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'Ozymandias' von Percy Bysshe Shelley und Horace Smith im Vergleich

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 20 Seiten

Anglistik - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Forschungslage

3. Shelley 'Ozymandias': Analyse und Interpretation

4. Smith 'Ozymandias': Analyse und Interpretation

5. Vergleich Shelley und Smith

6. Schlussbetrachtung

Bibliographie

1 . Einleitung

Die vorliegende Hauptseminarsarbeit widmet sich dem Vergleich der Gedichte zweier Vertreter der Romantik: Percy Bysshe Shelley und Horace Smith. Dieser Vergleich ist insofern nahe liegend, als die Gedichte sich beide mit dem altägyptischen Pharao Ramses II., genannt 'Ozymandias', beschäftigen.

Auch auf formaler Ebene sind die Gedichte miteinander vergleichbar, da sich beide Dichter der Form des Sonetts bedienen. Ein möglicher Grund für diese Ähnlichkeiten ist der Anlass, ein Wettbewerb, zu dem die beiden Gedichte verfasst wurden.

Die Forschungslage zeigt sich sowohl bezüglich Shelleys, als auch Smiths 'Ozymandias' als sehr dünn. Smith' Gedicht fand bislang kaum Beachtung in der Sekundärliteratur. Und obwohl es eins der bekanntesten Gedichte Shelleys ist, wurde auch sein 'Ozymandias' kaum analysiert oder interpretiert. Das Gros der Sekundärliteratur im Hinblick auf Shelleys 'Ozymandias' beschäftigt sich mit der strittigen Datierung und der Frage nach den Quellen, die Shelley bei der Bearbeitung seines Gedichtes herangezogen haben könnte.

Aufgrund dessen soll diese Hausarbeit weniger dazu dienen, einen weiteren Beitrag zu Quellenlage und Datierung zu leisten, sondern vielmehr eine eingehende inhaltlich Analyse und Interpretation von Shelleys und Smiths 'Ozymandias' zum Ziel haben. Im Anschluss sollen Gemeinsamkeiten und Unterschiede beider Gedichte herausgearbeitet werden. Beachtung sollen hierbei sowohl die Form, die bei einem Sonett durchaus wichtig ist, als auch der Inhalt finden.

In Anbetracht der Tatsache, dass sich die Forschungslage als unergiebig erweist, wird die Verfasserin großteils auf die Einbeziehung von Sekundärliteratur verzichten und ver-suchen, zu einem eigenständigen Ergebnis hinsichtlich der oben genannten Kriterien zu gelangen, die gelegentlich durch einzelne Sekundärliteraturbeiträge untermauert werden soll.

2. Forschungslage

Wie bereits erwähnt findet sich zu Shelleys Sonett 'Ozymandias' nur wenig Forschungs-literatur, allerdings beschäftigt sich diese in der Hauptsache mit der Datierung und der Suche nach Shelleys Quellen. Im Hinblick auf Horace Smith' Sonett gestaltet sich die Lage als noch schwieriger. Zu seinem 'Ozymandias' gibt es kaum eigene Literatur und die wenigen Aussagen, die vermerkt sind, begrenzen sich auf eine Bezugnahme zu Shelleys Sonett. Insofern soll die Forschungslage hinsichtlich der Quellenlage hier nur kurz durch Bezugnahme auf einen Artikel H.M. Richmonds[1] angesprochen und beispielhaft dargestellt werden.

Richmond legt in seinem Artikel 'Ozymandias and the Travelers' anschaulich dar, wie schwierig es ist, eine eindeutige, überzeugende Quelle zu finden, die Shelley als Ressource für seinen 'Ozymandias' genutzt haben könnte. Er erläutert, warum keiner der bislang untersuchten historischen Berichte als Quelle in Frage kommt. Auch bei dem Vergleich mit dem Bericht des Diodorus Siculus, der als naheliegendster Kandidat für Shelleys lyrische Bearbeitung des Topos gilt, tauchen zu viele Ungereimtheiten auf, als dass dieser Bericht eine überzeugende Vorlage gewesen sein könnte. Richmonds Schluss ist, dass man wahrscheinlich nie einen einzelnen historischen Bericht ausfindig machen können wird, auf den Shelley sich bezogen hat und man stattdessen auf anderem Gebiet nach einem Anstoß für Shelleys Gedicht suchen sollte. Seiner Ansicht nach erlaubt es die dichterische Freiheit, sich nicht an genaue historische Vorgaben halten zu müssen. Die Ausschmückung des gewählten Themas obliegt ganz allein dem Dichter.

