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Divergente Geschlechter-Arrangements und Betreuungssituationen als Ergebnis wohlfahrtstaatlicher Familienpolitik in Frankreich und Deutschland

Hausarbeit 2011 19 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Politik in Frankreich und Deutschland

2 Wohlfahrtstaatliche Kategorisierungen

3 Wohlfahrtstaatliche Familienpolitik in Frankreich und Deutschland
3.1 Die Analyse von Statistiken
3.2 Traditionelle Leitbilder
3.3 Föderalismus und das Subsidiaritätsprinzip
3.4 Historische Erblasten
3.5 Anreizpolitik und Transferleistungen
3.6 Reformen und ein Blick auf die DDR

4 Mentalitätsunterschiede in Frankreich und Deutschland

Ausblick und Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Im Titel der Hausarbeit findet sich der Begriff „Geschlechter-Arrangements“. Jener Begriff wird von Birgit Pfau-Effinger benutzt, um den Aushandlungsprozess zwischen kulturellen Leitbildern zur Familie mit den spezifischen Geschlechterverhältnissen einerseits und die wohlfahrtstaatliche Politik anderseits darzustellen (Pfau-Effinger, 1998, S. 184).

Ländertypische Geschlechter-Arrangements und der Einfluss der jeweiligen Politik sind der thematische Schwerpunkt dieser Hausarbeit. Die Institution „Familie“ soll als Spiegel der wohlfahrtstaatlichen Politik dienen.

Im ersten Teil werden die Besonderheiten und Merkmale französischer und deutscher Politik erarbeitet. Die zentralistische Organisation Frankreichs auf der einen Seite und das Prinzip des Föderalismus in Deutschland auf der anderen Seite spielen hierbei eine große Rolle und beeinflussen damit auch die Familienpolitik.

Bezugnehmend auf die Thematik des Seminars „Europäische Wohlfahrtsstaaten im Vergleich“, findet im zweiten Schritt eine Kategorisierung der Wohlfahrtregimes statt. Grundlage für die Einordnung werden die Modelle der Wohlfahrtsregime von Gøsta Esping-Andersen sein. Interessanterweise werden Deutschland und Frankreich demselben wohlfahrtstaatlichen Regimes zugeordnet und dennoch zeigen sich in sozialen Bereichen signifikante Unterschiede (vgl. Schultheis, 1995, S. 765, Esping-Andersen, 1998, S. 44, Callouj/Gamal, 2008, S.212, Träger, 2010, S.301).

Im dritten Teil der Arbeit liegt der Fokus auf die konkreten familienpolitischen Maßnahmen Frankreichs und Deutschlands. Es wird ergründet, ob die beiden Länder „Schwestern oder entfernte Kusinen“ sind (Fangnagi, 2004, Aufsatztitel). Es soll die Frage geklärt werden, inwiefern sich die familienpolitischen Maßnahmen unterscheiden und ob jene Maßnahmen als Ursache für die differenten weiblichen Erwerbsstrukturen in Frage kommen. Denn „während in Deutschland die Familiengründung immer noch dazu führt, dass es zu einem typisch weiblichen und typisch männlichen Erwerbslebenslauf kommt, haben sich männliche und weibliche Berufsbiografien in […] Frankreich weitgehend angeglichen“ (Vinken, 2007, S. 7).

In einer Demokratie ist die politische Konstellation der Parteien immer auch ein Ergebnis der nationalen Mentalität. Deshalb werden im vierten Kapitel die ungleichen öffentlichen Meinungen über die „Geschlechter-Arrangements“ in Frankreich und Deutschland analysiert. Die „Rabenmutter“, welche ihre Kinder vernachlässigt, ist hierbei stellvertretend für Mentalität in der Bundesrepublik Deutschland. Die „Mère poule“ (= Gluckenmutter) beschreibt das negative Bild der französischen Gesellschaft von Müttern, welche ihre Kinder „verweichlichen“. Um eine öffentliche Meinung festzustellen, eignen sich Zeitschriften und Online-Ausgaben etwa von „Die Zeit“. Im letzten Teil der Arbeit werden Anstöße für eventuelle Auswege aus den sich andeutenden gesellschaftlichen Problemen gegeben. Untermauert werden die folgenden Darstellungen mit aktuellen Statistiken von „Eurostat“ und Erhebungen der OECD, Auszügen aus Sammelbänden und diversen Monographien und Untersuchungen. Am Ende der Hausarbeit soll die Frage geklärt sein, welchen Einfluss Kultur/Mentalität und (Familien-)Politik auf die unterschiedlichen Erwerbsstrukturen von Frauen und speziell Mütter, haben.

