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Vom Symposion in die Geschichtswissenschaft

Die Theognissammlung als Quelle zur Aristokratie des archaischen Griechenlands

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 17 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Quellenproblematik
2.1. Person des Verfassers
2.2. Mögliche nachträgliche Verfälschung

3. Das Adelsbild der Theognidea
3.1. Die soziale Scheidung
3.2. Tugendhaftigkeit versus Materialismus
3.3. Politische Implikationen
3.4. Erotischer Inhalt

4. Fazit

Literaturliste

1. Einleitung

Die unter dem Namen Theognidea zusammengefaßten elegischen Gedichte aus archaisch­griechischer Zeit werden auch heute noch als Zeugnisse über die Lebenswirklichkeit damaliger Menschen im griechischen Raum herangezogen. Gerade aufgrund ihres weit aufgespannten thematischen Horizonts lassen sich - je nach Herangehensweise und quellenkritischer Befähigung des Lesers - aus ihnen viele Aussagen über politische, soziale und kulturelle Umstände des, wenngleich schwierig einzugrenzenden, Abfassungszeitraums herauslesen.

Die mutmaßliche Abfassung des Großteils des Textcorpus fällt in die Zeit großer gesellschaftlicher Umwälzungen in den griechischen Poleis. Angesichts einer aufstrebenden bürgerlichen Schicht und der Zunahme sozialen Aufstiegs durch geschäftlichen Erfolg sah sich die bestehende Nobilität mit einer fortschreitenden Gefährdung ihrer oligarchischen Vormachtstellung konfrontiert. Insbesondere über das Selbstverständnis des zeitgenössischen Adels sowie seine Reaktion auf das Auftreten erster homines novi scheint die „Sammlung von Texten unterschiedlicher Autoren aus der Zeit von der Mitte des 7. bis zu den ersten Dekaden des 5. Jh., die unter dem Namen des Dichters Theognis von Megara zusammengefasst und tradiert wurde“[1], Erkenntnisse bereitzuhalten.

Hierbei gilt es jedoch, diverse einschränkende Faktoren hinsichtlich der Authentizität und geschichtswissenschaftlicher Verwertbarkeit der Theognidea zu beachten. Neben offensichtlichen Problemen bei der Zuhilfenahme lyrischer Textzeugnisse - künstlerische Verdichtung realer Eindrücke, Verwendung rhetorischer Figuren wie Metaphern oder pars pro toto - sind dies vor allem die Unsicherheiten hinsichtlich Ort und Zeit der ersten Niederschrift, Kontingenz des Textcorpus, möglicher nachträglicher Veränderungen in der Überlieferung sowie nicht zuletzt auch die kaum zu rekonstruierenden Urheberschaften der einzelnen elegischen Distichen. In diesem Sinne ist auch bei der Auswahl von ergänzender Sekundärliteratur zu beachten, daß die oben genannten Unklarheiten die Texte vielseitig auslegbar machen und somit sogenannte »Bestätigungsfehler« in der Exegese begünstigen, also es dem Interpreten leicht machen, seine Vorerwartungen an den Text bestätigt zu finden.

In der vorliegenden Arbeit sollen quellenkritische Ansätze nur eingangs und oberflächlich behandelt werden, um den Hauptteil für die Analyse des Theognideischen Corpus aufwenden zu können. Im Fokus der Exegese steht dabei die Suche nach Zeugnissen über Zustand, Selbstverständnis, Wirkabsicht und Ideologie des archaischen griechischen Adels. Naturgemäß wird sich die Arbeit zu diesem Zweck vorwiegend auf die Gedichte des »Ersten Buchs« der Theognidea konzentrieren und die Distichen vorwiegend päderastischen Inhalts aus dem »Zweiten Buch« aus der Betrachtung weitestgehend aussparen, obgleich es sich bei der paiderastia um ein wichtiges Element der antiken griechischen Ausbildung junger Adliger handelte: „Im Lykeion und in der Palaistra, bei den Agonen und beim Symposion trafen athenische Männer der Oberschicht sich mit den Adoleszenten zu gemeinsamem Tun, das der geistigen und körperlichen Erziehung diente. [...] Er [der eromenos, N. W.] erfuhr von deren Erfahrungen, lernte kennen, was sich gehörte und nach welchen Idealen sich zu leben lohnte.“[2] Insbesondere letzterer Aspekt korreliert mit der Nutzung der Theognidea als Sinnsprüche zur Unterweisung in standesgemäßer Lebensführung. Vielfach adressiert an einen gewissen Kyrnos, der von wissenschaftlicher Seite heute übereinstimmend in der Rolle eines fiktiven eromenos des Verfassers gesehen wird, waren die Elegien für eine pädagogische Verwendung geradezu prädestiniert; diese gleichsam »profane« Nützlichkeit dürfte maßgeblich zu ihrer Fortschreibung und Tradierung beigetragen haben. „Nach den antiken Textzeugen und Zitaten zu urteilen, müssen insbesondere die ihm zugeschriebenen kurzen Sprüche bekannter gewesen sein als die Verse aller anderen Elegiker. Wegen ihres moralischen Inhalts wurden sie besonders gern für Schulübungen eingesetzt - aber eben nicht als geachtete Kunstwerke, sondern als nützliche volkstümliche Sprichwörter.“[3]

