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Wolfram von Eschenbach: "Der helden minne" - Eine Interpretation nach Peter Wapnewski

Hausarbeit 2011 12 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Formanalyse und Inhalt des Tageliedes Der helden minne
2.1 Inhalt
2.2 Metrik und Form

3 Interpretation nach Peter Wapnewski

4 Überblick über die Forschungsdiskussion

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis
6.1 Primärliteratur
6.2 Sekundärliteratur

1 Einleitung

Wolfram von Eschenbach ist weithin für seine Tagelieder bekannt, die von leidenschaftlicher Intensität, spannungsreicher Dichte und vitaler Unmittelbarkeit personell erfüllter Liebe geprägt sind.[1] In der folgenden Arbeit wird näher auf sein fünftes[2] und letztes Tagelied Der helden minne, also der heimlichen Liebe, eingegangen. Dieses Tagelied steht am Ende eines Zyklus, zu dem noch genauer Stellung genommen wird, und nimmt sowohl dadurch als auch durch seine „Aussage“, die im Folgenden näher erläutert wird, eine besondere Stellung ein.

Nachdem ein Überblick über die Form und den Inhalt des Tageliedes gegeben wurde, beschäftigt sich die Arbeit zu ihrem Großteil mit der Ansicht und Forschungsmeinung von Peter Wapnewski, der sich in seinem Aufsatz ‚ Das fünfte Lied - Der helnden[3] minne ’ in „Die Lyrik Wolframs von Eschenbach. Edition. Kommentar. Interpretation.“ mit eben diesem auseinander gesetzt hat. Bevor ein Fazit die Quintessenz zur Interpretation darzustellen versucht, gibt die Arbeit noch einen kurzen Überblick über die Forschungssituation.

Doch was versteht man eigentlich genau unter der Gattung „Tagelied“? De Gruyter versuchte bereits 1887 das Tagelied folgendermaßen zu definieren:

„Das tagelied – im weitesten Sinne gefaßt – hat zum gegenstand den lyrischen ausdruck der empfindung liebender, die nach einem durch die nacht begünstigten zusammensein der tagesanbruch trennt.“[4]

Trivial gesagt: Tagelieder handeln vom Abschied Liebender nach einer gemeinsam verbrachten Nacht.[5] Der Tagesanbruch wird meist von einem Wächter verkündet, der die Liebenden mahnt, auseinanderzugehen. Wolfram nimmt nun, aufgrund der poetischen Exzeptionalität seiner fünf Lieder, eben angesprochener Wächterfrage und den chronologischen Verhältnissen, in der Tagelieddichtung eine Schlüsselstellung ein.[6]

2 Formanalyse und Inhalt des Tageliedes

Wolfram von Eschenbachs Tagelied Der helden minne ist sowohl in der Weingartner Liederhandschrift in HS. B als auch in der Großen Heidelberger bzw. Manessischen Liederhandschrift in HS. C überliefert. Als gemeinsame Vorlage diente BC, in denen das Tagelied an vierter und fünfter Stelle steht, also von Parodie und Wächter-Selbstauffassung eingerahmt wird.[7]

2.1 Inhalt

In Der helden minne lässt sich feststellen,[8] dass ein Sprecher-Ich zunächst die übliche Tagelied-Situation beklagt. Schlagwörter wie minne, klage, scheiden, morgensterne und wahtaere fallen. Liebe und Zärtlichkeit waren nur unter der Bedingung möglich, dass sich die Liebenden bei Tagesanbruch wieder trennen mussten: alsô empfienc / daz si sich muosen scheiden, -. Dem Wächter wird verdeutlicht, dass er schweigen möge, denn nur derjenige kann den neuen Tag in aller Ruhe erwarten, der sich nicht vor den Aufpassern fürchten und verstecken musste, wenn er die Nacht bei seiner Geliebten verbrachte. Und die einzige Liebe, die ohne ein solches Risiko auskommen kann, ist die eheliche Liebe: Ein offeniu süeze wirtes wîp / kan sölhe minne geben.

2.2 Metrik und Form

Aber nicht nur inhaltlich, sondern auch formal nimmt das fünfte Tagelied eine Sonderstellung ein: Der helden minne besteht aus zwei Strophen mit jeweils zehn Versen und ist somit kürzer als die anderen Lieder Wolframs.[9] Während sich Wapnewski sowohl im Reim als auch in der Metrik für gleich aufgebaute dreizeilige Mittelperioden entscheidet, denen zwei metrisch gleich gebaute Eckperioden (4a 3a, 3b- b- 2c, 3d- d- 2c, 4w 3c) den Rahmen geben,[10] ist die Bauform des fünften Tageliedes bei anderen Forschern heiß umstritten.[11] Da die zweite Strophe besser überliefert ist als die erste, empfiehlt es sich, in Zweifelsfällen von der zweiten auf die erste rückzuschließen.[12]

Zwischen der ersten und zweiten Strophe herrscht eine metrische Inkongruenz vor, die sich daran festmachen lässt, dass die Verse 1 und 2 in der ersten Strophe drei, in der zweiten Strophe aber vier Hebungen aufweisen. Außerdem hat der letzte Vers der ersten Strophe zwei, und derjenige der zweiten Strophe drei Hebungen. Die Bauform entspricht somit nicht der klassischen Kanzonenstrophe. Wapnewksi sieht sich durch eine widersprüchliche Überlieferung der Eingangs- und Schlussverse dazu veranlasst, die Verse metrisch auf sieben Takte anzugleichen.[13] Er sieht Vers neun und zehn der zweiten Strophe als Schlußversikel an:[14] ein offeniu süeze wirtes wîp / kan sölhe minne geben.

