Lade Inhalt...

Die Reproduktion kulturellen Kapitals

Der Beitrag von Familie und Schule - Anlehnung an Pierre Bourdieu

Bachelorarbeit 2011 47 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

I. Einführung

II. Aktuelle Bildungsdebatte

III. Pierre Bourdieus Kapitalsorten

IV. Einfluss der Familie auf die Reproduktion kulturellen Kapitals

V. Welchen Beitrag liefert die Institution Schule in Bezug auf die Reproduk- tion kulturellen Kapitals? - Die Rolle der LehrerInnen

VI. Sonstige Einflüsse und Theorien

VII. Ausblick

VIII. Literaturverzeichnis

I. Einführung

Die österreichische Bildungsdebatte über die Neue Mittelschule spitzt sich immer mehr zu. Bundesministerin Dr. Claudia Schmied (Sozialdemokratische Partei Österreichs) versucht weiterhin Druck für eine einheitliche Gesamtschule aller zehn- bis 14-Jährigen auszuüben. Die Österreichische Volkspartei (ÖVP) blockiert derzeit noch dieses Vorhaben, da sie der Meinung ist, dass das Unterstufengymnasium weiterhin neben der Neuen Mittelschule beste- hen bleiben soll.

Warum braucht Österreich überhaupt ein neues Schulsystem? Anlass dazu liefern die seit Jahren alarmierenden Ergebnisse der PISA Studie. PISA1 führt internationale Schulleistungsuntersuchungen der OECD Mitgliedsstaaten durch und hat das Ziel, alltags- und berufsrelevante Kenntnisse und Fähigkeiten von 15-Jährigen zu messen. Bei diesem Ranking befindet sich Österreich weit entfernt vom Spitzenfeld.

„Häufig finden wir in der Debatte eine Erklärung von Bildungsunterschieden über biologi- sche, von Natur und/oder Gott gegebene »Intelligenz- und Begabungsunterschiede«. Verges- sen wird in dieser Diskussion über Hoch- und Minderbegabte gerne, dass Bildungskategorien soziale Konstrukte sind. Während bildungsbürgerliches Können hoch geschätzt wird, werden »Begabungen« bildungsferner Schichten, beispielsweise im handwerklichen Bereich, niedri- ger bewertet. Ausgeblendet wird in der Begabungsideologie auch, dass, wenn »Bildungser- folg« von Gott oder der Natur vorgegeben wurde, das Bildungssystem eigentlich die Anstren- gungen des Lernens und nicht die »geschenkte Begabung« bewerten müsste“ (Erler 2007: 8).

Das neue österreichische Schulsystem soll eine Kopie des finnischen Gesamtschulsystems werden, da sich dieses jährlich im Spitzenfeld der PISA Studie befindet. Ziel der Gesamtschu- le ist es, dass sich alle SchülerInnen mit unterschiedlichen Schulleistungen in derselben Klas- se befinden. Laut diesem Konzept können leistungsschlechtere SchülerInnen von den leis- tungsbesseren SchülerInnen profitieren. Jedoch bedarf es dafür noch der Zustimmung der ÖVP.

Die ÖVP spricht sich gegen die Gesamtschule aus, da sie der Meinung ist, dass leistungsstär- kere Schüler dadurch unterfordert werden. Der Unterricht wird durch die leistungsschwäche- ren Schüler verzögert was wiederum ein Vorankommen am Unterrichtsstoff verhindert. Zu- sätzlich kann ein erweitertes Bildungsangebot nicht präsentiert werden, da leistungsbessere Schüler dazu angehalten werden, den leistungsschwächeren Schülern während des Unterrichts Nachhilfe zu geben.

Derzeit werden alle Hauptschulen auf die Neue Mittelschule umgestellt. Unterstufengymnasien existieren weiterhin parallel. Die Neue Mittelschule ist dadurch eine abgespeckte Version der Gesamtschule. Der Unterricht der Neuen Mittelschule wird durch Teamteaching und Kleingruppenbetreuung verändert.

Für die Etablierung der Neuen Mittelschule werden bis zum Ende der Umstellung insgesamt geschätzte 233 Millionen Euro investiert (www.presse.com).

Das Projekt läuft bereits seit 2008, wird insgesamt zwischen sieben und acht Jahre in Anspruch nehmen und soll die Bildung und Schulleistung der Kinder verbessern.

Es wird hier also ein enormer Aufwand betrieben, um im Ranking der PISA Studie nach vorne zu kommen und das Bildungsniveau zu steigern. Doch bewirkt die Veränderung des Schulsystems wirklich die erwünschten Erfolge? Hat die Regierung und somit auch das Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur (bm:ukk) hier wirklich alles beachtet?

