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Anorexia athletica - Essstörungen im Sport

Diplomarbeit 2008 53 Seiten

Sport - Sportmedizin, Therapie, Prävention, Ernährung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

1. Essstörungen
1.1 Definition
1.2 Wer ist davon betroffen?
1.3 Ursachen und Auslöser
1.3.1 Genetik
1.3.2 Wichtige biologische Faktoren
1.3.3 Sozial-psychische Faktoren
1.3.4 Persönlichkeitsspezifische Faktoren
1.3.5 Gesellschaft

2. Gesundheitliche Auswirkungen von Essstörungen
2.1 Physische Auswirkungen
2.2 Psychische Auswirkungen
2.3 Soziale Auswirkungen
2.4 Wie kann Hilfe geleistet werden?

3. Formen der Essstörung
3.1 Magersucht (Anorexia nervosa)
3.2 Bulimie (Bulimia nervosa)
3.3 Ess-Sucht (Binge-Eating-Disorder)
3.4 Atypische Essstörungen

4. Internationale Initiativen gegen Essstörungen
4.1 Österreich
4.2 Deutschland
4.3 Spanien
4.4 Italien
4.5 Frankreich
4.6 Großbritannien
4.7 USA

5. SPORT - Gesundheit versus Sucht

6. Anorexia athletica
6.1 Definition
6.2 Risikosportarten
6.2.1 Ästhetische Sportarten
6.2.2 Ausdauersportarten
6.2.3 Gewichtslimitierte Sportarten
6.2.4 Technische Sportarten
6.2.5 Fitness- und Freizeitsport
6.2.6 Kinder- und Jugendsport

7. Gesundheitliche Risiken der Anorexia athletica
7.1 Einstiegsdroge Diät
7.2 Physische Risiken
7.3 Psychische Risiken
7.4 Risiko der Leistungsabnahme

8. Prävention von Anorexia athletica
8.1 Verantwortung der Trainer und Betreuer
8.2 Verantwortung der Eltern
8.3 Erkennen-Aufklären-Handeln
8.4 Reglements am Beispiel Skispringen
8.4.1 Salt Lake City 2002
8.4.2 Saison 2004/05
8.4.3 FWF-Projekt: Mass Index (Ml)

9. Prominente Athleten mit Essstörungen

10. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang
A. Body Mass Indes (BMI)
B. Körperfett
C. Methoden zur Körperfettmessung

Abstract

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Problematik der Essstörung im Kontext mit Gesundheit, Sport und Leistung. Das Thema ist nicht neu und wird dennoch seit den letzten Jahren immer häufiger erforscht, diskutiert und publiziert. Der erste Teil der Arbeit erläutert den Begriff Essstörung und beschreibt die Zusammenhänge dieser Erkrankung. Was sind Essstörungen? Wer ist davon betroffen? Was sind die Ursachen und Auslöser?

Im Weiteren werden die Formen der Essstörung erklärt und welche gesundheitlichen Gefahren mit diesen verbunden sind. Aus dem einst geltenden typischen weiblichen Schlankheitstick hat sich im Laufe der Zeit eine lebensbedrohliche Krankheit entwickelt, die sowohl Frauen als auch Männer, unabhängig von Alter, Konstitution oder sozialen Status, betreffen kann

Der zweite Teil befasst sich spezifischer mit Essstörungen in Verbindung mit Sport und Bewegung. Ein gewisses Maß an körperlicher Aktivität sollte in unseren Alltag regelmäßig miteinbezogen werden, doch die Grenze zwischen gesunder und krankhafter sportlicher Belastung kann für viele in einem Teufelskreis enden. Anorexia athletica, eine sportinduzierte Form der Essstörung, stellt eine problematische Erkrankung mit gestörtem Essverhalten dar. Vor allem im Leistungssport werden die Erwartungen immer härter. Betroffene Sportler versuchen zwanghaft, dem Anforderungsprofil zu entsprechen

Doch handelt es sich bei Anorexia athletica um eine psychiatrische Krankheit oder um eine selbstbestimmte, professionelle, reversible Veränderung des eigenen Körpergewichts zum Zwecke sportlicher Höchstleistung? Wie stark wird die Gesundheit belastet, welche Risiken und Folgen stecken dahinter, und inwiefern ist die Leistungsfähigkeit dadurch eingeschränkt?

