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Gauguins Paradies

Die Entstehung des Mythos über die tahitianische Vahine und seine Verbreitung und Rezeption bis heute

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 32 Seiten

Kulturwissenschaften - Karibik

Leseprobe

Inhalt

1. Einführung

2. Die Entstehung des Mythos – Tahiti und seine Entdeckung
2.1 Die ersten Berichte
2.2 Die „edle Wilde“ - Erste bildliche Darstellungen bis in die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts

3. Gauguins Paradies und seine Frauen
3.1 Die Vahine in Gauguins Bildern von 1891

4. Die tahitianische Frau als Vahine
4.1 Die Entwicklung der gängigsten Klischee-Bilder bis heute
4.1.1 Die blumengeschmückte Schönheit
4.1.2 Die Frau und die Kokosnuss
4.1.3 Das tanzende Mädchen
4.1.4 Die badende Schönheit - heimlich beobachtet

5. Eine weibliche Sichtweise?
Wahrnehmung fremder Weiblichkeit durch die Frau

6. Conclusio

Bibliografie

Abbildungsverzeichnis

Abbildungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Filmplakat: Love Tahiti Style (1962)

Quelle: http://www.janeresture.com/tahiti_postcards24/index.htm (12.06.2008, 14.30)

1. Einführung

Wer kenn sie nicht, die Bilder von wunderschönen, braun gebrannten, barbusigen Mädchen, die mit Blumen(-kränzen) geschmückt am Strand sich räkelnd schüchtern und zugleich aufreizend in die Kamera blicken, oder die mit einem Baströckchen um ihre Hüften die selbigen Kreisen lassen.

Mit der Entstehung sowie Rezeption dieser und noch mehr „Klischee-Bilder“ - die wesentlich zum Mythos über die Frauen Tahitis beigetragen haben -, von der Entdeckung der Insel in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bis heute, werde ich mich im Zuge meiner Arbeit befassen.

Den Beginn stellt eine Illustration der ersten Berichte der Entdecker dar, sowie eine Auseinandersetzung mit der Abbildungsweise in den ersten Zeichnungen und Kupferstichen bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Im darauf folgenden Punkt werde ich die Bedeutung des französischen postimpressionistischen Künstlers Paul Gauguin erläutern, der von 1891-1893 auf Tahiti lebte, und eine Vielzahl an Malereien, die weibliche Personen zeigen, herstellte.

Das Kapitel Die tahitianische Frau als Vahine setzte sich mit der Definition von Vahine auseinander und zeichnet exemplarisch die schrittweise Entwicklung vierer Klischee-Bilder bis heute nach.

Das Ende meiner Arbeit gibt schließlich einen Einblick in die Problematik einer Gegenüberstellung von Aussagen westlicher Frauen - anhand von Berichten der im Jahr 1847 auf Tahiti gewesenen Ida Pfeiffer - als „weibliche Sichtweise“.

Ziel meiner Arbeit ist es, die Entstehung eines Mythos nachzuskizzieren, der einerseits den dominanten und prägenden Einfluss der westlichen männlichen Sichtweise demonstriert, die in der tahitianischen Vahine „Exotik“ und „Erotik“ eins werden lässt, und wie sich die Entwicklung dieses Mythos in den bildlichen Darstellungen zeigt. Andererseits möchte ich auch die Wehrlosigkeit gegen solche Zuschreibungen verdeutlichen und auch beweisen, dass man/frau viel zu leicht das werden kann, was ein dominanter Diskurs über einen sagt.

2. Die Entstehung des Mythos – Tahiti und seine Entdeckung

“(...) myth does not deny things, on the contrary, its function is to talk about them; simply, it purifies them, it makes them innocent, it gives them a natural and eternal justification, it gives them a clarity which is not that of an explanation but that of a statement of fact”.

(Barthes 1994:143)

2.1 Die ersten Berichte

Es war in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, als eine Insel entdeckt wurde, die als Paradies in die Annalen der westlichen Geschichtsschreibung eingehen sollte.

