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Von München lernen?

Ein qualifizierender Vergleich kommunaler Demographiepolitik

Hausarbeit 2011 19 Seiten

Politik - Politische Systeme - Politisches System Deutschlands

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Demographiepolitik der Stadt München
2.1 Model München
2.2 Interkulturelles Qualitätsmanagement
2.3 Ausbau von Kindertageseinrichtungen

3 Demographiepolitik im Vergleich
3.1 Mehrgenerationen-Wohnprojekt Köln
3.2 Demokratieerziehung mit dem Koran in Essen
3.3 Minimax-Modell in Bielefeld

4 Fazit und Ausblick

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Die Städte müssen mehr leisten, mehr Angebote machen, damit das Land kinderfreundlicher wird, mehr Angebote machen für alte Menschen, die mehr Unterstützung brauchen, mehr Angebote machen für Menschen mit Migrationshintergrund.“ (Christian UDE, Oberbürgermeister von München, S.21)

Weniger, älter, bunter diese drei häufig zitierten Schlagworte bringen die wesentlichen Auswirkungen des demographischen Wandels auf den Punkt: unsere Gesellschaft be- findet sich in einem grundlegenden Wandel ausgelöst durch die drei Komponenten Be- völkerungsrückgang, Alterung und Heterogenisierung der Gesellschaft. Gerade die kommunale Ebene der Städte ist für die Betrachtung des demographischen Wandels von entscheidender Bedeutung. So schreiben WIECHMANN und KIßLER: „Was für den klimatischen Wandel die Pole, sind für den demographischen Wandel sie St ä dte.“

(WIECHMANN / KIßLER 2010, S. 7). Der DEUTSCHE STÄDTETAG stellt in einem Arbeitspapier fest, dass ein Bevölkerungsrückgang bereits in den 1990er Jahren in 85 Prozent der westdeutschen Großstädte zu beobachten war. Einen noch viel drastischeren Schwund verzeichneten die ostdeutschen Städte, die im gleichen Zeitraum durchschnitt- lich zehn Prozent ihrer Einwohner verloren. Für die Zukunft erwarten rund zwei Drittel der deutschen Großstädte bis 2020 einen weiteren Einwohnerrückgang von durch- schnittlich 6,5 Prozent, rechnet man die wiederum deutlich höhere Rate der ostdeut- schen Städte von durchschnittlich elf Prozent heraus, bleibt immer noch ein Verlust von durchschnittlich fünf Prozent für die westdeutschen Städte übrig. Es ist allerdings zu beachten, dass sich dieser Bevölkerungsverlust auf die Regionen in der Bundesrepublik unterschiedlich verteilt und neben schrumpfenden sowohl stabile, als auch wachsende Kommunen existieren. Dieser allgemeine Negativtrend führt zu einer Veränderung der Nachfrage nach Verwaltungs- und Infrastrukturleistungen. Außerdem werden die kom- munalen Finanzen durch die oben skizzierten Entwicklungen zusätzlich belastet (DEUTSCHER STÄDTETAG 2006, S. 7-8; S. 40-42).

Insbesondere gilt es, den Blick auf den Strukturwandel der Stadtbevölkerung zu richten. Hier ergeben sich hinsichtlich des Altersaufbaus deutliche Veränderungstendenzen: erwarten sechs von zehn der befragten ostdeutschen Großstädte noch einen Anstieg der Altersgruppe der unter 16-Jährigen um durchschnittlich 14 Prozent - durch eine im Ge- gensatz zu Westdeutschland höhere Geburtenrate -, steht demgegenüber 33 von 36 westdeutschen Großstädten ein durchschnittlicher Rückgang um zwölf Prozent in der gleichen Altersgruppe bevor. Eine der wenigen Ausnahmen dieser Entwicklung bildet München, hier wird ein geringfügiges Wachstum von 0,3 Prozent erwartet (ebd., S. 8; S.43).

