“ (Fairclough 1989 :43) sein, d.h. die Untersuchung, ob es tatsächlich möglich ist, die zu vermutenden Asymmetrien anhand des Diskurses herauszukristallisieren.

Um jedoch diese Problematik genauer untersuchen zu können, bedarf es zunächst der Klärung einiger wichtiger Begriffe. Es wird demnach zunächst einmal die Begriffsklärung von Macht, Dominanz und Asymmetrie/Symmetrie der eigentlichen Diskussion vorgeschaltet, um eine differenzierte Betrachtung zu gewährleisten. Nach der folgenden theoretischen Betrachtung, die den aktuellen Forschungsstand aufgreifen soll, folgt abschließend die Analyse eines Ausschnitts aus der Sendung „Sekten, Gurus und Gehirnwäsche“ des Formats „Hart aber fair“.

1. Begriffsklärung

Alexander Brock/Dorothee Meer erkannten eine „weitgehen ungeklärte, häufig inkonsistente Verwendung“ der Begriffe „ A-/Symmetrie, Macht, Hierarchie und Dominanz“ (2004:185). Fakt ist, dass die Begriffe selten eindeutig definiert werden und somit in der Forschung mitunter unscharf gebraucht werden. Demnach sollen zunächst einmal Macht, Dominanz, Asymmetrie/Symmetrie und Konflikt, die im Folgenden von besonderer Bedeutung sein werden, kurz definiert werden.

1.1 Asymmetrie

Laut Thornborrow wird Asymmetrie in der Conversation Analysis[1] als „distribution of different types of turns between different participants“ (2002:3) bezeichnet. Habermas hingegen sehe Asymmetrie vielmehr in der unterschiedlichen Verteilung von “social power and status” (Thornborrow 2002:3). Es wird demnach bereits deutlich, dass es keinen Konsens über die Definition von Asymmetrie gibt. Während in der CA Asymmetrie in der konkreten Interaktion betrachtet wird, sieht zum Beispiel Habermas` Asymmetrie eher durch institutionelle Rollen bedingt. Lediglich die Annahme, dass institutionelle Gespräche eher zur Asymmetrie neigen, findet sich recht einheitlich in der Forschungsliteratur wieder. Auch Brock/Meer greifen die Unschärfe der Definition von Asymmetrie auf. Aus ihrer Sicht wird A-/Symmetrie meist „synonym mit Un-/Gleichheit“ (B/M 2004:186) gebraucht, jedoch nicht näher spezifiert. So sei eine Unterscheidung zwischen globalen und lokalen Asymmetrien sowie eine Unterscheidung zwischen „horizontalen oder vertikalen Asymmetrien“ (ebd.) notwendig. Global und lokal müsse unterschieden werden, da eine lokale Asymmetrie nicht auf eine globale Asymmetrie, d.h. eine das gesamte Gespräch umfassende Asymmetrie, hindeuten müsse. Vertikal und horizontal differenzieren des Weiteren ein generell hierachisches Verhalten von einem an sich hierarchieneutralen Verhältnis. (vgl. ebd.) Aus diesem Grund sei der Begriff Asymmetrie eher dazu geeignet, generelle Ungleichheiten bei z.B. der Turn-Verteilung – wie auch bereits oben erwähnt – zu erfassen.

Damit einhergehend nennen Brock/Meer das noch weitgehend unerforschte Verhältnis zwischen der „beobachtbaren kommunikativen Oberfläche“ und „dem jeweiligen institutionellen Rahmen“ (2004:187). Auch Brock beschäftigt sich mit diesem Verhältnis zwischen Asymmetrie im Gespräch und Asymmetrie bezüglich des institutionellen Rahmens. Hierbei erkennt Brock beispielsweise eine globale Asymmetrie zugunsten der Institution, die durch die „technische, organisatorische und kommerzielle Situierung gegeben ist“ (1992:167), sowie eine lokale Asymmetrie zugunsten des Moderators, die zum Beispiel durch ritualisierte Elemente wie „Gesprächsanfänge und –enden“ (ebd.) entsteht. Diese Asymmetrien zugunsten der Institution sind, so Brock, recht stabil (vgl. ebd.). Jedoch alle anderen Asymmetrien, die sich auf der Mikroebene (z.B. Themensteuerung) niederschlagen, sind durch ihren Aushandlungscharakter geprägt (vgl. Brock 1992:175) und nicht notwendigerweise stabile Größen (ebd.:156).

