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Die Sprache Carl Sternheims in seinem bürgerlichen Lustspiel "Die Hose"

Eine exemplarische Analyse des Stils und der Sprachgestaltung im Expressionismus

Bachelorarbeit 2011 45 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Verwendung von rhythmisierenden Stilmitteln
2.1 Funktion der Anaphern und Parallelismen
2.2 Zusammenspiel von Akkumulationen und Asyndeta
2.3 Binomiale
2.4 Assonanzen und Alliterationen

3 Syntaktische und tektonische Darstellungsprinzipien
3.1 Telegrammatik der Sprache
3.2 Tendenz zum parataktischen Stil
3.3 Stilistische Inversionen
3.4 Funktion der Interpunktion
3.4.1 Verfremdung innerhalb der Interpunktion
3.4.2 Exklamativsätze
3.4.3 Interrogativsätze

4 Wortschatz und Sprachverfremdung
4.1 Archaismen und Neologismen
4.2 Neologistische Komposita
4.3 Paradoxe und sprachverknappende Wortverbindungen
4.4 Fremd- und Lehnwörter
4.5 Entlarvende Diminutive
4.6 Expressivität durch Hyperbolik

5 Bildlichkeit der Sprache
5.1 Metaphorik als Mittel der Maskierung und Sprachkritik
5.2 Vergleiche und Gleichsetzungen

6 Reduzierung und Verknappung des sprachlichen Ausdrucks
6.1 Vereinfachung der Zeitverhältnisse
6.2 Elliptische Konstruktionen
6.2.1 Auslassung der Artikel
6.2.2 Reduktion von Konjunktionen
6.2.3 Einsparung von Pronomen und Subjekten
6.2.4 Fehlen von Verben
6.3 Satzökonomie durch Partizipialkonstruktionen

7 Figurencharakterisierende Rede und Sprachverhalten der Personen
7.1 Theobald Maske
7.2 Frank Scarron
7.3 Benjamin Mandelstam
7.4 Gertrud Deuter
7.5 Luise Maske
7.6 Herr Stengelhöh

8 Schlussbetrachtung

9 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Carl Sternheim gehört zu den bedeutendsten und meist gespielten Autoren des deutschen Ex- pressionismus. Nach dem Besuch von Molières Komödie George Dandin regte ihn seine Ehe- frau Thea zu dem Lustpiel Die Hose an: „Greif nur hinein, ins volle Bürgerleben! Maske, Blei, Vriesländer, Dein Vater, Loewenstein, du, ich - was braucht’s weiter? Aus diesen Ge- sprächen reift allmählich der Plan zum ‚Riesen‘.“1 Das Drama wurde am 15.2.1911 uraufge- führt und bis zum Herbst 1923 zweihundertmal in der Berliner Tribüne gespielt, „ein Los, das keinem der neuzeitlichen literarischen Stücke widerfahren war“.2 Zuvor musste noch der ur- sprüngliche Titel aufgrund der von der Zensurbehörde beklagten Anstößigkeit in Der Riese umbenannt werden. Mit diesem Werk gelang Sternheim der entscheidende Durchbruch zu seinem eigenen Stil.3 Laut Stadler hat sich Sternheim von der „Technik moderner Malerei“ anregen lassen. Aus diesem Grund dürfe „das viel mißbrauchte Wort Expressionismus“ auf sein Werk angewendet werden.4 Sternheim äußerte sich 1910 in seinem programmatischen Aufsatz Vincent van Gogh über seine Seelenverwandtschaft zu dem Maler und dessen Wirk- lichkeitsenthusiasmus.5 Jedoch wurde Sternheims Stil von seinen Zeitgenossen „als Marotte“ und als „poetisches Unvermögen“ bezeichnet: „Seine lakonische Sprache ist von den Neun- malweisen lange mißverstanden worden.“6 So meint Ulrich Rauscher, dass Die Hose eine „ernsthafte Besprechung“ nicht aushielte, „denn dieses Buch ist ein Machwerk, ohne das ge- ringste Wissen um Sprach- und Menschenbildung“.7

