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Geschichtsbücher zu Zeiten totalitärer Herrschaft; Schulbuchanalyse

Hausarbeit 1998 30 Seiten

Didaktik - Geschichte

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die gewählten Bücher

3. Zur Frage der Periodisierung und zum Umgang mit Jahreszahlen

4. Räumliche Erstreckung

5.Ansätze zu aspektorientierter Betrachtung

6. „Wir“ und „die anderen“
6.1. Wer wird als Angehöriger der eigenen Gruppe empfunden?
6.2. Feindbilder
6.3. Mittel zur Darstellung der eigenen Gruppe und der „Feinde“
6.3.1. Ausdruck und Wortwahl
6.3.2. Ausführlichkeit, Auslassungen, Illustrationen
6.3.3. Interpretation einzelner Ereignisse

7. Ein Beispiel im Vergleich

8. Zeitgenössische Stellungnahmen zu Geschichtsunterricht und Geschichte

9. Zusammenfassung

Literatur

1. Einleitung

Daß ich für diese Analyse Schulbücher für Geschichte ausgewählt habe, die in verschiedenen Ländern unter den Bedingungen der Diktatur entstanden sind, dazu hat auch der glückliche Zufall ihres Auffindens und mein Interesse an der tschechischen und italienischen Sprache und Geschichte beigetragen. Vor allem aber war es die Vermutung, daß sich in Zeiten einer besonders rigorosen und vereinheitlichenden Schulpolitik, wie sie unter totalitärer Herrschaft zu beobachten ist, Tendenzen der Beeinflussung, die auch unter anderen Bedingungen gegeben sind, in besonders deutlicher Weise finden lassen. Sie hier aufzuzeigen könnte die Sensibilität für subtilere Formen absichtlicher oder unabsichtlicher ideologischer Ausrichtung stärken. Besonders interessierte mich die Frage, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede sich zwischen den gewählten Büchern in bezug auf die angewandten Strategien der Beeinflussung zeigen. Es liegt mir dabei natürlich fern, die entsprechenden politischen Systeme gleichzusetzen, es soll nur um die Art der Darstellung von Geschichte gehen. Daß eine derartige Analyse im gegebenen Rahmen notwendigerweise sehr bruchstückhaft bleiben muß, dessen bin ich mir bewußt.

Bei der Auswahl der Bücher zeigte es sich, daß es mir innerhalb der zur Verfügung stehenden Zeit nicht möglich war, Bücher zu finden, die einander sowohl in bezug auf die Schulstufe und Schulart als auch auf den behandelten Zeitabschnitt vollständig entsprachen. Ich mußte daher einen Kompromiß schließen. Allen Büchern gemeinsam ist die Zeit von 476 n. Chr. bis 1934. Die Altersstufe (ca. 11 – 13 Jahre) und die Schulart (Grundschule) stimmen für das italienische und tschechische Buch ungefähr überein. Beim österreichischen Buch ist diesbezüglich nichts angegeben, das deutsche Buch ist für eine höhere Altersstufe bestimmt (6. bis 8. Klasse Gymnasium oder Oberschule). Insbesondere bei der Betrachtung pädagogischer Aspekte wird dies zu berücksichtigen sein ebenso wie das spätere Erscheinungsdatum des tschechischen Buches.

2. Die gewählten Bücher

Zuerst möchte ich die von mir gewählten Schulbücher in der Reihenfolge ihres Entstehens vorstellen:

IL LIBRO DELLA V CLASSE ELEMENTARE (in der Folge kurz als IL LIBRO bezeichnet) wurde in Rom im Jahre XIII der faschistischen Zeitrechnung (1934/35) von der staatlichen Verlagsanstalt (LA LIBRERIA DELLO STATO) herausgegeben. Das Buch enthält außer einem Teil über Geschichte, als dessen Autor Prof. Alfonso Gallo zeichnet und der etwas mehr als hundert Seiten umfaßt, auch die Fächer Religion, Geographie, Arithmetik und Naturwissenschaften (scienze) und ist, wie der Titel sagt, für die 5. Klasse der Grundschule bestimmt. Der im Teil „Geschichte“[1] behandelte Zeitraum umfaßt die Periode vom Untergang Roms bis zur Zeit des Erscheinens des Buches. Eine amtliche Zulassung ist nicht angeführt, doch weist bereits das faschistische Symbol (Rutenbündel und Beil) auf dem Umschlag darauf hin, daß es sich um ein offizielles Lehrbuch handelt, was auch von Allmann bestätigt wird.[2]