Im Abschluss werden Reglements aufgezeigt, die erste Schritte in Richtung Verbesserung bringen und die Problematik der Anorexia athletica aufzeigen. Sowie Berichte von prominenten Sportlern, die selbst an einer Essstörung gelitten und sich öffentlich dazu bekannt haben. Aufgrund der Folgeerscheinungen wollten bzw. mussten viele von ihnen ihre sportliche Karriere beenden

Einleitung

Essstörungen sind keine Modeerscheinungen mehr, sondern zählen zu ernsthaften Erkrankungen und werden gerade in unserer heutigen Wohlstandsgesellschaft für viele zum Verhängnis.

Doch was ist der Grund, was sind die Ursachen und Auslöser? Gesellschaftlicher Einfluss, Perfektionismus, Schönheit, Macht und Anerkennung beherrschen und dirigieren unser Leben. Der reale Alltag tendiert immer mehr zu einer Scheinwelt. Aus Zufriedenheit, Wohlbefinden und Lebenslust entwickeln sich allmählich Stress, Unbehagen und Selbstkritik, was zu fatalen Folgen führen kann.

Der Fluchtweg in eine Essstörung ist von hier nicht weit entfernt. Allerdings verhilft diese nicht zur Bewältigung der Probleme, sondern stellt ein weiteres Problem dar. Aber dem noch nicht genug! Zusätzlich gibt es noch unzählige, weitere Hilfsmittel zur individuellen Befriedigung und Seligkeit, sei es in Form von Diäten, Nahrungsergänzungsmitteln oder auch exzessiver, körperlicherVerausgabung.

Der Sport dient mittlerweile nicht mehr nur als ausgleichende Alternative, als energiebringende Freizeitbeschäftigung oder Möglichkeit zur Steigerung einer besseren Lebensqualität. Der klar erkennbare Wandel zu einem immer schlankeren und sportlicheren Körper und dessen unmittelbare Gleichsetzung mit Schönheit und Perfektionismus stehen im Vordergrund, unabhängig ob es sich dabei um einen Hobbysportler oder Profiathleten handelt.

Leistungsdruck, Konkurrenzdenken und das Streben nach zwanghafter Anerkennung führen in nahezu allen Sportarten heutzutage fast automatisch dazu, seinen Körper und seine Seele dem Ziel „weniger Gewicht = bessere sportliche Leistung“ unterzuordnen. Zusätzlich zur Nahrungseinschränkung wird extrem energieverbrauchender, hochintensiver Sport betrieben und somit das Risiko erhöht, in eine sportbedingte Form der Essstörung zu geraten. Sieg und Triumph um jeden Preis!

1. Essstörungen

1.1 Definition

Essstörungen sind psychosomatische bzw. psychiatrische Erkrankungen, die durch Störungen der Nahrungsaufnahme bzw. des Körpergewichts gekennzeichnet sind, mit meist ernsthaften und langfristigen Gesundheitsschäden. Essstörungen sind keine Ernährungsstörungen, die durch “richtiges” Essen gelöst werden können, kein Schlankheitstick, keine Pubertäts- oder Lebenskrise, sie haben mit einer gestörten Persönlichkeitsentwicklung zu tun. Der eigene Körper wird ständig abgelehnt, das Wohlbefinden ist abhängig vom Körpergewicht und das Urteil der Außenwelt bestimmt die Selbstachtung.

Die gelebte Symptomatik zeigt das Ausmaß der inneren Not der Betroffenen und weist auf die eigene Unfähigkeit hin, mit dem Leben und seinen täglichen Anforderungen und Konfrontationen fertig zu werden. Durch das gestörte Essverhalten wird versucht, Lösungen bzw. Auswege für tiefer liegende seelische Probleme, Ablehnung oder Ersatz für verdrängte Gefühle und Bedürfnisse zu finden. Das Gefühl, sich über Essen bzw. über Hungern Befriedigung zu verschaffen, führt zur schnellen Erleichterung und zu einem Erleben von Sicherheit, Selbständigkeit und Unabhängigkeit. Dadurch bekommt die Essstörung eine Eigendynamik und gerät außer Kontrolle, gefolgt von Verweigerung der Nahrungsaufnahme oder wahllosem In- sich- Hineinstopfen.

