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Wie entwickeln sich die Formen der Gemeinschaft und der Gesellschaft in einer reflexiven, Zweiten Moderne des Kosmopolitismus?

Hausarbeit 2011 23 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Thema: Seitenzahl:

1. Thema

2. Gemeinschaft und Gesellschaft
2.1. Gemeinschaft
2.2. Gesellschaft
2.3. Abriss der Gemeinschaft und der Gesellschaft

3. Kosmopolitismus

4. Einführung in die Idee der Entwicklung von Gemeinschaft Gesellschaft und Kosmopolitismus

5. Die Weltrisikogesellschaft in der zweiten Moderne
5.1. Die Zweite Moderne
5.2. Reflexivität der Modernisierung
5.3. Risikogesellschaft

6. Entwicklung der Gesellschaft zum Weltbürgertum
6.1. Grenzen der Gesellschaft
6.2. Kosmopolitismus- eine andere, globale Form der Gesellschaft?
6.3. Die Überlagerung der Gesellschaft durch den Kosmopolitismus

7. Resümee

8. Quellen

Wie entwickeln sich die Formen der Gemeinschaft und der Gesellschaft in einer reflexiven, Zweiten Moderne des Kosmopolitismus?

1. Thema

Die Frage nach der Entwicklung der gemeinschaftlichen und gesellschaftlichen Formen des sozialen Zusammenlebens in einer reflexiven, Zweiten Moderne des Kosmopolitismus, setzt voraus, dass es sich dabei nicht um ein starres Gefüge des Zusammenlebens handelt. In der vorliegenden Hausarbeit werden die Zusammenhänge und die Entwicklung von Gemeinschaft, Gesellschaft und Kosmopolitismus näher betrachtet. Kosmopolitismus wird in der als reflexiv bezeichneten Epoche der Zweiten Moderne ermöglicht. Um die Frage zu erörtern, wird zunächst die Sichtweise von Tönnies und Plessner auf die Begrifflichkeiten Gemeinschaft und Gesellschaft dargelegt. Weiterhin wird darauf eingegangen, durch was die Formen der Gemeinschaft und der Gesellschaft begrenzt sind. Anschließend werden die im Kontext der Hausarbeit wichtigen Erkenntnisse aus diesem Teil zusammengefasst. Der folgende Abschnitt behandelt die Idee des Kosmopolitismus, orientiert an Luhmann und in diesem Kontext wird explizit auf Luhmanns Systemtheorie eingegangen. Danach wird erörtert, wie sich die Formen Gemeinschaft, Gesellschaft und Kosmopolitismus im Zusammenspiel entwickeln und der Gedanke einer möglichen Begrenzung der Gesellschaft wird angedeutet. Dieser Gedanke wird im Verlauf der Hausarbeit erneut aufgenommen. Im Anschluss wird der Begriff der Zweiten Moderne nach Beck eingeführt, weiter wird darauf eingegangen warum Beck die Moderne als reflexiv betrachtet und was unter Reflexivität zu verstehen ist. Über die Reflexivität der Zweiten Moderne wird bei Becks Vorstellung einer Weltrisikogesellschaft eingegangen. In diesem Kontext werden seine Idee der Risikoverteilung und die damit verbundenen Konfliktsituationen erläutert. Unter der Vorstellung, dass Gesellschaft und Institutionen im Zusammenhang stehen wird aufgezeigt, wieso die Entwicklung eines Kosmopolitismus in der Verantwortung aller Individuen gesehen werden kann. Danach werden zwei Sichtweisen auf den Kosmopolitismus vorgestellt, zum Einen im Sinne einer Weltgesellschaft und zum Anderen als Weltbürgertum. Im folgenden Abschnitt wird unter Zuhilfenahme von Luhmanns Systemtheorie die Vorstellung von einem Kosmopolitismus im Sinne eines Weltbürgertums erläutert. Abschließend folgt eine Zusammenfassung aller Erkenntnisse An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass ich neben der ausführlichen Zitation der Autoren auch einige Begrifflichkeiten von Tönnies, Plessner, Luhmann und Beck übernommen habe. Um den Umfang der Hausarbeit auf ein angemessenes Niveau zu begrenzen, musste ich weiterhin einige weiterführende Gedanken Außen vorlassen.