GESCHICHTE in Tafelbildern und Zusammenfassungen, 2. verbesserte und erweiterte Auflage, 1935[3] „zusammengestellt in 4 Teilen“ von Josef Brunner und Ludwig Stöger, Hauptschullehrer in Zwettl, Niederösterreich, erschien im Selbstverlag in Horn. Das Buch im Umfang von 233 Seiten enthält ein Vorwort der Verfasser, in dem sie das Erziehungsziel angeben (s. Kap. 8), ist in Fraktur gedruckt und behandelt den gesamten Zeitraum von der Vorgeschichte bis zur Zeit der Herausgabe. Angefügt sind 15 Seiten „Bürgerkunde“. Laut Vermerk im Vorwort wurde das Buch vom Bundesministerium für Unterricht mit Zl. 30.093/II-9 vom 20. 9. 1935 empfohlen. Erst aus dem betreffenden Akt[4] war ersichtlich, daß das Buch bei Einholung der Empfehlungen als Handbuch für Hauptschullehrer bezeichnet wurde. Im Buch selbst ist kein Hinweis darauf zu finden, außer daß keine bestimmte Schulklasse angegeben ist, es enthält z. B. keinerlei didaktische Hinweise. Im Vorwort heißt es, die erste Auflage von 1934 sei „von Lehrkräften und Schülern aller Schultypen, aber auch von Privatpersonen wärmstens aufgenommen“ worden. Auszüge aus dem Buch wurden als „Merkhefte“ für die Schüler gedruckt.

Von VOLK UND FÜHRER, Deutsche Geschichte für Schulen, erschienen 1940 – 1943, amtlich zugelassen[5], herausgegeben von Dietrich Klagges, Ausgabe für Oberschulen und Gymnasien, Verlag Moritz Diesterweg, Frankfurt am Main, werden die Bände für die Klassen 6 bis 8 zur Analyse herangezogen mit einem Zeitraum, der von der Vorgeschichte bis zum Erscheinungsdatum reicht. Die Bände wurden „in Verbindung mit Oberstudiendirektor Dr. Walter Franke“ herausgegeben und von verschiedenen Autoren bearbeitet. Sie umfassen insgesamt ca. 790 Seiten und beginnen mit einer Einleitung über Aufgabe und Bedeutung der Vorgeschichte. Band 6 und 7 ist in Fraktur gedruckt, Band 8 (von 1943, 2. Auflage) in Antiqua.[6]

Von DĔJEPIS („Geschichte“ als Unterrichtsfach), herausgegeben vom Staatsverlag in Prag in den Jahren 1980 – 1982, liegen die Bände für den 5., 6. und 7. Jahrgang der Grundschule vor. Alle Bände sind ausdrücklich vom Unterrichtsministerium der ČSR zugelassen. Es dürfte sich um eine Neuauflage oder Neubearbeitung handeln, da als Zulassungsdatum Jahre zwischen 1979 und 1981 angegeben sind. Der in diesen Büchern auf insgesamt ca. 820 Seiten behandelte Zeitraum reicht von den Anfängen bis zum Jahr 1939. Es sind jeweils mehrere VerfasserInnen angegeben. Ein Vermerk im Band für den 6. Jahrgang „übersetzt von Libuše Hacupková“[7] weist darauf hin, daß nicht alle AutorInnen aus der damaligen Tschechoslowakei stammen dürften; mit größter Wahrscheinlichkeit handelt es sich um sowjetrussische VerfasserInnen. Im Band 5 findet sich eine Einleitung über den Sinn des Geschichtsunterrichts (s. Kap. 8).