Anhand dieser kurzen Skizzierung der wichtigsten Diskussionen in der Forschung wird bereits deutlich, dass insbesondere zwischen institutionell angelegten Asymmtrien und den konkret auf der Mikroebene ausgehandelten Asymmetrien unterschieden werden muss. Die lokalen Asymmetrien müssen zwar nicht auch zu einer globalen Asymmetrie führen, können dieses jedoch, wenn wiederholt lokale Asymmetrien beobachtet werden können, bewirken. Da die Asymmetrien also nicht „straight forward or one way“ (Hutchby 1996:493) sein müssen, wird es Aufgabe dieser Arbeit sein, zu untersuchen, wie die konkret beobachtbaren Asymmetrien mit dem institutionellen Rahmen in Verbindung stehen, oder, wie Thornborrow beschreibt, die Untersuchung des "interplay between their institutional status and identity and their interactional and discursive role“ (2002:5). Des Weiteren werden die genannten Asymmetrien auf konkrete Bereiche bezogen werden, um der begrifflichen Unschärfe entgegenzuwirken.

1.2 Macht und Dominanz

Auch die Begriffe Dominanz und Macht erscheinen zunächst einmal im normalen Sprachgebrauch nach keiner genauen Definition zu verlangen. Betrachtet man jedoch insbesondere den Begriff Macht genauer, wird deutlich, dass es einige unterschiedliche Konzepte von Macht gibt. Thornborrow zeichnet die verschiedenen Konzepte kurz nach, wovon die wichtigsten für den Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit hier wiedergegeben werden sollen.

Nach Thornborrow war Althusser 1971 einer der Ersten, der Macht als Diskursphänomen bezeichnet hat. Althusser sah Macht manifestiert in der Konstruktion von kronkreten Rollen der Subjekte im Diskurs. Poststrukturalistische Theorien, die multiple Identitäten und Rollen für die Gesprächsteilnehmer erkennen, widersprechen ihm jedoch in dieser Hinsicht. Bourdieu wiederum, erstellte ein anderes Modell von Macht, nach dem er Macht als „‘symbolic capital‘“ (Thornborrow 2002:6) bezeichnet, „whereby some social practices take on more value and status than other, and where knowledge of and acces to those practices put some people in potentially more powerful position than others“ (ebd.). Hier kann man demnach bereits Verbindungen zwischen Sprache und Macht erkennen, da auch die Sprachkompetenz und die Kenntnis sprachlicher Normen, in einer sprachlichen Interaktion eine Machtressource darstellt.

Auch Foucault entfernt sich von der klassischen poststrukturalstischen Betrachtungsweise, die Macht hauptsächlich in Dominanz und Ideologien manifestiert sieht, und betrachtet sie nicht als etwas, das man besitzt, sondern vielmehr als etwas Potentielles (vgl. z.B. Mills 2003:35; Hutchby 1996:495). Macht ist nach Foucault „a continuously evolving web of social and discursive relations“ (Thornborrow 2002:7). Macht findet sich also in jeder Art von alltäglicher Interaktion, oder wie Mills es ausdrückt „power […] as a major force in all relations within society“ (Mills 2003:35). In dieser Interaktion wiederum hat jede Gesellschaft verschiedene Formen, die sie akkzeptiert und als wahr betrachtet. Man erkennt hier also eine Verbindung zu Bourdieus symbolic capital. Thornborrow führt diese Beziehung weiter und beschreibt, wie diese akkzeptierten sozialen Bräuche durch Diskurse konstruiert werden können. Außerdem beschreibt sie, dass einige sprachlichen Praktiken „more powerful“ (ebd.) und akkzepierter sein können als andere (vgl. Bourdieu), und greift Foucaults Ansicht auf, dass dort, wo Macht sich manifestiert, es immer auch Widerstand gibt, der sich wiederum auch im Diskurs niederschlägt (vgl. Hutchby 1996:495). Macht und ihre Verteilung sind also nicht“simply reducible to a master-slave relation, or an oppressor-victim relationship“ (Mills 2003:40), sondern, wie auch Asymmetrien, durchaus der Aushandlung unterworfen. Wenn man nun also Mediengespräche bezüglich der verschiedenen Machtverhältnisse untersuchen möchte, ist es notwendig zu untersuchen, inwiefern Macht in Gesprächen angelegt ist, wie sie aktiviert wird und inwiefern ihr widerstanden werden kann. Der Begriff Dominanz soll in dieser Untersuchung, nach Tiittula, als Ausdruck von Macht in der konkreten Interaktion verstanden werden (2001:1363).

