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Sprachkontakt Deutsch-Italienisch im Tessin - am Beispiel von Zeitungsartikeln

Hausarbeit 2009 36 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Sprachkontakt

3 Sprachkontaktsituation im Tessin

4 Untersuchung des Sprachkontakts anhand von Zeitungsartikeln
4.1 Entlehnungen
4.1.1 Deutsche Entlehnungen ohne erkennbare Genuszuordnung
4.1.2 Deutsche Lehnwörter: semantische Kriterien der Genuszuordnung
4.1.3 Deutsche Lehnwörter: semantische und morphologisch- phonologische Kriterien der Genuszuordnung
4.1.4 Deutsche Lehnwörter: morphologisch-phonologische Kriterien der Genuszuordnung
4.1.5 Italienische Entlehnungen ohne erkennbare Genuszuordnung
4.1.6 Italienische Lehnwörter: semantische Kriterien der Genuszuordnung
4.1.7 Italienische Lehnwörter: semantische und morphologisch- phonologische Kriterien der Genuszuordnung
4.1.8 Italienische Lehnwörter: morphologisch-phonologische Kriterien der Genuszuordnung
4.1.9 Genuszuordnung bei hybriden Zusammensetzungen in der TZ
4.2 Voranstellung der Adjektive im CdT

5 Zusammenfassung

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Schweiz stellt insgesamt ein sehr interessantes Forschungsgebiet in Bezug auf Sprachen dar, da sie über vier Nationalsprachen (Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch) verfügt (vgl. Dürmüller, 1996, 11) und es dort verstärkt zu Sprachkontakten kommt. Die Sprachensituation im Tessin stellt innerhalb der Schweiz zudem ein sehr interessantes Untersuchungsgebiet dar, da es sich um eine mehrheitlich italienischsprachige Region handelt, in der jedoch auch das Deutsche als Minderheitensprache vorhanden ist und eine wichtige Rolle spielt. Deutsch und Italienisch stehen im Tessin in besonderem Maße in Kontakt, da das Deutsche in Bezug auf die Schweiz insgesamt und auch in verschiedenen Wirtschaftszweigen des Tessins sehr bedeutsam ist und andererseits das Italienische die Muttersprache der überwiegenden Mehrheit der Bewohner des Kantons darstellt (vgl. Petralli, 1991). Die beiden Sprachen stellen somit, je nachdem welches Gebiet man betrachtet (Gesamtschweiz oder Tessin), jeweils Minderheits- oder Mehrheitssprachen dar. Interessant ist, zu untersuchen, wie sich in heutiger Zeit der Sprachkontakt auf die beiden Sprachen auswirkt. In dieser Arbeit werden hierzu tessinische Zeitungen beider Sprachen anhand einer primär synchronen Vorgehensweise auf Sprachkontaktphänomene hin untersucht. Zeitungsartikel spiegeln das tägliche Leben stets recht aktuell wieder und sollten in einer Sprache verfasst sein, die korrekt jedoch nicht literarisch ist (vgl. SEM 65, 41), was Zeitungen geeignet erscheinen lässt, um sprachliche Veränderungen zu untersuchen.

Diese Arbeit zum deutsch-italienischen Sprachkontakt im Tessin ist, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, ein Versuch, die Theorie zur Interferenz im Sprachkontakt anhand von Zeitungstexten anzuwenden. In Kapitel 2 wird zunächst etwas genauer darauf eingegangen, was Sprachkontakt bedeutet und welche sprachlichen Phänomene daraus resultieren können. Kapitel 3 dient dazu, die sprachliche Situation im Tessin etwas genauer zu beleuchten und im vierten Kapitel werden zunächst Vorgehensweise und Materialien der Untersuchung der Zeitungsartikel dargelegt und anschließend die Ergebnisse vorgestellt. Das letzte Kapitel stellt eine kurze Zusammenfassung der gewonnenen Erkenntnisse dar.