Mit den Seereisen Samuel Wallis`, Louis-Antoine de Bougainville`s, James Cook`s und Don Domingo de Boenechea`s, nimmt der Mythos um Tahiti, die Schönheit der Landschaft, seiner Bewohner und vor allem um seine Frauen, die Vahines, seinen Anfang.

Insbesondere die Schilderungen von Bougainville erreichen mit seinen Vergleichen zu antiken Vorbildern schnell große Berühmtheit und tragen zur Manifestation der Vorstellungen über das Fremde Eiland im großen Maße bei. „Bougainville`s reports of Venus-like women with “the celestial form of a goddess“, and of the people`s uninhibited attitude towards matters sexual, swept througt Paris like wildfire.“ (Blond/Brash/Rogers 2006:25)

Er berichtet etwa von Liebesszenen unter Musikbegleitung in aller Öffentlichkeit, bei denen sich ein tahitianisches Mädchen mit einem Seefahrer den Freuden der freien Liebe hingibt, sowie von Tänzen voller lasziver Gesten. (vgl. Bougainville 1980:182 ff)

Der Eindruck, den Tahiti auf ihn hinterlassen hat, zeigt sich auch in dem ihm verliehenen Namen „Neu Kythera“, in der klassischen antiken Überlieferung die Insel, an die Venus (Aphrodite) - die Göttin der Liebe - gespült worden, oder aus der Muschel gestiegen ist. (vgl. Meißner 2006:13)

Aber auch James Cook und bringt von seinen Seereisen Berichte eines „Arkadien“ mit, wobei neben den antiken Vergleichen auch biblische, wie eines „Garten Eden“, eines „irdischen Paradieses“ herangezogen werden. (vgl. ders. 2006:14)

Wie man sehen kann vereinen sich in den Beschreibungen und Vorstellungen Tahitis Wunschwelten. Die Menschen an sich stehen als das Ideal für den „edlen Wilden“, dessen bekanntester Verfechter Jean-Jacques Rousseau im Frankreich des 18.Jahrhunderts darstellt. (Aghte 1969:167)

Nach Monaten auf See ausgemergelt, geht man(n) an einer Insel vor Anker, deren Natur übervoll ist an Früchten. Man(n) sieht die opulente Natur, die von selbst gibt ohne viel Zutun; man(n) sieht die Menschen einen mit Freundlichkeit empfangen und wunderschöne zum Großteil beinahe unbekleidete Mädchen – in denen sich die Vorstellung der ewig fruchtbaren Natur, die ihren Reichtum denjenigen schenkt, der bloß nach ihr langt, widerzuspiegeln scheint.

Frauen und Natur Tahitis zeigen sich für mich durch die ersten Berichte als in den Augen der Entdecker gleichgesetzt: Einerseits mit der Fremde als Herausforderung diese zu erobern und für sich zu beanspruchen, und andererseits mit der Unschuld, Unberührtheit und Sündlosigkeit eines „Garten Eden“, in dem die dem westlichen Weiblichkeitsideal so gar nicht entsprechende Praktizierung einer freien Sexualität nichts Anrüchiges und Verpöntes zu haben scheint, wie im „aufgeklärten“ Europa dieser Zeit. (vgl. Habinger 2003:191)

Die viel gepriesene Schönheit der Mädchen konnte schließlich neben den Berichten vor allem durch idealisierte Abbildungen den Daheimgebliebenen zusätzlich veranschaulicht werden, was das Bild, die Vorstellung des Paradieses in der Ferner, speziell auf Tahiti, immer mehr verdichtete.

Auf diese ersten Darstellungen werde ich in dem nun folgenden Kapitel eingehen.