Am anderen Ende der Alterspyramide ergibt sich eine, wenn auch unterschiedlich in der Ausprägung, übereinstimmende Zunahme der über 75-Jährigen in Ost und West. In Ostdeutschland wird eine Zunahme von durchschnittlich 54 Prozent und in West- deutschland von immerhin 20 Prozent erwartet. Beide Entwicklungen haben einen mas- siven Einfluss auf die Infrastrukturplanung der Städte (z.B. Kindergärten, Schulen, Al- tenheime). Sobald ab 2025 die geburtenstarken Jahrgänge der 1950er und 1960er Jahre nach und nach ins Rentenalter eintreten, wird sich diese Entwicklung noch beschleuni- gen (ebd., S. 8-9).

Ein weiterer wichtiger Aspekt des Strukturwandels der Stadtbevölkerung ist die, durch Ausdifferenzierung der Lebensstile und Zuzug von Migranten, zunehmende Heterogenisierung und Vereinzelung der Gesellschaft. Es besteht die Gefahr einer zunehmenden sozialen und ethnisch-kulturellen Desintegration für Teile der Stadtgesellschaft bzw. der Bildung von „Parallelgesellschaften“. Für die Städte wächst hieraus die Notwendigkeit die Konzentration von Armen, Arbeitslosen und Migranten zu verhindern und einen integrativen Umgang (vgl. 3.2) mit ethnischen und kulturellen Differenzen zu pflegen, um damit der Segregation entgegen zu wirken (ebd., S. 13-14).

In einer Befragung des DEUTSCHEN STÄDTETAGES wurde ermittelt in welchen Teilbereichen der Demographiepolitik dringender Handlungsbedarf besteht und inwie- weit dort Einfluss genommen werden kann: die Themenbereiche Wohnpolitik, Famili- enpolitik, soziale Infrastruktur und Bildungspolitik rangieren ganz oben, die Bereiche Ver- und Entsorgungsinfrastruktur, sowie Verkehr werden dagegen als weit weniger wichtig erachtet. Bei den Bereichen Siedlungsflächenentwicklung und soziale Infra- struktur schätzen die Städte ihre Handlungsmöglichkeiten als besonders hoch ein, ge- folgt von den Bereichen Wohnpolitik, räumliche/teil- räumliche Strukturveränderung und Integration. In den Bereichen Arbeitsmarktpolitik, Wirtschaftsentwicklung und Fa- milienpolitik sehen die Städte dagegen nur wenig Beeinflussungspotential. Ein inte- griertes Handlungskonzept wird zur Bewältigung der Herausforderungen des demogra- phischen Wandels als grundlegend erachtet. Weiterhin haben Maßnahmen für eine ak- tivierende Familienpolitik, gerade im Hinblick auf eine Verbesserung der Kinderbe- treuung, eine familienfreundliche Wohnungspolitik, sowie eine aktivierende Integrati- onspolitik einen hohen Stellenwert. Die Förderung des bürgerschaftlichen Engagements, des lebenslanges Lernens, die Sicherung der Nahversorgung, sowie eine barrierefreie Mobilität werden als weitere wichtige Aspekte aufgezählt (ebd., S. 9-12).