Zur Zeit des Erscheinens der Bücher war in drei der vier Länder das herrschende Regime bereits gut etabliert. In Italien war 1923 – ein Jahr, nachdem der Faschismus an die Macht gekommen war – die Grundschulpflicht von sechs auf acht Jahre ausgedehnt und mit einer umfassenden Neuorganisation der Schulwesens begonnen worden. 1930 wurde für die erste bis fünfte Klasse der Grundschulen die Einheitsfibel („testo unico“) verbindlich eingeführt. Erst ab der vierten Schulstufe sollte die Beschäftigung mit geschichtlichen, geographischen und patriotischen Themen durch fächerorientierte Schulbücher verstärkt werden. Auch diese Bücher wurden staatlich kontrolliert.[8]

Im nationalsozialistischen Deutschland wurde im Jahr 1938 eine allgemeine Schulreform eingeleitet. Dabei wurde die Zahl der Unterrichtsstunden im Fach Geschichte erhöht und der Geschichtsunterricht reichseinheitlich geregelt. Die Lehrbücher wurden neu gestaltet und die Lehrkräfte in Lehrplänen auf die Grundsätze nationalsozialistischer Geschichtsauffassung verpflichtet. In den höheren Schulen war für die erste Klasse ein Vorkurs in Form von Geschichtserzählungen vorgesehen, daraufhin sollte Geschichte in chronologischer Abfolge insgesamt zweimal durchlaufen werden. Mit dem Band für die 6. Klasse begann der zweite Unterrichtszyklus. Durch kriegsbedingte Versorgungs- und andere Schwierigkeiten kam die Neuordnung jedoch nicht zur vollen Wirksamkeit.[9]

Was das tschechische Buch betrifft, so kann sein Erscheinungsdatum (1980-1982) der Periode der sogenannten „Normalisierung“ zugerechnet werden, in der ab 1969 nach einer Zeit der relativen Liberalisierung in der zweiten Hälfte der 60er Jahre („Prager Frühling“ 1968) das Regime die Zügel wieder fest in die Hand genommen hatte Die eigentlichen Entscheidungen wurden jedoch in Moskau getroffen. Daß Geschichtsbücher für die Schule oder Teile daraus Übersetzungen aus dem Russischen darstellten, dürfte kein Einzelfall gewesen sein; so wurden z. B. auch in der DDR teilweise aus dem Russischen übersetzte Geschichtsbücher gedruckt.[10] Da Gymnasien – und analog auch andere höhere Schulen – in der Tschechoslowakei als Oberstufengymnasien geführt wurden, bekamen praktisch alle SchülerInnen dieses Lehrbuch in die Hand. Im Gymnasium wurde dann in der ersten bis dritten Klasse ein Schulbuch „Svĕtové dĕjiny“ (Weltgeschichte) verwendet. in dem chronologisch nochmals der Lauf der Geschichte durchgegangen wurde.[11]

In Österreich war die Periode des Austrofaschismus/österreichischen Ständestaates[12] zu kurz, um von einer wohldurchdachten Schulpolitik sprechen zu können. Trotzdem war der Schulbereich sehr rasch zum Ziel autoritärer Politik geworden.[13] Für Geschichte (ob auch für andere Fächer, ist mir nicht bekannt) war im Juli 1935 ein neuer Lehrplan erstellt worden, der im analysierten Lehrbuch bereits berücksichtigt ist.[14]

3. Zur Frage der Periodisierung und zum Umgang mit Jahreszahlen

Da bereits die Gliederung eines Geschichtsbuchs wichtige Aussagen über die Auffassung von Geschichte erlaubt, die die Verfasser vertreten bzw. den Schülern vermitteln wollen, möchte ich die Analyse der Schulbücher mit der Behandlung dieses Aspekts beginnen. Zu bedenken ist dabei auch, daß Periodisierung eng mit dem Verständnis von Geschichte als „Heilsgeschichte“ zusammenhängen kann. Ein erster Blick auf die Inhaltsverzeichnisse der vier Bücher läßt kaum Gemeinsamkeiten entdecken. Ich möchte daher die Bücher gesondert behandeln und dann erst eine kurze Zusammenfassung versuchen.