Öffentliche Erziehung und Familie sind zwei Institutionen, in denen Kinder erzogen, gebildet und sozialisiert werden. Als primäre und sekundäre Sozialisationsinstanzen sind sie für Kinder und Jugendliche bedeutsame Orte des Aufwachsens, der Orientierung und Identitätsfindung, wobei sich in manchen Bereichen beide Institutionen gegenseitig ergänzen und decken. Dadurch können schwierige Verhältnisse aufgrund der verschiedenen sozialen Typisierungen entstehen (vgl. Ecarius / Wahl 2009: 13).

Der französische Soziologe Pierre Bourdieu versucht mit Hilfe von verschiedenen Kapitalformen die Ungleichheit der schulischen Leistungen von Kindern aus unterschiedlich sozialstatuierten Klassen zu begreifen. Er ist der Meinung, dass bildungsbezogene Fertigkeiten, Werte, Vorstellungen, aber auch Umgangsformen und Geschmackspräferenzen, welche er als kulturelles Kapital bezeichnet, schon vor dem Schulalter verinnerlicht werden. Die Familie prägt beispielsweise die Bildungsaspiration des Kindes so stark, dass die Schule dies nur noch verstärken, jedoch nicht mehr verändern kann.

Über Geschmack lässt sich streiten. Pierre Bourdieu zeigt, dass Geschmack in letzter Konse- quenz keineswegs eine Frage von individuellen Präferenzen ist, sondern ein Produkt von spe- zifischen Umständen, in denen ein Mensch aufwächst und sozialisiert wird (vgl. Sinnreich 2007: 136).

Bourdieu meint, dass Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsmuster, Geschmacksempfinden und ästhetische Einstellungen, welche in den Habitus-Begriff fallen, durch die Familie repro- duziert werden. Damit ist nicht gemeint, dass eine exakte Kopie von der Familie an die Kin- der weitergegeben wird, jedoch die Grundlagen dieser Einstellungen und Wahrnehmungsmus- ter verinnerlicht werden. Dazu gehören auch Einstellungen und Werte im Bereich der Bil- dung.

„Dass Kinder aus gutem Hause gute Schulabschlüsse machten und die höchsten Titel erwarben, war nicht durch das ökonomische Kapital ihrer Eltern zu erklären, sondern durch ihr kulturelles Kapital: beispielsweise Bildung, Vertrautheit mit höherer Kultur, Hochsprache, Besitz von Kulturgütern“ (Fröhlich / Rehbein 2009: 135).

Das kulturelle Kapital bzw. Bildungskapital wird bei Bourdieu primär in der Familie interge- nerationell weitergeben und angeeignet, womit die Familie als Hauptträgerin der Reprodukti- on erscheint.

Was bedeutet das in Bezug auf die aktuelle Bildungsdebatte? Wäre es demnach nicht produktiver, primär in der Familienpolitik anzusetzen, um die Leistungen der Schüler zu erhöhen und um die Bildungsmotivation zu steigern?

Eine Untersuchung aus Deutschland zeigt, dass Kinder aus der oberen Dienstklasse gegenüber Kindern von Facharbeitern und un- oder angelernten ArbeiterInnen eine 4,28-fach höhere Chance eines Gymnasialbesuches haben (vgl. Ditton / Krüsken / Schauenberg 2005: 287).

Beide Institutionen, sowohl Familie als auch Schule, bearbeiten den kindlichen und jugendli- chen Geist und beeinflussen somit Denken, Handeln und Wahrnehmen (vgl. Ecarius / Wahl 2009: 22).

Doch inwiefern hat die Schule Einfluss auf den bereits bestehenden Familienhabitus? Kann die Schule diese in Fleisch und Blut übergegangenen Formen von Einstellungen und Denk- weisen noch verändern? Kann man die Schule in diesem Zusammenhang mit einem Computer vergleichen, wobei die Schule die Festplatte des Kindes formatiert und mit neuen Daten über- schreibt?

In dieser Arbeit möchte ich mich speziell auf die Reproduktion von kulturellem Kapital nach Bourdieu konzentrieren. Meine Forschungsfrage für diese Arbeit lautet daher:

Welche Rolle spielt die Institution Schule in Bezug auf die Reproduktion kulturellen Kapitals?

Um diese Frage zu beantworten, versuche ich daher nochmals, die aktuelle Bildungsdebatte zu erläutern, um darauf aufmerksam zu machen, welcher Aufwand betrieben wird, um die Leistungen der Schüler zu verbessern. Empirische Ergebnisse werden seitens der Regierung vernachlässigt und die Familienpolitik als Bildungsinstitutionen wird nicht in Betracht gezo- gen.