In dem Jahr der Uraufführung beginnt sich der literarische Expressionismus zu entwickeln, dem Sternheim von Anfang an kritisch gegenüberstand. Sternheim ließ nur die Werke Benns, Kafkas und Stadlers gelten.8 So schloss er sich nicht wie andere bedeutende Expressionisten den Caféhauszirkeln an. Er arbeitete jedoch an der literarisch-politischen Zeitschrift Die Akti- on mit. Wie für alle expressionistischen Autoren ist aber auch für Sternheim das Objekt der Gestaltung die Sprache. Diese nutzt er um die übertrieben poetische Sprachgestaltung sowie die Gesellschaft per se satirisch zu parodieren. Schon der Untertitel „Ein bürgerliches Lust- spiel“ stellt die dialektische Umkehrung des bürgerlichen Trauerspiels des 18. Jahrhunderts dar. Sternheim stellt dem dramatisch-tragischen hochmoralischen Bürgerbegriff die unmoralische Lustherrschaft entgegen.9

Ziel des Expressionismus ist die Bildung des ‚Neuen Menschen‘, welcher die lebensweltlichen Unzulänglichkeiten und die in Konventionen erstarrte Gesellschaft zu erkennen vermag. Diese soll er überwinden und zu einer sozio-kulturellen Verbesserung der Lebenswelt beitragen. So sollen fortan persönliche Freiheit, sinnliches Glück und Selbstachtung in den Vordergrund rücken.10 Die folgende Untersuchung zeigt, inwiefern Sternheim die Sprache seines Dramas dazu nutzt, um auf die gesellschaftlichen Missstände aufmerksam zu machen. Auf der Handlungsebene stellt er seinen „bürgerlichen Helden“ Theobald Maske als Alternative zu der in Konventionen erstarrten Gesellschaft dar.

Die meisten expressionistischen Dichter drücken ihre Gedanken in Lyrik aus, da sie sich zum Konventionsbruch und zum Auflösen von Satzstrukturen als geeigneter erweist, weil nicht wie im Drama Textkohärenz und -kohäsion vorhanden sein muss. Doch auch Sternheims Lustspiel enthält eine Fülle an expressionistischen Stilmerkmalen und linguistischen Beson- derheiten, welche in der Analyse herausgestellt werden. Ihre Bedeutung wird hinsichtlich der Gesamtaussage des Werks erläutert. Dabei wird nicht chronologisch, sondern nach verschie- denen Analyseebenen vorgegangen.

Zunächst werden die die Sprache strukturierenden und rhythmisierenden Stilmittel aufgezeigt. Anschließend wird das Zusammenspiel von syntaktischen und tektonischen Darstellungsmit- teln im Kontext der expressionistischen Sprachgestaltung dargestellt. Das darauffolgende Ka- pitel behandelt die Sprachverfremdung anhand des verwendeten Vokabulars. Dabei soll ge- zeigt werden, dass dem Lustspiel ein Sprachspiel eingefügt ist, welches sich nicht mehr vom Inhalt trennen lässt. Anschließend wird die für die expressionistische Literatur charakteristi- sche Bildlichkeit untersucht. Es folgt die Darstellung der sprachverknappenden Mittel zur Reduktion auf das Wesentliche. Im letzten Kapitel der Analyse wird die Sprache der Figuren dargestellt und aufgezeigt, inwiefern sie zur Handlung und zur Charakterisierung beiträgt. Das die Arbeit abschließende Kapitel stellt die Ergebnisse im Kontext des Expressionismus dar.

2 Verwendung von rhythmisierenden Stilmitteln

Sternheims Sprache wird von Paulsen als „hart und kompromißlos“ bezeichnet, die aber den- noch „eine erstaunliche Geschmeidigkeit“ besitzt, „wenn sie den verschiedenen Figuren in den Mund gelegt wird“.11 Dies ist zurückzuführen auf die rhetorischen Mittel, die den Rede- fluss strukturieren und der Sprache einen Rhythmus verleihen. Außerdem dient der Rhythmus zur Hervorhebung des Wesentlichen. Dadurch wird Sternheims Sprache von dem durch sie vermittelnden Inhalt untrennbar. Auch Goll befürwortet die Verbindung von knapper Form und Rhythmus:

Es gilt, den größ tmöglichen Inhalt in die akuteste und zugleich einfachste Form zu brin- gen. Und dabei doch Gesang sein? Nicht gerade Gesang, aber Rhythmus. Nicht Flöte, aber Banjo.12

