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Europa als Konfliktgesellschaft: Modernisierungsrisiken in der Zweiten Moderne

Seminararbeit 2001 27 Seiten

Soziologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Einleitung

B. Hauptteil
I. Der feindlose Staat
II. Soziologie des Feindbildes
III. Soziologie des kalten Krieges
IV. Strukturelle Individualisierung der Gesellschaft
1. Risikogesellschaft
2. Zivilgesellschaft
3. Individualisierung
a. Freisetzungsdimension
b. Entzauberungsdimension
c. Kontroll- und Reintegrationsdimension
d. Auswirkungen der Individualisierung
4. Die "Selbst- Kultur"
V. Sechs mögliche Zukunftsszenarien für Politik und Gesellschaft
1. Auf der Suche nach dem verlorenen Feind
2. Unfreiwilliger Pazifismus
3. Vom feindlosen zum ökologischen Staat
4. Der neue Nationalismus und das Prinzip der
Selbstbestimmung
5. Subpolitisierung der Gesellschaft
6. Desintegrationsgefahren der Gesellschaft
VI. Der postnationale Krieg

C. Fazit und Kritik

D. Literaturverzeichnis

Europa als "Konfliktgesellschaft": Modernisierungsrisiken in der zweiten Moderne

A. Einleitung

Mitte der 80ger Jahre wurde von bedeutenden deutschen und internationalen Soziologen der Begriff der Konfliktgesellschaft oder, wie es Ulrich Beck nennt, der der Risikogesellschaft geprägt. Wichtigster Anlaß für die Auseinandersetzung mit diesem Thema war die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, bei der den Menschen jäh, "eindrucksvoll" und unmittelbar die Risiken und Gefahren der extremen Industrialisierung und Technisierung vor Augen geführt wurde. In diesem Frühjahr des Jahres 1986 wurde den Menschen schlagartig klar, daß sie nicht alles kontrollieren können und sich die radioaktive Strahlung durch nichts und niemanden aufhalten läßt, sondern die Natur in Gestalt des Windes das Schicksal von Millionen Menschen bestimmt hat.

In der vorliegenden Arbeit möchte ich mich vor allem auf die beiden Soziologen Ulrich Beck und Wilhelm Heitmeyer konzentrieren.

Der Münchner Soziologe Beck versteht unter dem Begriff "Risikogesellschaft"[1] einen gesellschaftlichen System- und Epochenwandel in drei Abschnitten. Zuerst einmal gebraucht und verbraucht die Industriegesellschaft teilweise ohne Zurückhaltung und Zukunftsorientierung ihre wertvollen Ressourcen, wie Boden, mitsamt allen seinen Schätzen, sowie Luft und Wasser. Daraus resultieren in der zweiten Phase Gefahren für die Gesellschaft, die durch sie erzeugt und verschärft werden, die sich nun nachhaltig auswirken und universelle Problemfelder darstellen. Der dritte Aspekt in Becks Wandel stellt die große "Individualisierung" dar, in deren Fahrwasser Traditionen, alte gesellschaftliche Bindungen und kollektives Bewußtsein aus Klassen und Ständen über Bord geworfen werden und sich neue individuelle Perspektiven für jeden einzelnen abzeichnen, in denen man sich neu auf die veränderten Handlungsalternativen umstellen und profilieren muß.[2]

Heitmeyer befaßt sich in seinen zwei Bänden mit Überlegungen, die die Bundesrepublik Deutschland auf dem Weg von einer Konsens- zu einer Konfliktgesellschaft sehen. Dabei analysiert er zuerst diejenigen Elemente, die die Gesellschaft auseinandertreiben. Stabilisierende Eckpfeiler der Gesellschaft geraten durch den sozialen Wandel ins Wanken und kulturelle, religiöse sowie familiäre Orientierungsmuster verlieren zunehmend an Bedeutung. Gründe für die Zukunftsangst sind die neuen sicherheitspolitischen Probleme nach dem Fall des eisernen Vorhangs, die Globalisierung, Arbeitslosigkeit und zunehmende Migrationsbewegungen verunsichern darüber hinaus die Bevölkerung. Desweiteren spalten das Volk Diskussionen über ethisch- moralische Ansätze und Verfahren, wie Abtreibung, das gentechnische Verändern von Lebensmitteln oder das Klonen von Tieren und Menschen. Umweltpolitische Aspekte führen teilweise zu heftigen Auseinandersetzungen in Politik und Wirtschaft und treiben einen Keil in den durch zahlreiche Probleme wie vom Borkenkäfer befallenen 'Bevölkerungsbaum'.