2.2 Die „edle Wilde“ - Erste bildliche Darstellungen bis in die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts

„The noble savage arises as a result of the interplay of ancient and medieval conceptions, explorer´s reports, and the naturalism of the 16th century.“ (Fairchild 1928:362)

Das 18. Jahrhundert brachte die Ausprägung des idealisierten „Eingeborenen” in Abbildungen, für die die Kupferstiche der Ausgabe Hawkesworth`s der ersten Cook-Reise als Vorbild für mehrere Jahrzehnte dienten. (vgl. Aghte 1969:167)

Die extremste Verklärung der Realität fand in den Darstellungen der Menschen auf Tahiti und Tonga statt: Erstens sind sie anthropologisch einem Idealbild des Europäers gleich. Somit werden nur diejenigen abgebildet, die den europäischen Schönheitsidealen am meisten entsprechen. Zweitens orientiert man sich häufig bezüglich der Gesichtszüge und Positur an antiken Vorbildern. Abschließend lässt sich eine Unterscheidung zu den Europäern dieser Zeit, wenn überhaupt, nur durch Kleidung und/oder Szenerie erkennen. (vgl. dies. 1969:169)

Abb. 1 ist der Druck eines Kupferstichs aus dem Jahr 1784 nach John Webbers Skizzen. Er begleitete James Cook bei seiner dritten Reise in den Südpazifik. Diese Darstellung zeigt die hier angesprochene Thematik hervorragend. Die Kleidung entspricht der in etwa der europäischer Frauen – bis auf die entblößte Brust - wie auch der Haarschnitt, der auf Grund der Kürze dem tahitianischen Weiblichkeitsideal so gar nicht nahe kommt.[1]

Abb. 2, ein Druck etwa aus dem Jahr 1885, weist ebenfalls eine Idealisierung auf, auch wenn sie eine starke Veränderung der Abbildungsweise zeigt. Ein Grund dafür dürfte die immer populärere Fotografie seit ca. 1860 sein, von der man einen neuen Blick auf die „Realität“ lernte. Die „Realität“, von der ich hier spreche, und die man sich im Bewusstsein halten muss, ist – auch – eine konstruierte Momentaufnahme, in der die Akteure als Objekte für das Auge des westlichen Betrachters in eine als ästhetisch empfundene Weise positioniert bzw. „gestellt“ wurden. (vgl. dies. 1969:175)

Was sich ebenfalls in der Darstellung, im Gesichtsausdruck widerspiegelt, ist die Annäherung an das Ideal der „Venus“, mit der man(n) die Mädchen seit dem ersten Zusammentreffen verglichen hat. Im Konkreten spreche ich hier von der Ähnlichkeit zu Botticelli´s „Geburt der Venus“, die Ende des 15. Jahrhunderts entstand. (Abb. 3) Die Kopfhaltung, der Hals, die Frisur, Gesichtsform, Augenbrauenform, und Lippen, all diese Ähnlichkeit – bzw. ihre Konstruktion, da die Bilder zum Teil bloß auf den Erzählungen und Berichten beruhten[2], oder ihre Künstler sie bereits inkorporiert hatten - erschafft eine „reale“, tatsächliche Verortung, Personifizierung eines Mythos der Antike, und zwar in den Frauen der Ferne Tahitis.[3]

Wenngleich man eventuell der Meinung sein mag, dass sich die Darstellungen jener Zeiten für unser Fach der Kultur- und Sozialanthropologie nicht als besonders repräsentativ für diese fremden Völker erweisen, ist ihnen aber eine Bedeutung dennoch bei Weitem nicht abzusprechen. Sie sagen sehr viel aus über die Ansichten des Westens, der gerade dabei war seine Grenzen immer weiter zu setzen, seine Konstruktionen, seine (Schönheits-)Ideale, seine Wünsche und Vorstellungen, die er wie im Beispiel Tahiti in die Ferne verlegt. Aus diesem Grund finde ich es bedeutsam, sich im Zuge eines Studiums der Kultur- und Sozialanthropologie nicht nur auf das geschriebene Wort zu konzentrieren, sondern sehr wohl auch der Kunstgeschichte zuzuwenden, um zu sehen, wie sich Bilder über die Fremde bei uns entwickelt haben.

