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Alles Schwarz-Rot-Geil?

Die mediale Inszenierung der Fußball-Weltmeisterschaften 1974 und 2006 in Deutschland

Hausarbeit 2009 29 Seiten

Medien / Kommunikation - Mediengeschichte

Leseprobe

Inhalt

Kapitel 1: Einleitung

Kapitel 2: Sportberichterstattung über Fußball im Deutschen Fernsehen

Kapitel 3: Sportberichterstattung bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1974
3.1. Analyse des Live-Kommentars
3.2. Analyse der Kameraführung

Kapitel 4: Sportberichterstattung bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006
4.1. Analyse des Live-Kommentars
4.2. Analyse der Kameraführung

Kapitel 5: Public Viewing- eine moderne Art der medialen Inszenierung

Kapitel 6: Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

Kapitel 1: Einleitung

Bereits seit Jahrzehnten zieht kaum ein anderes Sportereignis so viele Menschen in seinen Bann wie die Fußball-Weltmeisterschaft. Auch das Fernsehen verbindet eine lange Tradition mit der Berichterstattung über Fußballspiele. Seit der Einführung des Fernsehens ist Fußball ein wichtiger Bestandteil des Programms (vgl. Gerhard 2006: 465). Während der fast 80-jährigen Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft fand diese auch zweimal in Deutschland statt und zwar in den Jahren 1974 und 2006. Während Deutschland 1974 nach einem Final-Sieg gegen die Niederlande Weltmeister wurde, so schied die Nationalmannschaft bei der WM 2006 bereits im Halbfinale gegen Italien aus. Dies war das Ende des sogenannten deutschen Sommer-Märchens, das vier Wochen lang die ganze Nation begeistert hatte. Etwa 24 Millionen Menschen schauten sich im Durchschnitt die WM-Spiele der deutschen Nationalmannschaft an. Beim Halbfinale zwischen Deutschland und Italien schalteten durchschnittlich sogar knapp 30 Millionen Zuschauer den Fernseher ein. Dies bedeutete einen Marktanteil von etwa 84 Prozent und damit die höchste je in Deutschland gemessene Fernsehquote seit der Einführung der Personenreichweite Mitte der Siebziger Jahre (vgl. Geese u.a. 2006: 454). 1974 waren nahezu alle Haushalte mit einem Fernsehgerät ausgestattet. Das Endspiel zwischen Deutschland und den Niederlanden erreichte hohe Einschaltquoten und hatte eine Marktanteil von ca. 80 Prozent (vgl. Gerhard 2006: 467).

Die WM 2006 löste eine unglaubliche Euphorie in Deutschland aus, die in keiner Weise mit der Euphorie während und nach der WM 1974 zu vergleichen ist. Veränderungen in der Form der Sportberichterstattung im Fernsehen bzw. der medialen Inszenierung von Sportereignissen hatten einen wesentlichen Einfluss auf dieses Phänomen. Während bis in die 70er Jahre die Art der Sportberichterstattung eher sachlich erfolgte, so gewann einige Jahre später die mediale Inszenierung von Sportereignissen zunehmend an Bedeutung. Heutzutage offenbart die Art der Präsentation von Sportereignissen in den Medien immer öfter einen scheinbar inszenierten Hollywood-Charakter (vgl. Morse 2008: 16).

In der folgenden Hausarbeit werde ich zunächst einen geschichtlichen Überblick der Sportberichterstattung über Fußball im Deutschen Fernsehen geben. Anschließend werde ich das Finale der WM 1974 zwischen Deutschland und den Niederlanden und das WM-Halbfinale 2006 zwischen Deutschland und Italien gegenüber stellen und charakteristische Merkmale bezüglich der medialen Inszenierung der Spiele herausarbeiten. Danach werde ich das sogenannte Public Viewing1 vorstellen, das während der WM 2006 bei den Fans für Aufsehen gesorgt hatte. Zudem werde ich erläutern, welchen gesellschaftlichen Stellenwert diese Form der Rezeption im Rahmen der medialen Inszenierung der WM 2006 hatte. Zum Abschluss fasse ich meine Analysen zusammen und gebe einen Ausblick.

