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Sachfragenorientiertes Wählen

Hausarbeit 2010 21 Seiten

Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Typen von Sachfragenorientierung

3. Sachfragenorientierung in Modellen der Wahlentscheidung
3.1. Sachfragenorientierung im Rational-Choice Modell
3.2. Sachfragenorientierung im Sozialpsychologischen Modell
3.3. Vergleich der Sachfragenorientierung in den Erklärungsmodellen

4. Operationalisierungen von Sachfragenorientierung
4.1. Operationalisierungen von positionsorientiertem Wahlverhalten
4.1.1. Das Distanzmodell des Wählens
4.1.2. Das Richtungsmodell des Wählens
4.1.3. Die Verbundmessung von Politikpräferenzen
4.2. Operationalisierung von leistungsorientiertem Wahlverhalten

5. Fazit

Literatur

1. Einleitung

Welche Faktoren sind bei politischen Wahlen ausschlaggebend für die Wahlent- scheidung? Dies ist eine der zentralen Fragen der Wahlforschung. Im Idealfall aus demokratietheoretischer Perspektive wären allein die verschiedenen Meinungen und Positionen der Parteien bzw. Kandidaten zu aktuellen politischen Themen ausschlaggebend. Dies entspricht jedoch nicht der Realität. So wurden verschie- dene Entscheidungstheorien entwickelt um die Frage zu beantworten, welche Fak- toren einen Einfluss auf die Wahlentscheidung haben und als wie groß dieser ein- zustufen ist. Die verschiedenen Theorien und Modelle unterscheiden sich im Blickwinkel und in den als relevant befundenen Faktoren voneinander. Die oben erwähnte Sachfragenorientierung bzw. issue voting findet sich vor allem in den mikrosoziologischen Modellen wieder, welche sich auf subjektive Orientierungen der Wähler als Erklärungsfaktoren beziehen: dem sozialpsychologischen und dem Rational-Choice Ansatz (Roller 1998: 182). Die Frage nach der Struktur und der Größe des Einflusses der Sachfragenorientierung auf die Wahlentscheidung wird als eines der zentralen Themen der amerikanischen Politikwissenschaft angesehen (Miller/Wattenberg 1985: 359).

Im Folgenden soll zuerst erläutert werden, was unter politischen Sachfragen bzw. Issues zu verstehen ist, und wie diese weiter ausdifferenziert werden können. Da- raufhin wird ein Überblick über die Sachfragenorientierung im sozialpsychologi- schen und dem Rational-Choice-Modell des Wählens gegeben. Es folgt eine Be- schreibung der gängigen Operationalisierungen der Sachfragenorientierung. Zu- letzt werden die Ergebnisse zusammengefasst und kritisch hinterfragt.

2. Typen von Sachfragenorientierung

Es gibt zwei unterschiedliche Definitionen von politischen Sachfragen, bzw. Issu- es. Die erste, breitere Definition bezeichnet all das als politische Sachfrage, was im Wahlkampf von den Parteien thematisiert werden kann. Hierzu können dem- nach auch Eigenschaften der einzelnen Kandidaten gezählt werden. Die zweite, engere Definition bezieht sich lediglich auf Probleme der public policy, also dem Inhalt der Politik (Roller 1998: 176). Da die erste Definition auch kandidatenbe- zogene Sachfragen einschließt, wird im Folgenden Bezug auf die engere Definiti- on genommen, da es sonst zu Abgrenzungsproblemen zwischen der Sachfra- genorientierung und dem Kandidatenfaktor kommen würde, welcher im sozial- psychologischen Modell der Wahlentscheidung eine große Rolle spielt (Roller 1998: 176-177).

Politische Sachfragen werden in der Wahlforschung in verschiedene Kategorien eingeteilt. Die gebräuchlichen Kategorien gehen zurück auf Donald E. Stokes. Dieser formulierte in seinem Aufsatz „Spatial Models of Party Competition“ (Stokes 1963) erstmals die Unterscheidung zwischen position issues und valence issues. Unter Positionsissues versteht er hier politische Sachfragen, zu deren Lö- sung unterschiedliche politische Handlungsalternativen existieren. So kann ein Wähler sich zu der Partei hingezogen fühlen, welche seine favorisierte Hand- lungsalternative am ehesten vertritt. Valenzissues definiert Stokes dagegen als Zustände oder Entwicklungen, welche mit den Parteien verknüpft sind, und wel- che positiv oder negativ vom Elektorat bewertet werden. Als Beispiel für solche Zustände und Entwicklungen können die ökonomische Situation eines Landes oder die Lösung eines außenpolitischen Problems gelten. Ergeben sich diese Zu- stände und Entwicklungen aus der Vergangenheit, dann kann die Wahlentschei- dung als Belohnung oder Abstrafung der verantwortlichen Regierungspartei gese- hen werden. Beziehen sich diese jedoch auf die Zukunft, dann kann die Wahlent- scheidung als Wahl der Partei interpretiert werden, welche in der Erreichung des angestrebten Zustands oder der angestrebten Entwicklung als am fähigsten ange- sehen wird (Stokes 1963: 373).