2. Der institutionelle Kontext

Wenn man die Verbindung zwischen den institutionell angelegten Rollen und den tatsächlichen Rollen im Gespräch untersuchen möchte, ist es zunächst einmal notwendig den institutionellen Rahmen und die daraus resultierenden Rollen der einzelnen Gesprächsteilnehmer genauer zu betrachten. Hierbei soll zunächst einmal auf die Rahmenbedingungen eingegangen werden, um anschließend die Auswirkungen auf die Machtverhältnisse in der Interaktionsdynamik zu betrachten.

2.1 Rahmenbedingungen

Burger hat sich mit Gesprächen in den Massenmedien beschäftigt und einige Besonderheiten, die Mediengespräche von Alltagsgesprächen unterscheiden, herausgestellt. Als wichtigen und einleitenden Aspekt nennt er hierbei die „technische Produziertheit“ (Burger 2001:1493), die viele Restriktionen (z.B. Selektion des Materials, nur ausgewählte Apspekte werden gezeigt) und Möglichkeiten (z.B. räumliche getrennte Gesprächsteilnehmer können auf einem Bildschirm simultan sichtbar sein) mit sich bringt. Des Weiteren ist es den Zuschauern häufig nicht möglich, die „Textgeschichte“ (ebd.:1496), d.h. die Vorstufen, der ausgestrahlten Sendung, zu rekonstruieren. Die Überlegungen, die zwangsläufig einer Sendung, bzw. einem Sendeformat, vorgeschaltet sind, lassen sich also nicht vollends erschließen. Diese Inszenierung erstreckt sich zum Beispiel von dem Thema der Sendung, über die Teilnehmer bis hin zu Sitzordnung und natürlich auch zu technischen Aspekte, wie beispielsweise der Kameraführung. Möchte der Sender zum Beispiel ein „Confrontainment-Gespräch[…]“ (Burger 2001:1498) erzeugen, wird die Wahl der Teilnehmer sowie auch die Anordnung im Raum konträr zu einer reinen Informationssendung ausfallen, nämlich eher getrennt in „Angreifer“ und „Verteidiger“ (ebd.). Kotthoff (1993) vermutet sogar, dass die Redaktion „ihre eigene (politische) Position via Moderation und Zusammensetzung der Runde, d.h. über die vorgesehenen Rollen der Teilnehmer zur Geltung [zu] bringen versucht“ (in Burger 2001:1498). Je nach den Zielen, die eine Institution verfolgt, ergeben sich demnach die „Beteiligungsrechte- und pflichten“ (Tiittula 2001:1362), die im Voraus festgelegt und rollenspezifisch bedingt sind. Auch kann, so Kotthoff (1992), ein globales Thema, je nach Gesprächsteilnehmern, unterschiedlich verhandelt werden. So muss zum Beispiel zwischen „persönlich vs. unpersönlich“ (Kotthoff 1992:254) unterschieden werden, was den Verlauf der Sendung und die Behandlung des globalen Themas entscheidend beeinflussen kann. Zusammenfassend ist also zu sagen, dass die Institution einen Informationsvorsprung gegenüber den Gesprächsteilnehmern und den Zuschauern hat.

Hinzu kommt die für Mediengespräche typische Mehrfachadressiertheit. Neben dem inneren Kommunikationskreis, der die direkt am Gespräch Beteiligten umfasst, kommt ein äußerer Kommunikationskreis hinzu, der den indirekten Kontakt zwischen dem Textganzen der Sendung und den Rezipienten der Sendung, d.h. den Zuschauern, beinhaltet. (Burger 2001:1493). Das Fernsehgespräch wird demnach auch „für Dritte geführt“ (Tiittula 2001a:256). Des Weiteren sind Mediengespräche meistens geschlossen, was nach Burger bedeutet, dass ein Gespräch im Voraus ein „festgelegtes und den Teilnehmern bekanntes Ende hat“ (2001:1502). Dieses führt wiederum zu Zeitdruck, der von dem Moderator sowie von erfahrenen Gesprächsteilnehmern genutzt werden kann. Außerdem bringt die Geschlossenheit der Sendung „ritualisierte Gesprächsanfänge und –enden“ (Brock 1996:164) mit sich, die noch einmal den Wissenvorsprung bezüglich des Programmformats verdeutlichen und nur wenig Kontrollrisiken mit sich bringen.

