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Demokratisierung von außen am Beispiel Algeriens

Hausarbeit 2007 28 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Afrika

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Demokratisierung

3 Das politische System Algeriens

4 Ansatzpunkte
4.1 politische Orientierung
4.2 Zivilgesellschaft
4.3 Militär
4.4 Ökonomie

5 EU, USA und Demokratisierung
5.1 EU
5.2 USA

6 Fazit

7 Literatur- und Quellenverzeichnis

8 Anhang

1 Einleitung

Demokratisierung von außen ist ein sehr umstrittenes Feld. Auch wenn im Sinne eines demokratischen Friedens in der Fassung von Ernst-Otto Czempiel auch eine Verbreitung der Demokratie vorgesehen ist, haben Beispiele wie Afghanistan oder der Irak dessen Grenzen aufgezeigt. Nun mag die amerikanische Variante der militärischen Demokratisierung schon allein durch ihren Zwang wenig geeignet sein, aber haben auch andere Versuche gezeigt, dass es vielleicht mehr als nur eines guten Zuredens bedarf, um eine Demokratisierung zu erreichen. Zumal es viele Ansatzpunkte gibt. So bedarf es einer genauen Betrachtung der zu Demokratisierenden, aber auch der Demokratisierer. Die Demokratisierer scheinen in der heutigen Weltpolitik durch Europa und die USA gekennzeichnet zu sein. Diese Definieren die zu Demokratisierenden unter anderem als die Länder des Nahen Ostens und Nordafrikas. Als Untersuchungsobjekt für einen konkreten Fall wurde daher Algerien gewählt, auch wenn es vielen Ländern der Region an Demokratie, Menschenrechtsbeachtung und Judiszität mangelt1. Algerien hat zudem eine lange autoritäre Tradition, aber auch schon eine demokratische Erfahrung.

Die Fragestellung lautet nun: Was kann Demokratisierung von außen in Algerien erreichen und was limitiert sie? Nachfolgend wird von der Arbeitsthese ausgegangen, dass die Demokratisierung von außen nicht alleine von außen zu bewerkstelligen ist, sondern der Unterstützung von Innen Bedarf. Ebenso wie die innere Demokratisierung mit den falschen äußeren Faktoren nicht erfolgreich sein kann. Dies soll am Beispiel Algeriensüberprüft werden. Zunächst soll das politische System Algeriens erläutert werden, ehe die Aspekte zur Demokratisierung betrachtet werden. Dabei wird von den Aspekten, die Demokratie beeinflussen (siehe Abb.1) auf die politische Orientierung oder political culture, auf die Zivilgesellschaft, auf das Militär und auf die Ökonomie reduziert, da diese als entscheidend erachtet werden. Letztlich werden mit dieser Auswahl sowohl individuelle als auch kollektive Faktoren herangezogen, als auch die vielleicht wichtigsten Bereiche (Militär und Ökonomie) einbezogen. Darauf folgend soll die Außenperspektive betrachtet werden: Außenpolitisch soll dabei auf die Akteure Europäische Union (EU) und Vereinigte Staaten von Amerika (USA) fokussiert werden, da diese die stärksten Demokratisierungsbestrebungen vorweisen und eine ausführlichere Betrachtung den Rahmen sprengen würde. Abschließend wird ein Fazit gezogen.

Dies soll nachfolgend per Sekundärliteraturanalyse größtenteils im Bereich der policy und der politics aufgearbeitet werden. Dabei wird sich besonders auf die Arbeiten von Sigrid Faath, Hanspeter Mattes, Hennie Kotzé und Carlos Garcia-Rivero sowie aus theoretischer Sicht auf Richard Gillespie und Richard Youngs bezogen. Über deren Arbeiten von 2002-2007 soll der aktuelle Forschungsstand wiedergegeben werden.