Im zweiten Band werden dann Bindeglieder und -kräfte beleuchtet, welche die individualisierte und ethnisch- kulturell vielfältige Gesellschaft zu integrieren und 'zusammenzuschweißen' imstande sind. Außerdem wird die Frage diskutiert, wie ein Auseinanderdriften der Gesellschaftsschichten und -gruppierungen durch die oben geschilderten Konfrontationen verhindert oder gemindert werden kann.[3]

Grundsätzliches:

Nach dem Ende des kalten Krieges mit dem Zerfall der bipolaren Welt ist eine ganze Weltordnung zusammengebrochen. Obwohl Beck dies als Chance für den Aufbruch in eine "Zweite Moderne"[4] sieht, versäumt er es nicht, die Risiken und Gefahren deutlich herauszustellen. Die essentiellen Veränderungen wirken in alle Bereiche der Gesellschaft, ob dies nun das alltägliche Leben ist, die Politik, Kultur oder die Wirtschaft, bei der die Globalisierung längst begonnen hat.

Dies erfordert nun eine genauere Betrachtung, um mögliche Zukunftsszenarien abzubilden und um Entwicklungstendenzen absehen bzw. prognostizieren zu können.

B. Hauptteil

I. Der feindlose Staat

Ansatzpunkte für die Erklärung des "feindlosen Staaates"[5]:

- Der feindlose Staat impliziert die Suche nach neuen Feinden.
- Neue "Feindlosigkeit" bringt Verunsicherung und erfordert Neuorientierung.
- Als Folgen für den Zusammenbruch der Weltordnung können nachstehende Punkte exemplarisch genannt werden:

- Eintritt ehemaliger Warschauer Pakt Staaten in die NATO
- Integration der Ex- NVA in die Bundeswehr
- Umorientierung der meisten osteuropäischen Staaten vom Sozialismus auf die Marktwirtschaft
- Ausbruch von separatistischen Bürgerkriegen und ethnisch- nationalen Konflikten in Europa (Jugoslawien, Tschetschenien)
- Neue Arten von Bedrohung (Schurkenstaaten, internationaler Terrorismus)
- 3 Theorien für "Einflußszenarien von Wirtschaft und Politik"[6]:

1. Pazifistischer Kapitalismus (Comte, Schumpeter)

Die Wirtschaft bestimmt mit friedlichen Mitteln das Weltgeschehen und wirtschaftliche Beziehungen sind wichtiger als politische und überlagern diese auch.

2. Militärischer Kapitalismus

Es herrscht eine Koexistenz von Krieg und Welthandel bis heute. Beide brauchen sich und profitieren voneinander.

3. Theorie der militärisch halbierten Moderne (Synthese nach Beck) für die Staaten Westeuropas

a) Parallele Entwicklung von Demokratisierung und Militarisierung im 19.Jahrhundert. Feindbilder erfüllen eine Integrationsfunktion für die moderne Gesellschaft, begrenzen Demokratie und ermächtigen staatliches Handeln.
b) Der Kalte Krieg verkörpert ein System der Denationalisierung von Nationalstaaten. Atomare Hochrüstung ermöglichte eine Entmilitarisierung der Gesellschaft.
c) Im feindlosen Staat brechen die Widersprüche zwischen Demokratie und Militär hervor (warum brauchen wir eine Armee, wenn wir nur von Freunden umzingelt sind?). Der pazifistische Kapitalismus gewinnt unfreiwillig an politischer Bedeutung, da die Wirtschaft als wichtiger Akteur neue Steuerungsfunktionen und Handlungsinitiativen übernimmt, indem sie global tätig wird und so friedliche Interventionen vornehmen kann.

II. Soziologie des Feindbildes

Feindbilder als externe Instanz heben durch ihre innerstaatliche Präsenz die Widersprüche zwischen politischer und militärischer Mobilisierung in großen Teilen auf, d.h. Gesellschaft und Militär werden auf einen gemeinsamen Feind eingeschworen. Dabei entwickeln sich zwei Arten von Autorität, die eine geht vom Volke aus, die andere vom Feind. "Feindbilder [fungieren also] als alternative Energiequelle für den in der Moderne knapp werdenden Rohstoff Konsens"[7]. Dabei erfüllen Feindbilder mehrere additive integrative Funktionen:

- Der Staat hat eine Ermächtigungsfunktion inne, was bedeutet, daß er von allen Teilen der Gesellschaft mit der Aufgabe der Gefahrenabwehr betraut wird und diesem auch alle Handlungsspielräume offen stehen.
- Zur Abwehr der Gefahr läßt die Demokratie eine Einschränkung von Demokratie zu, wenn die Gefahr existentiell bedrohend wirkt.
- Außenpolitik, Militär und Ernstfall haben in diesem Kontext immense Auswirkungen auf das innerstaatliche Leben, die Gesellschaft und ihre Organisationen. Das Militär halbiert die Demokratie, wenn es um den Schutz bzw. die Abwehr des Feindes geht.