2 Sprachkontakt

Wie Weinreich (1977, 9) feststellt, ist eine sprachliche Gemeinschaft nie homogen oder in sich abgeschlossen, da stets verschiedene sprachliche Schemata aufeinandertreffen, was die Quelle für Interferenz darstellt. Je nachdem, wie stark der Kontakt zwischen sprachlichen Gemeinschaften ist, werden mehr oder weniger starke Beeinflussungen auftreten, wobei Elemente aus einer Sprache (Gebersprache) in die andere (Nehmersprache) übernommen (transferiert) werden, was zu Abweichungen von der sprachlichen Norm der empfangenden Sprache führt. Es können sowohl lexikalische Einheiten als auch grammatische und phonetische Gesetzmäßigkeiten aus der Gebersprache in die Nehmersprache transferiert werden. Werden lexikalische Einheiten transferiert, so handelt es sich um lexikalische Interferenzen, deren Resultat Lehnwörter oder Lehnbildungen darstellen (vgl. Graffi & Scalise, 2002, 154 f.). In dieser Arbeit wird nicht zwischen Transfer, Entlehnung und Interferenz unterschieden, da lediglich von Bedeutung ist, dass bestimmte Phänomene aufgrund des Sprachkontaktes zustandegekommen sind. Im Folgenden wird zunächst kurz auf lexikalische Interferenz und anschließend auf einen Bereich der grammatische Interferenz eingegangen.

In Bezug auf lexikalischen Transfer können an dieser Stelle nur einige Transfermöglichkeiten, auf die im weiteren Verlauf der Arbeit erneut eingegangen wird, dargelegt werden. Der häufigste lexikalische Transfer ist der von einfachen, nicht zusammengesetzten Elementen (vgl. Weinreich, 1977, 69 f.). Zudem ist ein Transfer analysierter Zusammensetzungen möglich, wobei Elemente einer Redewendung oder Zusammensetzung an die syntaktischen und wortbildenden Schemata der Nehmersprache angepasst werden. Auch können Zusammensetzungen bis hin zu Sprichwörtern wortwörtlich von einer in die andere Sprache übersetzt werden. Man spricht von Lehnübersetzungen, wenn die Zusammensetzung Element für Element in der Nehmersprache nachgebildet wird, wobei die einzelnen Elemente ihre ursprüngliche Bedeutung erhalten oder auch Bedeutungsveränderungen unterliegen können (vgl. Weinreich, 1977, 70 ff.). Ein Beispiel für eine Lehnübersetzung ist das italienische Wort retroterra, welches auf dem deutschen Wort Hinterland basiert (vgl. Graffi & Scalise, 2002, 155). Möglich sind zudem Zusammensetzungen bei denen einzelne Elemente reproduziert und andere transferiert werden. Diese Art der Zusammensetzungen werden auch als “hybride Zusammensetzungen” bezeichnet. Auch Eigennamen können transferiert und an die Nehmersprache angepasst werden (vgl. Weinreich, 1977, 74 f.).

Es kann eine Skala der Auswirkungen von Interferenz angegeben werden, die von völliger Nicht-Anpassung bis zur vollständigen Integration reicht. Lehnwörter werden häufig nach und nach der grammatischen Struktur der Sprache angepasst, in die sie integriert werden. Andererseits kommt es auch vor, dass transferierte Worte nicht an die

Grammatik der Empfängersprache angepasst werden, oder dass versucht wird die Morphologie der Quellensprache explizit beizubehalten. Letzteres könnte beispielsweise der Fall sein, wenn die Gebersprache in der Gemeinschaft ein hohes Prestige genießt oder die Kenntnis dieser Sprache mit einem hohen Bildungsgrad in Verbindung gebracht wird (vgl. Weinreich, 197, 66 ff.). In dieser Arbeit soll vorwiegend auf Lehnwörter eingegangen werden, die noch nicht so stark in die Nehmersprache integriert worden sind, dass sie in Wörterbüchern als Bestandteile dieser Sprache erscheinen würden. Die betrachteten Lehnwörter sollten zudem noch nicht so stark an die Nehmersprache angepasst sein, dass sie nicht mehr leicht als Entlehnungen zu erkennen wären. In Einzelfällen werden auch diese bereits adaptierten Lehnwörter erwähnt. Neben Wörtern können auch Syntagmen von einer Sprache in eine andere transferiert werden. Syntagmen sind syntaktisch zusammengehörige Wörter, die im Deutschen und im Italienischen in der Regel durch Flexive gekennzeichnet sind. Syntagmen können beispielsweise Kombinationen aus Substantiven und Adjektiven sein. Teilweise werden auch kurze Sätze von einer Sprache in die andere transferiert (vgl. Schmöe, 1998, 84).