„A source for the sonnet need hardly show a close correspondence with Shelley's description, for a work of art is not based on principles of archeological science. It will be no surprise if Shelley proves to have been guided by his own tastes rather than historical fact in developing his images.“[2]

Diesen besagten Anstoß meint Richmond in Richard Pocockes Erzählung 'A Description of the East, and some other Countries'[3] gefunden zu haben. Dort findet er diverse Details, die die Vermutung zulassen, Shelley habe Pococke gelesen und als Inspiration für sein Sonett genommen. So schreibt Richmond:

„Within a few pages of Pococke's chapter on Thebes we have now found Diodorus' inscription; an apparent example of the total destruction of a megalomaniac monument; praise of a famous sculptor of Ozymandias; no less than two statues broken „about the middle of the trunk,“ one apparently still standing like Shelley's figure, and one bearing a Greek inscription, perhaps „an epigram in honour of Memnon,“ which is described explicitly by the author as appearing „on its pedestal.“ We have also found drawings of an unprepossesing bust of Ozymandias lying on the sand; two grotesque legs, with Greek inscriptions, displayed on seperate plates; and two statues set in the midst of an utterly bare desert plain. It seems to me highly unlikely that any other source could offer a similar series of suggestive details all relevant to Shelley's sonnet.“[4]

Richmond ist der Ansicht, Pocockes mehr oder weniger zufällige Beschreibungen könnten sich in Shelleys Vorstellung zu einer symbolischen Einheit verbunden haben:

„It is important to stress that Shelley has coordinated the attributes of several distinct statues in order to obtain a single imaginative symbol of hallucinatory distinctness. Any more detailed historical parallel for the sonnet than Pococke affords is unlikely to exist, for Shelley's picture is obviously at variance with most of the facts. Only chance and poetic insight could have created the effect Shelley distills from Pococke's limping prose and awkward illustrations.“[5] [6]

Hinsichtlich Smiths Sonett darf man davon ausgehen, dass ihm ähnliche Quellen zur Verfügung standen wie Shelley.

Hinsichtlich der Frage nach dem Publikationsdatum sei hier der kurze Artikel von John M. Steadman in der Zeitschrift Notes and Queries empfohlen, in dem er zwei ver-schiedene Positionen darstellt und letztendlich zu dem Schluss kommt, die Erstpubli-kation von Shelleys 'Ozymandias' habe am Sonntag, dem 11. Januar 1818 in der 524. Ausgabe der Zeitschrift The Examiner stattgefunden.[7]

3. Shelley 'Ozymandias': Analyse und Interpretation

Ozymandias

I met a traveller from an antique land

Who said: Two vast and trunkless legs of stone

Stand in the desert...Near them, on the sand,

Half sunk, a shattered visage lies, whose frown,

And wrinkled lip, and sneer of cold command,

Tell that its sculptor well those passions read

Which yet survive, stamped on these lifeless things,

The hand that mocked them, and the heart that fed:

And on the pedestal these words appear:

„My name is Ozymandias, king of kings:

Look on my works, ye Mighty, and despair!“

Nothing beside remains. Round the decay

Of that colossal wreck, boundless and bare

The lone and level sands stretch far away.

Bei Percy Bysshe Shelleys Gedicht 'Ozymandias' handelt es sich auf den ersten Blick um ein typisches Sonett. Es weist 14 Zeilen auf und ist, bis auf wenige Ausnahmen, im jambischen Pentameter verfasst (Ausnahmen sind Vers 1, 9 und 10). Bei näherer Be-trachtung werden jedoch einige Unregelmäßigkeiten deutlich, die von den Konven-tionen eines regelmäßigen Sonetts im Shakespearschen oder Petrarchischen Sinne ab-weichen. So gestaltet sich beispielsweise das Reimschema als recht unregelmäßig, nahe-zu verworren. Es lautet wie folgt: abab acdc edefef.[8] Vers 1-4 mit den Reimen 'land/sand' und 'stone/frown' machen mit dem verwendeten Kreuzreim zunächst den An-schein eines Sonetts in Shakespearscher Tradition, doch schon ab Vers 5 wird das vor-mals regelmäßige Reimschema gebrochen. Was folgt, ist eine intensivierte Ver-schränkung der Verse mittels wiederkehrender Reime. So wird beispielsweise ein Reim aus Vers 7 und 10 gebildet, der sich somit über die Volta, die reguläre Grenze zwischen Oktett und Sextett, die üblicherweise einen Umschwung darstellt, hinwegsetzt. Jene ver-stärkte Verschränkung der Verse findet auch in der vielfachen Nutzung von Enjamb-ments ihren Ausdruck. Diese scheinbar chaotische formale Anordnung spiegelt das Chaos des beschriebenen Schauplatzes wider.

„Der Leser erlebt das Paradox, daß trotz der scheinbar chaotischen Detaillierung, der scheinbaren Bezugslosigkeit ein ungemein anschaulicher Gesamteindruck entsteht. In diesem Zusammenhang wird nun auch das Faktum interessant, daß das ganze 1. Quartett durch Zeilensprünge charakterisiert ist und auch die Zäsur zwischen den beiden Quartetten nicht eingehalten wird. Der Häufung von zusammenhanglosen oder sogar gegensätzlichen Details, die sich doch zu einem anschaulichen Bild zusammenschließen, entspricht im syntaktisch-rhythmischen Aufbau die Verlegung der großen Zäsuren in das Zeileninnere wie auch die Vielzahl der Kola und andererseits das Nichteinhalten der Zeilen- bzw. Quartettgrenzen, das auf ein größeres Ganzen verweist.“[9]

Neben der Volta, die auf inhaltlicher Ebene durchaus besteht, weist das Gedicht noch eine weitere Zäsur in Vers 3 auf, die durch die Verwendung der drei Punkte auch visuell markiert ist.