Der Unterschied zwischen Positions- und Valenzissues liegt demnach in der Mei- nung, welche im Elektorat über eine Sachfrage herrscht. Bei Positionsissues gibt es heterogene Ansichten im Elektorat, wie diese behandelt werden und welche Ziele erreicht werden sollen. Als Beispiel kann hier die Kernenergie genannt wer- den. Die Abschaltung aller Atomkraftwerke und der Neubau neuer Werke sind nur zwei denkbare Handlungsalternativen von vielen. Bei Valenzissues herrscht Einigkeit über das zu erreichende Ziel in der Wählerschaft. Als Beispiel kann hier wieder die ökonomische Lage der Wirtschaft genannt werden. Es wird kaum je- manden geben, der nicht daran interessiert wäre diese zu verbessern. Schon in dieser ersten Definition wird eine Problematik der Kategorisierung von Issues sichtbar, welche Stokes selbst erkannte. Die Einteilung in Valenz- und Po- sitionsissues ist oftmals nicht eindeutig zu bestimmen. So kann die Senkung der Arbeitslosigkeit als Valenzissue gesehen werden, also als ein Ziel, welchem ein Konsens in der Gesellschaft zu Grunde liegt. Jedoch könnte auch auf verschiedene Möglichkeiten zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit hingewiesen werden und diese somit als Positionsissue beschrieben werden. Aufgrund dieser Problematik fordert Stokes die Einteilung nicht a priori sondern auf Grundlage empirischer Untersuchungen vorzunehmen (Stokes 1963: 373-374).

Stokes entwickelte sein Definitionskriterium von Sachfragen 1974 weiter. Er un- terscheidet Positions- und Valenzissues nun lediglich anhand der Verteilung der Einstellung im Elektorat. Bei Positionsissues liegt ein Konflikt im Elektorat vor, bei Valenzissues herrscht Einigkeit. Zusätzlich unterscheidet Stokes nun jedoch noch zwischen policy-defined und value-defined issues. Erstere stehen hier für Sachfragen mit unterschiedlichen Handlungsalternativen, letztere für Sachfragen die mit Konsequenzen politischer Zielsetzungen verbunden sind (Roller 1998: 177).

Stokes Definition von Issues wurde 1985 von Arthur H. Miller und Martin P. Wattenberg aufgegriffen und weiterentwickelt. Sie sprechen von policy evalua- tions und performance evaluations, wobei erstere die Bewertung von Mitteln und Instrumenten zur Lösung von Problemen umfassen und letztere auf die Bewertung gerichtet sind, ob ein Problem gelöst wurde bzw. wird oder nicht. Zusätzlich brin- gen Miller/Wattenberg noch eine zeitliche Dimension ins Spiel und beziehen sich dabei auf Arbeiten von Fiorina sowie von Abramson, Aldrich und Rhode. Hier wird unterschieden zwischen einer retrospektiven und prospektiven Perspektive des Elektorats. Bei retrospektiven policy bzw. performance evaluations betrachten und bewerten Wähler vergangene Ereignisse, stützen sich also auf gemachte Er- fahrungen. Bei prospektiven policy bzw. performance evaluations stehen Erwar- tungen an zukünftige Handlungen im Fokus (Miller/Wattenberg 1985: 359).

Diese Definition wird 1990 von J. Merril Shanks und Warren E. Miller aufgegrif- fen und weiterentwickelt. Sie verwenden im Kontext der Sachfragenorientierung die Begriffe policy direction und performance evaluation. Unter policy direction werden Issues gefasst, zu welchen ein Konflikt in der Gesellschaft vorliegt, performance evaluations beziehen sich auf die Bewertungen von Leistungen von Parteien bzw. Kandidaten im Hinblick auf Ziele, zu denen ein Konsens in der Gesellschaft herrscht (Shanks/Miller 1990: 145).

Es wird deutlich, dass all diese Weiterentwicklungen sich stark an der Definition von Stokes orientieren. Die Unterschiede sind lediglich in Details zu finden, welche in den Definitionen unterschiedlich betont werden.