Da die Ansichten Pierre Bourdieus Grundlage der vorliegenden Arbeit sind, möchte ich an- schließend dessen Theorie und Kapitalbegriffe vorstellen. Seine Begriffsdefinitonen ziehen sich nicht nur durch diese Arbeit, sondern auch durch die gesamte Bildungssoziologie. In ei- nem seiner größten Lebenswerke untersuchte Bourdieu das französische Bildungswesen in Bezug auf die Leistungen der Kinder aus unterschiedlichen sozialen Milieus.

Der Fokus dieser Arbeit wird auf die verschiedenen Bildungsinstitutionen gelegt, die Einfluss auf die Reproduktion kulturellen Kapitals haben. Die Familie wird dabei zuerst dargestellt, da diese in der Entwicklung des Kindes eine erste Einwirkung auf den Habitus hat. Im nächsten Kapitel folgt der Einfluss der Institution Schule.

Abschließend] soll ein Fazit gezogen und ein Ausblick für zukünftige Forschung gegeben werden.

Um die Forschungsfrage zu beantworten, habe ich mich bei der Methodenwahl für eine reine Literaturrecherche entschieden. Zu diesem Thema gibt es einige Studien und Theorien, welche zwar das Thema nicht direkt behandeln, jedoch anhand der einzelnen Teile auf ein ausreichendes Gesamtergebnis schließen lassen.

II. Aktuelle Bildungsdebatte

Im Vorfeld möchte ich anmerken, dass es mir bei den aktuellen Debatten nicht um die Vor- und Nachteile der Neuen Mittelschule geht. Bei der Recherche dieses Kapitels handelt es sich ausschließlich um Internetartikel der Tageszeitung Die Presse, der offiziellen Internetseite der Neuen Mittelschule (www.neuemittelschule.at) und der offiziellen Internetseite des Bundes- ministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur (www.bmukk.gv.at).

Die derzeitige Bildungsdebatte über die Neue Mittelschule ist beinahe seit über drei Jahren tägliches Thema der Tageszeitungen. Mit Beginn des Schuljahres 2008/09 startete der Modellversuch Neue Mittelschule (NMS) in den Bundesländern Burgenland, Steiermark, Vorarlberg und Oberösterreich.

Hierbei handelt es sich um ein Bildungsprojekt der SPÖ, bei dem alle Hauptschulen zu Neuen Mittelschulen für zehn- bis 14-jährige Schulpflichtige umgestellt werden. Nach einer ÖVP Blockade zur Gesamtschule macht nun Unterrichtsministerin Dr. Claudia Schmied (SPÖ) vom Unterrichtsministerium für Unterricht, Kunst und Kultur Druck, sie möchte eine flächendeckende Umstellung mittels Stufenplan bis zum Herbst 2015/16 durchsetzen.

Das Ziel ist, dass sämtliche Schulmodelle für zehn- bis 14-Jährige zu einer einzigen Gesamt- schule zusammengeführt werden. Das würde bedeuten, dass die derzeitige Hauptschule und die AHS-Unterstufe in einer Schule vereint wären. Leistungsschwächere SchülerInnen sollen von leistungsbesseren SchülerInnen profitieren. Der Leistungsunterschied soll durch Eigen- motivation und Nachhilfe durch die leistungsbesseren SchülerInnen ausgeglichen werden. Dr. Claudia Schmied bezeichnet dies als Lernen miteinander und voneinander, wobei nach Mei- nung der ÖVP nur leistungsschwächere SchülerInnen profitieren können. Leistungsschwäche- re und leistungsfähigere SchülerInnen werden dadurch auf eine einheitliche Ebene gedrückt.

Die ÖVP beharrt derzeit darauf, dass die AHS-Unterstufe weiterhin neben der Neuen Mittel- schule bestehen bleiben soll. Somit wird eine Zusammenführung mit der Gesamtschule ver- hindert. Es ist jedoch den AHS-Unterstufen selbst überlassen, eine Neue Mittelschule zu werden, um somit dem Projekt Gesamtschule näher zu kommen.

AHS-Unterstufen würden bei der Umstellung durch eine höhere Klassenschülerzahl, weniger finanzielle Mittel und Containerklassen benachteiligt werden. Die Freiwilligkeit der Umstellung hält sich somit bei den AHS-Unterstufen in Grenzen. Derzeit werden elf Gymnasial Unterstufen als Neue Mittelschulen geführt.