2. Gemeinschaft und Gesellschaft

2.1. Gemeinschaft

Unter Gemeinschaft kann grundlegend eine Gruppierung von Individuen verstanden werden, die etwas verbindet. Gemeinsamkeiten wie Ideen, Ziele und Interessen oder auch Herkunft, eben eine Gruppierung von in irgendeiner Weise gleichgesinnten Personen. Gemeinschaften existieren in vielfältigen Ausprägungen wie Familien, Vereine, Freundeskreise, Studentenverbindungen oder Religionsgemeinschaften. Nach Tönnies basiert der Begriff der Gemeinschaft auf den grundlegendsten Formen des Zusammenlebens, den Familienverhältnissen. Er unterscheidet zwischen verschiedenen Sozialen Beziehung innerhalb der Familienverhältnisse, der Grundbaustein dieses sozialen Raumes ist für ihn die Beziehung zwischen Vater und Kind. Der Vater nimmt hier, laut Tönnies, die Herrschaftsstellung in der Gemeinschaft ein. Die Beziehung liegt zum Einen auf einer organischen Ebene, wie bei der Beziehung zwischen Mutter und Kind. Zum Anderen basiert sie auf Ungleichheit wie die Beziehung zwischen Vater und Mutter, der Ehe. Durch die Mentale Ebene ähnelt sie der Beziehung zwischen Geschwistern, die auf Gewöhnung beruht. Der Vater ist in diesem Sinne ein Patriarch, der das Kind erzieht, lehrt und Erfahrungen aus dem eigenen Leben mitteilt und dadurch an der Entwicklung des Kindes teilnimmt. Auf dieser Ebene basiert die Beziehung auch auf der gegenseitigen Gewöhnung1. Insgesamt sieht Tönnies Interaktionen auf diesen grundlegenden Ebenen der Gemeinschaft als „ein wechselseitiges Bestimmen und wechselseitiges Dienen der Willen“2, dass aus der Wechselwirkung zwischen Arbeit und Genuss resultiert. Diese Wechselwirkung liegt im Idealfall laut Tönnies immer in einem Gleichgewicht. Eine übergeordnete Kraft, die zum Wohle der Menschen eingesetzt wird, die in der Hierarchie niedriger stehen, bezeichnet Tönnies als Würde. Das Gleichgewicht lässt sich damit um die Konstanten Würde und Autorität erweitern3. Über den Grundstein der Gemeinschaft der Familie, der „Gemeinschaft des Blutes“4 unterscheidet Tönnies weiter „die Gemeinschaft des Ortes“5, im Sinne der Nachbarschaft oder der Dorfgemeinschaft welche zum größten Teil auf Gegenseitige Gewohnheit beruht und im Idealfall ein autarkes System bildet und der „Gemeinschaft des Geistes“6, welche bezeichnend ist für Freundschaften und der Stadtgemeinschaft am Nächsten kommt. Jede Art der Gemeinschaft besitzt bezeichnender Weise einen gemeinschaftlichen Mittelpunkt, laut Tönnies ist dieser beispielsweise die Küche bzw. der Herd in der Hausgemeinschaft. Bezüglich der Eigenständigkeit der Hausgemeinschaft unterscheidet Tönnies weiterhin das isolierte Haus welches sich weitgehend selbst versorgen muss, das Bauernhaus, dessen Platz in einer Dorfgemeinschaft anzusiedeln ist und welches zusätzlichen Austausch mit der Dorfgemeinschaft pflegt, und das städtische Haus, das von dem Austausch mit der Stadtgemeinde lebt7. Die verschiedenen Arten der Gemeinschaft an sich, ob Hausgemeinschaft, Dorfgemeinschaft oder Stadtgemeinschaft, sieht Tönnies, als Systeme die bestrebt sind ihren Warenkreislauf geschlossen zu halten8. Grundlegend hierfür ist „gegenseitiger Besitz und Genuss und ist Besitz und Genuss gemeinschaftlicher Güter“9. Diese Art des gemeinschaftlichen Warenaustausches bezeichnet Tönnies als „ökonomisch, d.h. gemeinschaftlich (kommunistisch)“10. Als prägenden Begriff für die Art des gemeinschaftlichen Zusammenlebens steht der „Kürwillen“11 dieser beschreibt den gemeinsamen Willen mehrerer Personen eine Gemeinschaft bedingungslos als höhere Instanz und somit wichtiger als die individuellen Ziele und Vorstellungen anzusehen.