Kapitel 2: Sportberichterstattung über Fußball im Deutschen Fernsehen

Die Sportberichterstattung ist ein wichtiger Bestandteil des Fernsehprogramms. Übertragungen von sportlichen Großereignissen garantieren Fernsehsendern hohe Einschaltquoten. Die Sportberichterstattung im Fernsehen fokussiert sich auf wenige populäre Sportarten, wie z.B. Fußball. Randsportarten dagegen werden eher weniger berücksichtigt (vgl. Gleich 2000: 511).

Der Beginn der Live-Berichterstattung über Fußball in Deutschland war geprägt von hoher Emotionalität der Kommentatoren. Zahlreiche Reporter wechselten vom Radio zum Fernsehen und passten dabei ihren Stil nicht dem neuen Medium an (vgl. Neugebauer 1986: 127, 128). Diese emotionale Art der Sportberichterstattung führte schnell zu strittigen Diskussionen. Es wurde mehr kritische Distanz zum sportlichen Ereignis gefordert, was schließlich zu einem Umdenken führte. Der Stil der Sportberichterstattung während der 60er und 70er Jahre war dann ergebnisorientiert. Kommentatoren fielen durch ein gleichbleibendes Sprechtempo auf. Die Sätze wirkten abgelesen und spiegelten keine Spontaneität wider.

Hackforth (1975: 244) beschrieb die Auffälligkeiten in der Form der Sportberichterstattung als 1:0-Mentalit ä t , die bis weit in die 70er Jahre charakteristisch war. Er versteht darunter die reine Wiedergabe eines sportlichen Ereignisses. Der Kommentator beschränkt sich auf die Beschreibung des sichtbaren Geschehens. Hackforth kritisiert einen Mangel an Informationen, die über das Spielgeschehen hinaus gehen. Dies hat eine vordergründige und eher oberflächliche Berichterstattung zur Folge, da die Vermittlung von Rahmenbedingungen und Kontexten fehlt.

Ludwig (in Kühnert 2004: 40) stellte in diesem Zusammenhang gar die Kompetenz der

Kommentatoren in Frage, indem er eine Art der Sportberichterstattung fordert, die "über das bloß Beobachtbare hinausgeht und journalistische Recherche erfordert". Die 1:0-Mentalit ä t bedeutet für den Fernsehzuschauer eine gewisse Entmündigung. Dem Zuschauer wird nicht ermöglicht, eine eigene Haltung zum sportlichen Geschehen aufzubauen. Er befindet sich eher in der Rolle des passiven Konsumenten. Durch die geringe Menge an vermittelten Informationen tragen die Kommentatoren wenig zur Unterhaltung des Zuschauers bzw. zu einer Dramatisierung des sportlichen Geschehens bei. In den vergangenen Jahrzehnten hat die Art der Sportberichterstattung im Fernsehen einen radikalen Umbruch erlebt. Dies hängt damit zusammen, dass der Sport seit Mitte der 70er Jahre stetig an gesellschaftlicher Bedeutung gewonnen hat.

"Gerade in den letzten 25 Jahren hat der Sport eine gesellschaftliche Bedeutung erlangt, die kaum jemand voraussah. [...] Bei der Freizeitgestaltung nimmt der Sport in seinen ganz unterschiedlichen Erscheinungsformen eine überragend wichtige Rolle ein" (Dörr 2000: 40).

Allerdings ist dies nicht der einzige Grund für die Veränderungen in der Form der Sportberichterstattung. Auch die Einführung des dualen Rundfunksystems in den 80er Jahren trug entscheidend zum Umbruch bei. Die öffentlich-rechtlichen Sender bekamen nun Konkurrenz durch die neuen Privatsender.

Aufgrund dieser Konkurrenzsituation entwickelte sich die Sportberichterstattung zur kommerziellen Ware (vgl. Penz 2007: 69). Die Privatsender revolutionierten die Sportberichterstattung, indem sie verstärkt auf Unterhaltung setzten. Um konkurrenzfähig zu bleiben, passten die öffentlich-rechtlichen Sender sich diesem Trend weitestgehend an. Betrachtet man die Entwicklungen beim Mediensport 2 der vergangenen Jahrzehnte etwas genauer, so lassen sich Besonderheiten beobachten. Besonders Live-Übertragungen vermittelten dem Fernsehzuschauer zunehmend ein Gefühl von unmittelbarer Nähe zum Geschehen.