Was ändert sich also, außer der Namensänderung von Hauptschulen zu Neuen Mittelschulen? Laut der offiziellen Internetseite der Neuen Mittelschule sollen AHS-LehrerInnen eine gewis- se Anzahl an Unterrichtsstunden anwesend sein und selbst den Unterricht gestalten. Zudem werden die Hauptschulen durch Teamteaching und Kleingruppenunterricht in Neue Mittel- schulen umgewandelt.

Die Umstrukturierung führt eine neue LehrerInnenausbildung mit sich. Für den dauerhaften Einsatz wird eine Masterausbildung aller zukünftigen LehrerInnen vorausgesetzt.

Für die Neue Mittelschule gilt der Lehrplan der AHS-Unterstufe, dieser orientiert sich an den Bildungsstandards. Für den gesamten Entwicklungszeitraum werden die Standorte der Neuen Mittelschule vom BIFIE (Bundesinstitut für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung des österreichischen Schulwesens) wissenschaftlich begleitet und evaluiert.

Die Neue Mittelschule ist mit dem Paragraphen 7a des Schulorganisationsgesetzes gesetzlich verankert und verfügt über eine Bestandsgarantie - das heißt, jedes Kind kann die einmal be- gonnene Schullaufbahn in der Neuen Mittelschule auch beenden (www.neuemittelschule.at).

Mit dem diesjährigen Schuljahr gibt es nun 434 neue Mittelschulstandorte in ganz Österreich. Insgesamt werden für die Etablierung der Neuen Mittelschule 233 Millionen Euro investiert.

Den Anlass für die Umsetzung eines solchen Großprojekts liefern keine empirischen Daten, welche eine Überlegenheit der Gesamtschule nachweisen, sondern PISA Studien aus den vergangenen Jahren. Österreich orientiert sich mit dem neuen Schulmodell an Finnland, welches sich jährlich in den Spitzenrängen positioniert.

Laut der Tageszeitung Die Presse sind die Gründe für Finnlands Spitzenränge kleinere Klassen und Schulen, eine strengere Selektion von LehramtskandidatInnen und ein Migrationsanteil von unter zwei Prozent.

Die Gesamtschule ist es nicht; das zeigen Studien des Max-Planck-Instituts für Bildungsfor- schung in Deutschland, denen zufolge Kinder in Bundesländern ohne Gesamtschule ihren Altersgenossen in Bundesländern mit Gesamtschule im Bildungsniveau um bis zu zwei Jahre voraus sind. Deutsche Gesamtschulen bringen AbsolventInnen hervor, deren Lese-, Schreib- und Rechenfähigkeiten für jeden späteren Beruf ungenügend sind (www.diepresse.at).

Dass sich Österreich nicht in den Spitzenrängen der PISA Studie einfindet, ist unumstritten. Die Presse hat zwar mögliche Gründe für Finnlands Spitzenpositionen genannt, jedoch möchte ich in dieser Arbeit andere Gründe nennen, die bessere Ergebnisse begünstigen würden. Der Bildungserfolg steht auch bei Pierre Bourdieu eng im Zusammenhang mit dem Erwerb und der Reproduktion kulturellen Kapitals.

Im nächsten Kapitel möchte ich mich speziell mit der Theorie von Pierre Bourdieu beschäfti- gen, da sich auch der Begriff kulturelles Kapital von seiner Theorie ableitet. Dabei wird die- ser Begriff näher erklärt und eventuell auch die Bildungsdebatte in ein anderes Licht gerückt.

III. Pierre Bourdieus Kapitalsorten

„Der Begriff des Kapitals bezog sich von Beginn an auf den Bereich der Wirtschaft. Den Kern des Begriffs bildet ein Vorrat, der sich vermehrt“ (Fröhlich / Rehbein 2009: 134).

Der Begriff Kapital ist bei Pierre Bourdieu dennoch ein wissenschaftliches, konstruiertes Konzept, welches alle Ressourcen umfasst, die gesellschaftlich wertvoll sind. Er meint damit keinen messbaren Wert wie in der Ökonomie, sondern er bezieht sich dabei auf eine Erweiterung der eigenen Handlungsmöglichkeiten, sowie auf eine Aufrechterhaltung und Verbesserung der eigenen Position mittels der Verteilung des Kapitals.

Bourdieu beschäftigt sich in seinem Werk mit der Reproduktion der Klassenstruktur durch die Ungleichheit der Bildungschancen. Er bildet die Klassenstruktur über die Verteilung von drei Kapitalarten. Dabei unterscheidet er das ökonomische, soziale und kulturelle Kapital. Jede Art, sowie jede Form einer Tätigkeit kann der Ansammlung von Kapital dienen. Bei Bourdieu dient sogar das Erlernen der Muttersprache als Kapitalakkumulation.