2.1 Funktion der Anaphern und Parallelismen

Theobald kritisiert Luises Nachlässigkeit, die sich in der Haushaltsführung ausdrückt. Darin sieht er den Grund für ihren Hosenverlust. In seiner vorwurfsvollen Rede beginnen die Satzteile und aufeinanderfolgenden Sätze mit dem gleichen Interrogativpronomen:

THEOBALD: Warum noch nicht geheizt, warum die Tür auf, jene zu? Warum nicht um- gekehrt? Warum läuft die Uhr nicht? Warum laufen Töpfe und Kannen? Wo ist mein Hut, wo blieb ein wichtiges Papier? Und wie kann deine Hose auf offener Straße fallen, wie konnte sie? (29)13

Die Anaphern rhythmisieren den Sprachfluss. Theobald intendiert sich möglichst expressiv zu artikulieren. Jedoch wirkt die Verwendung des Verbs laufen in dem Zusammenhang komisch. Eine Kollakabilität würde zwischen auslaufen und „Töpfe und Kannen“ bestehen. Dem Sprecher ist dieses komische Wortspiel nicht bewusst. So wirkt die wütende Standpauke Theobalds für den Rezipierenden als komödiantisches Element.14

Auch paralleler Satzbau bewirkt, dass die Sprache an Dynamik gewinnt. Die lüsterne Deuter versucht Luise zu beeinflussen, sich auf eine Affäre mit Scarron einzulassen. Als Luise ihre Vorfreude ausdrückt, führt Deuter ihre Gedanken weiter aus, um sie in ihrem Vorhaben zu bestärken. Dabei übernimmt sie ihre Formulierung. Luise setzt das Sprachspiel fort:

LUISE: Als nähme man ein Hundertzentnerstück mir vom Haupt. DEUTER: Als wäre man Kind noch einmal.

LUISE: Noch wäre nichts geschehen -

DEUTER: Noch käme das junge Mädchen daher. (47)

An allen Satzanfängen ist an zweiter Stelle ein Konjunktiv positioniert. Dies verleiht neben den anaphorischen Wiederholungen „als“ und „noch“ dem Dialog eine verbindende, parallele Struktur. Er wirkt wie wechselgesangartige-gleichstimmige Beschwörung des Glücks. Die Einstimmigkeit Luises und Deuters die bürgerliche Ordnung zu brechen zeigt die Veränderungswürdigkeit der Gesellschaft auf.15

Ferner verwendet Deuter eine Anapher, um zu betonen, dass Luise Scarron missversteht. Sie möchte ihr weitere Informationen und Erklärungen entlocken: „Wie recht ich hatte, wie wenig du ihn begreifst“ (106). Auch Luises Rede ist durch anaphorische Ausdrücke strukturiert. Sie wiederholt dieselben Anfangsworte in zwei aufeinanderfolgenden Sätzen, die zur eigenen Veranschaulichung ihrer schlussfolgernden Gedankengänge dienen:

Dann war falsch, was ich Abscheu nannte gegen meinen Mann und Zuneigung zu diesem. Dann war vom ersten Tag des Lebens Täuschung alles in mir, trog das Elend, das mir bei seinen ferneren Reden die Kehle schnürte. (106)

Als Deuter die für Luise bestimmte aufreizende Hose bei sich trägt, gibt sie diese zur Tar- nung Luises als ihre eigene aus „um noch begehrt zu sein“ (120). Theobald erwidert mit ana- phorisch verbunden Satzteilen um seine Aussage zu betonen: „Im Märchen. Im Leben sparen sie die unnütze Ausgabe“ (121). Um sein lüsternes Interesse an Deuter hervorzuheben, wel- ches durch die Unterwäsche hervorgerufen wurde, stellt er zusätzlich die Antonyme „Mär- chen“ und „Leben“ gegenüber.