Im oben skizzierten Kontext will die vorliegende Arbeit mittels einer Typologisierung die Unterschiede der demographischen Entwicklung innerhalb deutscher Städte heraus- arbeiten, um im Anschluss den verschiedenen Typen prioritäre Handlungsansätze zu- ordnen zu können. Um eine bessere Vergleichbarkeit für die Untersuchung erreichen zu können, bezieht sich der weitere Verlauf dieser Arbeit ausschließlich auf westdeutsche Großstädte. Die besondere Entwicklung der ostdeutschen Städte seit der Wiedervereini- gung wird damit ausgeblendet. Städte und Gemeinden mit weniger als 100.000 Ein- wohnern werden dabei von der Betrachtung ausgenommen. Im nächsten Abschnitt wird mit der Demographiepolitik der Stadt München ein Beispiel erläutert, das in der wissen- schaftlichen Diskussion als vorbildlich gilt (vgl. WIECHMANN/KIßLER 2010, S. 45; KIßLER o.J.). Hier wird auf die demographische Situation der Stadt München im Spe- ziellen eingegangen, sowie im Einzelnen auf die darauf entwickelten Konzepte und Maßnahmen. Der Entwicklungsweg zu einer ganzheitlichen Demographiepolitik wird nachgezeichnet und mit der „Perspektive München“ ein gesamtstädtischen Konzept vorgestellt. Anhand ausgewählter Maßnahmen und Projekte werden anschließend die für eine erfolgreiche Demographiepolitik wichtigen Themenfelder Wohnungs- und In- tegrationspolitik, sowie die Kinder- und Familienbetreuung kritische beleuchtet und sowohl hinsichtlich ihrer potentiellen Übertragbarkeit wie auch Ihrer Vorbildfunktion bewertet. Anschließend werden die oben genannten Themenfelder wieder aufgegriffen und den Münchner Konzepten, Maßnahmen und Projekten werden alternative Lösungen vergleichbarer Städte gegenüber gestellt. Es wird diskutiert, welche Vorteile die jewei- ligen Ansätze bringen, inwieweit diese auf andere Kommunen übertragbar sind und welche Probleme bei der Umsetzung entstehen. Der letzte Teil dieser Arbeit fasst die gewonnen Erkenntnisse zusammen, ordnet diese ein und gibt einen Ausblick auf die zukünftigen Entwicklungsmöglichkeiten kommunaler Demographiepolitik.

2 Demographiepolitik der Stadt München

Die demographische Entwicklung verläuft in München im Gegensatz zu vielen anderen westdeutschen Großstädten in etwas anderen Bahnen. Im „Demographischen Wegwei- ser“ der BERTELSMANN STIFTUNG wird die Stadt dem Typ „prosperierende Wirt- schaftszentren“ zugerechnet. Charakteristische Merkmale dieses Typs sind eine hohe wirtschaftliche Dynamik und Prosperität, die sich positiv in Folge von Wanderungsge- winnen auf die demographische Entwicklung auswirken. Hieraus ergibt sich eine deutschlandweit überdurchschnittlich junge Altersstruktur und der zukünftige Alte- rungsprozess wird dadurch gebremst. Schrumpfungs- und Alterungsprozesse sind somit, von den relativ niedrigen Geburtenraten abgesehen, vorerst kein prioritäres Thema. Ne- ben der Aufrechterhaltung der führenden wirtschaftlichen Position, steht die Lösung der durch wachsende sozialräumliche Spaltung der Gesellschaft hervor gerufenen Probleme ganz oben auf der Agenda. In folgenden Handlungsfeldern wird von der Bertelsmann Stiftung primär Handlungsbedarf gesehen (BERTELSMANN STIFTUNG 2006, S. 45- 49):

1. Sozialer Segregation entgegenwirken und aktive Integrationspolitik betrei- ben: Etablierung einer stabilen und integrativen Stadtteilpolitik und Ausrichtung im Sinne eines ganzheitlichen Ansatzes. Sowie die Ergreifung von Maßnahmen in Bildung, Sprachförderung, Partizipation und Städtebau, um den sozialen Seg- regationsprozessen entgegen zu wirken.
2. Förderung der Kinder- und Familienfreundlichkeit: Breitstellung eines qua- litativ hochwertigen Bildungsangebots auch in Schulen mit hohem Ausländeran- teil, sowie von durchgängigen, verlässlichen und flexiblen Betreuungsstrukturen, Beratungsangebote und Freizeiteinrichtungen für Familien. Eine spezielle Förde- rung der Kinder aus sozial benachteiligten Familien. Ausbau eines qualitätsvol- len und sicheren Wohnumfeldes, sowie bezahlbarer Wohnraum, um die Attrak- tivität der Städte für mittelständische Familien zu erhöhen und eine Trendum- kehr der abwandernden Familienhaushalte einzuleiten bzw. zu stärken.