Um die verschiedenen Kapitalarten besser zu verstehen und um einen näheren Einblick in die Differenzen der Typen zu erlangen, möchte ich diese kurz beschreiben.

Das ökonomische Kapital ist ein typischer Begriff aus den Wirtschaftswissenschaften. Zum ökonomischen Kapital zählen jegliche Formen von Gütern mit Eigentumsrecht, welche unmit- telbar in Geld umsetzbar sind. In erster Linie ist diese Kapitalform materieller Reichtum, der beispielsweise für die Produktion von weiteren Reichtümern eingesetzt werden kann. Bour- dieu deutet jedoch darauf hin, dass für den Produktionsprozess zusätzlich kulturelles Kapital von Nöten ist. Die Fähigkeit Maschinen zu bedienen zählt nicht zum ökonomischen Kapital.

Unter dem Begriff soziales Kapital versteht Bourdieu alle Ressourcen, welche auf die Zuge- hörigkeit einer Gruppe beruhen. Er bezeichnet damit die formalen und informalen Bezie- hungsnetze von Personen, die für den Erwerb anderer Kapitalsorten (wie ökonomischem Ka- pital) von Relevanz sein könnten. Als Beispiel für Beziehungsnetzwerke nennt er dabei die Familie, Vereine, Parteien oder Freunde. Das Entscheidende an den sozialen Beziehungen ist die Hilfe, die einem gegeben werden kann. Voraussetzung sind dabei wiederum soziale Beziehungen mit Personen im jeweiligen Bereich, der einem selbst wertvoll erscheint.

Das kulturelle Kapital ist für diese Arbeit die wichtigste Kapitalform und auch die größte Entdeckung bei Bourdieu. Er versucht mit Hilfe dieser Kapitalform, die Ungleichheit der schulischen Leistungen von Kindern aus verschiedenen sozialen Klassen zu begreifen. Dabei bezieht er den Schulerfolg, welchen die Kinder am Bildungsmarkt erlangen können, auf die Verteilung des kulturellen Kapitals zwischen den Klassen und Klassenfraktionen (vgl. Bourdieu 2009: 113).

Bourdieus Untersuchungen galten dem französischen Bildungswesen und der herrschenden Klasse. Die Kinder aus dieser Hochkultur hatten gute Schulabschlüsse und erwarben die höchsten Titel. Dies erklärte sich Bourdieu nicht durch das ökonomische Kapital, sondern durch das kulturelle Kapital. Bildung, Hochsprache und der Besitz von Kulturgütern werden bei Bourdieu beispielsweise dem kulturellen Kapital zugeordnet. Er differenziert dabei noch- mals drei Untergruppen:

a) Das interkorporierte Kulturkapital ist grundsätzlich körpergebunden. Damit versteht man verinnerlichte Fähigkeiten und Fertigkeiten, welche eine Person sich aneignet, sowie die Aufnahme und Übernahme von kulturellen Werten und Vorstellungen. Tra- ditionell werden Fähigkeiten, Fertigkeiten, Werte und Normen von der Familie wei- tergegeben.

Die Zeit muss dabei persönlich investiert werden und auch reichlich vorhanden sein. (Beispiel: Schullaufbahn, Weiterbildung, Studienzeit,…)

Das inkorporierte Kulturkapital ist ein fester Bestandteil einer Person und wird somit zum Habitus. Bourdieu zählt dazu beispielsweise die typische Sprechweise einer Klas- se oder Religion. Diese Art der Kapitalform wird auf dem Weg der sozialen Verer- bung weitergegeben, was im Verborgenen geschieht und ganz unsichtbar bleibt. „Das heißt, seine wahre Natur als Kapital wird verkannt, und es wird stattdessen als legitime Fähigkeit oder Autorität anerkannt, die auf allen den Märkten (zum Beispiel Heirats- markt) zum Tragen kommt, wo das ökomische Kapital keine volle Anerkennung fin- det“ (Bourdieu 2009: 115).

[...]


1 PISA ist Teil des Indikatorenprogramms INES (Indicators of Educational Systems) der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD)

Details

Seiten
47
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656110293
ISBN (Buch)
9783656109716
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v187432
Institution / Hochschule
Universität Wien – Institut für Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
Bildungsdebatte Pierre Bourdieu Reproduktion kulturellen Kapitals Familie Schule soziale Ungleichheit in der Bildung Habitus Familienhabitus Bildungsungleichheit Bildungsbedeutsamkeit von Familie und Schule Bildungsaufsteiger zwischen den Generationen

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die Reproduktion kulturellen Kapitals