Dieser Prozess begann bereits in den 70er Jahren mit der Entwicklung einer neuen Schnitttechnik und neuer Kamerapositionen (vgl. Burk/Diegel 2002: 117) und wurde bis heute kontinuierlich fortgesetzt. Dadurch können Live-Übertragungen von Fußballspielen "lokal, regional und national polarisierend oder integrierend wirken" (Dörr 2000: 41). Durch diesen Teilhabeeffekt kann eine Identifikation mit einer

Mannschaft bzw. einem Athleten eintreten. Von einer 1:0-Mentalit ä t kann man in den letzten Jahrzehnten nicht mehr sprechen. Sportberichterstattungen sind von ausführlichen Vor- und Nachberichten geprägt, die dem Zuschauer Hintergründe erläutern (vgl. Gleich 2000: 511). Die Sportberichterstattung beschränkt sich nicht mehr nur auf die Wiedergabe des sportlichen Geschehens, sondern möchte zur Unterhaltung und Information des Zuschauers beitragen. Müller (2008: 163) stellt dar, dass das Fernsehen mittlerweile das jeweilige Sportereignis so aufbereitet, damit eine Unterhaltungserfahrung beim Zuschauer hervorgerufen wird. Diese Annahme teilen auch andere Wissenschaftler. Gleich (2000: 512) zufolge befinden sich Sportjournalisten heutzutage eher "in der Rolle des Unterhalters als des kritischen Informierers". Diese Änderungen in der Form der Sportberichterstattung hängen auch mit veränderten Erwartungen der Rezipienten hinsichtlich der Sport-Übertragungen zusammen. Heutzutage haben Zuschauer weitestgehend die Erwartung, von einer Sportberichterstattung unterhalten zu werden (vgl. Müller, 2008: 152). Die rein sachliche Vermittlung von Informationen befriedigt nicht mehr die Bedürfnisse der Rezipienten.

Zudem ist eine Dramatisierung bei der Sportberichterstattung durch Kameraführung und Kommentar zu beobachten. Die Kamera bzw. Montage wird gezielt eingesetzt. Während früher Fußballspiele weitestgehend aus der Totalen bzw. Halbtotalen gezeigt wurden und eher wenig Einstellungswechsel erfolgten, so ist es heute gängige Praxis, dass durch ständig auftretende Einstellungswechsel viele Nahaufnahmen von Spielern gezeigt werden, sehr personalisierend gearbeitet wird und damit die Spieler in Szene gesetzt werden (vgl. Gleich 2000: 513). Durch die Fokussierung einzelner Spieler wird auch die persönliche Anstrengung der Athleten betont, was zu einer gesteigerten Dramatik beiträgt. Allerdings entsteht durch diese Art der Kameraführung auch eine konstruierte Form von Wirklichkeit, die wenig mit der tatsächlich vor Ort stattfindenden Sportveranstaltung zu tun hat.

Der Fußball in der Sportberichterstattung ist in keiner Weise mit dem Fußball im Stadion zu vergleichen. Penz (2007: 72) bezeichnet die Berichterstattung über Fußball im Fernsehen als Telefu ß ball 3 und ist der Meinung, dass "jede mediale Repräsentation eine Bearbeitung der Wirklichkeit darstellt". Diese Annahme kann an der heutigen Sportberichterstattung prägnant bestätigt werden, denn neue Kameratechniken ermöglichen kontinuierlich neue Möglichkeiten der medialen Inszenierung.

Williams (in Horky 2001: 197) erkannte bereits gegen Ende der 70er Jahre diese Tendenz. Auf Grundlage wissenschaftlicher Analysen von Live-Übertragungen über American Football -Spiele in den USA stellte er fest:

"The television coverage of a live, unscripted event such as a football match imposes its own structures and provides its own ideological viewpoints. The televised version of the game has its own structures, its own unity".

Horky (2001: 327) bezeichnet den heutigen Mediensport als doppelte Inszenierung und meint damit, dass der durch die sportliche Aktivität inszenierte Körper ein zweites Mal durch die Präsenz der Kamera inszeniert wird.

Außerdem trägt der Kommentator mit seiner individuellen Schilderung der Ereignisse vor Ort zu einer Dramatisierung bei. Der Kommentator hat im Rahmen der Sportberichterstattung einen sehr wichtigen Stellenwert.