2 Demokratisierung

Internationale Demokratieförderung oder „democracy promotion“ bezeichnet zunächst politische Interventionen, auch gewaltsame, zur Durchsetzung von Demokratie in einem Staat. Ähnlich ist der Begriff der Demokratisierungshilfe, der jedoch gewaltsame Maßnahmen ausschließt und Mittel wie Unterstützung von Nichtregierungsorganisationen (NROs/NGOs) zur Durchführung von Wahlen, Förderung von Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit aber auch zur Sensibilisierung für good governance nutzt2. Seit dem 20. Jahrhunderts wird auf Basis der Annahme, dass Demokratien untereinander friedfertiger sind davon ausgegangen, dass Demokratieförderung auch mehr Frieden und Verlässlichkeit bedeutet3. Und spätestens seit dem Ende der Sowjetunion hat sich die Demokratie durchgesetzt, damit eine neuerliche Welle in der Transformationsforschung und schließlich eine Verfestigung der Demokratieförderung in Konzepten der Entwicklungszusammenarbeit ausgelöst4. Die Demokratisierung selbst unterteilt sich in verschiedene Stufen (siehe Abb.2), die jedoch nicht durchgängig sein müssen und sprunghaft in die eine oder andere Richtung verlaufen können. Hierbei müssen allerdings verschiedene Grundperspektiven betrachtet werden: Wesentlich erscheint zunächst die Unterscheidung zwischen einem bottom-up und einem top-down Ansatz5. Die Demokratisierungshilfe setzt außerdem eine Motivation der Bevölkerung für Demokratisierung voraus6. Nach Linz benötigt Demokratie generell die Unterstützung für die Grundideen des Regimes aber auch die Unterstützung für die Umsetzung in Form des politischen Outputs7. Einen weiteren Punkt bildet die Institutionalisierung der Demokratie: Ohne effiziente und legitime Institutionalisierung wird nach Hennie Kotzé und Carlos Garcia-Rivero jede Demokratisierung ohne abschließenden Erfolg bleiben, selbst wenn die politische Kultur ausgeprägt ist8. Auch soll die wirtschaftliche Ebene nicht unterschlagen werden: Die historische Wurzeln der Demokratie liegen in der Mittelschicht und der Arbeiterschicht, die zum Ursprung für wirtschaftliche Liberalisierung und Freiheitsrechte wurden9. Wirtschaftliche Liberalisierung muss jedoch kurzfristig nicht zu mehr Demokratie führen, sondern kann in Folge von neuen Einnahmequellen für das Regime zu mehr Autoritarismus führen10. Ebenso besteht kein kausaler Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und Demokratisierung, letztlich kann erstere aber unterstützend für letztere wirken11. Und auch eine generelle Ablehnung zur Demokratisierung von außen soll in Betracht gezogen werden: Bemühungen von Außen wie durch die USA, die EU oder andere Staaten können schnell als „identitätsgefährdend“,„neokolonianistisch“ oder „neoimperialistisch“ aufgefasst werden12. So besteht außerdem die Gefahr, dass Demokratisierungsbemühungen von Bestrebungen um Sicherheitspolitik, Geostrategie und wirtschaftlichen Beziehungen verdrängt werden13.Es soll zudem nicht vergessen werden, dass Demokratisierung ein sehr langfristiger Prozess ist14. Insgesamt ist die Gewichtung der einzelnen Faktoren und besonders diese zwischen individuellen und strukturellen Parametern umstritten15. Nachfolgend soll zunächst die Institutionalisierung betrachtet werden und daraufhin die demokratische Verfestigung betrachtet werden.