Im LIBRO ist die „klassische“ Einteilung in Altertum (bis zum Ende Roms) – Mittelalter (bis zur „Entdeckung Amerikas“) – Neuzeit beibehalten; sie war dem italienischen Autor wohl selbstverständlich. Sie wird jedoch (zumindest im Inhaltsverzeichnis) durch weitere Zeitabschnitte ergänzt: das Risorgimento, den Weltkrieg 1914 – 1918 und den Faschismus. Damit wird – ebenso wie durch das Erscheinungsdatum „im Jahre XIII“ (a. XIII) – die faschistische Zeit als eine neue Ära dargestellt. Unterteilt wird die Darstellung durch viele kleine Kapitelüberschriften, die manchmal Perioden oder Herrscher, häufig aber auch bestimmte Ereignisse bezeichnen: „Die zehn Tage von Brescia“, „Die Märtyrer von Belfiore“, „Der Marsch auf Rom“. Die Einteilung bzw. Datierung wird jedoch nicht konsequent durchgehalten. Die einzige im Buch nach dem Jahr 1922 angegebene Jahreszahl ist 1929: „Nach langen und mühsamen Verhandlungen, die vom Duce persönlich geleitet wurden, wurden am 11. Februar 1929 die Lateranverträge unterzeichnet, die jenem Zwist ein Ende setzten und den Frieden zwischen dem italienischen Königreich und der katholischen Kirche bestätigten.“[15] In einem solchen Zusammenhang wäre es vermutlich von vielen Katholiken als Provokation angesehen worden, hätte man vom „Jahr VII“ gesprochen, und eine solche Provokation konnte kaum im Interesse der faschistischen Führung gelegen sein. Im Unterschied zum Inhaltsverzeichnis folgen die Kapitelüberschriften im Buch selbst einer anderen Logik, die schwer zu durchschauen ist. Am ehesten ist noch zu vermuten, daß der Autor alles, was ihm besonders wichtig erschien, ebenso groß und mit Blockbuchstaben betitelt hat wie „Mittelalter“ oder „Neuzeit“, so z. B. alle drei Unabhängigkeitskriege Italiens. Die letzten Kapitel lauten jedenfalls: „DER FASCHISMUS“ mit einem Unterkapitel „Der Marsch auf Rom“, „DAS FASCHISTISCHE REGIME“ und „UNSER HERRSCHER“ (Sovrano) und stellen damit die faschistische Ära auch optisch in den Vordergrund.

GESCHICHTE besteht aus vier Teilen, die nicht benannt sind. Der erste enthält je einen Abschnitt “Geschichtliche Grundbegriffe“, „Die vorgeschichtliche Zeit“ und „Bilder aus der Geschichte der Heimat und des Vaterlandes“. Der zweite Teil reicht von der „Geschichte des alten Morgenlandes“ bis zum Ende des Karolingerreiches, der dritte bis Karl VI. und der vierte bis zur Zeit der Herausgabe des Buches. Hier ist die klassische Einteilung durchbrochen, obwohl die Begriffe „Mittelalter“ und „Neuzeit“ gelegentlich verwendet werden. Griechen und Römer verlieren in dieser Gliederung etwas an Bedeutung, da der Abschnitt nicht mit dem Untergang Roms endet, sondern mit dem Ende des Frankenreiches. Ebensowenig beenden oder eröffnen die Entdeckungen einen neuen Abschnitt, sondern die Zäsur zwischen dem dritten und vierten Teil liegt zwischen Karl VI. und Maria Theresia. Mit letzterer beginnt eine neue, gerechtere Zeit: das Zeitalter des aufgeklärten Absolutismus.[16] Ich kann aber nicht ausschließen, daß diese Einteilung auch nur auf einer mengenmäßigen Verteilung des Stoffes auf vier Teile beruhen könnte.