Einen wesentlichen Einfluss auf die Darstellung und Sichtweise auf die Tahitianerinnen, hatte Ende des 19. Jahrhunderts - behaupte ich sagen zu können - ein französischer Künstler des Postimpressionismus: Paul Gauguin.

Im folgenden Kapitel werde ich auf sein Schaffen während seines Tahiti Aufenthalts zwischen 1891 und 1893 und dessen Auswirkung eingehen.

3. Gauguins Paradies und seine Frauen

Als Gauguin sich dazu entschließt Frankreich zu verlassen, um sich im exotischen „Paradies“ der Südsee niederzulassen, ist dies die Konsequenz seiner Abscheu vor der europäischen „Zivilisationskrankheit“. In Tahiti verortet er die künstlerische Inspiration, in einer Gesellschaft, von der er annimmt, dass sie ihre Ursprünglichkeit bewahrt hat. Diese Ursprünglichkeit, die Unschuldigkeit, die er so sehr sucht, zeigt sich in seinen Werken vor allem durch die Einbettung der Frauen in die Natur. Er schafft für sich in seinen Werken das Ideal, das er sich erhofft hatte zu finden. Er malt Momente und lässt sie so immer gültig erscheinen, schenkt ihnen so die Unsterblichkeit und trägt den Mythos weiter.

(vgl. Hollingsworth 1991:431 f)

3.1 Die Vahine in Gauguins Bildern von 1891 - 1893

„An diesem Tag hatte sie ihr schönstes Kleid angezogen, eine Blume hinter das Ohr gesteckt, (...). Die schwarzen Haare fielen lose über ihre Schultern; so war sie wirklich hübsch.“ (Gauguin 1988:12)

Dieses kurze Zitat zeigt deutlich wie er die Frauen, wenngleich es auch eher Mädchen waren, idealerweise sieht, oder sehen will. Gauguins Buch NOA NOA, in deutscher Übersetzung nach seiner ersten Handschrift von Rosemarie Aegerter (1988), ist als anthropologische Quelle, wie auch als schriftstellerisches Werk nicht zu ignorieren, gibt es doch eine große Bandbreite an Informationen preis. Er beschreibt, wie er die Menschen beobachtet, bei ihren Arbeiten, seine Kontaktaufnahme und natürlich seine Frauen.

Abb. 4, 5 und 6 zeigen Gauguins Darstellungen von Tahitianerinnen: Sie, die Vahine, hat - um seinem Ideal zu entsprechen - nichts Europäisches an sich, sie ist sehr erdverbunden, in wunderschöne, farbenvolle Stoffe gehüllt, hat lange schwarze Haare, die sie offen trägt, ist geschmückt mit oder umgeben von Blumen, und hin und wieder zeigt sie sich barbusig.

Ihr Blick ist zumeist kindlich neugierig, in sich gekehrt, oder sie scheint sich der Beobachtung nicht bewusst zu sein.

Bei Gauguin wirkt die Vahine noch in ihre Umwelt, in die Natur eingebettet, ja beinahe beschützt, wenngleich sie bereits längst zum Objekt des (männlichen) Betrachters gemacht worden ist. In ihrer Schönheit will man(n), will Gauguin die Gutartigkeit ihres Wesens sehen, selbst in Momenten des Zweifels. „Ich wusste sehr wohl, dass ihre berechnende Liebe aus Dingen bestand, die sie in unseren europäischen Augen zur Hure macht. Aber für einen Beobachter bedeutet es etwas anderes. Diese Augen und dieser Mund konnten nicht lügen. Bei allen ist die Liebe so sehr angeboren – ob käuflich oder nicht, es ist immer Liebe.“ (ders. 1988:12 f)

Gauguin, mit der Erwartung das Paradies vorzufinden - in der Natur wie in den Frauen - fand es für sich und hielt es für seine Nachwelt fest, in Bildern wie in Worten. All diese Momente, Mittel, derer er sich bediente, um die Stimmung und Atmosphäre festzuhalten – die Einbettung in die Natur, die heimliche Beobachtung, die kräftigen Farben, ... all dies setzt sich in der Fotografie fort, auch wenn mit der Zeit der romantische Rahmen den sexuellen Reizen der Mädchen immer weiter weichen wird.