Um untersuchen zu können, wo beim Sprachkontakt Interferenzen auftreten können, ist es zunächst notwendig, die in Kontakt stehenden Sprachen in Bezug auf die unterschiedlichen sprachlichen Bereiche (u.a. lautlich, grammatikalisch, lexikalisch) voneinander zu unterscheiden. Anhand dieser Beschreibungen lassen sich potentielle Bereiche der Interferenz bestimmen. Wie stark es zu einem Austausch zwischen den Sprachen kommt, hängt sowohl von strukturellen Gegebenheiten als auch von sozio- kulturellen Faktoren ab. Einfluss haben beispielsweise die Dauer des Kontaktes, das zahlenmäßige Verhältnis der in Kontakt stehenden Sprachgruppen, der Grad der Interaktion zwischen den Gruppen sowie auch die typologische Distanz zwischen den Sprachen (vgl. Holtus, Metzeltin & Schmitt, 1998, VII, 9). Weitere Faktoren sind die Sprachkompetenzen der Sprecher in der jeweiligen “Zweitsprache”, die stereotype Einstellung gegenüber den Sprachen, der Status und das Prestige der Sprachen, die Einstellung zu den jeweiligen Kulturen und zur Zweisprachigkeit sowie der Grad der Toleranz gegenüber Sprachmischungen (vgl. Weinreich, 1977, 16 ff.). Aus strukturaler Sicht, ist Interferenz in allen in Kontakt stehenden Sprachen zu erwarten. Sollte sie sich nur auf eine der Sprachen beschränken, so ist dies auf außersprachliche Faktoren zurückzuführen (vgl. Weinreich, 1977, 89).

In dieser Arbeit wird lediglich auf zwei Arten von grammatischer Interferenz eingegangen. Ein Bereich ist der Transfer grammatischer Relationen. Hierbei werden innerhalb einer Sprache grammatische Relationen einer anderen Sprache angewendet oder typische grammatische Relationen vernachlässigt, weil sie in der anderen Sprache keine Anwendung finden (syntaktischer Transfer). Grammatische Relationen umfassen dabei Abfolgeordnungen, Kongruenz, Abhängigkeit und ähnliche Verbindungen zwischen grammatischen Einheiten sowie Intonationskurven und Betonungsverhältnisse (vgl. Weinreich, 1977, 50 f.). In Bezug auf grammatische Relationen werden die italienischen Zeitungstexte auf die Stellung der Adjektive untersucht.

Ein weiterer grammatischer Bereich, in dem sich der Sprachkontakt äußert, ist die Zuordnung des grammatischen Geschlechts zu den entlehnten Elementen. Auch dieser Aspekt wird mit Hilfe der Zeitungstexte untersucht. Weinreich (1977, 66 f.) unterscheidet hierbei zwischen transferierten Bezeichnungen für Lebewesen, denen ein dem natürliche Geschlecht entsprechendes Genus zugeordnet würde und Bezeichungen für Unbelebtes, bei denen die Form des Wortes für die Genuszuordnung ausschlaggebend sei. Zudem sei es möglich, dass das Genus des Wortes, welches ersetzt wird, übernommen würde. Bei Schmöe (1998, 212) finden sich etwas spezifischere Hypothesen zur Integration italienischer Lehnwörter in das deutsche Genussystem. Sie geht davon aus, dass die Genuszuweisung hierarchisch angelegt sei, wobei semantische vor morphologischen und phonologischen Kriterien stünden. Zu den semantischen Zuordnungskriterien zählt sie zum einen die Orientierung am natürlichen Geschlecht bei belebten Referenten, zum anderen nimmt sie an, dass es bei unbelebten Referenten zu einer Anlehnung an ein deutsches Referenzwort käme und das entsprechende Genus zugeordnet würde. Ein kritischer Einwand hierzu ist, dass in der Regel verschiedene Referenzwörter (Worte mit ähnlichen Bedeutungen, Hyperonyme etc.) mit unterschiedlichen Genera denkbar wären. Um die These zu bestätigen könnte man stets das Referenzwort auswählen, dessen Genus am besten passt. Dies kann dazu führen, dass in mehr Fällen eine Zuordnung auf semantischer Ebene stattfindet, als dies vielleicht tatsächlich der Fall ist. In Bezug auf morphologisch- phonologische Zuordnungskriterien geht sie davon aus, dass italienische Begriffe, die im Singular auf -a enden, im Deutschen das feminine Genus erhalten würden, während solche Begriffe, die auf -o enden, entweder der Maskulinum oder dem Neutrum zugeordnet würden. Bei Endungen auf -e oder -i seien die Zuordnungen bereits im Italienischen und somit auf im Deutschen nicht eindeutig. Es könnte daher entweder zu einer Übernahme des italienischen Genus oder aber zu einer abweichenden Genuszuordnung im Deutschen kommen.