3 Das politische System Algeriens

Das politische System ist das einer Präsidialrepublik. Mit der Verfassung von 1996 besitzt der Präsident weitreichende Vollmachten16. Die Verfassung privilegiert die Exekutive und lässt das Parlament in einer relativ schwachen Position17. Zwar finden regelmäßig Präsidentschaft-, Parlaments- und Kommunalwahlen statt, diese gelten jedoch eher als Vorzeigeveranstaltung denn als reeller Ausdruck des Bevölkerungswillens18. Das politische System ist somit autoritär und war dies bereits in starkem Maße zwischen der Unabhängigkeit und 198819. Das eigentliche demokratische Moment mit freien und fairen Wahlen wurde bereits 1992 nach dem Putsch vor dem Wahlsieg der FIS und dem darauf folgenden Verbot ebendieser durch das Militär beendet, wobei trotzdem versucht wurde den demokratischen Schein zu wahren20. Gerade die FIS war es aber gewesen, die mehr Rechtsstaatlichkeit und politische Freiheiten forderte, auch wenn ihre Haltung zuweilen antiwestlich war21. Nach William Quandt haben viele Institutionen wie ein Mehrparteienparlament, regelmäßige Wahlen und eine freie Presse den Putsch zusammen mit einem weniger autoritären Regime als vor 1988 überlebt22. Ein Blick auf den Pressefreiheitsindex (Abb. 3) lässt aber erahnen, dass letzteres eingeschränkt werden muss. Und auch bei den Wahlen treten immer wieder Unregelmäßigkeiten auf. Die Präsidentschaftswahlen von 1995 bildete nach Hugh Roberts jedoch zunächst ein weiteres demokratisches Moment, das zumindest wesentlich demokratischer als andere Wahlen in der Region war23. So sieht er die Wahl von Zeroual mit moderaten 61% als Zeichen der Demokratisierung. Letztlich wurden auch bei diesen Wahlen Unregelmäßigkeiten festgestellt und es ist davon auszugehen, dass die Militärführung im Hintergrund die Macht verteilte24. Bei den Wahlen von 1999 zogen sich 6 Kandidaten zurück und letztlich wurde Abdelaziz Bouteflika mit 30%, bei ca. 25% der Wahlberechtigten, die zur Wahl gegangen sind, gewählt25.Auch bei den Parlamentswahlen von 2002 wurde von mehreren Fraktionen zum Boykott aufgerufen. 41% der Wahlberechtigten gaben letztlich mit 36% der FLN die Mehrheit. Die Präsidentschaftswahlen von 2004 wurden wiederum von Bouteflika gewonnen26. Die politische Landschaft Algeriens lässt sich nach William Quandt grob in 3 Gruppen unterteilen, von denen keine eine eigene Mehrheit erreichen kann: Einer Nationalen Gruppe, die von ca. 30% (Beamte, Landbevölkerung und weiteren Staatsdiener) unterstützt wird und normalerweise die FLN oder eine FLN nahe Partei wählt, einen islamischen Block, der um die 15-20% hinter sich sieht und eine der islamischen Parteien wählt sowie den Berber-Block, der zwischen 10-15% auf sich vereint27.

Bisher bringen Wahlen in Algerien letztlich weder eine Legitimierung der Regierung noch ein Aufbrechen der bisherigen Machtstrukturen, da die gewählten Vertreter zwar gewissen Spielraum haben, aber immer ein Veto des Militärs ausstehen kann28. Die Verfassungsmäßigkeit wird dabei scheinbar gewahrt, die Verfassungsrealität ist aber eine andere29. Demokratisierung findet so zunächst einmal Schranken in der Systemverwirklichung: Wird die Verbindung zwischen Exekutive und Legislative nicht reformiert und letztere gestärkt, wird die Demokratisierung nicht weit kommen30. Wie sich noch zeigen wird, fehlt es Algerien an Rechtsstaatlichkeit und rationaler sowie verantwortungsvoller Administration31. Die Rolle des Präsidenten Bouteflika wird besonders international durchaus auch positiv betrachtet: Zwar hat Bouteflika keinen Schritt Richtung Reform und Demokratie gemacht, allerdings wird ihm zumeist bestätigt, dass er den Staat stabilisiert und gestärkt und die Terrorismusbekämpfung vorangebracht hätte32. Algerien gilt zusammenfassend nach Raymond Hinnebusch als fatales Beispiel für ökonomische Reform und schnelle Demokratisierung, die mit einem islamischen Wahlsieg, der militärischen Intervention und dem Bürgerkrieg und damit verbunden der schnellen Rückführung von Demokratie verbunden ist33.