2.2 Zusammenspiel von Akkumulationen und Asyndeta

Die Aneinanderreihung von Verben, Ausrufen und Begriffen trägt zur Rhythmisierung bei und erzeugt einen konzentrierten Ausdruck.16 In dieser Hinsicht haben Akkumulationen und Asyndeta eine ähnliche Funktion wie Ellipsen, die anhand von Auslassungen die Hauptwörter hervorheben. In dem folgendem Zitat tritt eine Kombination aus Asyndeton und Ellipse auf:

THEOBALD: [Ich bin] Schuldig, ein solches Weib zu haben, [einer] solchen Schlampen, Trulle, Sternguckerin. (29)

In dem ersten Auftritt des ersten Aufzuges verwendet Theobald zahlreiche Akkumulationen um seiner Wut gegenüber Luise Ausdruck zu verleihen. So habe sie ausreichend Zeit um „Bänder zu binden, Knöpfe zu knöpfen“ (28), damit ihre Hose fest gesessen hätte. Sein Wunsch nach Ordnung wird ebenso durch die Verwendung der Paronomasie „Knöpfe zu knöpfen“ ausgedrückt.17 Theobald hält Luise aufzählend vor, dass sie für seine Anstellung dankbar sein soll, welche ihnen gute Lebensumstände garantiert. Dabei zeigt die Gegenüberstellung der zweiten (1919)18 und der dritten Buchausgabe (1926), dass Sternheim durch die nachträglichen Streichungen Anakoluthe formte:19

1919: THEOBALD: Dafür können wir ein paar Stuben halten, uns tüchtig ernähren, ver- mögen Kleidung zu kaufen, im Winter zu heizen. Wir erschwingen eine Karte in die Ko- mödie, [ … ]. (20)

1926: THEOBALD: Dafür können wir ein paar Stuben halten, uns tüchtig nähren, Klei dung kaufen, im Winter heizen. Erschwingen eine Karte in die Komödie, [ … ]. (29)

Die Aufzählung gewinnt an sprachlicher Konzentration. Die Wörter, die mit dem Konsonan- ten ‚k‘ beginnen, stehen in der Fassung von 1926 dichter beisammen und bilden eine Allitera- tion. Theobalds Äußerung ist auf der phonologischen Ebene rhythmisch strukturiert.20 Theobald befürchtet den Spott der Leute: „Lachende Grimassen, Gassenbuben, Laffen“ (30). Auch hier wird die Wirkung der Akkumulation durch die zusätzliche Verwendung einer Alli- teration unterstützt. Der chiastisch gestellte Anlaut ordnet die Aufzählung zusätzlich und be- wirkt eine Abgeschlossenheit nach außen.21 So versucht Theobald zumindest stilistisch eine relative Ordnung in dem Durcheinander seiner Frau herzustellen. Er unterscheidet dabei inne- res und äußeres Chaos:22

THEOBALD: Unmaß , Traum, Phantasien im Leib, nach außen Liederlichkeit und Ver wahrlosung. (28)

Auch hier häuft er thematisch zusammengehörende Wörter an, um das Ausmaß zu beschrei- ben. Scarron verwendet ebenfalls mehrfach das stilistische Mittel der Aufzählung. In dem folgendem Zitat benutzt er es um den Alltag des Beamten Theobalds knapp zu beschreiben: „Das heißt, essen, schlafen, schreiben, Akten ab? (89) Für Scarron ist die „geistige Mitarbeit am Menschengeschlecht“ ausschlaggebend und er erklärt asyndetisch: „Heroen sind die gro- ßen Denker, Dichter, Maler, Musiker“ (90). Auch hier werden Anaphern verwendet, wodurch der Aufzählung Rhythmus verliehen wird.

2.3 Binomiale

Ein weiteres häufig auftretendes rhetorisches Mittel ist die Zwillingsformel, welche typisch für die Umgangssprache ist. Manche Wortpaare sind identisch, wie „Wort für Wort“ (127), „Arm in Arm“ (101) und „Jahr um Jahr“ (127). Andere Binomiale sind mit der kopulativen Konjunktion „und“ verbunden. Dabei werden nicht nur Substantive, sondern auch Verben und Adjektive gepaart. Es werden hauptsächlich assoziative Ausdrücke zusammengefasst. Deuter meint, Luises Hose sah „proper und reputabel“ (34) aus. Theobald hat seine Stube „lieb und wert“ (33) und genießt „Morgensonne und tiefste Ruh“ (115).23

Theobalds phraseologische Paarformel „Brot und Dienst“ (28) ähnelt der Redensart „Lohn und Brot“. Der verdoppelte Ausdruck trägt zur Rhythmisierung der Sprache bei. Der Zwil- lingsformel „Zartgefühl und die Zuvorkommenheit“ (57) dient eine stabreimartige Alliteration als rhetorische Verstärkung und stellt eine weitere Synthese her. Das von Scarron verwendete phraseologische Wortpaar „gut und böse“ (128) steht in antonymer semantischer Beziehung. Die Assonanzen dienen ebenfalls der Rhythmisierung und stellen neben der Konjunktion ei- nen weiteren Bezug zwischen den Konstituenten her, wie „Rede und Geste“ (106) oder „wellt und rollt“ (30).