Zusammenfassend sollen also die Theognidea hinsichtlich ihrer Aussagekraft über die Lebensumstände und qualitativen Selbstzuschreibungen des griechischen Adels in einer politischen Transformationsphase der archaischen Zeit untersucht werden, gemäß „[...] dem in den Theognidea recht einheitlichen topischen Bild vom edlen und weisen Mahner gegen den Geist der neuen Zeit.“[4]

2. Ouellenproblematik

2.1. Person des Verfassers

Die im Theognideischen Textcorpus gesammelten Elegien sind bereits Gegenstand zahlloser wissenschaftlicher Erörterungen geworden, wobei sich primär Altphilologen und Historiker an der Materie abgearbeitet haben. Im Hinblick auf die geschichtswissenschaftliche Verwertbarkeit der Quelle steht die Unklarheit über die Zuordnung der einzelnen Gedichte zu konkreten Verfassern im Vordergrund, insbesondere weil ein Großteil der Distichen wenig direkte Aussagekraft hat, sondern eher topischen Inhalts und folglich sehr allgemein gehalten ist.

Das mangelnde Wissen um die jeweilige Autorschaft („Wir haben nicht viel mehr als die ihm zugeschriebenen Gedichte, um den Dichter kennenzulernen.“[5] ) bedingt, daß nur selten etwas über die Lebensumstände und insbesondere den sozialen Status des jeweils »Sprechenden« ausgesagt werden kann. Hierbei läßt sich meist nur direkt aus dem textlichen Inhalt ableiten, von welcher gesellschaftlichen Warte aus der Dichter argumentiert. Da die Unterscheidung zwischen »Guten« (dyaßoi) und »Schlechten« (како!) im Sinne einer sozialen Trennlinie[6] durch den gesamten Textcorpus verläuft, liegt der Rückschluß nahe, daß der oder die Verfasser selbst einer höhergestellten sozialen Schicht und - eingedenk der zwar nicht klar zu definierenden, aber doch auf die archaische Zeit eingrenzbaren Abfassungszeit[7] - folglich dem Adelsstand angehörte(n); eine derartige Abgrenzung ist „nur dann sinnvoll, wenn der Sprecher sich selbst der ersten Gruppe zurechnet.“[8]

Da sich mindestens die direkt an den ominösen Adressaten Kyrnos gerichteten Elegien durch einen sehr belehrenden Duktus auszeichnen, kann ebenso von Angehörigen der Aristokratie als vornehmlichem Zielpublikum der Gedichte, die in diesem Fall der Erziehung und Selbstvergewisserung gedient haben dürften, ausgegangen werden: „Sie gehörten der

Führungsschicht an, und ihre Gedichte sind durch deren Lebenswelt, Werte und Ideale geprägt. Ihr Publikum war traditionell der Kreis ihrer Standesgenossen beim sozial exklusiven Ritual des Gastmahls.“[9] Dennoch ist aufgrund der dezidierten Uneindeutigkeit anderer Stellen anzunehmen, daß der Adel nicht ausschließlicher Adressat der in den Theognidea zum Ausdruck gebrachten gesellschaftlich-moralischen Ansichten und Lehren gewesen ist: „Der Dichter mehrerer Stücke sieht seine Aufgabe in der Weitergabe von Weisheit, insbesondere im Lebensrat für junge Adlige. Der Adel ist in einigen Gedichten angesprochen, andere sollten auch über diese Kreise hinaus und auch an anderen Orten und zu anderen Zeiten wirken.“[10]