4. Die tahitianische Frau als Vahine

„Sie reize den Fremden durch einen ganz eigenartigen melancholischen Zauber, durch die Blitze ihrer schwarzen Gazellenaugen, die sanft und zugleich herausfordern seien und so verführerisch wirkten, dass sie alle wollüstigen Vergnügungen zu versprechen schien.“ (Jacobus X. zitiert von Karsch-Haack 1911/1975:491 f)

Vahine heißt übersetzt Frau. (vgl. Blond/Brash 2006:279) Der Begriff selbst impliziert jedoch viel mehr und viel weniger zugleich, vor allem im Bezug auf Darstellungen.

Gibt man im Internet, bei Google, dieses Wort ein und drückt man auf Bildsuche, bekommt man als Ergebnis mehrere tausend Abbildungen von halbnackten, mit Blüten(-kränzen) geschmückten, aufreizend in die Kamera lächelnden Mädchen, deren langes, schwarzes, offenes Haar ihren Körper umschmeichelt. Kaum eine scheint älter als 24 Jahre zu sein.

Eine Vahine ist schlank und gut gebaut, sie ist jung und wunderschön. Sie ist keine Mutter, oder Hausfrau, sie ist ein Mädchen und eine Frau zugleich. Sie ist unschuldig und verführerisch, Madonna und Hure.

Sie ist hier, um zu sein was die westlichen Entdecker in ihr gefunden zu haben glaubten. Die Konstruktion des „Anderen“, um sein eigenes Bild ein wenig vollständiger und aufregender zu gestalten.

Die Vahine existiert als Mythos, als Wunschvorstellung einer männlichen Fantasie, die in ihr „Exotik“ und „Erotik“ vereint, als ewig Wartende auf die neuen Abenteurer, die kommen, um ihr „Xenotopia“ zu erobern. (vgl. Schick 1999:114)

4.1 Die Entwicklung der gängigsten Klischee-Bilder bis heute

Die Vahine findet sich wieder in unterschiedlichsten Darstellungsweisen, wobei sich vier als besonders „hartnäckig“ herauskristallisiert haben. Auf ihren Hintergrund und ihre Entwicklung bis heute werde ich hier anhand von Fotografien kurz eingehen.

4.1.1 Die blumengeschmückte Schönheit

„Von dieser ganzen Jugend, dieser vollkommenen Harmonie mit der uns umgebenden Natur, gingen eine Schönheit und ein Wohlgeruch (Noa Noa) aus, die meine Künstlerseele verzauberten.“ (Gauguin 1988:28)

Diese Einheit von Schönheit, Natur und Noa Noa, dem Wohlgeruch, dem Duft Tahitis, verkörpern die Darstellungen der blumengeschmückten Mädchen. Der Duft Tahitis wird in der Literatur vor allem mit einer Blume assoziiert: mit der Tiare. (vgl. Blond/Brash 2006:51)

Ihr botanischer Name ist Gardenia Tahitensis und gehört zur Familie der Rubiaceae.