2.4 Assonanzen und Alliterationen

Assonanzen und Alliterationen dienen ebenfalls dazu, eine syntaktische und rhythmische Syn- these herzustellen.24 In dem folgenden Dialogausschnitt wiederholt sich der Anlaut des ersten Wortes:

LUISE: Wir sind heute ein Jahr verheiratet. THEOBALD: Wie die Zeit vergeht. LUISE: Was mußich dir kochen?

THEOBALD: Weiß ich doch, du hast einen leckeren Schweinebraten im Hinterhalt. (133)

Deuter betont mithilfe von Alliterationen ihre Aussage um Luise zu beeinflussen: „Meine kleine gute Frau Maske, Ihren Mann mag ich gar nicht leiden“ (35). Der Wagnerschwärmer Mandelstam ist bereit sich zu beweisen: „Wo Sie wollen, überall, bei allen.“ (64). Hier treten Assonanz und Alliteration gemeinsam auf und erzeugen Spannung.

Als Theobald Luises unordentliche Haushaltsführung bemängelt, wird sein gestischer Aus- druck durch eine mit Konsonanten dominierende Sprache unterstützt, welche aggressiv klingt: „Ist nicht Zeit übrig, zu Hause Bänder zu binden, Knöpfe zu knöpfen? […] Ist dieser Stuhl blank? Nein- Dreck! Hat diese Tasse einen Henkel? Wohin ich fasse, klafft Welt, Loch an Loch in solcher Existenz“ (28). Hier treffen Assonanzen, Alliterationen und eine Zwillings- formel aufeinander. Sie unterstützen den Sprachrhythmus sowie die Abstraktion der Spra- che.25 Zusätzlich tragen hier die Auslassungen eines Lokaladverbs wie ‚da‘, des unbestimm- ten Artikels ‚eine‘ und des Verbs ‚ist‘ zum stakkatoartigen Rhythmus bei: „Wohin ich fasse, [da] klafft [eine] Welt, Loch an Loch [ist] in solcher Existenz.“26 Der sprachliche Rhythmus wird durch die mit einem Komma zusammengefügten Sätze beschleunigt. Theobald benennt konkret den Zustand des Haushalts, aber beschränkt sich dabei auf das Wesentliche.

Ebenfalls verwendet er Alliterationen um seine Bewunderung für die Hose, welche Deuter angefertigt hat, Ausdruck zu verleihen: „Rosa Schleifchen von Seide und Spinnweb ein Stoff. (120) Er interessiert sich indiskret für ihr Motiv: “Bejahrte Schaluppen ziehen nicht Segel von Seide auf“ (120). Auch hier führt Theobald die säuselnde Wiederholung fort.

3 Syntaktische und tektonische Darstellungsprinzipien

Durch die Syntaxumstellung sollen die wesentlichen Begriff „dem Leser wie ein Signal ins Auge fallenden Platz“27 haben: „Wie ich diesem Subjekt durch Stellung im Satz, Rhythmus, Zusätze oder seine Kahlheit Bedeutung zu geben mag, ist der springende Punkt.28 Sternheim hat verschiedene Stilelemente bewusst in den Bühnentext konstruiert um die Sprache zu ver- kürzen und um einen expressiveren Ausdruck zu erreichen. Diese werden im Folgenden dar- gestellt.

3.1 Telegrammatik der Sprache

Der für den Expressionismus typische Telegrammstil fällt vor allem bei an den Stil angepass- tem Sprechen auf. Die der Sprache dadurch verliehene Dynamik wird von Geifrig als ein „Trommelfeuer aus Worten“ bezeichnet.29 Der folgende Dialogausschnitt zwischen Deuter

und Luise besteht seitenlang aus einzelnen Worten, wobei sich Frage und Antwort abwech-

seln:

DEUTER: Glückselige! Dann? LUISE: Kam zu mir er.

DEUTER: Luise! Und? LUISE: Sprach.

DEUTER: Und?