Das Leben der Betroffenen kreist ständig um das Essen bzw. das Nicht-Essen, der Umgang mit Nahrung und Körpergewicht wird immer zwanghafter und beherrschender. Schritt für Schritt wird alles andere unwichtig und nebensächlich. Unbeschwertes Genießen, gesunder Appetit und Hunger sind nicht mehr möglich. Essen ist verbunden mit Scham- und Schuldgefühlen, der Angst zuzunehmen und dem Empfinden, zu versagen. Nicht-Essen dagegen bedeutet Stolz, Stärke und Macht. Das Essen ist vom Lebensmittel zum Lebensinhalt geworden.

Jeder Mensch hat sein ganz individuelles Normalgewicht und individuelle Proportionen. Jedoch die Definition von "normal" ist oft am Schwierigsten und das Essverhalten eines Menschen ist ein deutliches Signal dafür, wie es um sein seelisches Wohlbefinden bestellt ist:

„Normales“ Essen bzw. Essverhalten bedeutet das zu essen, was man essen will. Dies schließt erworbene Gewohnheiten, persönliche Vorlieben und soziale Verhältnisse mit ein. Ein ausgeglichener, entspannter und selbstbewusster Mensch isst gerne lustvoll, ohne schlechtes Gewissen und beendet seine Mahlzeit, wenn er angenehm satt und zufrieden ist.

Gezügeltes bzw. „Abnormales“ Essen bedeutet, bewusst und gezwungen nicht das zu essen, was man essen will. Einerseits aus Gründen akuter oder chronischer Krankheit, wie z.B. Diabetes oder Hypertonie, andererseits um seelische Probleme, Stress, Frust oder Ärger zu bewältigen. Schließlich wird das einzige Objekt, das immer verfügbar und willig ist, der eigene Körper, zum Schlachtfeld!

1.2 Wer ist davon betroffen?

Früher wurde angenommen, dass Essstörungen als typisch weiblicher Schlankheitswahn galten, der nur pubertierende Mädchen im Teenager-Alter und junge Frauen betraf. Heute stellt das gestörte Essverhalten ein zunehmendes, ernstes Gesundheitsproblem dar, vor allem in der westlichen Überflussgesellschaft, und die Zahl der Erkrankungen ist in den letzten Jahren stark gestiegen, unabhängig von Geschlecht und Alter. Nahrung, Körper und Gewicht sind Themen, die bei Frauen und Männern starke Verunsicherung und Selbstzweifel hervorrufen. Die Betroffenen fühlen sich ausgeliefert, haben eine gestörte Körperwahrnehmung, einen sehr hohen Perfektionsanspruch an sich und ihren eigenen Körper, geringes Selbstwertgefühl und wenig Selbstvertrauen.

Manche Personen wie z.B. Athleten, Tänzer, Schauspieler oder Models, bei denen zusätzlich die körperliche Erscheinung beruflich eine Rolle spielt, sind besonders empfänglich, denn der Sport, Leistungswille und gesellschaftliche Druck sind oft die Auslöser der Abmagerung.

Essstörungen sind in jedem Fall mit einer massiven Reduktion von Lebensqualität verbunden und behindern die Betroffenen in ihrer ganzheitlichen Entwicklung. Der Druck und Zwang, die Nahrungsaufnahme und damit den Körper zu manipulieren, steigt unkontrolliert an. Vordergründiges Ziel ist die Gewichtsabnahme bzw. Körperbeherrschung. Unbewusst wird dabei versucht, innere Konflikte, hoffnungslos erscheinende Schwierigkeiten, belastende Gefühle sowie Stress oder Kummer zu bewältigen und somit vor einer eigenverantwortlichen, konstruktiven Herangehensweise zu flüchten.

Viele Menschen schämen sich häufig für dieses Verhalten und verstecken die Störung vor anderen, so dass anfangs Freunde, Familie und Partner ahnungslos sind. Diese Heimlichkeit ist eine zusätzliche große Belastung und führt dazu, die Krankheit hinzunehmen und zu akzeptieren, auf äußere Unterstützung und Hilfe zu verzichten und sich immer mehr vom sozialen Umfeld zurückzuziehen.