4 Ansatzpunkte

4.1 politische Orientierung

Unter politischer Orientierung wird die Orientierung der Bevölkerung zu politischen Institutionen, aber auch die Orientierung gegenüber Eliten und deren Rückbezug betrachtet. Hierbei steht das Demokratieverständnis im Vordergrund. Bereits die ehemalige Kolonialherrschaft hatte Auswirkungen auf die politische Kultur Algeriens. Da Algerien nicht nur ein Protektorat sondern ein Teil Frankreichs war, sind die Einflüsse Frankreichs gravierend gewesen34. So waren die Algerier zum einen lange ohnmächtig gegenüber der Stärke des Kolonialherrn und andererseits wurde die muslimische Mehrheit auf Grund ihrer Religion diskriminiert, so dass es gleich zu einer „doppelten Diskriminierung“ kam35. Außerdem hatte die Kolonialherrschaft zur Folge, dass keine sozialen Mittelschichten entstehen konnten. Besonders im Zuge der nachkolonialen Zeit wurde dann die Identität als Muslime in Abgrenzung zur Besatzungszeit hervorgehoben36. Daher war der Islam so gesehen der Motor der Unabhängigkeit und daher auch ein möglicher Anstoß für Reformen. Die Ernüchterung setzte dann im Jahr 1992 ein. Heutzutage bilden die Parteien keine echten politischen Alternativen: Die großen Parteien FLN und RND bekriegen sich bzw. währen Vorstöße kleinerer Parteien ab und beschäftigen sich mehr mit Personen als mit Inhalten37.Hanspeter Mattes bestätigt mit Verweis aus Ali Djerri und Aissa Khelladi, dass die algerische Regierung damit die Opposition kooptiert und rivalisierende Machtquellen ausschaltet38.

Dies führt dazu, dass die Algerier den Parteien eher abgeneigt sind und einen eher zynischen Blick auf Politik insgesamt haben39. Insgesamt mangelt es also an Vertrauen in den Staat. Dies verdeutlicht auch eine Studie von Hennie Kotzé und Carlos Garcia- Rivero: Gegenüber anderen Staaten weist Algerien ähnlich wie Marokko eine geringere Zufriedenheit mit der Umsetzung demokratischer Strukturen auf (41% gegenüberüber 60% in Industrieländern)40. Während Kotzé und Garcia-Rivero eine eindeutige Unterstützung für Demokratie in der Öffentlichkeit (92%) feststellen konnten, ist die Zufriedenheit für die Umsetzung mit 41% gering41. Selbst unter den Eliten findet sich mit 87% eine sehr starke Unterstützung für Demokratie, allerdings auch hier mit 48,7% eine geringere Zufriedenheit mit der Umsetzung. Besonders die Religion spielt für die Bevölkerung eine große Rolle, die nach der Studie von Kotzé und Garcia-Rivero jedoch nur eine Stellvertretervariable für den Mangel an Vertrauen in den Staat und den mangelnden Respekt für Menschenrechte ist. Demnach führt das fehlende Vertrauen in den Staat zu mehr religiöser Nachfrage42. Des Weiteren standen islamische Organisationen vor dem Putsch für mehr Legitimität und Effizienz und sind damit im Gegensatz zur Regierung eher positiv besetzt43. Es würde sich also ein stärkeres Vertrauen in den Staat ergeben, entweder wenn der religiöse Einfluss verstärkt werden würde oder wenn Repression und der Mangel an Menschenrechtsschutz abnehmen würden44. Bei den Eliten werden hingegen religiöse Einflüsse abgelehnt. Das Aufkommen religiöser Bewegungen und auch islamischer Fundamentalismus in Algerien sind also weniger eine Frage der politischen Kultur als vielmehr eine Folge aus der Ablehnung des autoritären Staates und der Repression45. Öffnet sich hingegen die Staatsstruktur wird nach Kotzé und Garcia-Rivero wohl auch die Religion aus der Politik zurückgedrängt46. Der Islam ist letztlich kein Hindernis für Demokratie, vielmehr spielen Toleranz, Vertrauen, Teilhabe, politische Gleichheit und Religion für Demokratisierung eine wichtige Rolle47.