VOLK UND FÜHRER für die 6. Klasse geht bis zum Tod Friedrichs II. (1250) und enthält zwei Hauptteile mit Überschriften, die bereits die dem Schüler erlaubte Interpretation enthalten: „Die Geschichte des nordischen Menschen ist Ursprung und Kern der Weltgeschichte“ und „Germanentum und Deutschtum gestalten Weltgeschichte“. Gegenüber diesen Haupttiteln nehmen sich die kleineren Kapitelüberschriften noch relativ sachlich aus, obwohl auch sie noch reichlich Wertung enthalten wie z. B. „Die Germanen in siegreicher Abwehr“ oder „Die Bedrohung des Abendlandes durch die orientalische Welt“. Band 7, der die Zeit von 1250 bis 1850 umfaßt, trägt den Titel „Deutsches Ringen um Lebensraum, Freiheit und Einheit“, Band 8 beginnt mit Bismarck und nennt sich „Der Weg zum Großdeutschen Reich“. Die Einteilung in Altertum – Mittelalter – Neuzeit ist hier ebenfalls durchbrochen. Nach Selmeier lehnten die nationalsozialistischen Geschichtsdidaktiker sowohl eine zyklische als auch eine lineare Geschichtsdeutung strikte ab; sie zerlegten den zeitlichen Ablauf „in drei scharf sich von einander abhebende und zeitlich aufeinander folgende Abschnitte, die jeweils spezifische Strukturen aufweisen und eigenen Gesetzen folgen: in die germanische, die deutsche und die nationalsozialistische Phase.“[17] Mit dieser Einteilung stimmt die Aufteilung von VOLK UND FÜHRER auf die einzelnen Klassen nicht ganz überein, da „Germanentum“ und „Deutschtum“ in Band 6 zusammengenommen wurden. Innerhalb der großen Abschnitte wird nicht so sehr chronologisch als gedanklich gegliedert, mit Rückgriffen auf frühere Zeitperioden. Es ist teilweise recht schwer, bestimmte Ereignisse oder Perioden unter Titeln wie „Nachbarvölker erstarken“, „Randmächte steigen auf“, Wille und Weg“ oder „Kämpfe und Siege“ zu finden. Offensichtlich stand für die Autoren die Absicht, bereits in den Überschriften Interpretationen zu geben, im Vordergrund.[18] Gelegentlich wird dennoch von „Mittelalter“ oder „Neuzeit“ gesprochen, und das Kapitel über Entdeckungen, Renaissance und Humanismus enthält den Satz „Eine ‚neue Zeit’ hob an; in diesem Sinn hat die herkömmliche Geschichtseinteilung ihre Berechtigung.“[19]

DĔJEPIS weist im Inhaltsverzeichnis die in sozialistischen Ländern übliche marxistisch-leninistische Geschichtsteinteilung auf: von der Urgemeinschaft (prvobytná pospolná společnost) über die Sklavenhaltergesellschaft (otrokářská společnost), die feudale (feudalní) und die kapitalistische (kapitalistická) zur sozialistischen Gesellschaft (socialistická společnost). Die Grenzen zwischen Band 5 und 6 liegen bei ca. 1150 (Frühfeudalismus); Band 7 beginnt mit dem Revolutionsjahr 1848 und ist nochmals unterteilt, wobei die Grenze die russische Revolution von 1917 bildet.

Zusammenfassend kann man also sagen, das sich nur IL LIBRO an die klassische Einteilung in Altertum – Mittelalter – Neuzeit hält, die dann noch erweitert wird. In den anderen drei Büchern geht jeder Autor von seinem eigenen Verständnis aus und setzt die großen Zäsuren der neueren Zeit dort, wo für ihn besonders wichtige Ereignisse stattfinden: der deutsche Autor bei Bismarck und der Gründung des „Zweiten“ deutschen Reiches (einer der „Knotenpunkte“ deutscher Geschichte bei W. Schulze[20] ), die österreichischen Verfasser bei Maria Theresia, die tschechischen bei den Revolutionen von1848 und 1917 (1917 ist bei Schulze ein „europäisches Epochenjahr“[21] ), wobei zu bemerken ist, daß über das Revolutionsjahr 1848 in DĔJEPIS mehrmals gesagt wird, es habe sich zwar um bürgerliche Revolutionen gehandelt, der Hauptträger des Kampfes sei jedoch das „Volk“ gewesen.[22] Die (bürgerliche) Französische Revolution von 1789, laut Schulze ein „tiefer Bruch der gesamten europäischen Geschichte“ bzw. der „Mittelpunkt unseres weiten Neuzeitbegriffs“[23], bildet in keinem der drei Schulbücher eine besondere Zäsur.[24] Der Vergleich der Schulbücher zeigt deutlich, wie relativ und auf den jeweiligen Standpunkt bezogen Periodisierungen sind. Wenn Schulze die Periodisierung ein „flexibles Verfahren der Bildung von historischen Sinneinheiten“[25] nennt, dann hat er die „Prozessualisierung“, die „problemorientierte Methode der Periodisierung“[26] im Sinn. Die Schulbuchanalyse macht deutlich, daß Periodisierung ebenso ein flexibles Verfahren der Bildung von Sinneinheiten im Dienste von Ideologien darstellen kann.