1. Politik in Frankreich und Deutschland

Im folgenden Kapitel werden die politischen Systeme Frankreichs und Deutschlands dargestellt und miteinander verglichen. Eine Beschreibung der Politik trägt dazu bei, die Leistungsfähigkeit der Regierungen einzuschätzen, sowie die Art und Weise der Durchsetzung familienpolitischer Maßnahmen nachzuvollziehen.

Frankreich ist eine laizistische, demokratische und soziale Republik und mit seiner Politik beispielhaft für einen demokratischen Zentralstaat. Seit der französischen Revolution sowie unter Napoleon I., haben sich zentralistische und hierarchische Strukturen entwickelt. Zwar wurde versucht, den zentralistischen Strukturen durch Gesetzesänderungen entgegenzuwirken und die Gemeinden unabhängig zu machen, doch die exekutivlastige Regierung in Paris hat eine allumfassende Kontrollfunktion und bestimmt über den Großteil aller Geldmittel bis hin zu den Finanzen der Gemeinden (vgl. Ismayr, 2003, S. 340). Frankreich ist in 25 Regionen, 101 Départements und 36680 Kommunen aufgeteilt (vgl. Ismayr, 2003, 341). Die Verwaltungsstrukturen sind wie erwähnt, zentralisiert und weitestgehend homogen. Einflussreiche Entscheidungen können schnell umgesetzt werden und regionale Differenzen sind marginal trotz des Dezentralisierungsgesetzes (vgl. Ismayr, 2003, S. 340).

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit (französisch: liberté, égalité, fraternité) repräsentieren seit der Revolution das tief verwurzelte Gedankengut der französischen Bevölkerung. Geschichtlich gewachsene Werte und Normen haben einen großen Einfluss auf die gleichorientierte Erziehung und Kultur. In keinem anderen Land in Europa spielt geschichtlich begründetes politisch-soziales Denken so eine große Rolle. Die scheinbare Macht des Staates verunsichert die Bevölkerung, denn eine politische Partizipation im europäischen Vergleich ist schwierig. Die Bevölkerung erwartet daher ein Mindestmaß an Freiheit und staatlicher sozialer Absicherung (vgl. Ismayr, 2003, S. 338).

Die öffentliche Meinung konzentriert sich in Frankreich in Verbänden und Vereinigungen und nicht selten werden öffentlichkeitswirksame Demonstrationen als Mittel zur Meinungsäußerung gewählt (vgl. Ismayr, 2003, S.337, 338).

Ebenso wie Frankreich ist auch Deutschland eine demokratische Republik, bestehend aus 16 Bundesländern. Sie ist ein freiheitlich-demokratischer und sozialer Rechtsstaat. Anders als in Frankreich finanzieren sich die Länder und Kommunen größtenteils aus den Lohn- und Umsatzsteuern. Umfangreiche Möglichkeiten zur politischen Partizipation wie zum Beispiel in Gewerkschaften, Verbänden und Parteien sorgen für eine hohe Demokratiezufriedenheit. Deutschland ist bestrebt, die Konzentrationen politscher Mächte durch einen ausgeprägten Föderalismus zu verhindern. Den Ländern und Kommunen kommen so umfangreiche Entscheidungsbefugnisse zu (vgl. Ismayr, 2003 S. 469 ff.). In der Konsequenz unterscheidet sich die Politik der Deutschen regional und ist im Vergleich zur homogenen französischen Politik eher heterogen (vgl. Schultheis, 1995, S. 765). Zwar verfügt Deutschland wie jedes Land über eine spezifische Mentalität, aber geschichtlich erwachsene Werte und Normen wie in Frankreich existieren nicht. Mit dem Blick auf die nationalsozialistische Vergangenheit werden derartige Bestrebungen von der Öffentlichkeit missbilligt (vgl. Schultheis, 1995, S.768).

Obwohl beide Länder eine demokratische Republik sind, unterscheiden sie sich in der Mentalität der Bevölkerung und dem politischen Habitus. Das Parlament in Frankreich übt durch die starke Exekutive und einer ablehnenden Haltung der Parteien zum Parlamentarismus (vgl. Ismayr, 2003, S.316) weniger politische Macht aus als in Deutschland. Ismayr benutzt hier den Begriff des „rationalisierten Parlamentarismus“ (Ismayr, 2003, S. 312). Während in Frankreich öffentliche Forderungen eher an die starken Ministerien gerichtet werden, müssen öffentliche Anliegen in Deutschland entsprechend der Gesetzeslage in die parlamentarischen Organe der Länder, Kommunen, usw. gegeben werden. Der Entscheidungsprozess nimmt daher mehr Zeit in Anspruch, aber die Demokratie in Deutschland ist, auch durch die Verfassung bestärkt, die konsequenter Ausgeführte (vgl. Ismayr, 2003, S.481).