Algerische Politik findet also in der ökonomischen Situation, der Gewalt, der Repression und religiösen Werten nach Kotzé und Garcia-Rivero die wichtigsten Themen48. Der Reformprozess hingegen konzentriert sich nach Mattes seit 2004/2005 auf die sozialen und ökonomischen Probleme (Wohnungsmangel, Gesundheitsprobleme, Armut)49. Zwar bilden letztere auch ein wichtiges soziales Problemfeld, jedoch bleiben dadurch die politischen Reformprozesse aus. Immerhin nimmt Algerien neben der Teilnahme an NEPAD auch am African Peer Review Mechanism Teil, der eine stetige Überprüfung von „good governance“ vorsieht50. Dies und die Partizipation in der Afrikanischen Union sind nach Naoufel Brahimi El Milli jedoch mit dem Ziel verbunden, internationale Investoren anzuziehen51.Doch es besteht dennoch die Möglichkeit dass sich durch dieses Engagement weitere Ansatzpunkte für zivilgesellschaftliche Akteure ergeben, deren Probleme jedoch nicht gering ausfallen.

4.2 Zivilgesellschaft

Die größten gesellschaftlichen Probleme Algeriens sind die Sprachenfrage (Arabisch/Berbisch),die Rolle der Religion im Staat und hier besonders des Islam , sowie die Rolle der Frau, die nach Mattes im Jahr 2005 zumindest legislativ zu Ungunsten von Frauenrechten geklärt wurde52. Ebenso werden jedes Jahr 350.000 Kinder von der Schule ausgeschlossen, auf Grund von wasserinfrastrukturellen Problemen kommt es zu sanitären Problemen und angesichts von durchschnittlich 7,5 Personen pro Wohnraum ist die Wohnungssituation ebenso prekär53. Hinzu kommt die hohe Arbeitslosigkeit, die später ausführlicher behandelt wird.

In Bezug auf die Grund- und Menschenrechte bemängelte Amnesty International für 2006 besonders die Zahl der getöteten Zivilisten sowie die Fälle von Folter, Tötungen und Entführungen seit 1992 durch staatliche Sicherheitskräfte, Milizen und andere Gruppen unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung und hebt deren Straflosigkeit hervor54. Frauenrechte wurden zwar in Hinblick auf Staatsbürgerschaftsrecht, Familienrecht und Heirat verbessert, allerdings verbleiben algerische Vorbehalte gegenüber der UN- Frauenrechtskonvention, Abschaffung der Polygamie, dem Recht auf einseitige Scheidung, sowie Schutz vor Gewalt und Vergewaltigungen55. Die Probleme spiegeln sich im auch Freedom House Index wider (Abb.3). Journalisten und Menschenrechtler müssen zudem mit Verhaftungen oder anderen Gegenmaßnahmen rechnen56. So können Journalisten nicht frei schreiben, da man befürchten muss, dass der militärische Sicherheitsdienst Spitzel in der Redaktion besitzt57. Dies drückt sich im unfreien Pressefreiheitswert aus (Abb.3). Des Weiteren sind Demonstrationen verboten58. Nach der Studie von Kotzé und Garcia-Rivero spielt Staatsvertrauen und besonders auch Menschenrechte eine starke Rolle in der Einstellung zur Demokratie59. Die Bevölkerung findet in der Religion einen Ersatz für mangelnde Menschenrechte, der jedoch durch die ablehnende Haltung gegenüber der Religion durch die Eliten immer wieder gestört wird60. Letztlich kann alsoüber die Förderung von Menschenrechten die von vielen befürchtete Islamisierung Algeriens verhindert werden. Aber nicht nur aus diesem Grund sondern auch auf dem Weg zu mehr Demokratie bleibt die Achtung der Menschenrechte ein wichtiges Kriterium auch für die algerische Bevölkerung.