In Österreich geht man von über200.000 Betroffenen aus, die zumindest einmal in ihrem Leben an einer Essstörung erkranken, wobei die Dunkelziffer noch um einiges höher liegen dürfte. Allein in Wien besteht für mehr als 2.000 Mädchen und rund 100 Burschen ein akutes Risiko, an Magersucht oder Bulimie zu erkranken. Bei den stationären Spitalsaufenthalten in Österreich ist eine deutliche Zunahme aufgrund von Essstörungen festzustellen. Im Jahr 1989 wurden 269 Personen (89% der Aufenthalte betrafen Frauen) registriert, im Jahr 2000 waren es 1.471 Spitalsaufenthalte.1

1.3 Ursachen und Auslöser

Die Ursachen sind sehr vielfältig, individuell verschieden und finden sich im persönlichen, familiären, sozialen und biologischen Bereich. Viele Faktoren kommen zusammen, wenn ein Mensch eine Essstörung entwickelt, eine alles erklärende Ursache gibt es nicht.

1.3.1 Genetik

Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass Essstörungen zwar keine rein erblichen Krankheiten sind, die Möglichkeit von begünstigenden Faktoren dennoch berücksichtigt werden muss. Beim Essen bzw. Fasten kommt es zur Aktivierung von bestimmten Belohnungszentren im Gehirn, die auch bei anderen Suchterkrankungen, wie Alkoholismus oder Drogenabhängigkeit, eine Rolle spielen und dadurch Zusammenhänge mit genetischen Einflüssen entstehen können. Neben den Erbanlagen sind auch Fehlfunktionen in den Belohnungsschaltkreisen des Gehirns verantwortlich, d.h. die Betroffenen sind zwar unfähig, Essen zu genießen, erleben aber Hunger wie einen Rausch bzw. verknüpfen die Nahrungsverweigerung mit einem Lustgefühl.

Durch Analysen der DNA von 1167 Erkrankten gelang es einem Team um Walter Kaye, Direktor der Klinik für Essstörungen an der University of California in San Diego, den Sitz der ausschlaggebenden Gene auf einen bestimmten Abschnitt einzugrenzen. In Tierversuchen testen sie derzeit ein Präparat, das einen bestimmten Rezeptortyp an den Nervenzellen blockiert, der auf die Wirkung des Hirnbotenstoffs Serotonin anspricht. Auf diese Weise sollen das neuronale Belohnungszentrum und damit der Appetit angeregt werden.2

1.3.2 Wichtige biologische Faktoren

Der Hypothalamus ist für die Hunger- und Sättigungsregulation im Körper verantwortlich und kann beispielsweise durch frühkindliche Hirnschädigungen bzw. Geburtstraumata gestört werden, sodass verschiedene Hormone nicht mehr an die Nahrungsaufnahme gekoppelt ausgeschüttet werden können. Diese Dysfunktionen der Hormonherstellung führen nachfolgend zu Appetitlosigkeit oder zu Überessen und Heißhunger.

1.3.3 Sozial-psychische Faktoren

Das familiäre Umfeld kann die biologische Entwicklung beeinflussen und die Entstehung von Essstörungen begünstigen, was sich auch aufdas Sozialverhalten der Kinder auswirken kann.

In sogenannten „Bilderbuchfamilien“, die nach außen hin perfekt wirken, jedoch Konflikte und Emotionen lediglich totschweigen und durch Vermeidung von Konfrontation zu erheblichem Realitätsverlust einerseits und zu selbstzerstörerischem Verhalten andererseits führen können. Dieses scheinbare Zusammengehörigkeitsgefühl verhindert jede Art von gesunder Individualität und die heranwachsenden Kinder können sich innerhalb der Familie nicht entfalten und selbständig werden. Durch die Flucht in eine Essstörung glauben viele, eine Grenze zwischen Anpassung und Autonomie zu finden, ohne die Regeln zu brechen oder die Erwartungen derAngehörigen zu enttäuschen.

Eine weitere Voraussetzung für Entwicklungsstörungen stellen Eltern mit einem übertriebenen Interesse für Schönheit, Körper und Erfolg dar. Häufig hat die Umgebung genaue Vorstellungen von der Karriere für Tochter oder Sohn, oft auch um eigene unerfüllte Träume zu verwirklichen. Werte wie Ordnung, Moral, Pflicht und Leistung spielen eine große Rolle in der Familie, was zusätzlich durch gezügeltes Essverhalten bzw. Verbote an ungesunden Nahrungsmitteln verstärkt wird. Die Betroffenen sehnen sich insgeheim nach Anerkennung und leiden unter der Vorstellung, sich Liebe und Zuwendung verdienen und die Erwartungen anderer erfüllen zu müssen.