2.2 Interaktionsdynamik

Nachdem nun die wichtigsten Besonderheiten des institutionellen Kontexts kurz skizziert worden sind, soll nun betrachtet werden, inwiefern sich die oben genannten Charakteristika auf die Interaktionsdynamik, die -so ist anzunehmen- die Machtverhältnisse widerspiegelt, auswirken. Hierbei handelt es sich zunächst einmal um eine rein theoretische Betrachtung, die am Ende der Arbeit jedoch konkret anhand eines Ausschnitts von „Hart aber fair“ reflektiert werden soll.

2.2.1 Machtressourcen der Institution

Betrachtet man zunächst einmal die technische Produziertheit des Fernsehgesprächs, vermutet man, wie bereits erwähnt, einen Informationsvorsprung zugunsten der Institution, bzw. eine Machtressource, die nur der Institution zugänglich ist. Die Institution kann zum Beispiel steuern, welcher Studiogast wie ausgeleuchtet und gefilmt wird. Sie kann sogar restriktiv einwirken, indem die Lautstärke der Mikrofone reguliert wird (vgl. Burger 2001:1493). So kann in einem Streitgespräch das Mikrofon des Moderators, der als Vertreter der Institution fungiert, lauter gestellt werden, als das der anderen Gesprächsteilnehmer, um eine Unterbrechung durch den Moderator zu erleichtern.

Hinzu kommt die bereits erwähnte Textgeschichte, die sich konkret auf das Gespräch auswirken kann. Eventuelle Kürzungen sind in der endgültigen Ausstrahlung im Fernsehen häufig nicht mehr zu erkennen und demnach in der näheren Betrachtung der Interaktionsdynamik nicht im Zentrum des Interesses. Es ist jedoch möglich, einige Aspekte der Textgeschichte anhand der Interaktionsdynamik zu analysieren. So kann man zum Beispiel bestimmte Interessen der Institution anhand der Auswahl der Gesprächsteilnehmer zu erkennen. Die Institution kann davon ausgehen, dass die Teilnehmer, die zu einem Fernsehgespräch eingeladen werden, bestimmte „Statusrollen“ (Gruber 1992:319) einnehmen, da auch die Teilnehmer häufig Vertreter einer bestimmten Institution oder Gruppe sind. Es ist demnach zu einem bestimmten Anteil voraussehbar, wer welche Position in dem durch ein globales Thema angelegten Gesprächs einnimmt. Diese Positionen werden häufig durch sogenannte Inserts, in denen den Gesprächsteilnehmern bestimmte Rollen und Positionen zugeschrieben werden, noch stärker explizit gemacht. Des Weiteren ist es der Institution so möglich zu entscheiden, ob ein Gespräch eher auf persönlicher oder unpersönlicher Ebene stattfinden soll (vgl. Kotthoff 1992:254) Diese Möglichkeit der Planung, d.h. Inszeniertheit der Fernsehgespräche, verschafft der Institution also eine Machtressource, die ermöglicht, das Gespräch zu steuern. Auch wenn diese Steuerung nicht immer im konkreten Verlauf des Gespräches stattfindet, sondern wie Fairclough es formuliert, vieles auch „‘hidden power‘“ (1989:43) ist, so hat die Institution jedoch die Möglichkeit, durch genaue Vorbereitung und Planung eines Fernsehgespräches das Gespräch entscheidend mitzuprägen, was anhand einiger Aspekte auch konkret im Gespräch beobachtbar wird.

Auch Brock sieht in seinem Artikel zu Asymmetrien in einem phone-in, d.h. für ein Programmformat im Radio, die „maximale Kontrolle über das Programm“ (Brock 1996:160), als entscheidenden Faktor für das Gelingen einer Sendung an. Die vielfältigen Aufgaben, die eine Rundfunkstation erfüllen muss, wie z.B. „Publikumsnähe, Abwechslung, Spannung“ (ebd.), können durch diese maximale Kontrolle erlangt werden. Brock betont jedoch andererseits den Aushandlungscharakter von Symmetrien und Asymmetrien auf der Mikroebene (vgl. ebd.:175), d.h. der konkreten Interaktion, sodass bereits deutlich wird, dass eine maximale Kontrolle der Institution nur rein theoretisch und lediglich bezüglich der Textgeschichte bestehen kann. Auch Tiittula betont des Weiteren, dass die Institutionalität eines Gesprächs überhaupt erst durch die Handlungen der Gesprächsteilnehmer konstituiert wird (vgl. Tiittula 2001a:256), was noch einmal die Einschränkungen der Institution auf der Mikroebene, bzw. die Abhängigkeit von dem Verhalten der Gesprächsteilnehmer, betont.