LUISE: Sagte. (103)

Artikel, Pronomen und Konjunktionen entfallen. Über mehrere Sprecherwechsel hinweg be- steht ein direkter syntaktischer Bezug. Der stakkatoartige Stil wirkt nervös und hektisch drän- gend.30 Auch im zweiten Gespräch zwischen Luise und Scarron sind die einzelnen Dialogteile ebenso miteinander verschränkt. Hier ist der Telegrammstil nicht so extrem ausgeprägt wie in dem vorherigen Beispiel:

LUISE: Die Zimmer mieten. SCARRON: Will ich - LUISE: Kommt er -

SCARRON: Vorstellen einfach LUISE: Herr?

SCARRON: Scarron. (39)

3.2 Tendenz zum parataktischen Stil

Sternheims letzte Überarbeitung des Dramentextes zielt auf sprachliche Straffung, aber auch auf einen möglichst parataktischen Stil. Die Aneinanderreihung von Sätzen führt zu einem beschleunigten Sprachtempo. Die folgende Gegenüberstellung der Fassungen von 1919 und 1926 zeigt, dass die Konjunktion „wenn“ gestrichen wurde. Die Auslassung der Konjunktion trägt dazu bei, dass der Nebensatz dem Hauptsatz gleichgeordnet wird:31

1919: THEOBALD: Das wußte ich schon auf der Schule, wenn die anderen unter mir zu leiden hatten. (55)

1926 : THEOBALD: Das wußte ich auf der Schule, hatten die anderen unter mir zu lei- den. (87)

Auch die Aussage Theobalds über seinen Kollegen enthält eine elliptische Parataxe: „Er kennt das Innere seines strapazierten Körpers wie das Gehaltsreglement, operiert mit lateinischen Namen“ (84). Der Vergleich ist jedoch missverständlich. Es ist unklar, ob das Gehaltsregle- ment verständlich oder kompliziert ist.32 Desweiteren baute Sternheim nachträglich Nebensät- ze in Hauptsätze ein, um einen möglichst parataktischen Stil zu erhalten:33

1919: THEOBALD: Jetzt kann ich es verantworten, dir ein Kind zu machen. (84)

1926 : THEOBALD: Jetzt kann ich es, dir ein Kind zu machen, verantworten. (133)

3.3 Stilistische Inversionen

Die Umstellung des üblichen Satzbaus ist das zentrale Stilelement in Sternheims Prosa, aber sie ist ebenso, wenn auch weniger stark ausgeprägt, im Lustspiel Die Hose vorhanden. Als Deuter Luise darüber aufklärt, wie sie die Hose zu schneidern gedenkt, verwendet sie eine Inversion: „Ein blitzsauberes Modell leih ich mir her, und erfrägt man auch manches“ (43). Die Inversion stammt aus der Kaufmannssprache. Durch die Syntaxumstellung steht das zu bewerbende Objekt am Satzanfang.34

Der Vergleich verschiedener Fassungen zeigt das schrittweise Entstehen einer Inversion. In der ersten Handschrift lautet die Aufforderung Theobalds an Luise: „Luise, laß den Küchen- geruch zurück. Mandelstam ist ein Baron“ (1. HS., S. 42). In der zweiten Handschrift änderte Sternheim die Metapher durch eine Inversion um: „laß die Gerüche der Bürgerlichkeit hinter dir“ (2. Hs., S.55). In der Ausgabe von 1926 heißt es nochmals verkürzt: „Luise, laß deiner Bürgerlichkeit Gerüche hinter dir“ (65).35 Diese Formulierung lässt die Redeweise anti- naturalistisch erscheinen. Sternheim begründet dies folgendermaßen: „In einer Sprache rede- ten dazu von der Albernheit die Leute, die in keinem Buch, keiner Zeitung stand, und die kein besserer Bekannter sprach.“36

Ebenso wird der Genitiv umgestellt, wie die folgende Äußerung Theobalds zeigt:

Hm Hammelschlegel. Und gut gesalzen. Frau, Dämonen sind aus unserer Seele wirkend. Knechten wir sie nicht mit unseres Willens ganzer Gewalt, man sieht nicht ab, wie weit sie es bringen. Himbeeren mit Sahne. (32)