(vgl. Gardenia Tahitensis)

Die Bedeutung dieser Pflanze ist groß und reicht weit in die Geschichte zurück. Was sie auszeichnet, war und ist neben ihrem Schmuckwert – für Männer wie für Frauen - zum einen der besondere Duft ihrer Blüte. Dass ein betörender Duft eine schöne Person noch attraktiver macht steht außer Zweifel. Aus diesem Grund wird sie nach wie vor auch als Parfum verwendet indem man sie sich hinter das Ohr steckt, oder indem man aus ihr eine Blumenband windet, das man um den Hals trägt. Eine wichtige Komponente ist sie auch als Teil eines Kostüms z.B. des Orea-Tanzes – wenn sie zusammen mit anderen frischen Blumen, wie Frangipani und der Bougainvillea zu einer Krone geflochten, am Haupt der Tänzerin balanciert wird. Zum anderen findet sie seit je her Verwendung in der traditionellen Medizin. (vgl. Blond/Brash 2006:45 und 51)

Abb. 7 zeigt ein Mädchen aus dem Jahr 1946 mit einer Tiare hinter ihrem rechten Ohr und mit einer Blütenkette um ihren Hals. Sie blickt nicht in die Kamera sondern scheint beschäftig.

In Abb. 8 schmückt ein Kranz oder Krone aus Blüten das Haupt des Mädchens. Dieses Foto stammt aus der Gegenwart. Das Mädchen ist barbrüstig abgebildet und ihr Blick direkt in die Kamera gerichtet, mit einem vielversprechen Lächeln auf ihren Lippen.

4.1.2 Die Frau und die Kokosnuss

Die Kokosnuss – botanisch Cocos nucifera L., zur Familie der Arecacea gehörend (vgl. Cocos Nucifera)-, die auf tahitianisch Tumu Haari heißt, und auf den ersten Blick das Landschaftsbild Tahitis dominiert, ist zwar ursprünglich nicht dort beheimatet gewesen, jedoch wurde sie von den ersten Siedlern mitgebracht. (vgl. Bernard/Rogers/Wheeler 2003:23)

Daher ist es nicht verwunderlich, dass man diese Pflanze von ihren Blättern, über ihre Frucht, bis zu ihren Wurzeln zu nutzen weiß, angefangen für die Herstellung von Seilen, über Nahrungsmittel und flüssige Köstlichkeit, bis hin zur kostbaren Schönheitspflege. Besonders das aus dem getrockneten Fruchtfleisch gewonnene Kokosnussöl, das die Mädchen und Frauen zur Pflege ihres Körpers und ihrer Haare benutzten und benützen, sowie die Tatsache des Exports, unter anderem als „Monoi de Tahiti“ seit 1992 erklärt, weshalb die Darstellung eines Mädchens mit einer Kokosnuss, von einer anfangs eher harmlosen Gestaltung mit der Zeit immer mehr in eine erotische Perspektive gewandelt wurde.[4]

Dieser Punkt, dass man(n) diese beeindruckende Schönheit der Natur, deren Inbegriff als Paradies die Palmen sind, gedanklich mit der Schönheit der Menschen, vor allem der Frauen, der Vahiné konnotiert, hat – meiner Meinung nach – zur Folge, dass die Kokosnuss in den Fotografien des 20. Jahunderts bis in die Gegenwart eine wesentliche Rolle spielt. Sie stellen so den Inbegriff eines männlich erdachten Paradieses dar: das Mädchen und die „verbotene“ Frucht im Garten Eden.

Die Abb. 9, 10 und 11 zeigen die schrittweise Wandlung der Darstellung eines Mädchens das aus einer Kokosnuss trinkt, von 1946 bis heute, welche im konzentrierten Blick von ihrem durch den Knoten eines Tuches verdeckten Schambereichs hinauf auf ihren nackten Oberkörper gipfelt, über den der Saft der Frucht rinnt.