- Dialektik von militärischer Bedrohung und Abwehr rechtfertigt den Aufbau eines Machtapparats.
- Feindbilder erzeugen Angst und diese setzt eine Mechanik von Ab- und Gegenwehr in Gang.
- Eliten und Massenmedien können bei der sozialen Konstruktion und Dekonstruktion von Feinden die Gesellschaft intentional verbinden, zusammenschweißen und gemeinsame Ziele als Richtlinien vorgeben.

III. Soziologie des kalten Krieges

Der "kalte Krieg" gab der Welt über 50 Jahre hinweg eine Ordnung (bipolare Welt), die es erlaubte, innere Krisen auf externe Ursachen, Feindbilder und Systemfeinde abzuwälzen.

Der sowjetische Imperialismus und die Ideologie des Kommunismus unterdrückten klassische Unruheherde in Europa bzw. Asien (Jugoslawien, Tschechien und Slowakei, islamische Ex- Sowjetrepubliken, Baltikum, etc.). Der Sozialismus diente als Imperialismus.

Der östliche Kommunismus zeigte die Ineffizienz des Wirtschaftssystems der zentralen Planwirtschaft auf und verhinderte eine kommunistische Herrschaft im "Westblock", da jedem einleuchten mußte, daß nicht der Sozialismus, sondern die Marktwirtschaft den Wohlstand mehrt und Freiheiten schafft.

Der "kalte Krieg" überdeckte Differenzen und Unstimmigkeiten zwischen den westlichen Demokratien unter dem notwendigen Mantel der gemeinsamen Allianz zur Abwehr des sowjetisch- kommunistischen Expansionsstrebens.

Es fand eine "Denationalisierung"[8] im Westen statt, welche durch Kooperationen (WEU, NATO) und einem teilweisen Verzicht auf nationalstaatliche Interessen unter der Maxime des gemeinsamen Ziels und des Schutzes eigener Interessen in Erscheinung trat.

Die inneren Merkmale des Westens, wie die Besonderheiten der Parteienlandschaft, der Rechtsauffassung, der Sozialstruktur und der Bürgerbeteiligung, sind auch Produkte der östlichen Bedrohung.

Die SPD dient als Beispiel der 'Verwestlichung' einer sozialistischen Partei, welche anfangs sehr links ausgerichtet war und für die Planwirtschaft und die Verstaatlichung kämpfte (Bsp.:Art.15 GG Sozialisierung), im Godesberger Programm 1959 sich aber für alle Schichten der Bevölkerung öffnete, was half, diese Partei staatsfähig und für den Wähler attraktiv zu machen.

Grund für die Destabilisierung des Ostblocks war u.a. der Verlust des gesellschaftlich anerkannten Feindbildes des Kapitalismus (Marktwirtschaft), das sich durch erfolgreiches Funktionieren und Etablieren in ein Wunschbild verwandelte.

Der Ost- West- Gegensatz war ein Kollektivbewußtsein (Durkheim), welches weltweites Denken und Handeln organisiert, gelenkt und in großen Teilen politisch und wirtschaftlich bestimmt hat.

IV. Strukturelle Individualisierung der Gesellschaft

Individualisierung bedeutet definitorisch das Erkennen des Einzelnen durch Beurteilung einer objektiven Lebenslage, eigenverantwortlicher zu handeln und die Zuschreibung von Rechten und Pflichten für sich selbst, also der Zwang zur "Biographieplanung", Vergesellschaftung, Herauslösung aus alten Bindungen und eigenständige, reflexive Suche nach Selbstverwirklichung. Motor für diese Entwicklung sind nach Meinung Becks der Arbeitsmarkt und der Sozialstaat.

Individualisierung meint erstens die Auf lösung, zweitens die Ab lösung traditionaler kollektiver Lebensformen[9] durch solche, bei denen der einzelne mehr Wahlfreiheit hat und seine Biographie selbst bestimmen und zusammenstellen kann ("Bastelbiographie"[10] ).