2.2.2 Machtressourcen des Moderators

Die Institution wird auf der Mikroebene von dem Moderator vertreten, der meistens die Gesprächssteuerung übernimmt. Da, so Tiittula, die Gesprächssteuerung eng mit Asymmetrie verbunden ist (vgl. 2001:1362), ist es interessant, die Rolle des Moderators in Hinblick auf die Verteilung der Machtressourcen näher zu betrachten.

Der Moderator hat die Möglichkeit, durch die Gesprächssteuerung den Verlauf des Gespräches entscheidend zu beeinflussen. Hierbei gibt es verschiedene Ebenen, auf denen eine gewisse „interaktive Dominanz“ (ebd.) zu vermuten ist. So stehen dem Moderator „direktive“, „kontrollierende“ und „verhindernde Züge“ (ebd.) zur Verfügung. Direktive Züge beinhalten die Provokation von verschiedenen Reaktionen, zum Beispiel durch. Fragen. Durch kontrollierende Züge kann der Moderator Beiträge „evaluieren, ratifizieren und disqualifizieren“ (ebd.) und durch verhindernde Züge wiederum die Beteiligungschancen einiger Gesprächsteilnehmer einschränken. (vgl. ebd) Diese Züge finden sich außerdem auf den verschiedenen Ebenen der Gesprächssteuerung wieder, nämlich auf den Ebenen der „Gesprächsorganisation“ (ebd.:1364), der „Handlungskonstitution“ (ebd.:1366) und der „Themenbehandlung“ (ebd.:1368). Diese drei Ebenen sollen auch im Verlauf dieser Arbeit immer wieder als Ordnungskategorien verwendet werden. Auf der Ebene der Gesprächsorganisation steht dem Moderator die Verteilung der Redegelegenheiten zu, was Konsequenzen für das Turnformat hat (vgl. ebd.:1364). Auch Hutchby beschäftigte sich mit der Verteilung der Turns in Radiogesprächen und stellte eine Asymmetrie zugunsten des Moderators aufgrund einer „‘action-opposition‘ sequence“ (1996:486) fest. Der Anrufer nimmt in den von Hutchby untersuchten Beispielen immer die sogenannte „first position“ (ebd.) ein, in der er der erste ist, der seine Meinung zu einem gewissen Thema äußert. „Going first“ bedeutet nach Hutchby also, dass die Meinung oder Aussage „on the line“ (ebd.:487), d.h. Kritik und Widerspruch ausgesetzt ist. „Going second“ hingegen bietet die Chance, die Aussage, die in der ersten Position geäußert wurde, zu kritisieren, eine Erweiterung zu fordern, oder die „‘agenda-relatedness‘“ (ebd.:489) infrage zu stellen. In der zweiten Position muss man sich demnach keinem potentiellen face-Verlust aussetzen. Der Gastgeber oder auch Moderator befindet sich somit in einer Position, die ihn potentiell mit einer größeren interaktiven Dominanz ausstattet. So kann durch wiederholte Frage-Antwort-Sequenzen lediglich die Meinungen des Anrufers erfragt werden, ohne dass der Moderator seinen Standpunkt preisgeben muss. Diese Struktur des Turn-Takings bezieht sich jedoch, wie bereits erwähnt, auf Radiogespräche. Diese dyadische Struktur wird aufgebrochen, wenn in Fernsehgesprächen mehrere Gäste anwesend sind, die ihre Standpunkte untereinander diskutieren. Diese Fälle bedürfen einer genaueren Betrachtung im folgenden Teil. Die Asymmetrie zugunsten des Moderators scheint jedoch, wenn auch nicht als „stabile Größe“ (Brock:156) zu betrachten, von der Aufbrechung der dyadischen Struktur nicht weiter beeinflusst, da ihm weiterhin als Gesprächsleitung direktive Züge zur Verfügung stehen. Der Moderator kann außerdem durch Zusammenfassungen der Redebeiträge die eigene Meinungsäußerung umgehen (vgl. Hutchby 1996:490).

[...]


[1] im Folgenden abgekürzt CA.

Details

Seiten
23
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656107804
Dateigröße
676 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v187481
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Institut für Germanistik 1
Note
1,3
Schlagworte
asymmetrie macht dominanz mediengesprächen eine betrachtung untersuchung ausschnitts hart

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