Im Arbeitsbereich von NGOs lassen sich eine leichte Öffnung und damit eine Duldung der Arbeit im zivilgesellschaftlichen Bereich feststellen. Allerdings sind viele NGOs stark personalisiert und damit an sich undemokratisch61. Zivilgesellschaftliche Bemühungen auch von ausländischen Akteuren scheitern immer wieder an den staatlichen Vorbehalten gegenüber Nichtregierungsorganisationen und der damit eingehenden Behinderung aber auch einer zunehmenden Regionalisierung62. Letztlich scheint von NGOs keine Gefahr für das Regime auszugehen.

Der eigene Reformwillen in der Zivilgesellschaft ist eher skeptisch zu betrachten: Eine wirtschaftliche Besserung liegt für viele in weiter Ferne, die Globalisierung wird als determinierend und damit auch eine Besserung als unerreichbar betrachtet63. Die Unterentwicklung vieler Teile der algerischen Bevölkerung und das Ausweichen auf klientilistische Beziehungen stärkt nach Mattes diese Tendenzen64. Die Korruption beherrscht inzwischen die Gendarmerie, Justiz, Polizei, Zoll und Steuerbehörde(zum Corruption Perception Index siehe Abb.3)65. Die Arbeitgeberorganisationen halten sich hingegen an die Regierungsmeinung, da sie ihren Einfluss sowieso als limitiert ansehen und damit auch Grenzen für Demokratisierung bestehen66. Ähnlich sieht es bei den Gewerkschaften aus, wenn diese nicht gerade an internen Querelaien, der allgemeinen wirtschaftlichen Situation oder Repressalien kranken67.

[...]


1 Gillespie, Richard und Youngs, Richard: Themes in European Democracy Promotion, in: Dies.: The European Union and democracy promotion: The Case of North Africa, London 2002, S.3; Hinnebusch, Raymond: Authoritarian Persistence, Democratization Theory and the Middle East: An Overview and Critique, in: Democratization, Jg. 13, H.3, 2006, S.373.

2 Faath, Sigrid: Internationale Demokratieförderung seit dem 11. September 2001: Zum Forschungsgegenstand und Aufbau der Studie, in: Diess. (Hrsg.): Demokratisierung durch externen Druck? Perspektiven politischen Wandels in Nordafrika/Nahost,[Deutsches Orient-Institut Hamburg, Band 73/2005], Hamburg 2005, S.14; zum Begriff der good governance: Grotz, Florian: good governance, in: Nohlen, Dieter(Hrsg.): Lexikon dritte Welt. Länder, Organisationen, Theorien, Begriffe, Personen, Hamburg 2002, S.341f.

3 Faath, Sigrid: „Globale Demokratisierung“ als außenpolitisches Ziel: Begründungen und Erwartungen, in: Diess. (Hrsg.): Demokratisierung durch externen Druck? Perspektiven politischen Wandels in Nordafrika/Nahost,[Deutsches Orient-Institut Hamburg, Band 73/2005], Hamburg 2005, S.31.

4 Ebd., S.27.

5 Gillespie, Richard und Youngs, Richard: Themes in European Democracy Promotion, S.3.

6 Faath, Sigrid: Internationale Demokratieförderung seit dem 11. September 2001, S.15; Hinnebusch, Raymond: Authoritarian Persistence, S.377.