3 Interpretation nach Peter Wapnewski

Peter Wapnewski stellt das Tagelied an sich als eine sog. wânwîse dar, das heißt, es finden sich keine biographischen Entsprechungen darin.[15] Ältere Forschungsansichten sprechen zwar oft von einem autobiographischen „Zeugnis für die Abkehr Wolframs von den amourösen Irrwegen der Jugendzeit “, diese Ansicht wird heute jedoch von der Auseinandersetzung mit einem literarischen Modell überlagert.[16] Gleichzeitig spricht Wapnewski bei Der helden minne von einem „Abschied vom Tagelied“, da hier die Vorzüge der Ehe genannt werden und somit kein Wächter warnen und kein Liebhaber fliehen muss. Der Wächter wird mit „swîc“ zum Schweigen aufgefordert. Die Auflösungsmöglichkeit, die Wapnewski hier bietet, ist die Tatsache, dass das Sprecher-Ich in der zweiten Strophe eben die bereits angedeuteten Vorteile einer legitimen Ehe betont. Es wäre nicht mehr nötig, sich vor den Aufpassern zu verstecken, kein Wächter müsse mehr zum Aufbruch mahnen, es käme zu keinem tränenreichen Abschied am Morgen, der oft mit hoher Lebensgefahr für den Mann verbunden ist.[17] Der Wächter wird somit überflüssig, denn auch oder gerade in der Ehe ist sölhe minne möglich.

[...]


[1] Vgl. Wapnewski, Peter: Die Lyrik Wolframs von Eschenbach. Edition, Kommentar, Interpretation. München 1972, S. 156.

[2] Die Zählung der Tagelieder richtet sich nach ihrer Anordnung in der von Martina Backes ausgewählten, übersetzten und kommentierten Fassung von „Tagelieder des deutschen Mittelalters“, in der Der helden minne am Ende des Tageliederzyklus’ von Wolfram von Eschenbach als fünftes seiner Lieder aufgeführt wird.

[3] Vgl. Backes, Martina: Tagelieder des deutschen Mittelalters. Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch, Stuttgart 2003, S. 249: helden = helnden, Partizip Präsens von heln ‚geheim halten, verstecken’.

[4] W. de Gruyters, 1887, 1, in: Koop, Ulrich: Das mittelhochdeutsche Tagelied. Inhaltsanalyse und literarhistorische Untersuchungen, Marburg 1976, Marburger Beiträge zur Germanistik, Band 52, S. 3.

[5] Vgl. Ruh, Kurt: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur, Band 109, Wiesbaden 1980, S. 314.

[6] Vgl. Koop, Ulrich: Das mittelhochdeutsche Tagelied. Inhaltsanalyse und literarhistorische Untersuchungen, Marburg 1976, Marburger Beiträge zur Germanistik, Band 52, S. 9.

[7] Vgl. Wapnewski, Peter: Die Lyrik Wolframs von Eschenbach. Edition, Kommentar, Interpretation. München 1972, S. 148.

[8] Vgl. Backes, Martina: Tagelieder des deutschen Mittelalters. Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch, Stuttgart 2003, S. 250.

[9] Vgl. ebd.

[10] Vgl. ebd., S. 148f, S. 152.

[11] Vgl. Backes, Martina: Tagelieder des deutschen Mittelalters. Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch, Stuttgart 2003, S. 249. und Wapnewski, Peter: Die Lyrik Wolframs von Eschenbach. Edition, Kommentar, Interpretation. München 1972, S. 149f.

[12] Vgl. Wapnewski, Peter: Die Lyrik Wolframs von Eschenbach. Edition, Kommentar, Interpretation. München 1972, S. 150.

[13] Vgl. Wapnewski, Peter: Die Lyrik Wolframs von Eschenbach. Edition, Kommentar, Interpretation. München 1972, S. 151.

[14] Vgl. ebd.

[15] Vgl. Wapnewski, Peter: Die Lyrik Wolframs von Eschenbach. Edition, Kommentar, Interpretation. München 1972, S. 156.

[16] Vgl. Backes, Martina: Tagelieder des deutschen Mittelalters. Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch, Stuttgart 2003, S. 250.

[17] Vgl. Wapnewski, Peter: Die Lyrik Wolframs von Eschenbach. Edition, Kommentar, Interpretation. München 1972, S. 156.

Details

Seiten
12
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656107002
ISBN (Buch)
9783656106661
Dateigröße
576 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v187262
Institution / Hochschule
Universität Passau
Note
1,3
Schlagworte
Wolfram Eschenbach der helden minne minne tagelieder mittelalter

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