Aber auch unsichere Familienumstände, d.h. sexuelle, emotionale oder körperliche Gewalt, Vernachlässigung sowie Hänseleien wegen des Körperbaues stellen ein deutliches Risiko dar. Es findet sich kein Platz für scheinbar überflüssige Dinge wie Liebe, Zusammenhalt und Vertrauen.

Diese oft jahrelang unterdrückten Gefühle und Wünsche können auch dazuführen, dass die Auswirkungen nicht in der Kindheit, sondern erst später im Leben auftreten, wenn existentielle Schwierigkeiten oder besondere Belastungsfaktoren hinzukommen und dadurch die Gefahr besteht, sich in eine Essstörung zurückzuziehen.

1.3.4 Persönlichkeitsspezifische Faktoren

Als Hauptkonflikt bei Essstörungen wird die Suche nach der eigenen Identität angesehen. Häufig ist sie begleitet von langjährigen inneren Kämpfen zwischen Abhängigkeit und Selbstbestimmung. Anfangs innerhalb der Familie, später in Beziehungen zu Partnern und im öffentlich-gesellschaftlichen Leben.

Essgestörte haben meist ein äußerst instabiles Selbstwertgefühl, große Selbstzweifel und eine niedrige Kompetenz, eigene Wünsche zu äußern und durchzusetzen. Der Druck unter Gleichaltrigen, nicht zu bewältigende Probleme in der Arbeit oder auch der Konkurrenzkampf können leicht zu Verunsicherung und Unbehagen führen. Sie erhoffen sich Liebe und Anerkennung durch Leistung bzw. Anpassung zu verdienen. Positive Kommentare und Zusprüche von anderen werden ignoriert und Ziele, die erreicht wurden, sind nie gut genug, werden entweder konsequent verleugnet oder durch neue, höhere ersetzt.

Die Akzeptanz gegenüber dem eigenen Körper wird abgelehnt und die Sucht ist das einzige, worauf sie sich verlassen können, denn nur hier erleben sie eine Befriedigung von Macht und Kontrolle über ihr eigenes Leben.

1.3.5 Gesellschaft

Als weitere Ursache für die Zunahme an gestörten Essverhältnissen in den letzten Jahren gelten besonders gesellschaftliche Faktoren. Durch den Einfluss der Medien erhalten gesunde Ernährung, genormte Körperideale und sportliche Aktivität immer größere Aufmerksamkeit. Der perfekte Körper ist mittlerweile zum Statussymbol geworden und Schlankheit wird dabei immer wieder mit Attraktivität, beruflichem und privatem Erfolg, Anerkennung und Glück gleichgesetzt.

Viel Geld und Energie wird aufgebracht, um die eigene Fassade zu optimieren und so dem vorgegebenen Schönheitsprofil zu entsprechen. Durch Hungern, Diäten, Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln und Missbrauch von Medikamenten, beispielsweise Appetitzüglern und Abführmitteln sowie exzessiven Sport und chirurgischen Eingriffen wird gegen den scheinbar unvollkommenen Körper gekämpft. Da bleibt nicht mehr viel Zeit übrig, um über die Folgen und Gefahren nachzudenken und auf eigene Gefühle und individuelle Bedürfnisse zu achten.

Immer häufiger betrifft es auch ältere Frauen, was unter anderem auf die Vorbildwirkung von Stars wie Madonna, Sharon Stone, Jane Fonda und deren Kolleginnen zurückführt. Durch die glamourösen Aufritte der „Celebrities“ mit ihren scheinbar makellosen, trainierten Körpern, kombiniert mit ihrer zeitlos jugendlichen Ausstrahlung, führen dazu, dass Frauen eine unrealistische Vorstellung entwickeln, wie sie im fortschreitenden Alter dem natürlichem Lauf entsprechend auszusehen hätten - ohne Zwangsdiäten, operative Ausbesserungen und Personal Trainer. In der heutigen Zeit geht es nicht mehr darum, würdevoll zu altern, sondern ein Leben lang jung, schlank und fit zu bleiben. Das Älterwerden wird scheinbar zur Qual. Da es jedoch bis jetzt noch nicht möglich ist, den biologischen Lauf zu verlangsamen bzw. aufzuhalten, wird zumindest versucht, die äußeren Spuren zu verbessern und zu beseitigen.