Theobald drückt seine Zustimmung für das Essen alltäglich trivial aus. Daneben steht ein ge- künstelt wirkendes lebensphilosophisches Postulat, um seine Begierde zu verschleiern. Dabei ist das Possessivpronomen vorangestellt worden. In üblicher Wortfolge würde die Aussage folgendermaßen lauten: „Knechten wir sie nicht mit der ganzen Gewalt unseres Willens“. Durch die Inversion wird der bestimmte Artikel eingespart. Die Wortumstellung trägt somit zur Sprachverknappung bei. Die Ausdrucksweise wirkt befremdlich. Sebald weist auf den archaisierenden Effekt der Genitivinversionen hin, welche ein Kennzeichen des hohen Sprachstils ist, da sie vor allem in Versepen, der Vossischen Homerübersetzung, im Messias und in hymnischen Formen der Lyrik Klopstocks und Hölderlins vorkommen. Hinsichtlich dessen hinterlässt Theobalds Äußerung einen besonders grotesken Eindruck und gibt die Verlogenheit seiner spießbürgerlichen Existenz preis.

3.4 Funktion der Interpunktion

3.4.1 Verfremdung innerhalb der Interpunktion

Die Intensität und Dynamik der expressionistischen Dramen wird durch die Interpunktion verdeutlicht.37 Sternheim formt die Interpunktionsregeln zur Verdeutlichung der Situation um. Die paradox wirkende Interpunktion dient als versteckte Regieanweisung. Am häufigsten wird ein Satzpunkt anstelle eines Ausrufezeichens gesetzt. Dies tritt besonders häufig in Lui- ses Redeanteilen auf. Sie versucht ihren Ehemann, welcher aufgrund der Hosenaffäre in Rage ist, zu beruhigen:

LUISE: Beruhige dich. (28)

LUISE: Hör auf; ich ertrage es nicht länger. (30)

LUISE: Du marterst mich. (31)

Während ein Ausrufezeichen den Ausdruck intensiviert und betont, schwächt der Satzpunkt die Betonung ab, da mit ihm die Senkung der Stimme einhergeht. Laut Hennecke sollen somit die Aussagen und Rechtfertigungen Luises gleichgültig klingen, da sie vor „einer unabänderlichen Tatsache“ steht.38 Desweiteren ist Luise aufgrund der Stockschläge eingeschüchtert und traut sich nicht laut zu werden. Jedoch werden Ausrufezeichen verwendet, als Theobald mit dem Stock auf sie einschlägt:

LUISE: Tu den Stock fort! 39

THEOBALD: Geschändet im Maul der Nachbarn, des ganzen Viertels. Frau Maske ver liert die Hose!

LUISE: Au! Ach!

THEOBALD: Auf offener Straße, vor den Augen des Königs sozusagen. Ich, ein einfacher Beamter!

LUISE schreiend: Genug. (28)

Hier ist besonders auffallend, dass Luise „Genug“ schreit, aber als Satzzeichen paradoxerwei- se ein Punkt verwendet wird. Es wird einerseits gezeigt, dass das, was sie sagt, für Theobald keine Rolle spielt.

[...]


1 Sternheim, Carl: Anmerkungen. Hg. v. Wilhelm Emrich. Gesamtwerk. Dramen. Band 1. Neuwied und Darmstadt: Hermann Luchterhand Verlag 1963. S. 569.

2 Durzak, Manfred: Das expressionistische Drama. Carl Sternheim - Georg Kaiser. München: Nymphenburger Verlagshandlung 1978. S. 43.

3 Vgl. Vietta, Silvio und Hans-Georg Kemper: Expressionismus. München: Wilhelm Fink Verlag 1975. S. 306. 4 Durzak, Manfred (Hg.): Zu Carl Sternheim. Stuttgart: Ernst Klett Verlag 1982 (= LGW-Interpretationen 58). S. 107.

5 Vgl. Linke, Manfred: Carl Sternheim in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Hamburg: Reinbek 1979 (= rowohlts bildmonographien 278). S. 61.

6 Neue Blätter für Kunst und Literatur 2 (1920), Nr. 7, S. 119-120. Zit. nach Ukena, Jutta: Sternheim - Die Hose. Grundlagen und Gedanken zum Verständnis des Dramas. Mainz: Moritz Diesterweg Verlag 1974. S. 49.