Gleichsam ist der Abfassungs- bzw. Handlungsort der Gedichte unklar. Es stellt sich also die berechtigte Frage, inwieweit die Theognidea als Zeugnisse des adligen Standesbewußtseins im »ganzen« archaischen Griechenland (das überdies erst einmal geographisch definiert werden müsste) herangezogen werden können. Es kann jedoch aus geschichtswissenschaftlicher Sicht davon ausgegangen werden, daß die sozialen Spannungen und sich abzeichnenden Umwälzungen, die im Corpus skizziert werden, ein »panhellenisches« Phänomen waren, da die Gesellschaftsstrukturen der archaischen Poleis sich in wesentlichen Punkten glichen: „Die Bauernschaft litt vielerorts unter Armut, Verschuldung und Versklavung, die Aristokraten rivalisierten zunehmend stärker um Reichtum, Status und Macht, die Gemeinwesen wurden immer wieder durch Kriege und blutige Machtkämpfe erschüttert. Diese Grundfaktoren waren auf vielfältige Weise miteinander verbunden und verstärkten sich dadurch gegenseitig.“[11]

2.2. Mögliche nachträgliche Verfälschung

Eine grob geschätzte Überlieferungszeit von etwa 2.500 Jahren sowie instabile Textträger wie Ostraka und Papyri[12] - die mittelalterlichen Handschriften[13] einmal außer acht gelassen - bieten hinreichend Anlaß zur Befürchtung, die »originalen« Inhalte könnten aufgrund von Abschriftfehlern, mit der Zeit verlorenen Textverständnisses und nicht zuletzt jeweils zeitgeistopportuner Edierung fortlaufend verfälscht worden sein, sodaß folglich heute mit Theognidea gearbeitet würde, die vom ursprünglichen Textcorpus abweichen und sich daher nur sehr bedingt zur geschichtswissenschaftlichen Analyse eignen.

Exemplarisch für heute nicht mehr zu rekonstruierende Textstellen sei v. 1202* angeführt. Dieser steht am Ende eines Distichentripels, das die Enteignung der Ländereien des Verfassers beklagt; es findet sich darin ein korrumpiertes Wortfragment (txpç), wodurch der Vers - „(...) für

[...]


[1] Stein-Hölkeskamp, Elke: Krise und Konsolidierung der Polis; in: Gehrke, Hans-Joachim u. Schneider, Helmuth (Hgg.): Geschichte der Antike. Ein Studienbuch, 2. erw. Aufl., Stuttgart 2006, S. 110.

[2] Stahl, Michael: Vom pädagogischen Eros; in: SezessionNr. 36, Schnellroda 2010, S. 32.

[3] Selle, Hendrik: Theognis und die Theognidea. Untersuchungen zur antiken Literatur und Geschichte, Bd. 95, Berlin 2008, S. 391.

[4] Selle, a. a. O., S. 286; Kursivierung im Original.

[5] Selle, a. a. O., S. 38.

[6] vgl. Selle, a. a. O., S. 245.

[7] vgl. Selle, a. a. O., S. 229-246.

[8] Selle, a. a. O., S. 255.

[9] Stein-Hölkeskamp, a. a. O., S. 108.

[10] Selle, a. a. O., S. 320.

[11] Stein-Hölkeskamp, a. a. O., S. 106.

[12] vgl. Selle, a. a. O., S. 103-111.

[13] vgl. Selle, a. a. O., S. 111-120.

* Anmerkung: Zur einfacheren Angabe von Textstellen wird hier und im Folgenden die normierte Verszählweise der Theognidea verwendet werden. Direkte Zitate stammen, soweit nicht anders vermerkt, aus: Hose, Martin (Hg.): Theognis, Mimnermos, Phokylides. Frühe griechische Elegien. Griechisch und deutsch, eingeleitet, übersetzt und kommentiert von Dirk Uwe Hansen, Darmstadt 2005, S. 41-153.

Details

Seiten
17
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656100034
ISBN (Buch)
9783656100201
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v186874
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Professur für Alte Geschichte
Note
0,66
Schlagworte
Theognis Theognissammlung Theognidea Aristokratie Symposium Symposion Päderastie Tyrannis Archaik

Autor

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