In DĔJEPIS und IL LIBRO kommt am deutlichsten eine lineare Geschichtsauffassung zum Ausdruck, die zugleich als “Heilsgeschichte” begriffen wird, was nicht ausschließt, daß im Laufe der Geschichte Höhen und Tiefen miteinander abwechseln. Die Vorstellungen darüber, worin das „Heil“ besteht, sind jedoch in den beiden Büchern sehr verschieden. Liegt es in DĔJEPIS in der klassenlosen Gesellschaft, die nach der sozialistischen kommen und eine Rückkehr zum glücklichen Urzustand bringen soll, so ist es für IL LIBRO der Faschismus, der den italienischen „Neuen Menschen“, den „uomo nuovo“, hervorbringen wird. Für VOLK UND FÜHRER liegt das Heil zweifellos im „Großdeutschen Reich“, doch wird die lineare Geschichtsauffassung abgelehnt. Andere, auf die nationalsozialistische Herrschaft bezogene, ausgesprochen „heilsgeschichtliche“ Begriffe wie „Drittes Reich“ oder „Tausendjähriges Reich“ dürften in VOLK UND FÜHRER nicht aufscheinen.[27]

Schwieriger ist die Beurteilung bei GESCHICHTE. Der Schock über die noch nicht lange zurückliegende Katastrophe, mit der der Erste Weltkrieg geendet hatte, und die Auflösung der österreichisch-ungarischen Monarchie sind noch zu deutlich spürbar, als daß ein eindeutiges Streben in Richtung eines glücklichen Zustands glaubhaft wäre. Die Autoren des Geschichtsbuches lösten dieses Problem, indem sie den „kulturellen Aufstieg Österreichs vor dem Weltkrieg“ unterstreichen, der von außen her zerschlagen wurde, und andererseits mit der Betonung von „Österreichs deutscher Sendung“ Österreich an die Seite des bereits nationalsozialistischen Deutschland und dessen Streben nach einem Sieg des Deutschtums stellen; auf diese Zwiespältigkeit möchte ich noch zurückkommen. Der geschichtliche Teil des Buches (d. h. ohne „Bürgerkunde“) endet sehr bescheiden mit dem Ausdruck der Hoffnung auf eine „bessere Zukunft“.

Wie in Kapitel 6.3.1. gezeigt werden wird, nennen drei der vier Bücher – das italienische, deutsche und österreichische – explizit einen „Retter“.

Was die Jahreszahlen betrifft, so behalten IL LIBRO und GESCHICHTE, aber auch VOLK UND FÜHRER wo nötig die übliche Zählung „v.Chr.“ bzw. „n.Chr.“ bei, obwohl ich aus eigener Erinnerung weiß, daß es im nationalsozialistischen Deutschland auch die Ausdrücke „vor der Zeitenwende“ und „nach der Zeitenwende“ gegeben hat. DĔJEPIS verwendet die Formen “před n.l.” (před naším letopočtem = vor unserer Zeitrechnung) und „n.l.“ (našeho letopočtu = unserer Zeitrechnung), die den deutschen Abkürzungen „v.u.Z.“ und „u.Z.“ entsprechen.[28] Bei dieser Form der Angabe fällt (im Gegensatz zu „Zeitenwende“) die Asymme-trie auf. Es handelt sich bei dieser Sicht nicht mehr um ein Ereignis, von dem aus man nach vorwärts oder rückwärts zählt, sondern um die Einführung einer praktischen Meßmethode. Ganz in diesem Sinn wird auch dem Band für die 5. Klasse ein einleitendes Kapitel „Wie wir die Zeit zählen und messen“ hinzugefügt, in dem die verwendete Meßmethode relativiert wird. Es heißt dort: „Einige Völker setzten den Beginn der Zeitrechnung gemäß der angenommenen Schöpfung der Welt an (Juden), Die Ägypter nach der Regierung der einzelnen Herrscher, die Griechen von der Abhaltung der ersten Olympischen Spiele an, die alten Römer von der Gründung der Stadt Rom, die Christen von der angeblichen Geburt Christi. Heute verwendet man aus praktischen Gründen fast auf der ganzen Welt eine einheitliche Zeitrechnung, die von der christlichen Zeitrechnung ausgeht.“[29] GESCHICHTE führt eine weitere mögliche Form der Zeitrechnung an, und zwar die mohammedanische. Il LIBRO und VOLK UND FÜHRER problematisieren die Art solcher Angaben nicht.

