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Der Geniebegriff in Hermann Hesses 'Demian'

Beobachtungen zu den Parallelen zwischen Weiningers Geschlecht und Charakter und der Protagonistendarstellung Hesses

Hausarbeit 2011 16 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Hauptteil

Hesse in kurzer Biographie

'Demian' – ein Abstract

Beobachtungen zur Verbindung von Individualität und Genie

Schluss

Abschließende Betrachtungen

Literatur

Einleitung

Nicht erst seit kurzem existiert das Wissen in den Menschen, dass man sich unterscheidet vom nächsten, dass jemand mehr oder weniger, mindestens aber anders ist, als man selbst. Die damit oftmals unbewusst stattfindende Quantifizierung der eigenen Leistungen zur vergleichenden Einordnung in ein Gesamtbild seines Umfeldes, d.h. Gemeinschaft und Welt, hat Folgen, die sich nach innen oder außen bemerkbar machen können, sei es in einer Zufriedenheit mit dem Ergebnis und der damit einher gehenden inneren Ausgeglichenheit, die einen Schaffensdrang a priori zu mindern in der Lage ist oder im Gegenteil dazu eine Ruheperiode zur Folge hat, die erst einen Grundstein zum Außergewöhnlichen legt; oder diese Positionierung hinterlässt ein Gefühl der Unvollständigkeit, die zu beheben einen rastlosen, wechselhaften Charakter ausmachen kann, der in viele Richtungen tastet und dem dabei zuweilen ein großer Wurf gelingt. Auf diese Art und Weise lassen sich gewisse Typen umreißen, deren Werke oder Taten, den entsprechenden Willen zum Erzeugen derselben voraus gesetzt, das Maß des Normalen, Durchschnittlichen überragen und damit als Fixpunkte für das maximal Mögliche der jeweiligen Zeit zu gelten in der Lage sind – die Genies.

Wenn man abseits vom materiellen Werk einer Person den Geniebegriff anwenden möchte, so muss man ihm zunächst einen Definitionsbereich geben, der die Besonderheit dieser Figur hervor hebt, also die Eigenschaften bestimmen, die zu eben genannten Fixpunkten werden können. Dies lässt sich in der Literatur dergestalt lösen, als dass man den Helden, der, um dem Terminus Genie gerecht zu werden, nicht zwangsläufig ein durch die Sinne wahrnehmbares, umgrenztes Produkt erzeugt haben muss sondern genauso gut beispielsweise eine Führerrolle übernehmen kann, einer solchen Kategorisierung unterzieht. Unser Beispiel für eine derartige Betrachtung wird die Gestalt des Emil Sinclair in Hermann Hesses Bildungsroman 'Demian' sein, welcher auf seiner außergewöhnlichen Reise zur idealen Persönlichkeit viele Stationen durchläuft, die eine Interpretation hinsichtlich des Geniecharakters zulassen und uns damit die Möglichkeit der Darlegung einer Entwicklungsgeschichte desselben bietet, anhand derer sich die Vorstellungen Otto Weiningers von Ideal und Genius versinnbildlichen lassen. Passend dazu Schreibt Thomas Mann im Vorwort der amerikanischen Ausgabe von 1948:

"Unvergeßlich ist die elektrisierende Wirkung, welche gleich nach dem Ersten Weltkrieg der >Demian< jenes mysteriösen Sinclair hervorrief, eine Dichtung, die mit unheimlicher Genauigkeit den Nerv der Zeit traf und eine ganze Jugend, die wähnte, aus ihrer Mitte sei ihr ein Künder ihres tiefsten Lebens entstanden [...], zu dankbarem Entzücken hinriß."[1]

Bevor wir die Charaktere und deren Verhältnis zum Geniegedanken der vorvergangenen Jahrhundertwende beleuchten können, soll in kurzer Form ein Abriss sowohl der Biographie Hermann Hesses als auch des Romans selbst vorgenommen werden, um die darauf folgenden Betrachtungen der Auftritte Demians und Sinclairs in ein Gesamtkonzept stellen zu können. Im Anschluss daran widmen wir uns der Genievorstellung um 1900, im speziellen und beispielhaft dafür sollen Weiningers Ausführungen zum Thema in seinem Werk Geschlecht und Charakter für unsere Bemühungen maßgebend sein, da er, abgesehen von einigen seiner zivilisatorisch damals wie heute nicht oder nur schwerlich vertretbaren und darum oft diskutierten Thesen, beispielsweise seiner Frauen- und Rassentheorien, trotz und gerade wegen dieser Kontroversen ein wenn nicht unbedingt authentisch-kanonisches, dann doch zeitgenössisches Bild des Gedankengutes dieser verworfenen Ära skizziert, da seine Attitüden zu der damals vorherrschenden und auch zur vor ihm liegenden Epoche, man denke nur an die Kriege, dessen erster zum Thema im Demian wird, gewisse Parallelen aufweisen und damit diese in Teilen vorahnen. Trotz dessen soll seine Beurteilung der Frauen und Juden in den Hintergrund treten, nicht zuletzt weil Weiningers Schrift dahingehend als böse rezipiert wurde und zusätzlich diesbezüglich eine Verbindung zu Hesse nicht zulässt. Dennoch, die separat von ihm vorgenommene Verarbeitung der Vielschichtigkeit genialer Charaktere findet sich auch in Hesses Studie des Demian, neben Mißgunstgedanken, Einzelgängertum und weiteren Mustern, die im Folgenden genauer betrachtet werden sollen um die Frage zu beantworten: Inwieweit äußern sich die Genievorstellungen Otto Weiningers von 1903 in dem sechzehn Jahre später erschienenen Werk Demian von Hermann Hesse?[2] Unser Unterfangen ist es also, den Grat der Bedeutungen zwischen Ideal und Genie genauso zu beschreiten, wie der Protagonist im vorliegenden Buch es versucht, und dabei die Verbindungen der beiden Werke offen zu legen.