Hackforth (1975: 281) hielt bereits vor mehr als 30 Jahren fest, dass die Sportsprache die wichtigste unter den Sondersprachen sei. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich im Rahmen der zunehmenden Entertainisierung der Stellenwert des Kommentators weiter erhöht. Dieser hat grundsätzlich viele Möglichkeiten, den Sport in der Massenkommunikation zu inszenieren, indem er beispielsweise durch Veränderungen der Stimmlage oder die Vermittlung von Kontexten einzelner Spieler zu einer gesteigerten Dramatik beiträgt (vgl. Horky 2001: 198).

Kapitel 3: Sportberichterstattung bei der Fußball- Weltmeisterschaft 1974

3.1. Analyse des Live-Kommentars

Der Kommentator Rudi Michel beginnt seine Reportage, indem er vor Spielbeginn den Rezipienten am Bildschirm direkt anspricht:

"Guten Tag meine Damen und Herren! Ich hoffe, dass sie nunmehr zu Hause ebenso eingestimmt sind auf das große Spiel, auf das Finale dieses Fußball-Festivals 1974 zwischen der Mannschaft der Niederlande und der Bundesrepublik Deutschland, so wie hier die knapp 80.000 Zuschauer im Olympiastadion zu München".

Die Form der direkten Ansprache lässt sich auch im weiteren Spielverlauf wiederfinden. Dadurch verringert Michel die Distanz zwischen sich und dem Rezipienten. Die direkte Ansprache dient auch zur Weckung der Aufmerksamkeit des Zuschauers (vgl. Neugebauer 1986: 173).

"Schauen Sie hin meine Damen und Herren, ob Breitner die Nerven hat, diese Aufgabe zu übernehmen, beim Stande von 0 zu 1" (25. Spielminute).

"Sie werden mit mir übereinstimmen, dass es ein bisschen nervös, hektisch begonnen hat, insbesondere auf Seiten der deutschen Mannschaft" (während der Halbzeitpause).

"So und jetzt meine Herren können sie langsam die Sachen entkorken [...], und Sie, meine Damen können mittrinken" (nach Spielende).

Auch setzt Michel Wir-Formulierungen ein, um eine Nähe zum Rezipienten herzustellen. Analysen von Fußballspielen in den 70er Jahren ergaben, dass Kommentatoren wenig Wir-Formulierungen, aber häufig Ich-Formulierungen verwenden (vgl. Ebers 2008: 71). Dies lässt sich bei diesem Spiel so nicht feststellen.

"Jetzt wollen wir uns noch einmal die beiden ersten Tore zumindest ansehen [...]. Ich würde sagen, bevor wir uns allen eine Pause gönnen, spielen wir das ab" (während der Halbzeitpause). "Eins, zwei Schläge, dann diagonal über das Feld und schon sind die Niederländer an unserem Strafraum" (61. Spielminute).

"Unsere Mittelfeldspieler sind einfach überlastet, werden überrollt, können das Spiel nicht mehr auffangen und können es nicht mehr drehen und in den Angriff führen" (85. Spielminute).

Das gemeinsame Erlebnis von Kommentator und Rezipienten wird dadurch betont. Der Kommentator wird so zum "Gast im fremden Wohnzimmer" (nach Neugebauer 1986: 177). Wir-Formulierungen dienen aber auch dazu, den Zuschauer in den Kommentar mit einzubinden. Dem Rezipienten wird die Möglichkeit gegeben, am gemeinsam gesehenen Spiel teilzuhaben (vgl. Ebers 2008: 69).

[...]


1 Public Viewing meint die Rezeption von beispielsweise Fußballspielen in einer größeren öffentlichen Gesellschaft, oftmals unter freiem Himmel.

2 Dies ist die Präsentation und Aufbereitung des Sports in den Medien. Der Mediensport unterscheidet sich von der Rezeption vor Ort vor allem durch den Einsatz verschiedener Kameras oder Zeitlupe, wodurch z.B. strittige Situationen sofort geklärt werden können.

3 Gemeint ist die Übertragung von Fußball im Fernsehen. Telefu ß ball unterscheidet sich vorrangig durch ein höheres Maß an Spannung von der Rezeption von Fußball im Stadion.

Details

Seiten
29
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656101017
ISBN (Buch)
9783656101093
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v187047
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
1,3
Schlagworte
alles schwarz-rot-geil inszenierung fußball-weltmeisterschaften deutschland

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