[...]


[1] Obwohl es sich eigentlich um den Teil eines Buches handelt, wird aus praktischen Gründen in der Folge von einem „Buch“ gesprochen. Dasselbe gilt analog, nur umgekehrt, auch von den verschiedenen Bänden des tschechischen und deutschen Lehrbuchs.

[2] vgl. B. Allmann, 1992, S.73-75

[3] Eine 3. Auflage kam 1937 unverändert heraus.

[4] ÖstA/AVA, BMfU, 30.093/II-9/35

[5] vgl. F. Selmeier, 1969, S.403

[6] Laut Kleinem Brockhaus, 1961, erfolgte in Deutschland durch eine Regierungsanordnung von 1941 die Verdrängung der Frakturschrift.

[7] Auf der letzten Seite ist – abweichend von der ersten Seite – angegeben: „übersetzt von Libuše Hamplová“.

[8] vgl. B. Allmann, 1992, S.46-47 und 69-72

[9] vgl. F. Selmeier, 1969, S.46-63, 107-136 und 166-168

[10] vgl. Institut für Geschichte..., 1951

[11] siehe Literaturverzeichnis unter J. Charvát

[12] Ich verwende hier beide Ausdrücke, da ich nicht auf die Debatte, ob das österreichische Regime von 1933 bis 1938 als „Faschismus“ zu bezeichnen sei, eingehen möchte. Für die Schulbuchanalyse reicht die Feststellung, daß es sich um eine Art von Diktatur gehandelt hat.

[13] vgl. H. Dachs, 1988, S.180

[14] vgl. Vorwort zu GESCHICHTE

[15] IL LIBRO, S.198. Im Original: “Dopo lunghe e laboriose trattative, dirette personalmente dal Duce, l’11 febbraio 1929 fu firmato il Trattato del Laterano, che pose fine a quel dissidio e sancì la pace fra il Regno d’Italia e la Chiesa Cattolica.” Alle Übersetzungen sind – wenn nicht anders angegeben – von mir für diese Arbeit angefertigt worden.

[16] vgl. GESCHICHTE, S.159

[17] F. Selmeier, 1969, S.285

[18] vgl. auch Kapitel 5

[19] VOLK UND FÜHRER, Band 7, S.60

[20] vgl. W. Schulze, 1996, S.35

[21] vgl. a.a.O., S.37

[22] vgl. DĔJEPIS, Band 7/I, S.22

[23] W. Schulze, 1996, S.26 bzw. 34

[24] Das Herausarbeiten von „Sattelzeiten“, wie sie Kosseleck für 1750 – 1850 und Schulze selbst für das späte 15. Jahrhundert bis in die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts postuliert – vgl. S.28, 136 und 29 –, ist von Schulbüchern älteren Datums kaum zu erwarten.

[25] W. Schulze, 1996, S.32

[26] A.a.O., S.171

[27] Laut Berning waren diese Bezeichnungen teilweise bei den Nationalsozialisten nicht beliebt und zeitweise sogar verboten. Auch vom „Großdeutschen Reich“ sollte zumindest im Zusammenhang mit der Eingliederung Österreichs nicht gesprochen werden, um nicht den Verzicht auf weitergehende Gebietsansprüche zu suggerieren – vgl. Berning, 1964, S.55-58, 97 und 182-183

[28] vgl. z.B. Institut für Geschichte..., 1951, Band Altertum

[29] DĔJEPIS, Band 5, S.10-11. Im Original: “Nĕkteré národy si stanovily začátek letopočtu podle domnĕlého stvoření svĕta (Židé), Egypťané podle panování jednotlivých vládců, Řekové od konání první olympiády, staří Řimané od založení mĕsta Říma, křesťané od údajného narození Kristova. Dnes se z praktických důvodů používá témĕř na celém svĕtĕ jednotného letopočtu, vycházejícího z letopočtu křesťanského.”

Details

Seiten
30
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783638229784
ISBN (Buch)
9783638691543
Dateigröße
688 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v18692
Institution / Hochschule
Universität Wien – Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte
Note
1
Schlagworte
Geschichtsbücher Zeiten Herrschaft Schulbuchanalyse Einführung Studium Geschichte

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Titel: Geschichtsbücher zu Zeiten totalitärer Herrschaft; Schulbuchanalyse