2. Gesundheitliche Auswirkungen von Essstörungen

Essstörungen sind schwerwiegende und ernst zu nehmende Krankheiten, die für die Betroffenen ein erhebliches physisches, psychisches und soziales Risiko darstellen und chronische, lebensbedrohende, körperliche Schäden mit sich bringen können.

Essstörungen können einen sehr unterschiedlichen Verlauf nehmen. Je kürzer die Krankheitsdauer und je weniger ausgeprägt die Begleiterkrankungen, desto besser sind die Heilungschancen. Etwa 25 % der Betroffenen überwinden ihre Erkrankung nach einer rechtzeitig eingeleiteten und konsequent durchgehaltenen Therapie vollständig, aber bei vielen ist mit wiederholten Rückfällen in alte Gewohnheiten zu rechnen - durch zwanghafte Verhaltensweisen oder latente Essstörungen bis hin zu späteren schweren psychiatrischen Erkrankungen. Bis zu 20 % der Erkrankten sterben an den Folgen der extremen Unterernährung, Herz-, Lungen- oder Nierenversagen aber auch durch selbstschädigendes Verhalten.3

2.1 Physische Auswirkungen

- eingeschränkte Geschlechtsentwicklung, Wachstumsverzögerungen
- verminderte Knochendichte, erhöhte Knochenbruchgefahr
- bei Frauen Störung des Hormonhaushaltes bis zum Ausbleiben der Menstruation, im Extremfall Unfruchtbarkeit; bei Männern Impotenz
- Schädigung innerer Organe, Magen- und Darmbeschwerden
- Herz-Kreislaufstörungen, Herzrhythmusstörungen bis hin zum Herzstillstand
- Störung des inneren biologischen Gleichgewichtes
- Reduzierte Hormonbildung, Verlust an sexuellem Verlangen
- Vitaminmangel, Elektrolytstörungen
- Speiseröhrenentzündung und Zahnschmelzerosionen
- Schlafstörungen, Schwäche, Müdigkeit
- Haarausfall, trockene Haut, kalte Hände

2.2 Psychische Auswirkungen

- Depressionen, Ängste, Selbstverletzungen
- Medikamentenmissbrauch, Alkoholabhängigkeit
- verminderte Konzentrations- und Auffassungsfähigkeit
- zwanghaftes Leistungsdenken und intensives Lernen
- Entscheidungsschwierigkeiten
- Teilnahmslosigkeit, Lustlosigkeit
- Erregbarkeit, Wut, Nervosität, Gereiztheit, Labilität
- Gedanken kreisen sich nur mehr um Figur, Gewicht und Essen
- zwanghafter Bewegungsdrang
- Leere, Verzweiflung, Ohnmacht, Hilflosigkeit
- Selbstmordgedanken und -versuche

2.3 Soziale Auswirkungen

- verändertes Sozialverhalten, sozialer Rückzug
- Einsamkeit, Isolation
- Verlust von Freundschaften
- Persönlichkeitsstörungen, Verhaltensstörungen
- Unfähigkeit, Vergnügen zu empfinden
- Unfähigkeit, weiter eine Schulausbildung oder Berufstätigkeit auszuüben

2.4 Wie kann Hilfe geleistet werden?

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass das Hauptproblem nicht die Heilung selbst ist, sondern dass sich die meisten Betroffenen nicht im Klaren über ihre Krankheit und deren Auswirkungen sind bzw. die Erkrankung gar nicht als solche ansehen und eingestehen wollen. Es scheint möglich, sich zunächst durchaus wohl fühlen zu können und alles im „Griff“ zu haben.

Die erste und schwierigste Hürde ist, sich klarzumachen, dass man wirklich krank ist und durch die Essstörung der Körper, die Zukunft und das Leben aufs Spiel gesetzt wird. Und vor allem, dass es Hilfe gibt, dass man sich nicht schämen muss und nicht alleine dafür verantwortlich ist.

Essstörungen können behandelt werden. Umso früher man erkennt, dass die Flucht in die Krankheit nicht die Lösung der Probleme ist, sondern selber das Problem darstellt und Hilfe angenommen wird, umso besser sind die Chancen, sie zu überwinden. Wichtigste gesundheitsfördernde Voraussetzung ist der Wille, sich der eigenen Krankheit bewusst zu stellen, eine Unterstützung von außen anzunehmen und Vertrauen aufzubauen. Ein offenes und ehrliches Gespräch mit einer vertrauten Person kann der erste Schritt in Richtung Besserung sein.