Analog zu den Hypothesen Schmöes bezüglich der Genuszuordnung bei italienischen Lehnwörtern, könnten Hypothesen bezüglich der Genuszuordnung bei deutschen Lehnwörtern in italienische Texte formuliert werden. Die semantischen Zuordnungskriterien würden sich nicht verändern, während die morphologisch- phonologischen Kriterien angepasst werden müssten. Auch im Deutschen gibt es typisch feminine (z.B. -ei, -heit, -keit, -schaft) und typisch maskuline Wortendungen (z.B. -ling, - ant, -ismus, -tor) (vgl. Coletsos, 2004b, 131). Wörtern mit diesen Endungen würde entsprechend das feminine oder maskuline Genus zugeordnet. Bei Worten mit typischen Endungen für das Neutrum (z.B. -chen, -lein, -is, -tum) (vgl. Coletsos, 2004b, 131) wäre mit Schwankungen bezüglich der Genuszuordnung zu rechnen, wobei verstärkt von einer Zuweisung des maskulinen Genus ausgegangen werden kann, da umgekehrt auch eher maskuline italienische Begriffe dem deutschen Neutrum zugeordnet werden (vgl. Schulte- Beckhausen, 2002, 50 ff.).

Schulte-Beckhausen (2002) bezieht als weiteres Zuordnungskriterium Genusentlehnung ein, d.h. die Übernahme des Genus aus der Gebersprache. Dieses Kriterium scheint insbesondere in der Frühphase der Entlehnung von Bedeutung zu sein. Eine Übereinstimmung des Genus eines Lehnwortes in der Geber- und Nehmersprache ist jedoch meist nicht (allein) auf Genusentlehnung zurückzuführen, sondern eher auf eines der bei Schmöe zu findenden Kriterien (vgl. Schulte-Beckhausen, 2002, 34 ff.). Aus diesem Grund wird die Genusentlehnung in die Korpusanalyse nicht mit einbezogen.

Andere Formen grammatischen Transfers, wie beispielsweise morphematischer Transfer, werden nicht weiter untersucht. Da in dieser Arbeit schriftliche Daten untersucht werden, kann auch nicht auf phonetische Interferenzen eingegangen werden. Aus Kapazitätsgründen wurde zudem auf die Analyse graphemischer Transfererscheingungen verzichtet.

3 Sprachkontaktsituation im Tessin

Die statistischen Daten der Volkszählungen von 1990 und 2000 geben einen gewissen Aufschluss über unterschiedliche Aspekte der Sprachsituation im Tessin. In diesen Erhebungen wurden nicht nur die Hauptsprachen der Einwohner der Schweiz erhoben, sondern auch die in der Familie, in der Schule und im Arbeitsleben primär verwendeten Sprachen. Im Tessin war von 1990-2000 eine Abnahme des Deutschen als Hauptsprache von -1,4 Prozentpunkte auf 8,3% der Bevölkerung zu verzeichnen, während das Italienische um 0.3 Prozentpunkte auf 83,1% angestiegen ist. Von 1880 bis 1990 war der prozentuale Anteil der Sprecher des Italienischen als Hauptsprache im Tessin stetig gesunken, so dass das Ergebnis von 2000 eine Umkehrung dieser Tendenz darstellt. 2000 war sowohl im Bereich der Familie als auch im Bereich des Arbeits- und Schullebens eine Abnahme des Dialektgebrauchs und ein Zuwachs im Gebrauch des Italienischen im Vergleich zu 1990 zu verzeichnen. Deutsch sprachen im Jahr 2000 13,2% der Tessiner in der Familie und 17,6% im Arbeits- oder Schulleben. Die Zwei- oder Mehrsprachigkeit nimmt im Tessin insgesamt zu (vgl. Bianconi & Boriolo, 2004).