Das Sonett beginnt mit dem persönlichen Fürwort 'I'. Das lyrische Ich taucht hier auf der Ebene der expliziten Subjektivität auf, es ist deutlich wahrzunehmen und tritt als kommunizierendes Individuum hervor.[10] Das daraus resultierende Gefühl der Authenti-zität wird jedoch schon im zweiten Vers relativiert, wenn das lyrische Ich seine Sprecherrolle an einen Reisenden, den fiktiven 'traveler' abgibt. Wir betreten somit eine weitere Ebene der Fiktion. War das lyrische Ich ja bereits fiktional, so ist die Fiktio-nalität in Bezug auf den Reisenden nochmals gesteigert. Alles, was folgt, ist der Bericht des Reisenden und erscheint dadurch in weiterer räumlicher und zeitlicher Entfernung zu liegen. Diese beiden Arten der Entfernung werden bereits durch die Referenz zum 'antique land' evoziert. Die hier verwendete Synekdoche[11] legt zusätzlich besondere Be-tonung auf diesen Ausdruck. Das Wort 'antique' erweckt sowohl zeitliche als auch räum-liche Assoziationen. Darüber hinaus schlägt es den Bogen zu einer mythisch an-mutenden Epoche. Durch Verwendung dieses sehr weiten Begriffs des antiken Landes, bereitet der Dichter den Boden für breitgefächerte Interpretationsansätze. So kann man sich fragen, ob es sich bei diesem 'antique land' um ein real existentes Land handelt, oder aber um ein bereits in Vergessenheit geratenes, letztlich gar um ein rein fiktionales oder mythisches. Noch deutlicher wird dieser Eindruck der Ambiguität beim Vergleich mit dem Ausdruck 'the desert' in Vers 3. Auffällig ist an dieser Stelle die Verwendung des bestimmten Artikels im Gegensatz zu dem unbestimmten Artikel in 'an antique land'. Der Fokus wird an hier von einem sehr breiten, unbestimmbar großen Land auf eine einzelne bestimmte Wüste verengt. Den Begriff 'antique land' präsentiert uns das lyrische Ich, wohingegen 'the desert' der Beschreibung des Reisenden entstammt. Ein-hergehend mit dem Verlust an expliziter Subjektivität bei gleichsam steigender Fiktio-nalität, wird der Rezipient somit näher an das Geschehen herangeführt. Das Bild, das vor den Augen des Lesers entsteht, wird immer deutlicher. Schon in Vers 2 findet man eine anschauliche Beschreibung der Beine der Statue, die in der Wüste stehen. Die Beine wirken nahezu verlebendigt, was durch die über das Versende hinausgehende Alliteration 'stone stand' noch untermauert wird.

[...]


[1] Richmond, H.M., Ozymandias and the Travelers, Keats-Shelley Journal 11, New York: 1962, S. 65-71.

[2] Richmond, K-S Journal 11, S. 65.

[3] Pococke, Richard, A Description of the East, and Some Other Countries, London: 1743.

[4] Richmond, Ozymandias, S. 70f.

[5] Richmond, Ozymandias, S. 71.

[6] Vgl. zum Thema der Quellensuche auch Waith, Eugene M., Ozymandias: Shelley, Horace Smith and Denon, Keats-Shelley Journal 44, New York: 1995, S. 22-28; Parr, Johnstone, Shelley's Ozymandias, Keats-Shelley Journal 6, New York: 1957, S. 31-35; Everest, Kelvin and Matthews, Geoffrey, The Poems of Shelley Vol. 2 1817-1819, London: 2000, S. 307 – 310.

[7] Steadman, John M., Errors concerning the Publication Date of Shelley's Ozymandias, Notes and Queries 201, London: 1956, S. 439 f.

[8] Reimschema Shakespeare: abab cdcd efef gg. Reimschema Petrarch: abba abba cde cde

[9] Lengeler, Rainer, Shelleys Sonett Ozymandias, in: Die neueren Sprachen, Band 68, Hg. Baehr, Rudolf et al., Frankfurt a. M.: 1969, S. 534.

[10] Vgl. Nünning, Ansgar, Grundkurs anglistisch-amerikanistische Literaturwissenschaft, Stuttgart: 2001, S. 54.

[11] Ein enger Begriff wird durch einen weiteren, umfassenderen Begriff ersetzt oder umgekehrt. Vgl. Nünning, Literaturwissenschaft, S. 75.

Details

Seiten
20
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656104674
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v187036
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Institut für Anglistik, Amerikanistik und Keltologie
Note
1,0
Schlagworte
Shelley Smith Sonett Sonette Ozymandias Ramses II. Gedicht Gedichte poetry poem sonnet Romantik

Autor

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