Angehörige und Freunde sollten wissen, dass es wenig Sinn hat, Betroffene zur Beratung und Behandlung zu zwingen bzw. ihnen mit einem Spitalsaufenthalt zu drohen. Der Weg bis dahin erfordert ohnehin eine Menge an Kraft, Überwindung und Auseinandersetzung mit der eigenen Person und dem eigenen Körper. Wenn dieser erste Schritt überwunden ist, fällt es den Betroffenen auch leichter, Hilfe von Außenstehenden zu akzeptieren.

Im Laufe der letzen Jahre hat sich ein breites Angebot mit speziellen Konzepten an Hilfsmöglichkeiten für Essgestörte etabliert. In fast jeder Stadt gibt es inzwischen Beratungsstellen für Essstörungen und Spezialabteilungen in psychosomatischen Kliniken und Suchtkliniken, freie Praxen sowie Selbsthilfegruppen.

Der Heilungsprozess zeigt sich in kleinen, positiven Schritten: Das Leben dreht sich nicht mehr ausschließlich um Essen oder Nicht-Essen. Das Selbstwertgefühl hat sich so weit stabilisiert, dass es nicht mehr allein vom Körpergewicht abhängig ist, verbunden mit dem Wiedererlernen und Wiederaufnehmen einer regelmäßigen Ernährung und dem Abbau der begleitenden Fehlüberzeugungen. Aber vor allem das eigene Ich wieder zu akzeptieren, die gesunde Persönlichkeitsentwicklung mit all ihrer Lebensfreude und Genussfähigkeit erneut schätzen und lieben lernen!

3. Formen der Essstörung

Die bekanntesten und häufigsten Essstörungen sind die Magersucht (Anorexia Nervosa), die Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa) und die Ess-Sucht (Binge­Eating-Disorder). Die einzelnen Erkrankungsbilder sind nicht klar gegeneinander abgrenzbar. Oft wechseln die Betroffenen von einer Form zur anderen und die Merkmale gehen ineinander über und vermischen sich. Zentral bleiben bei allen Essstörungen die Themen Körper, Gewicht und Ernährung.

3.1 Magersucht (Anorexia Nervosa)

Wörtlich übersetzt bedeutet „Anorexie“ Appetitverlust oder -Verminderung, der Zusatz "nervosa" weist auf die psychischen Ursachen der Essstörung hin. Magersucht ist die häufigste und zugleich bedrohlichste Essstörung und tritt vor allem im Alter zwischen 14 und 18 Jahren auf, allerdings gibt es bereits Ersterkrankungen vor dem 10. und nach dem 25. Lebensjahr. Generell sind mehr Frauen davon betroffen, jedoch hat im Laufe der letzten Jahre auch die Zahl an erkrankten Männern zugenommen.

Zentrales Thema der Krankheit ist die Störung der Körperwahrnehmung der Betroffenen, die sich selbst bei fataler Gewichtsabnahme und objektiver Schlankheit als zu dick wahrnehmen und meistens nicht erkennen, dass sie bereits untergewichtig sind.

Bei dem Versuch, ständig Gewicht zu verlieren, vermeiden viele sogar vollständig die Nahrungsaufnahme bzw. kalorienreiche Nahrung, was im Extremfall bis zum Tode führen kann. Magersüchtige werden als leistungsorientierte, perfektionistische Persönlichkeiten mit einem ausgeprägten Harmoniebedürfnis beschrieben. Sie setzen sehr hohe Ansprüche an sich selbst, genießen den Triumph, ihren Körper „unter Kontrolle“ zu haben und sehen in der Gewichtsabnahme eine Bestätigung ihrer Leistungen.

[...]


1 Vgl. http://www.essstoerungshotline.at/allgemeines/Zahlen_Daten_Fakten/Häufigkeit.html

2 vgl. Magazin Gehirn&Geist, 22.10.2008

3 Vgl. Gesundheit heute, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH, 04.03.2008

Details

Seiten
53
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656996934
ISBN (Buch)
9783656997382
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v186568
Institution / Hochschule
Body & Health Academy
Note
1
Schlagworte
anorexia essstörungen sport

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Titel: Anorexia athletica - Essstörungen im Sport