Petralli (1991, 315 f.) spricht in Bezug auf die Sprachsituation im Tessin von lingue a contatto bezugnehmend auf die Existenz eines Kontaktes zwischen Sprachen in einer italophonen, nicht bilingualen Gesellschaft, wobei er auch darlegt, dass für einen bestimmten Prozentsatz der Bevölkerung auch Sprachkontakt im Sinne Weinreichs (lingue in contatto) gegeben ist, d.h. ein Zusammentreffen von Sprachen innerhalb eines Sprechers. Im Gegensatz zur deutschsprachigen Schweiz liegt im Tessin keine Diglossie bezüglich des Gebrauchs der Dialekte und des Italiano Regionale Ticinese (IRT) vor, da das IRT für einen hohen Prozentsatz der Tessiner die Muttersprache darstellt und es in allen Situationen verwendet werden kann. Es herrscht somit ein sozialer Bilingualismus ohne Diglossie (vgl. Petralli, 1991, 317). Beim IRT handelt es sich um das einzige Beispiel einer regionalen Varietät des Italienischen mit offiziellem Status, die außerhalb der italienischen Grenze gesprochen und geschrieben wird (vgl. Gheiler, 2004, 34 f.). Es basiert auf der lombardischen Varietät des Italienischen. Seine Entwicklung wurde jedoch auch durch andere Sprachen und Faktoren stark beeinflusst (vgl. Petralli, 1991, 55). Das in der öffentlichen Verwaltung und in den Staatsorganen verwendete Italienisch hat ebenfalls Einfluss auf die Norm des Italienischen im Tessin (vgl. Berruto & Burger, 1985, 63).

Das Deutsche in der Schweiz verfügt im Gegensatz zum Italienischen über eine diglossische Verbindung mit dem Schweizerdeutschen (vgl. Weinreich, 1977). Die deutschsprachigen Schweizer sind in aller Regel deutsch-schweizerdeutsch zweisprachig, wobei sie für gewöhnlich über bessere Kenntnisse und eine affektivere Bindung zum Schweizerdeutschen verfügen und es von ihnen als nützlicher eingestuft wird als das Standardhochdeutsch. Trotzdem stellt das Hochdeutsche die dominante Sprache in Bezug auf die literarisch-kulturelle Wertschätzung dar (vgl. Weinreich, 1977, 105). Die Funktionen des Hochdeutschen sind in der Schweiz meist beschränkt auf geschriebene Sprache, formelle Sprechsituationen und technisch-wissenschaftliche Themen. Aus diesem Grund steht hinter dieser Sprache in der Schweiz keine bedeutende Gruppe von Muttersprachlern, was sie anfälliger für Interferenzerscheinungen macht (vgl. Weinreich, 1977, 120).

Das Deutsche im Tessin befindet sich in einer Situation der Extraterritorialität, d.h. es wird außerhalb des Gebietes, in dem es die Hauptsprache darstellt und innerhalb eines Gebietes, in dem eine andere Sprache (Italienisch) die Hauptsprache bildet verwendet (vgl. Krefeld, 2004, 39 f.). Das Deutsche stellt die wichtigste nicht territoriale Sprache im Tessin dar, da es die zentrale Wirtschaftssprache ist und ihm auch im Tourismus eine bedeutsame Rolle zukommt (vgl. Bianconi & Boriolo, 2004, 82). Es ist anzunehmen, dass sich diese Situation auch in den Zeitungen des Tessins abzeichnet. Der Einfluss, der sich vom Deutschen auf die italienische Sprache im Tessin zeigen könnte, kommt vermutlich vorwiegend aufgrund der gesamtschweizer Situation zustande, in der das Deutsche neben dem Französischen die meistgesprochene Sprache darstellt. Geringer dürfte der Einfluss der deutschsprachigen Bewohner des Tessins sein (vgl. Berruto & Burger, 1985, 62). Berruto & Burger führen weitere Faktoren an, die den Einfluss des Deutschen auf das Italienische im Tessin begründen könnten. Hierzu gehören beispielsweise die universitäre Ausbildung vieler Tessiner in der deutschsprachigen Schweiz und die Präsenz des Deutschen als Arbeitssprache von Ärzten, Industriellen, Anwälten etc. (vgl. Berruto & Burger, 1985, 72). Die statistischen Daten der Volkszählungen zeigen, dass es sich bei der Gruppe der monolingual Deutschsprachigen im Tessin um eine quantitativ wenig bedeutsame Minderheit handelt, insbesondere auch da 42,9% der Deutschsprachigen gegenüber 5,9% der Kantonsbevölkerung über 60 Jahre alt sind (vgl. Bianconi & Boriolo, 2004, 85).