Die Anomie (Normenlosigkeit), eine Begleiterscheinung der Individualisierung, entwickelt eine Sucht nach kollektiven Identitäten. Aber in der Individualisierung, als einer kulturellen Norm für alle, manifestiert sich eine deutliche "Asymmetrie"[11]. Auf der einen Seite muß sich jeder anpassen und sein Leben selbst in die Hand nehmen, auf der anderen Seite sind jedoch die Möglichkeiten und Chancen erfolgreich sein Leben zu meistern ungleich verteilt. Die "...strukturelle[..] Konservierung von Statuspositionen und Milieuzugehörigkeiten bei gleichzeitig existentem kulturellen Wandlungsdruck..."[12], führt zur Entstehung von individuellen und politischen Konfliktsituationen.

Ich möchte nun noch etwas genauer auf das Militär und die veränderte sicherheitspolitische Lage eingehen, um die Wirkung der Individualisierung daran zu beleuchten:

Es entsteht nun ein "Gleichgewicht der Nörgler" statt einem "Gleichgewicht des Schreckens"[13]. Die Gesellschaft ist sehr differenziert hinsichtlich ihrer unterschiedlichen individuellen Präferenzen und lediglich einig im Gefühl des Unbehagens und des Unbefriedigtseins. Der Großkonsens durch die Bedrohung im Ernstfall ist verschwunden.

Die Legitimationsprobleme der Bundeswehr gehen einher mit der völligen Neuorientierung in Bezug auf die gewandelte sicherheitspolitische Lage:

- Es gibt keinen klaren Gegner im Osten mehr.
- Auslandseinsätze unterminieren das Bewußtsein für die Aufgabe der Verteidigung gegen einen existenzbedrohenden Feind.
- Die Notwendigkeit von Friedensmissionen muß der Gesellschaft glaubhaft vermittelt werden (nationale Sicherheitsinteressen sind betroffen!).
- "Klinischer Krieg" muß gewährleistet sein, da der Einsatz von Geld und Leben für andere wenig populär ist.
- Beck bezeichnet die deutsche Armee zu Zeiten des "Kalten Krieges" als "Bundes heim wehr" und "Konsensbiotop", da hier das oben beschriebene Feindbild existent und die Verteidigungsrichtung klar war, die heutige Bundes welt wehr wird aber zu einer Quelle für Dissens und politischer bzw. gesellschaftlicher Auseinandersetzung gereichen.[14]

[...]


[1] Titel des Buches von Ulrich Beck: Risikogesellschaft - Auf dem Weg in eine andere Moderne, 1986.

[2] Vgl. Beck, Ulrich, Risikogesellschaft - Auf dem Weg in eine andere Moderne, 1986, S.2.

[3] Vgl. Heitmeyer, Wilhelm: Was treibt die Gesellschaft auseinander? Bzw. Was hält die Gesellschaft zusammen?, 1997, jeweils S.2.

[4] "Zweite Moderne" ist mehr oder weniger gleichbedeutend mit Becks Begriff einer "neuen Moderne".

[5] Vgl. Beck, Ulrich: Der feindlose Staat. Militär und Demokratie nach dem Ende des kalten Krieges, in: Bernhard Schäfers (Hrsg.): Lebensverhältnisse und soziale Konflikte im neuen Europa, 1993, S.746.

[6] Vgl. Beck, Ulrich: Der feindlose Staat. Militär und Demokratie nach dem Ende des kalten Krieges, 1993, S.747/748.

[7] Vgl. Beck, Ulrich: Der feindlose Staat. Militär und Demokratie nach dem Ende des kalten Krieges, 1993, S.748.

[8] Vgl. Beck, Ulrich: Der feindlose Staat. Militär und Demokratie nach dem Ende des kalten Krieges, 1993, S.751.

[9] Vgl. Beck, Ulrich: Der feindlose Staat. Militär und Demokratie nach dem Ende des kalten Krieges, 1993, S.752.

[10] Vgl. Beck, Ulrich: Risikogesellschaft, 1996, S.217.

[11] Heitmeyer, Wilhelm: Was treibt die Gesellschaft auseinander?, 1997, S.11.

[12] Heitmeyer, Wilhelm: Was treibt die Gesellschaft auseinander?, 1997, S. 11.

[13] Vgl.Beck, Ulrich: Der feindlose Staat. Militär und Demokratie nach dem Ende des kalten Krieges, 1993, S.752.

[14] Vgl. Beck, Ulrich: Der feindlose Staat. Militär und Demokratie nach dem Ende des kalten Krieges, 1993, S.753.

Details

Seiten
27
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638111423
ISBN (Buch)
9783638696494
Dateigröße
600 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v1866
Institution / Hochschule
Universität der Bundeswehr München, Neubiberg – Institut für Soziologie
Note
1,7
Schlagworte
Europa Konfliktgesellschaft Modernisierungsrisiken Zweiten Moderne Seminar Militär Krieg Gesellschaft Aktuelle Perspektiven

Autor

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