Nachfolgend wird mit der „Perspektive München“ ein gesamtstädtisches Konzept vor- gestellt, das als Antwort auf die demographischen Herausforderungen entwickelt wurde. Wie wichtig in diesem Zusammenhang die Ausarbeitung eines gesamtstädtischen Kon- zeptes ist, formulierte bereits der DEUTSCHE STÄDTETAG. Dieser forderte die Ent- wicklung einer integrierten Stadtentwicklungsplanung,

„( … ) um die unterschiedlichen quantitativen, qualitativen und teilr ä umlichen Aspekte des demographischen Wandels zusammenzuführen und zu einer konsistenten kommuna- len Strategie zu bündeln, die auch die ö konomischen Trends der Globalisierung und der Terti ä risierung berücksichtigen muss. “ (DEUTSCHER STÄDTETAG 2006, S. 22).

Als Instrument schlägt er dafür das „Steuerungsmodell des demographischen Wandels“ vor. Die Akteure bestehen aus Kommunalpolitik, Stadtverwaltung, Bürgern, Vereinen, Unternehmen, Kammern, Verbände und Regionalpartner. Sie beschaffen sich zunächst Daten und Prognosen zum Demographischen Wandel, um darauf aufbauend ein eindeu- tiges Stadtprofil und Leitbild als Handlungs- und Entscheidungsrahmen zu entwickeln. Im Anschluss werden zunächst kommunalspezifische Schwerpunkte in den unterschied- lichen Handlungsfeldern gesetzt, um dann konkrete Maßnahmen interdisziplinär und unter Einbeziehung aller Akteure zu ergreifen. Ein langfristiges Monitoring der wichti- gen Kenngrößen und die Evaluation der Projekte komplettiert das Modell (DEUT- SCHER STÄDTETAG, S. 5). Im gesamtstädtischen Konzept der Stadt München wird dieses Modell aufgegriffen und umgesetzt.

Die Entwicklung des Handlungskonzeptes „Perspektive München“ wurde durch einen Beschluss des Stadtrates im Jahr 2005 beauftragt. Dies geschah in Reaktion auf einen ersten Bericht zu den Folgen des soziodemographischen Wandels für die Stadtentwick- lung aus dem Jahr 2003. Unter Federführung des Planungsreferates wurde es im Jahr 2008 vorgestellt. Zunächst beschäftigt sich das Konzept mit der für München spezifisch zu erwartenden demographischen Entwicklung. Die im vorherigen Abschnitt durch die BERTELSMANN STIFTUNG skizzierten Entwicklungen decken sich mit den vor Ort ausgewerteten Daten und erstellten Zukunftsprognosen. In Folge dessen wird betont, dass

Die Folgen der sozialen Ver ä nderungen [ … ] an die Integrations- und Funktionsf ä higkeit der Stadt München vermutlich gr öß ere Anforderungen stellen [werden] als der künftige Altersaufbau. “ (STADT MÜNCHEN 2008, S. 4).

Im Anschluss an die Definition der Situation und der Entwicklung strategischer Leitli- nien werden zentrale Themenfelder und prioritäre Handlungsfelder für die Umsetzung benannt, sowie einzelne Maßnahmen und Projekte der einzelnen Referate vorgestellt.

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Details

Seiten
19
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656104346
ISBN (Buch)
9783656104100
Dateigröße
476 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v187113
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Politikwissenschaft
Note
2,3
Schlagworte
Demographie Demografie; Demographiepolitik; Demografiepolitik; Model München; Interkulturelles Qualitätsmanagement; Mini-Max Modell; Mehrgenerationen Wohnen

Autor

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