7 Kotzé, Hennie und Garcia-Rivero, Carlos: Democracy and Islam in the Arab World: Lessons from Algeria, in: Comparative Sociology, Jg. 5, H.4, 2006, S.328f.

8 Kotzé, Hennie und Garcia-Rivero, Carlos: Democracy and Islam in the Arab World, S.331.

9 Hinnebusch, Raymond: Authoritarian Persistence, S.379.

10 Ebd., S.384f.

11 Sandbakken, Camilla: The Limits to Democracy Posed by Oil Rentier States: The Cases of Algeria, Nigeria and Lybia, in: Democratization, Jg. 13, H. 1, 2007, S. 136.

12 Faath, Sigrid: Internationale Demokratieförderung seit dem 11. September 2001, S.16.

13 Faath, Sigrid: „Globale Demokratisierung“ als außenpolitisches Ziel, S.35.

14 Ottaway, Marina: Demokratieexport in prekäre Staaten: ein vorsichtiger Schritt vorwärts, in: Weiss, Stefani and Joscha Schmierer (Hrsg.), Prekäre Staatlichkeit und internationale Ordnung. Wiesbaden 2007, S.377.

15 Sandbakken, Camilla: The Limits to Democracy Posed by Oil Rentier States, S. 136.

16 Ruf, Werner: Algerien zwischen westlicher Demokratie und Fundamentalismus?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, H. 21, 1998, S. 35.

17 Quandt, William: Democratization in the Arab World. Algeria’s uneasy peace, in: Journal of Democracy, Jg.13, H. 4, 2002, S. 21.

18 Ruf, Werner: Algerien zwischen westlicher Demokratie und Fundamentalismus?, S. 35.

19 Quandt, William: Democratization in the Arab World, S. 22; Sandbakken, Camilla: The Limits to Democracy Posed by Oil Rentier States, S. 139.

20 Hasel, Thomas: Autoritäre Herrschaft hinter demokratischer Fassade, in: INAMO, Jg. 35, H.3, 2003, S.4f; Ruf, Werner: Algerien zwischen westlicher Demokratie und Fundamentalismus?, S. 31; Kotzé, Hennie und Garica-Rivero, Carlos: Democracy and Islam in the Arab World, S.332.

21 Ruf, Werner: Algerien zwischen westlicher Demokratie und Fundamentalismus?, S. 28; Quandt, William: Democratization in the Arab World, S. 16.

22 Quandt, William: Democratization in the Arab World, S. 15; Sandbakken, Camilla: The Limits to Democracy Posed by Oil Rentier States, S. 140.

23 Roberts, Hugh: Dancing in the Dark: The European Union and the Algerian Drama, in: Gillespie, Richard und Youngs, Richard.: The European Union and democracy promotion: The Case of North Africa, London 2002, S.108;

24 Hasel, Thomas: Autoritäre Herrschaft hinter demokratischer Fassade,, S.5; Benderra, Omar: Netzwerke der Macht. Implosion des Staates, Raubwirtschaft, in: INAMO, Jg. 35, H.3, 2003, S.27; Ruf, Werner: Algerien zwischen westlicher Demokratie und Fundamentalismus?, S. 30; Quandt, William: Democratization in the Arab World, S. 16.

25 Quandt, William: Democratization in the Arab World, S. 17.

26 Kotzé, Hennie und Garica-Rivero, Carlos: Democracy and Islam in the Arab World, S.334.

27 Quandt, William: Democratization in the Arab World, S. 18.

28 Ebd., S. 19.

29 Hasel, Thomas: Autoritäre Herrschaft hinter demokratischer Fassade, S.5.

30 Roberts, Hugh: Dancing in the Dark, S.128.

31 Sandbakken, Camilla: The Limits to Democracy Posed by Oil Rentier States, S. 149.

32 Mattes, Hanspeter: Perzeption des externen Demokratisierungsdrucks und Reaktionen in ausgewählten Staaten, in: Faath, Sigrid (Hrsg.): Demokratisierung durch externen Druck? Perspektiven politischen Wandels in Nordafrika/Nahost,[Deutsches Orient-Institut Hamburg, Band 73/2005], Hamburg 2005, S.137.