Plessner beschreibt den Begriff der Gemeinschaft im Gegensatz zu Tönnies sehr philosophisch. Er sieht die Gemeinschaft als Ethos in der Art des Zusammenlebens. Dieser „Ethos der Gemeinschaft“12 erscheint reaktionär und widersprüchlich. Er lehnt künstliche Hilfsmittel und moderne Technik ab, dennoch ist die Gemeinschaft auf ein gewisses Maß an künstlichen Hilfsmitteln und Technik angewiesen. Der „Ethos der Gemeinschaft“13 basiert weiterhin einerseits auf einer Lebensbejahenden Philosophie, andererseits führt er, zumindest auf einem Wege, dem der „Blutsmäßigen Verbundenheit“14 zur Ausgrenzung bestimmter Personengruppen. Dieser Begriff schließt allerdings nicht nur biologische Verwandtschaft ein, sondern auch gleiche Gesinnung. Die Gemeinschaft erhält ihren internen Zusammenhalt, ihr „besonderes Lebensgefühl“15 durch ein zeremonienartiges Aufnahmeritual, zum Beispiel die Taufe in der Katholischen Glaubensgemeinschaft. Begründet ist dieses Hochgefühl durch liebe zu einer Sache oder zu einer Person. Die „Blutsmäßigen Verbundenheit“16 ist in diesem Sinne auf den ersten Blick in der Liebe zu einer abgegrenzten Personengruppe begründet, da man aber laut Plessner in einer bestimmten Personengruppe nicht jede Person in gleicher Weiße lieben kann, fördert diese Art der Gemeinschaft den Personenkult, „Echtes Herrentum schafft Gemeinschaft“17. Diese Art des Gemeinschaftsethos ist nach Plessner ein Nährboden für Diktaturen, faschistische Diktaturen ebenso wie kommunistische Diktaturen. Neben ]der „Blutsmäßigen Verbundenheit“18 gibt es auch den Weg der „Gemeinschaft der Sache“19. Als Beispiel hierfür nennt er den Kommunismus, da dieser sich nicht durch eine Personengruppe abgrenzt, er hat zum Ziel die gesamte Weltbevölkerung zu assimilieren. Die Sachgemeinschaft begründet sich durch ein gemeinsames Wertverständnis und Gerechtigkeitsempfinden. Hier werden auch die Grenzen deutlich. Laut Plessner wäre eine kommunistische Weltgemeinschaft, die alle Menschen unter ihrem Banner vereint, keine Gemeinschaft mehr, sie wäre eine Weltgesellschaft, da keine Öffentlichkeit einer abgeschlossenen Gemeinschaft gegenüberstände20. Bei der „Blutsmäßigen Verbundenheit“21 ist diese Grenze alles Fremde. Es zeigt sich, dass diese Sichtweise auf die Gemeinschaft eine starre Grenze impliziert, die Gemeinschaft kann ab einem gewissen Stadium nichtmehr expandieren oder sich weiter entwickeln. Die Gemeinschaft scheint unter diesem Licht rückständig und veraltet, im Gegensatz zu der modernen Form des sozialen Zusammenlebens, der Gesellschaft.

2.2. Gesellschaft

Plessner deutet den Ethos der Gesellschaft als Antithese gegenüber dem Ethos der Gemeinschaft, dieser Ethos beinhaltet Oberflächlichkeit in den sozialen Beziehungen, er beinhaltet kühle Distanz gegenüber den Mitmenschen, bevorzugt Künstlichkeit und moderne Technik22. Dennoch erkennt Plessner diese Form des Zusammenlebens als Chance zur Weiterentwicklung, denn zum Einen vertritt er die Meinung, alle neuen sozialen Ordnungen seien besser als die alten Ordnungen „Das Frühere war das noch nicht so Kluge wie das ihm Folgende“23. Zum Anderen sieht er, dass die Individuelle Freiheit und die Würde des Menschen nur in einer gesellschaftlichen Ordnung gewahrt werden kann „stark ist, wer den ganzen Wesenskomplex der Gesellschaft um der Würde des Menschen und der Gesamtheit willen bejaht“24. Er ist sich bewusst, dass die Gesellschaft des Zeitalters der Industrialisierung zum Teil unmenschliche, sogar menschenverachtende Ausprägungen annehmen kann, dennoch sieht er im Ethos der Gesellschaft einen Weg zu einem besseren sozialen Zusammenleben und somit die Gesellschaft, der Gemeinschaft als überlegen „Gesellschaft bejahen um der Gesellschaft willen, die ihr eigenes Ethos, ihre eigene, der Gemeinschaft überlegene Größe hat“25. Der Vorteil der Gesellschaft liegt gerade in der Distanz die in ihr aufgebaut wird, sie gibt „über ihre Zweckmäßigkeit hinaus einen neuen Sinn und den Antrieb, …, die Stärke, das Wiedernatürliche zu ertragen“26