Hauptteil

Hesse in kurzer Biographie

Hermann Hesse war ein deutscher, später schweizer Dichter und Schriftsteller, der am 2. Juli 1877 in einer Familie von pietistischen Missionaren in der Stadt Calw im Schwarzwald geboren wurde. Seine Eltern erwarteten, dass er der theologischen Familientradition folgen würde, weswegen Hesse nach dem Besuch der Lateinschule Göppingen im Jahr 1891 dem evangelisch-theologischen Klosterseminar Maulbronn beitrat, welches er jedoch bereits nach sieben Monaten verließ. Nach schlechten Erfahrungen in der nächsten Schule, dem Canstatter Gymnasium, schloss er dies mit der mittleren Reife ab, woraufhin er eine Ausbildung zum Turmuhrenmechaniker absolvierte und im Anschluss als Buchhändler in Tübingen tätig wurde. Im Jahr 1898/99 veröffentlichte Hesse seine ersten Werke, Romantische Lieder und Eine Stunde Hinter Mitternacht. Er wurde freier Schriftsteller im Jahre 1904, als sein Roman Peter Camenzind literarischen Erfolg gewann; das Buch spiegelt Hesses Antipathie gegen das Bildungssystem wider. Im selben Jahr heiratete er Maria Bernoulli, mit der er drei Kinder hatte. Seit einer viermonatigen Indienreise im Jahr 1911 interessierte sich Hesse für die östlichen Religionen, die Kultur der alten Hindus und der alten Chinesen hatte einigen Einfluss auf seine Werke. Im Jahr 1912 wechselten er und seine Familie ihren ständigen Wohnsitz in die Schweiz nach Bern, wo in den folgenden Jahren seine Frau an wachsender psychischer Instabilität zu leiden begann und sein Sohn schwer krank wurde. Hesse verbrachte die Jahre des Ersten Weltkrieges in der Schweiz, nachdem er von der Wehrtauglichkeit trotz freiwilliger Meldung aufgrund von Kurzsichtigkeit losgesprochen wurde. Von dort aus kritisierte er die vorherrschende Stimmung des Militarismus und Nationalismus. Sein Durchbruch kam mit dem Roman Demian (1919), welcher eine faustische Geschichte eines Jungen ist, der zwischen seiner geordneten bürgerlichen Existenz und einer chaotischen Welt der Sinnlichkeit hin und her gerissen wird. Zu dieser Zeit verließ Hesse seine Familie und zog nach Montagnola im Süden der Schweiz. Im Jahr 1922 erschien Siddhartha, ein Roman der Askese, der auf dem frühen Leben des Gautama Buddha basiert. Hesses zweite Ehe mit Ruth Wenger (1924-27) verlief unglücklich, in diesen schwierigen Jahren produzierte er den Steppenwolf (1927). Während der Weimarer Republik (1919-1933) blieb Hesse der Politik fern. Im Jahre 1931 heiratete er seine dritte Frau, Ninon Dolbin und begann im gleichen Jahr die Arbeit an seinem Meisterwerk Das Glasperlenspiel, das 1943 veröffentlicht wurde. Hesse erhielt den Nobelpreis für Literatur für sein Lebenswerk im Jahr 1946, danach schrieb er keine größeren Werke mehr. Er starb im Schlaf am 9. August 1962 im Alter von fünfundachtzig Jahren.[3]

[...]


[1] Helga Esselborn-Krumbiegel, Hermann Hesse: Demian, in: Erläuterungen und Dokumente, Stuttgart 1991, S. 52. Sh. auch dort für die Entstehungsgeschichte des Demian.

[2] Die überregional durchweg positive Rezeptionsgeschichte, die Universalität des o.g. exemplarischen Zitats und die auch von mir persönlich empfundene Aktualität des Werkes erlauben in meinen Augen eine genauere Betrachtung der Hauptcharaktere hinsichtlich ihres Wirkungsgrades.

[3] Bernhard Sowinski/Reinhard Meurer (Hrsg.), Hermann Hesse. Demian/Unterm Rad, in: Oldenbourg Interpretationen 39, München 1989, S. 122f.

Details

Seiten
16
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656103356
ISBN (Buch)
9783656103035
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v187140
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,3
Schlagworte
Hermann Hesse Demian Otto Weininger Geschlecht und Charakter Genie Geniebegriff

Autor

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Titel: Der Geniebegriff in Hermann Hesses 'Demian'