Edeltraud Roller bezieht sich auf all diese Definitionen und entwickelt eine eigene, sehr detailierte Definition von Issues. Sie unterscheidet zwei Dimensionen von Issues: den Sachbezug und den Zeitbezug. Der Sachbezug wird dabei in fünf weiteren Dimensionen weiter spezifiziert wird (Roller 1998:182).

Auf der Ebene des Sachbezugs unterscheidet Roller zwischen Positionen und Leistungen. Als Positionen bezeichnet sie Sachfragen, die sich auf die Bewertung unterschiedlicher Handlungsalternativen beziehen. Hierbei ist hervorzuheben, dass sich diese Alternativen sowohl auf Ziele als auch auf Mittel bzw. Instrumente beziehen, und nicht wie bei Miller/Wattenberg und Shanks/Miller nur auf einen Aspekt gerichtet sind (Roller 1998: 179). Als Leistungen bezeichnet Roller die Bewertungen von Folgen politischen Handelns. Hier wird nicht zwischen ver- schiedenen Handlungsalternativen oder Zielen unterschieden, vielmehr wird beur- teilt, in wie weit ein politisches Ziel durch politische Handlungen realisiert wurde bzw. wie hoch die Effektivität der Handlung einzuschätzen ist (Roller 1998: 179). Als weitere Dimensionen des Sachbezugs führt Roller den Generalisierungsgrad, den politischen Akteursbezug, die Bezugsgruppe, die Dauerhaftigkeit sowie den Inhalt der Sachfragen an. Bei dem Generalisierungsgrad wird unterschieden zwi- schen generellen Sachfragen (z.B. der Zufriedenheit mit der Arbeit einer Partei allgemein) und spezifischen Sachfragen (z.B. dem Umgang mit der Atomenergie). Der politische Akteursbezug zeigt an, ob ein Bezug von den Positionen und Leis- tungen zu den Parteien bzw. Kandidaten hergestellt wird. Es wird bspw. unter- schieden, ob nur die ökonomische Situation allgemein, oder speziell die Leis- tungsfähigkeit einer Partei in Bezug auf die ökonomische Entwicklung bewertet wird. Die Dimension der Bezugsgruppe existiert nur für Leistungen. Hier wird unterschieden, auf welche Gruppe Bezug genommen wird: auf Ego oder die Nati- on. Wird eine Leistung von einem Individuum also nur aufgrund der persönlichen (bspw. ökonomischen) Situation bewertet, oder wird Bezug auf die Lage der ge- samte Nation genommen? Die Dauerhaftigkeit bezieht sich im Gegenzug nur auf Positionen. Hier wird unterschieden, ob es sich um Sachfragen handelt, die nur zu einem bestimmten Zeitpunkt aktuell sind, z.B. die Struktur der Wiedervereinigung Deutschlands, oder ob es sich um dauerhaft aktuelle Sachfragen handelt, wie die der Staatseingriffe in die Wirtschaft. Die vierte Dimension, der Inhalt, ist für Leistungen und Positionen unterschiedlich definiert. Bei Positionen wird mit Be- zug auf Lipset und Rokkan (Lipset/Rokkan 1967) verortet, auf welche Konfliktli- nie bzw. auf welchen cleavage sich die Sachfragen beziehen. Bei Leistungen wird dahingegen festgehalten, auf welches Politikfeld sich die Sachfragen beziehen. Roller unterscheidet hier zwischen äußerer und innerer Sicherheit, Freiheit, Wohl- stand, sozioökonomische Sicherheit und Gleichheit sowie Umweltschutz (Roller 1998: 179-182).

Die Dimension des Zeitbezugs verortet, ob Positionen und Leistungen retrospek- tiv oder prospektiv bewertet werden. Roller bezieht sich hier ebenso wie schon Miller/Wattenberg auf die Arbeiten von Fiorina (Roller 1998: 179). Es lassen sich also vier Kerntypen von Sachfragen herausstellen (retrospektive bzw. prospektive Positionen und Leistungen), welche anhand der fünf Dimensio- nen des Sachbezugs weiter ausdifferenziert werden können (Roller 1998: 179).

[...]

Details

Seiten
21
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656101499
ISBN (Buch)
9783656101185
Dateigröße
754 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v186982
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,3
Schlagworte
sachfragenorientiertes wählen Wahlsoziologie Issues public policy Position issues valence issues rational choice Distanzmodell des Wählens Richtungsmodell des Wählens Verbundmessung von Politiküräferenzen

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Titel: Sachfragenorientiertes Wählen