Schon in der groben Analyse der deutschen und französischen Politik zeigen sich bereits Unterschiede. Deutschland und Frankreich verstehen sich als soziale Staaten. Die Beschreibung „sozial“ ist unmittelbar mit dem Begriff der „Wohlfahrt“ verbunden. Die erwähnten Unterschiede werden in der wohlfahrtstaatlichen Einordung und Analyse noch prägnanter.

2. Wohlfahrtstaatliche Kategorisierungen

„Wohlfahrt“ ist ein zentraler Begriff dieser Arbeit. „Die Wohlfahrt stellt einen der höchsten individuellen und damit auch gesellschaftlichen Werte dar, […] und ist vom Grad ihrer Verwirklichung abhängig. Die konkreten Bestimmungsfaktoren der Wohlfahrt verändern sich im Zuge des Wandels der individuellen Werthaltungen“ (vgl. Brockhaus online Enzyklopädie, Suchbegriff: „Wohlfahrt“). Ein Staat, welcher bestrebt ist durch weitreichende, gestaltende Maßnahmen das Wohlergehen seiner Bürger zu steigern, z.B. durch die Herstellung von sozialer Sicherheit, wird als Wohlfahrtsstaat bezeichnet (vgl. Brockhaus online Enzyklopädie, Suchbegriff: „Wohlfahrtsstaat“). Politik und Wohlfahrt stehen im direkten Zusammenhang. Den spezifischen wohlfahrtstaatlichen Konfigurationen in Deutschland und Frankreich kommt „eine Schlüsselrolle für die Erklärung internationaler Differenzen in der Erwerbsbeteiligung zu“ (Pfau-Effinger, 1998, S.180).

Um die Frage nach den Ursachen jener divergenten weiblichen Erwerbsstrukturen zu beantworten, muss der Fokus dementsprechend auf die wohlfahrtsstaatlichen Konfigurationen der Länder gelegt werden.

Der dänische Sozial- und Politikwissenschaftler Gøsta Esping-Andersen hat mit seiner einschlägigen Literatur den Versuch unternommen, wohlfahrtsstaatliche Regimes zu kategorisieren. Er unterscheidet 3 wohlfahrtsstaatliche Regimes.

Als erste Kategorie beschreibt er die liberalen Wohlfahrtsstaaten. In liberalen Regimes sind wohlfahrtstaatliche Maßnahmen vom Markt gesteuert und die Leistungsfähigkeit der Sozialversicherungen eher bescheiden. Die staatlichen Fürsorgeangebote, um sich vom Arbeitsmarkt unabhängig zu machen, sind beschränkt. Die Bürger müssen sich größtenteils privat versichern. Die sogenannte Dekommodifizierung (= Abkopplung sozialer Sicherheit vom Arbeitsmarkt) ist entsprechend niedrig. Durch eine niedrige Dekommodifizierung ist der Statusverlust bei Arbeitslosigkeit hoch, lediglich universelle und niedrige Transferleistungen sorgen für einen residualen Statuserhalt. Beispielhaft für liberale Wohlfahrtssysteme sind Großbritannien und die USA (Esping-Andersen, 1998, S.43, 44).

Das steuernde Element der zweiten Kategorie, des sozialdemokratischen Regimes ist der Staat. Umfangreiche staatliche Leistungen sorgen für einen Statuserhalt bei Arbeitslosigkeit und Arbeitsunfähigkeit. Angestrebt ist die Gleichheit aller Bürger. Die Dekommodifizierung ist dementsprechend hoch. Allerdings ist die Vollbeschäftigungsidee und hohe Steuersätze die finanzielle Grundlage für ein sozialdemokratisches Regime. Archetypische hierfür sind Norwegen und Finnland (Esping- Andersen, 1998, S.44, 45).

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Details

Seiten
19
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656100003
ISBN (Buch)
9783656100188
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v186879
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
1,0
Schlagworte
Wohlfahrtstaaten Wohlfahrtssysteme Frankreich Deutschland Familienpolitik Geschlechter-Arrangements Betreuungssituationen Wohlfahrtstaatliche Kategorisierungen Subsidiaritätsprinzip Mentalitätsunterschiede Pfau-Effinger Esping-Andersen Geburtenrate demographischer Wandel

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