Im Unterschied zu Plessner sieht Tönnies die Gesellschaft nicht durch einen Ethos begründet, er geht wesentlich pragmatischer vor. Tönnies definiert die Form der Gesellschaft im Hinblick auf den Warenaustausch, der innerhalb einer Gruppe von Menschen stattfindet. Stark an der Schrift Das Kapital von Karl Marx orientiert, beginnt dieser Warenaustausch dadurch gesellschaftlich zu werden, dass die einzelnen Individuen mehr von einer bestimmten Ware produzieren, um diesen Überschluss in einen gesellschaftlich anerkannten Wert einzutauschen, welcher an sich keinen tatsächlichen Wert enthält: das Geld27. Dieser Warenaustausch schafft die Grundlage für den in der Gesellschaft vorherrschenden „Kürwillen“28. Dieser beschreibt eine gegenseitige Bejahung in diesem sozialen Komplex der Gesellschaft, welcher nicht auf Nähe, Gewöhnung oder Verwandtschaft beruht wie der „Wesenswille“29 in der Gemeinschaft sondern auf Kalkül. Das kleinste Glied in der Gesellschaft, das Individuum, stimmt diesem Komplex des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu, da es sich selbst Vorteile aus dieser Art des Zusammenlebens verspricht30. Das Individuum ist in der Gesellschaft, im Gegensatz zur Form der Gemeinschaft „nicht wesentlich verbunden sondern wesentlich getrennt“31. Im Komplex der Gesellschaft herrscht eine Art Vertrag unter diesen Individuen, die untereinander unabhängig sind, aber deren Willen in ständiger Interaktion und Austausch stehen und eine künstliche Einheit bilden32.

[...]


1 Vgl. Tönnies, F. (1935): Gemeinschaft und Gesellschaft. Grundbegriffe der reinen Soziologie. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. S. 7-33

2 Ebd. S. 11

3 Vgl. Tönnies, F. (1935): Gemeinschaft und Gesellschaft. Grundbegriffe der reinen Soziologie. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. S. 7-33

4 Ebd. S. 12

5 Ebd. S. 12

6 Ebd. S. 12

7 Vgl. Ebd. S.22-25

8 Vgl. Ebd. S.30-33

9 Ebd. S.20

10 Ebd. S.31

11 Zit. nach Tönnies in: Clausen, L͘& C͘ Schlüter (1991): Hundert Jahre „Gemeinschaft und Gesellschaft“͘ Ferdinand Tönnies in der internationalen Diskussion. Opladen: Leske u. Budrich S. 41

12 Plessner, H. (1924): Grenzen der Gemeinschaft. Eine Kritik des sozialen Radikalismus. Bonn: Friedrich Cohen S. 40

13 Ebd. S. 40

14 Ebd. S. 44

15 Ebd. S. 45

16 Ebd. S. 44

17 Ebd. S. 43

18 Ebd. S. 44

19 Ebd. S. 50

20 Vgl. Plessner, H. (1924): Grenzen der Gemeinschaft. Eine Kritik des sozialen Radikalismus. Bonn: Friedrich Cohen S. 50-56

21 Ebd. S. 44

22 Vgl. Ebd. S. 40f

23 Ebd. S. 37

24 Ebd. S. 31-32

25 Ebd. S. 38

26 Plessner, H. (1924): Grenzen der Gemeinschaft. Eine Kritik des sozialen Radikalismus. Bonn: Friedrich Cohen S. 41

27 Vgl. Tönnies, F. (1935): Gemeinschaft und Gesellschaft. Grundbegriffe der reinen Soziologie. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. S. 38f

28 Zit. nach Tönnies in: Clausen, L͘& C͘ Schlüter (1991): Hundert Jahre „Gemeinschaft und Gesellschaft“͘ Ferdinand Tönnies in der internationalen Diskussion. Opladen: Leske u. Budrich S41

29 Zit. nach Tönnies Ebd.

30 Vgl. Tönnies, F. (1935): Gemeinschaft und Gesellschaft. Grundbegriffe der reinen Soziologie. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. S. 38

31 Ebd. S. 34

32 Vgl. Ebd. S. 44

Details

Seiten
23
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656107705
ISBN (Buch)
9783656107743
Dateigröße
690 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v187437
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Soziologie
Note
1,7
Schlagworte
Gemeinschaft Gesellschaft Kosmopolitismus Soziologie Systemtheorie

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