Aufgrund der bisher dargelegten Voraussetzungen, ist es schwierig Prognosen dazu anzustellen, in welcher Richtung es beim deutsch-italienischen Sprachkontakt im Tessin eher zu Interferenzen kommt. Sowohl das Italienische als auch das Deutsche verfügen zudem über eine große Zahl von Sprechern außerhalb der Schweiz, d.h. beide Sprachgruppen können an ein sprachlich und kulturell bedeutendes Land jenseits der schweizer Grenze anlehnen. Dabei verfügt sowohl Deutschland als auch Italien über einflussreiche Literatur, Tages- und Wochenpresse sowie Radio- und Fernsehprogramme.

Diese Anlehnungsmöglichkeit stellt einen wichtigen Faktor für die Erhaltung der Sprachen in der Schweiz dar (vgl. Wunderli, 1968, 317).

Insgesamt scheint der Einfluss des Deutschen auf das IRT in Bezug auf das Lexikon gemäss der Untersuchungen Petrallis (1991) geringer zu sein als man erwarten könnte. Dies begründet er sowohl mit dem relativ großen strukturellen Unterschied zwischen den Sprachsystemen als auch mit der diglossischen Situation in der deutschsprachigen Schweiz und mit der schnellen Integration Deutschsprachiger im Tessin, wobei es häufig zu einem Sprachwechsel vom Deutschen zum Italienischen kommt (Petralli, 1991, 377 f.). “Sprachwechsel kann definiert werden als Übergang von einer Sprache zu einer andern als der Sprache, die man normalerweise gebraucht” (Weinreich, 1977, 92). Auf die gesamte Gesellschaft übertragen könnte dies bedeuten, dass die normalerweise in der Gesellschaft gebrauchte Sprache zu einer anderen wird, dass beispielsweise im Tessin statt Italienisch primär Deutsch gesprochen würde. Im Fall des Tessins kann im Allgemeinen jedoch nicht von einem Sprachwechsel auf gesellschaftlicher Ebene ausgegangen werden.

Im Tessin treffen mit den beiden Sprachgruppen zugleich zwei Kulturen aufeinander, auch wenn der Unterschied geringer sein mag als in anderen Kontaktsituationen, da viele der Deutschsprachigen ebenfalls aus der Schweiz stammen und somit eine gemeinsame Basis besteht. Beispielsweise scheinen zwischen den Sprachgruppen nur geringe Unterschiede bezüglich der Gebräuche in Kleidung, Essen, und Sitten zu bestehen, wodurch die muttersprachlichen Unterschiede nicht zusätzlich verstärkt werden. Es ist anzunehmen, dass jeweils gewisse Lücken im Vokabular vorhanden sind, die durch den Transfer aus der anderen Sprache aufgefüllt werden können. Aufgrund der Kenntnis einer zweiten Sprache kann es dazu kommen, dass das Gefühl entsteht, bestimmte Bedeutungsfelder nicht differenziert genug ausdrücken zu können, was zur Aufnahme von Begriffen der anderen Sprache führen kann. Aufgrund der geringen sozio-kulturellen Unterschiede kann eher von Offenheit bezüglich Interferenz ausgegangen werden als in anderen Kontaktsituationen (vgl. Weinreich, 1977).

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Details

Seiten
36
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783869435107
ISBN (Buch)
9783656992011
Dateigröße
739 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v186741
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1
Schlagworte
sprachkontakt deutsch-italienisch tessin beispiel zeitungsartikeln

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