7 Süddeutsche Monatshefte 8 (1911), Heft 6, S. 799-800. Zit. nach Ukena 1974, S. 45.

8 Vgl. Durzak 1982, S. 101.

9 Vgl. Durzak 1982, S. 107.

10 Vgl. Pflaum, Bettina: Politischer Expressionismus. Aktivismus im fiktionalen Werk Robert Müllers. Hamburg: Pflaum Igel Verlag 2008. S. 53.

11 Paulsen, Wolfgang: Carl Sternheim und die Komödie des Expressionismus. In: Die deutsche Komödie im zwanzigsten Jahrhundert. Sechstes Amherster Kolloquium zur modernen deutschen Literatur 1972. Hg. v. Wolfgang Paulsen. Heidelberg: Lothar Stiehm Verlag 1976 (= Poesie und Wissenschaft 37). S. 99.

12 Goll, Yvan: Versuch einer neuen Poetik. In: Pörtner, Paul. Literaturrevolution 1910-1925. Dokumente, manifeste, Programme. Bd. 1: Zur Ästhetik und Poetik. Darmstadt: Luchterhand 1960. S. 256.

13 Im Folgenden wird zitiert aus: Sternheim, Carl: Die Hose. Ein bürgerliches Lustspiel. Hg. v. Wilhelm Emrich. Gesamtwerk. Dramen. Band 1. Neuwied und Darmstadt: Hermann Luchterhand Verlag 1963.

14 Vgl. Czucka, Eckehard: Idiom der Entstellung. Auffaltung des Satirischen in Carl Sternheims „Aus dem bürgerlichen Heldenleben“. Münster: Aschendorff 1982 (= Literatur als Sprache 2). S. 43.

15 Vgl. Denkler, Horst: Drama des Expressionismus. München: Wilhelm Fink Verlag 1967. S. 96.

16 Vgl. Hennecke, Valerie: Die Sprache in den Lustspielen Carl Sternheims. Dissertation. Köln: Universität zu Köln 1985. S.37.

17 Vgl. Czucka 1982, S. 43.

18 Die zweite Buchausgabe wird im Folgenden zitiert aus: Sternheim, Carl: Aus dem Bürgerlichen Heldenleben. Erster Teil. Berlin: Aufbau Verlag 1947.

19 Vgl. Anmerkungen. In: Gesamtwerk Bd. 6. Hg. v. Wilhelm Emrich. Neuwied: Luchterhand Verlag 1963. S. 561f.

20 Vgl. Hennecke 1985, S. 24.

21 Vgl. Czucka 1982, S. 94.

22 Vgl. Czucka 1982, S. 92.

23 Vgl. Hennecke 1985, S. 39.

24 Vgl. Hennecke 1985, S. 34.

25 Vgl. Hennecke 1985, S. 36.

26 Vgl. Hennecke 1985, S. 44.

27 Sternheim, Carl: Guter Prosastil. In: Gesamtwerk 6, S. 214f.

28 Sternheim, Carl: Guter Prosastil. In: Gesamtwerk 6, S. 214f.

29 Geifrig, Werner: Georg Kaisers Sprache im Drama des expressionistischen Zeitraums. Dissertation. München: Ludwig-Maximilians-Universität 1968. S. 15.

30 Vgl. Geifrig 1968, S. 16.

31 Vgl. Geifrig 1968, S. 28.

32 Vgl. Czucka 1982, S. 45.

33 Vgl. Geifrig 1968, S. 28.

34 Vgl. Czucka 1982, S. 105.

35 Vgl. Czucka 1982, S. 109.

36 Sternheim, Carl: Vorwort zu Die Hose. In: Gesamtwerk 6, S. 23.

37 Vgl. Geifrig 1968, S. 49.

38 Vgl. Hennecke 1985, S. 40.

39 Im Kontrast zum naturalistischen Drama sind die Regieanweisungen knapp oder nicht vorhanden, sondern werden in der Figurenrede indirekt mitgeteilt. Die Aktion wird durch das Wort ersetzt. Vgl. Hennecke 1985, S. 96.

Details

Seiten
45
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656107903
ISBN (Buch)
9783656108436
Dateigröße
627 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v187466
Institution / Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,7
Schlagworte
Expressionismus Drama Sternheim

Autor

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Titel: Die Sprache Carl Sternheims in seinem bürgerlichen Lustspiel "Die Hose"