33 Hinnebusch, Raymond: Authoritarian Persistence, S.388.

34 Ruf, Werner: Algerien zwischen westlicher Demokratie und Fundamentalismus?, S. 27.

35 Ebd. S. 28.

36 Ebd.

37 Mattes, Hanspeter: Perzeption des externen Demokratisierungsdrucks, S.163.

38 Ebd., S.138.

39 Quandt, William: Democratization in the Arab World, S. 19.

40 Kotzé, Hennie und Garcia-Rivero, Carlos: Democracy and Islam in the Arab World, S.329.

41 Ebd., S.338.

42 Ebd., S.341f.

43 Ebd., S.343.

44 Ebd.

45 Ebd., S.346.

46 Ebd., S.348.

47 Hinnebusch, Raymond: Authoritarian Persistence, S.376; Kotzé, Hennie und Garica-Rivero, Carlos: Democracy and Islam in the Arab World, S.330f.

48 Kotzé, Hennie und Garica-Rivero, Carlos: Democracy and Islam in the Arab World, S.334.

49 Mattes, Hanspeter: Perzeption des externen Demokratisierungsdrucks, S.151.

50 Nyong’o. Anyang: Lohnenswert. Der Prozess des kenianischen „Peer Review“, in: Eins - Entwicklungspolitik, Informationen Nord-Süd, Jg.10, H.1-2, 2006, S. 30.

51 El Mili, Naoufel Brahimi: Algérie: une économie entre libéralisation et attentes sociales, in : Rémy, Leveau (Hrsg.) : Afrique du Nord Moyen-Orient, Espace et conflits, 2003, S.165.

52 Mattes, Hanspeter: Perzeption des externen Demokratisierungsdrucks, S.144.

53 El Mili, Naoufel Brahimi: Algérie, S.166; Hasel, Thomas: Autoritäre Herrschaft hinter demokratischer Fassade, S.6; Mellah, Salima: Organisierte Straflosigkeit, in: INAMO, Jg. 35, H.3, 2003, S.28.

54 Amnesty International: Jahresbericht 2006, Frankfurt am Main 2006, S. 97.

55 Ebd., S. 100.

56 Mattes, Hanspeter: Perzeption des externen Demokratisierungsdrucks, S.138; Amnesty International: Jahresbericht 2006, Frankfurt am Main 2006, S. 100.

57 Addi, Lahouari: Einzigartig: Die algerische Krise, S.13

58 Ebd., S.11.

59 Kotzé, Hennie und Garica-Rivero, Carlos: Democracy and Islam in the Arab World, S.341.

60 Ebd., S.346.

61 Mattes, Hanspeter: Perzeption des externen Demokratisierungsdrucks, S.175.

62 Ebd., S.174.

63 Ebd., S.162.

64 Ebd., S.139.

65 Addi, Lahouari: Einzigartig: Die algerische Krise, S.17; Benderra, Omar: Netzwerke der Macht, S.25.

66 Mattes, Hanspeter: Perzeption des externen Demokratisierungsdrucks, S.170.

67 Mattes, Hanspeter: Perzeption des externen Demokratisierungsdrucks, S.172; Samraoui, Mohammed: DRS, GIA. Die staatsgefälligen Heilsarmeen, in: INAMO, Jg. 35, H.3, 2003, S15.

Details

Seiten
28
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783869434513
ISBN (Buch)
9783656991144
Dateigröße
1.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v186816
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1.3
Schlagworte
demokratisierung beispiel algeriens

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