4.1.3 Das Tanzende Mädchen

„Wenn acht bis zehn junge Vahiné sich zusammenfänden, würde der Timorodee-Tanz aufgeführt. Dieser bestehe aus äußerst wollüstigen Stellungen und Gebärden, an welche die Mädchen von ihrer frühesten Jugend an gewöhnt würden, (...)“

(Jacobus X. zitiert nach Karsch-Haack 1912/1975:492)

Im Europa des 18. Jahrhunderts, als die Frauen kaum ihren Knöchel zu entblößen wagten, wie auch Anfang des 19.Jahrhundert – bis zu seinem Verbot 1819 durch die Missionarisierung - schockt und fasziniert zugleich die Grazie und Sexualität des tahitianischen Tanzes. Von da an wird das Wissen darüber sowie das Können im Geheimen gelehrt. Es ist das Jahr 1895, als eine Anzahl streng kontrollierter Tanz-Performances wieder erlaubt werden, um am Festival des 14.Juli – genannt Tiurai oder Heiva – stattzufinden. (vgl. Blond/Brash 2006:42 f)

1956 erfährt der traditionelle Tanz schließlich eine Wiederbelebung durch die ehemalige Lehrerin Madeleine Moua. Seine Assoziation mit dem Dämonischen wird aufgebrochen. Heute sind Tanz-Performances auf Tahiti allgegenwärtig, auch wenn nicht alle eine traditionelle kulturelle Basis haben. (vgl. Bernard/Rogers/Wheeler 2003:161)

Durch das Wieder-aufleben dieses Aspekts der tahitianischen Kultur finden sich auch seit etwa 1950 vermehrt wieder Darstellungen von tanzenden Mädchen in den dazugehörenden Kostümen, die durch ihre Bewegungen und Ausstrahlung seit der Entdeckung dieses Eilands die Erzählungen schmücken. Dennoch ist der tahitianische Tanz nicht ausschließlich ein ästhetisches Medium, sondern – in einem Land oraler Tradition – die Möglichkeit, altes Wissen zu konservieren und weiterzugeben. Er agiert als sozialer Spiegel der die Spannungen der heutigen Gesellschaft – zwischen Tradition und Moderne – reflektiert.[5]

Abb. 12 zeigt eine historische Darstellung eines tanzenden Mädchens.

Die Konzeption dieser Darstellungen entspricht nicht einer, die die wissensvermittlerische Fähigkeit betont. Die Mädchen werden hübsch geschmückt abgebildet, als unterhaltendes Accessoire, die Einen freudig tanzend auf der Insel begrüßen. (Abb. 13)

[...]


[1] Das tahitianische Weiblichkeitsideal, das sich unter anderem durch lange Haare ausdrückt, weil sich die Mädchen ihre Haare ab ihrer Geburt wachsen lassen, wird sich in den folgenden Kapiteln anhand der Auseinandersetzung mit dem Begriff Vahine verdeutlichen.

[2] vgl. Aghte 1969:180 f

[3] Ferdinand Karsch-Haag (1911/1975:493) zitiert in seinem Werk den französischen Arzt Jacobus X., der beim Anblick einer Vahine, er spricht hier von der 18-20 jährigen Tahitianerin, sich an die Venus von Arles sich erinnert fühlte. Auf die Definition des Begriffs Vahine werde ich im 4. Kapitel näher eingehen.

[4] „Monoi is a result of enfleurage, the art of extracting active or aromatic ingredients by gently macerating flowers in refined coconut oil. The 2,000 year old technique has been perfected through the ages for cosmetic and pharmacological purposes. (...)Since April 1992, Monoi de Tahiti ingredients and production process have been strictly dictated by decree 92-340: Monoi de Tahiti is the product obtained by macerating Tiare blossoms in refined coconut oil.” (Monoi de Tahiti)

[5] Das geschriebene Wort kommt erst auf, nachdem die Missionare im 19.Jahrhundert beginnen Texte in tahitianisch zu verfassen. (vgl. Blond/Brash 2006:38)

Details

Seiten
32
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656107866
ISBN (Buch)
9783656108399
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v187470
Institution / Hochschule
Universität Wien – Institut der Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien
Note
1,0
Schlagworte
Tahiti Ozeanien Mythos Vahine Klischee-Bilder Sexualität Ästhetik Gaugin

Autor

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Titel: Gauguins Paradies